Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXII (1917)
- Issue
- Heft 25 (22.6.1917)
- Date
- 1917-06-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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c ,,'.Uli!;׳. Die Erstarkung des Zionismus In den letzten Wochen und Monaten liaben sich Ereignisse vollzogen, die von ״tilkrordentlichcr Bedeutung für die künftige Entwicklung des Judentunis sein werden. Es handelt sieh um eine M a c 111 v e r m e 11 r u n g des Zionismus, wie sie in solcher Schnelligkeit und Wucht niemals geahnt würden ist, seit sich auf llcrzls Ruf die Zionisten zusammeiiseliarten. Der Krieg hat in der Judcnhcit diejenigen Sinncsiindenmgen bewirkt, aus denen diese Machtvcrmehrung licrvorgchcu konnte. Die Menschheit wird umgcpfiügt, Unerhörtes wird täglich Ereignis — da miiliten die seelischen Hemmungen schwinden, die bisher so viele Juden vom Zionismus fenthielten, da mufitc die Zagluf* tigkeit, die Verantwortuiigssclieu, der ideenlose Nü>zlichkeitssinn weichen, da wuchs ringsum der Mut, dem eigenen Schicksal fest ins Auge zu sehen, da regte sich endlich der Wille zur Tat. Diese Zeit fordert klare Antwort auf die Frage, die seit langem in den Herzen aller Juden lebt; Was soll aus uns werden? Wie kann und soll das Judentum fortbcstehen? Wohin geht sein Weg, was ist seine Aufgabe? Vcrciiissatzungcn, wohltätige Stiftungen, Festreden über die Mission des Judentums können nicht helfen. Lebensprogramme und ihnen entspringende Taten werden gefordert. Das fühlen heute alle Gruppen im Judentum, das fühlt nicht nur die Jugend, die im Kriege ernster und reifer geworden ist, das fühlen heute auch viele Juden der älteren Generation. Und schon vernehmen wir die Antwort, die das Judentum der ganzen Welt auf jene Schicksalsfragen geben wird, schon weist der erwachte Wille da־ Nation auf die Tat, die vollbracht werden muß: auf den Zionismus. * Es ist unverkennbar, daß die politische Bcrechnung der Staatsmänner den Zionismus in man* dien Ländern gegenwärtig zu fördern strebt, doch ist dies nur die Folge der Erstarkung des Zionismus und keineswegs ihre Ursache. Man kann aus den jüngsten Wochen eine ganze Liste von Ereignissen zusammcnslcllen. die deutlich zeigen, daß in den Entcntc-Ländcrn der Zionismus nicht nur sehr ernst genommen, sondern von den Regierungen und der großen Presse geradezu umworben wird. Einige Beispiele mögen dies zcigen: Der amerikanische Staatssekretär Lansing hat mit dem Führer der amerikanischen Zionisten Obcrriclitcr B r a n d c i s eine ׳Besprechung ahgch.nl• ten, worüber alle amerikanischen Blätter berichten. Es wird ferner gemeldet, daß Herr Brandeis und ebenso der Vorsitzende der Kanadischen Zio* nisten, Cläre nee de Sola, Unterredungen mit Lord Balfour hatten, dem Chef der englischen Sondermission in Amerika. Lord James Bryce, früher englischer Botschafter in Washington, hat einer jüdisch-amerikanischen Zeitung gekabelt, es bestehe in England große Stimmung für die Vorwirklichung des Zionismus. Sir Harry Johnstonc, einer der bekanntesten englischen Geo- Die licbräisciic Kulturkonfcrcnz in Moskau Ungefähr zweihundert Delegierte der Lokalvcreine der ״Gesellschaft der Freunde 11er hebräischen Sprache“, der hebräischen Kindergärten und anderer hebräischer K1!Huri11snt11tiom־n, darunter ca. <10 Lclircr und Lebreriunen, nahmen an der hebräischen Kulturkaufe re nz teil, die in Moskau am 10./23. April unter Vorsitz, von II, Slatopolski eröffnet wurde. Nach der Lröfiiiiingsrcde des Vorsitzenden, die die neuen Perspektiven für das russische Judentum wi'irdigte und die tiefe Uebcrzeiigmig zum Ausdruck Imiehte, daß das russische Judentum jetzt ans Werk gehe» wird, die hebräische Regeneration zum Gemeingut des Volkes zu machen, erhielt das Wort i)r, E. Tschlcnow, der in schönet־ hebräischer Sprache die Kontorenz im Namen des E. A. C. begrüßte. Er koustatiertc mit Freude, daß die Zionisten sich der Größe der Aufgaben in dieser Schicksnlstmulc des russischen Judentums gewachsen gezeigt und sich vereint um die Fahne des Kampfes für die einzige Sprache und das einzige Land geschart haben. Die hebräische Sprache, die in Palästina ihre Auferstehung gefeiert habe, werde dieselbe Auferstehung auch in den Ländern der Diaspora erreichen, im Namen des Zionistischen Zentralkomitees in Rußland sprach J. Grünbauin, im Namen des Zentralkomitees der hebräischen Organisation J. Markon, im Namen der zionistischen Presse Dr. OI ü c k s o 11 n und L, J a f f c usw. Den ersten Vortrag, genannt ״Volk und Sprache hielt der Dichter CI1. N. B i a l i k , dem die Versammelten eine stürmische Ovation darbrachten. Unter ,anderem sagte der Redner in seinem inhallsreichen und formvollendeten Vortrag, der, wie die Bcrichterstatter versichern, ein Kunstwerk war, ungefähr folgendes: , ,; ״Zwischen Nation und Sprache existiert derselbe untrennbare organische Zusammenhang wie zwiscb״י J U E D1S C H E R U N D S C H A U grophen und Politiker, äußerte sich in gleichem Sinne. Englische Parlamentsmitglieder traten in öffaßlichen Versamnilujggen für den Zionismus ein. Gustav Herve veröffentlichte in seinem Blatt ״Vietoirc“ einen flammenden Leitartikel zugunsteil des Zionismus. Die Tagung der russischen Zionisten (die erste im freien Rußland), wurde vom Minister des Acußcren und vom So ly d a te n - und A r bc i tc r r a t begrüßt. Die ״Ti - in e s“ öffnete ihre Spalten einer Diskussion zwisehen Zionisten und Nichtzionistcn. Letztere ־— vertreten durch Sir Claude Monicfiore und Mr. Alexaiuler — erklärten sich als Anhänger der Kolonisation Palästinas, verwarfen aber dies nationale!,rinzip. Ihnen erwiderten von zionistischer Seite Prof. Weitzinann, Lord Rothschild, Öbcrrabbiner H e r t z und Chacham-Baschi Dr. Gast c r. Die ״Times“ schloß die Diskussion mit einem Leitartikel, der alle Argumente der Antizionisteii verwirft und energisch für den Zionismus eintritt. / Eine Reihe von Arbeiterverbänden in England, Frankreich und Amerika sprachen sich für den Zionismus aus. Die gesamte Presse der Entcntcländcr (aber auch der neutralen Länder) beschäftigt sich fort* gesetzt mit dem Zionismus, alle Vorkommnisse in Palästina werden dauernd besprochen. All dies beweist sicherlich nicht, was Antisctnilcn und Antizionisten wohl gern daraus ent* nehmen möchten: daß das Judentum auf Seiten der Entente und gegen die Mittelmächte stehe. Denn das Judentum ist keine staatlich organlsierte Macht, es hat keinen Teil an den Kampfen, die um Länder und Seewege geführt werden. Das Judentum hat nur ein praktisch-politisches Ziel, nur einen Mittelpunkt, zu dem es hinstrebt und immer hiiistrebcu wird: Zion. Und wenn heute die Presse und die Staatsmänner der Entente sich um das Judentum bemühen, wenn sie den Zionismus als ernsthaften Faktor in ihr politischcs Kalkül ciiibeziclicn, so beweist dies mir, daß sic die Macht des zionistischen Gedankens erkannt liaben und ihn ,zu benutzen streben. Kürzlich ist der konservative ״Reichsbote“ in Berlin dafür eingetreten, den Zionismus unter deutsch-türkischem Protektorate zu verwirklichen. Der Gedanke liegt wahrlich nahe, denn Palästina ist türkisches Gebiet. Staats»)finnischer Einsicht kann es nicht entgehen, welch hoher Vorteil darin iäge, wenn die deutsche und die türkische Regierung diese kraftvolle junge Bewegung fördern, die jüdisehe Kolonisation für die von ihnen erstrebte Wirtschädliche Erschließung der Türkei verwerten, das jüdische Kapital und die öffentliche Meinung des Ju* deniums durch weitherziges Entgegenkommen gewiunen wollten. 111 langen Friedcnsjahrcn ist dies der türkischen Regierung des öfteren nahegelcgt worden. Doch was• damals Gegenstand theorcti* scher Erwägung blieb, ist jetzt im Kriege zur po-!!tischen Tagesfrage geworden, die überall crörtat wird und zur Lösung drängt. Auch in Deutschland mul Oesterreich hat glücklicherweise der Zionismus Ver¬ Nr. 25 ständnis gefunden. Es sei nur an die Aufsätze von fl Dr. A. Paquet, Professor Ballod, Major F c li End res, M. H, Bo e 11 in, Professor P. Railtf ff baeil, Vizepräsident des österreichischen Abgeortb ff netenhauses Reichst,•itsabgcordneten E. Pcrncrs. If t o r [ c r, Schulrat O. Eberhard, Oberleutnant H Roh de, Dr. F. Grobba, K. Bürger, Reich,, tagsabgeordneten L. Qucsscl, Direktor H. A! . hagen u. a. erinnert. Führende Zeitschriften wie die Preußischen Jahrbücher, das Größere Deutschland, die Welt des Islams, die Europäische Staats- und Wirtscluiftszcitimg, das Koloniahvirlsdiaftliche Archiv, die Sozialistischen Monatshefte, die Hilfe die Deutsche Lcvantezeitimg, das Archiv für Rassen- und Gcsellschaftsbiologic, das Neue Deutschland die Neue Rundschau, die Zukunft, die Süddeutschen Monatshefte, der ()österreichische Volkswirt, die Ocstcrreicliischen Monatshefte für den Orient und zahlreiche Tageszeitungen haben der Uebcr/.eugung Ausdruck gegeben, daß dein Zionismus eine bedeutsaute Rolle in der kommenden Entwicklung des Orients Zufällen wird, und, wie natürlich, ihr Interesse an dieser Rolle mit den Interessen in Zusammenhang gebracht, die die Politik der Vcrbiindeten der Türkei an der Förderung der kulturellen und wirtschaftlichen 'Entwicklung des türkischen Reiches und seiner Teile besitzt. Daß die deutsche Regierung den jüdischen Kolonisationsbcstrcbungcii in Palästina freundlich gegcuüberstcht, ist bekannt, und diese Haltung der deutschen Regierung war während des ganzen Verlaufs des Krieges von unschätzbarem Wert für die Sicherung des Kolonisationswerkes. Die wachsende Geltung und Kraft des Zionisnnts hat die Aufmerksamkeit der Staatsmänner und der Tagespressc auf diese Bewegung gelenkt. Wie kam es aber, daß der Zionismus so erstärkte? Wir sagten früher, der Krieg habe die Denkweise der Juden verändert. Und wirk־• lieb muß die erschütternde, umwälzende Erfahrung des Krieges in erster Reihe als Ursuche dafür genannt werden, daß die Juden ihre früheren Parteigegensätze mehr und mehr zu überbrücken suchen und dein Zionismus immer näher kommen. Doch gab es neben dieser moralischen Wirkung des Krieges »och andere Ursachen, die eine Annäherung bisher fernstehender Kreise m ■ die Denkart der Zionisten bewirkten. Vor allem war es die siegreiche Macht der nationalen Idee, die sich im Kriege als beherrschendes Prinzip dieser Epoche hcrausgcstcllt hat und nun auch itti Judentum stärker als je hervortritt. Da jede, auch die kleinste Nation, ihre Stimme erhob und ihr Daseinsrecht anerkannt wissen wollte, da alle kriegführenden Mächte sich• grundsätzlich zu der Auffassung bekennen mußten, daß jeder Nation Entwickliuigsfreiheit cingeräiiint werden solle, da schließlich das osteuropäische Judentum als lebendige Widerlegung aller Theorien von der Niclitexistenz der jüdischen Nation auftrat, so mußte endlich jener törichte Widerstand fallen, den die sogenanuder 1 *ll.nizc■ und dem Pro/dl dos Wachstums. Nicht 11111׳ am Anfang war das Wort, es Ist mich am Lude des Seins. Denn die Wirklichkeit verstummt in den letzt en Akkorden des Wortes, Die Sprache 11 Ile in ist der sieh immer entfaltende mul vermehrende Schatz des Volksgedankens, des Volksseins und der Volkstraditio», Sie gleicht der Kraft des VolksgctUiclitnisses mul bestimmt die Individualität der Nation. All Keine Schaue kann ein Volk verlieren, sogar sein Land und seine religiösen Anschauungen, ewig bleibt ihm die Sprache, die ewige Fon 11 seines sieh stets erneuernden Schn l'fetis. Dem jüdischen Volk gilt die hrhrüischc Sprache als Wechsel, die es in die Fremde mitgenommen hat, iiaclulein es sein bares Vermögen nicht mehr bcivnhreu konnte. Verliert *Ins Volk seine Wechsel, so veriiert ■es seine Rechte, Der Redner sprach dann von dem ״ithersetzten Juden“, der das jüdische Wort nur in einer fremdsprachigen Uebertrngim״• genießt. Cr gleicht, sagte der Redner, einem, der seine Mutter durch ein Tuch küßt. Heutzutage vereint uns Kultur mehr als Abstammung. Söhne einer Nation, die in verschiedenen Sprachen sprechen, sind entfernter von einander als Männer verschiedener Nationen,, die eine gemeinsame Sprache haben. Daher beginnt nticli der nationale Verrat nicht mit dem Niedergang der Religion, '.sondern mit der Aufgabe der nationalen Sprache. So 'war cs mit den Hellenisten und den Söhnen der alexamlrimsdien Epoche, die dank der griechischen Sprache ihrer jüdischen Kultur dem Judentum verloren gingen. Unübersehbar ist die Gefahr der fremden Sprachen. In Spanien traten diejenigen nun Christentum über, die die Sprache ihrer Väter bereits verloren hatten. Und nach Mendelssohn begann im Westen die krasse ,Assimilation mit der Aufgabe der eigenen Sprache und der Aufnahme der deutschen. Nicht uni die Bibel und ihre Sprache dem Volke bcizuhringeii, unternahmen Mendelssohn “und seine Schüler die Bibelübersetzung, ,»onilcrn um mittels der Bibel die fremde Sprache ins jüdische Leben zu tragen. Die Vielsprachigkeit hat uns auf diese Weise in viele Völker zersplittert. Und j'etzt, da die nationale Sethsbcstimmmig aller Völker Rußlands verwirklicht zu werden beginnt, droht diese sprachliche Aiipassmigsteiidcnz eine viel größere <icfahr zu werden. Wer weiß, ob wir nicht bald IJkrainer mosaischen Glaubens haben werden.? Schon machen sieh knechtische Tendenzen bemerkbar, schon wurden einem neuen Kalbe Tempel gebaut! Knechte, die vor dem Wogen der neuen Götzen laufen! Wo gibt cs Platz für den Genius, wenn unsere Geisteskräfte in nlleu Sprachen zersplittert sind? Unsere Jugend, selbst die, die Schekel kauft und Liebe zum Volke schwört, steht geistig einem Tolstoi und einem Turgenicw näher als einem Jesaias und Jcretnia; ihre Liebe ist zweitelliaft; denn man kann nicht das lieben, was mau nicht kennt, Diese Viclspraebiglcit trägt auch die Schuld an dem Fehlen geistiger Kontinuität. Jüdische Schrittsteiler mit einer ganzen und feinfühligen Seele müssen sich daher nach anderen Literaturen, die auf einer iime• ren Einheit und geistigen Kontinuität beruhen, zurückschnell oder dorthin flüchten." Bialik ging dann dazu Uber, seine Stellung zur jidisehen Sprache zu bestimmen. ״Cs handelt sielt nicht“, sagte er, ״um jenes kleine Häuflein, das die hebräische Sprache und die Grundlagen unseres nationalen Seins aufgegeben hat, wir wollen nur von denen sprechen, die das Primat des Hebräischen nicht anerkennen. Ihr Verhältnis zur hebräischeu Sprache ist passiv lind so muß auch unsere Beziehung zur jidischcu Sprache werden. Wir haben kein Recht, der jidischcit Sprache den Krieg zu erklären und sic ihrem Tode nahe zu bringen. Wir müssen uns ihrer bedienen, um in das Volk Wissen zu tragen und um das Volk zu unseren Idealen zu erziehen. Wir müssen die Bahnen gehen, in denen unsere Vorfahren gingen, indem sic ihre Kinder die Urquellen gelehrt und sich des Jidischcit als Mittel, als Unterrichtssprache bedient haben, lieber-