Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXII (1917)
- Issue
- Heft 23 (8.6.1917)
- Date
- 1917-06-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 23 J U EDI SCH E RUNDSCHAU ' Seite 1QI det״ Verehrer des wahren Gottes abzugeben.“ Weiß der Verfasser nicht, daß in jedem kulturell liepbten Volk ein Bewußtsein seiner Ivesonderen ״Mission“ lebt א Und glaubt er wirklich daß der mmleine Rasscnhocltmut eine innere Beziehung m dem alten Ausmvählthcit.sgcdankeii Israels hat? Wu ,edcnfa'ls leimen dies ״bund setzen ujis gegen di<־se künstliche Zusammcnkoppelung zur Wehr. Mieses hat bei aller Konstruktion nicht über■ sdwn können, daß die Wirklciucit in Deus •bland doch gar nicht mit seiner Theorie übereinstimmt. Wie erslärt er diesen Widerspruch? ״Der deutsche Antisemitismus“, hat er den Mut zu’buhatiptcn, ״entsprang keineswegs welchen (?) inneren (ioiicnsatzen des Charakters, des Rassenwesens, der seciisdicn Konsistenz. Die Leiden der Juden Deutschlands rührten von ihrer konfessionellen Souderart her. Deutsche Juden, die ihren Glauben wechselten, genossen sellrst im blutigsten, Ursprung* liebsten Mittelalter dieselben Rechte wie die ge* binnen ethnischen Deutschen.“ Diese• Meinung scheint ihm durch die Tatsache bewies.,n, daß die Zigeuner, sc bst wenn sie dirs.en war.len, im (iogensatz zu den Juden noch wci.e! aU «linder• we tig behandelt wurden, Wir,liehe Antagonismen, meint Mieses, können du! eh keine konfessionellen Angleiehungei! behoben werden. Bei schient ״Bewebe“ hat er allerdings vergessen, daß auch in Spanien, Italien und Rußland getau.te Juden hohe Acinter erklommen und wohl gelitten waren. Was war dort der Grund? Warum nicht auch die ״Kongcnialität“ des Wesens beider Elemente? Cicradczu ungeheuerlich aber ist es, wenn Mieses das schlimme!Schicksal der deutschen Juden im Mittelalter mit den Siit/.en wegeskamotic«en zu dürfen glaubt; ״Die fürchterliche Knechtung der Jude.1 früherer Zeit ist mehr Legende, Papierweisheit. Die Sage von der grauenhaften Entrechtung der Juden erstand in der Hauptsache in den Kreisen der ersten Vcrfechte!׳ der Jmlenemun/tpatiou. Die Vorkämpfer der (ili'iehbereeh igung mußten d.e Saclvlag.׳ womöglich schwarz in schwarz malen, um durch die Antithese rasche Besserung zu erlangen.“ Dies geschrieben im Jahre PU7, an der Schwelle des kaum noch abgeschlossenen Zeitalters blutiger Jndenvcriolgun• gen! Wird nicht mit Recht im Jahre .017 das jüdische Ges lilechl von d .n üb rtr.eb.!;en Nadir eilten über die Pogrome und Ritualinordpro/esse des vergangern■!» Jahrhunderts sprechen dürfen? Aber auch den Antisemitismus der neuesten Zeit, die Erschei• nung der Stöcker, Rohling, Treit sch ke, Düliring, Chninbeilnin weiß sieh Mieses zu ,,deuten ‘. Sie sind die ״psychologischen U:berbkii.scl‘' früherer EntwickUmgsperiodcn. ״Der nenzci'.ige Judenhaß ist bloß ein tu idem vermummtes Rudimvntnm des einstigen, bewußt vom Klerus betriebenen Rcligi mshas>es.“ Und de« I1an.ffer.1ge Historiker weiß sieh zu trösten: ״Der moderne deutsch.׳ Anti «mitsums, unter fremden Bedingungen entsprungen, richtet sich viel weniger gegen die Juden als Personen, wie gegen das Judentum als Gesamtheit.“ Das scheint dem Verfasser eine die Situation sehr er* leichternde Tatsache! Und in leichtt'crigem Opti* inismus prophezeit er; ״Der moderne Antisemitismus muß in Deutschland infolge Mangels jeder Kongruenz mit der zeitgenössischen Wirklichkeit, , bei persönlicher Berührung, wie grauer Nebel im Sonnenschein zerfließen.“ Unsere jüdischen Soldnten werden Herrn Mieses nach dem Kriege darü* her aufklären, was, bei persönlicher Berührung, wie grauer Nebel im Sonnenschein zerflossen ist! Gründe des Geistes, der Rolitik und des Taktes sind es in der Tat, die es wünschenswert erscheineu lassen, daß diese Broschüre ungeschrieben gcblieben wäre. Des Geistes — denn sie reiht eine Unzahl innerlich Zusammenhangsoser Argumente mechanisch aneinander, ohne daß die große Zahl ihr Gewicht vermehren könnte. Der Politik — denn ihre Theorie über die Sprache der Ostjuden kann nur den Schaden, den frühere Schriften ähnliehen Inhalts angerichtet haben, unendlich vergrö* ßern; sic gibt der nichtdeutschen Welt ein zwar haltloses, aber von Politikern und Judenfeinden trotzdem ausniit/bares Material. Des Taktes — denn sie ]unterlaßt einen vom Autor zwar nicht beabsichtigten, aber trotzdem sehr fühlbaren Nach* gcschmnck der uiigcwüiiscliten Anbiederung a«1 di«, denen an der Freundschaft der Juden, ,allen Gegenargumenten zum Trotz, nicht viel gelegen ist. M. M. Der Warschauer Studentenstreik Es gib! in Deutschland Immer noch Kreise, die an die ehrliche Absicht der Polen glauben, in ein gutes Verhältnis zu den Juden zu kommen. Es ist nicht Judenhaß bei den Polen, sagt man uns, der sic zu ihrer unfreundlichen Haltung den Juden gegenüber zwingt, im (iegcutcil, keinem Volk der Erde ist Judenhall ursprünglich so fremd als dem polnischen. Wenn nur die Juden klar und deutlich ihren Willen Zinn Ausdruck brächten, Hand in Hand mit den Polen am Aufbau des polnischen Gemeinwesens zu arbeiten, kein Pole würde nicht gerne und willig die Juden als vollberechtigte und gleichwertige Bürger in sein Land und sein tler/ anfiielimen. Mit diesem Lied haben die Polen kleine und große ücister in bedeutender Zahl cingefangcii, wir haben es /.u uusenn Schaden kennen gelernt. Und der Schaden wäre viel größer, wenn die Polen genügend Geduld hätten, ihre ח tiefen, ausgesprochenen Judenhaß wenigstens so hinge zu verbergen, als sie es Äölig haben, uin die Sympathie der Welt zu werben. Aber so groß sonst ihre politische Schmiegsamkeit sein mag, ihre utiimtcriliiii'kbnre Feindschaft gegen die Juden, ihr bintiger II,iß gegen alles jüdische ist unendlich größer und verlangt immer wieder noch neue Nahrung. Und so beschert ״ns die Entwicklung der Dinge in Polen in regelmäßiger lölge Dokumente des offiziellen Judenhasses der Polen, die ein grelles Licht auf die Lage werfen. Das neueste Dokumein in der Reihe dieser Explosionen ist der Streik der Warschauer Studenten und seine begleitenden Umstände. Anfang Mai entstand im Anschluß an gewisse Vorkoinmnisse, die hier nicht näher berichtet zu werden brauchen und die in keiner Hinsicht mit jüdischen An* gelcgenbeiten /iis.imniciihängen, eine starke Unruhe an den Warschauer I loclisciiulen. Mit dev Führung der Vcrhnudhiiigcii hei den Behörden wurde ein Ausschuß der Studenten aller Hochschulen betraut, der aus Vertretern sämtlicher Von den Hodischulbchördcn legalisierter Studentenvereinigungen bestand. Neben diesen Vereinigung gen, die einen ganz anderen Charakter als unsere Korfiorntionen tragen und von denen einige auch Juden zu Mitgliedern zählen, gibt es noch ausschließlich aus Studer» ten bestehende eVreine, die nicht bei den Hochschulen eingetragen, sondern wie ,׳liniere Vereine vom Polrzcipräsidünn legalisiert sind, /. B. einige sozialistische Studentcuverciue und auch die verschiedenen Vereine jüdischnationaler Studenten. Diese letzteren sind, das verdient bervorgehoben zu werden, nur deshalb nicht an der Univcrsitäl eingetragen, weil der Rektor die Zulassung jüdischer Vereine an der Universität abgelehnt hat. Im Gegensatz dazu bestellt an der Technischen Hocbsdnde ein Hilfsverein jüdischer Studenten, der einen judisch-nationalen Charakter trägt. Die verschiedenen, nicht offiziell als Studcntcnvereino anerkannten Vereine der Akademiker beantragten nun, auch ihre Vertreter in den oben erwähnten Ausschuß entsenden zu dürfen. Dies wurde allen bewilligt, ausge- 11 o 111111 e n den j ü d i 8 c h c n V c r c 1 n c n. Nachdem alle Bemühungen der jüdischen Studenten auf Rückgängigmachung dieses Beschlusses ergebnislos waren, brachten sie in der allgemeinen Versammlung der Akademiker am 10. Mai eine Protesterklärung ein, in der sie feierlich Verwahrung gegen diese Vergewaltigimg einlegten. Es handle sich um eine allgemein akademisclie Angelegenheit. Nachdem die Vertreter der jüdiscli-iiationalen Studenten von der Aufnahme in das Aktionskomitee der ,Akademiker ausgeschlossen sind, könneu tlie.se das Komitee nicht mehr als Vertreter der Studcntenschaft anerkennen. Sie leimen jede Verantwortung für diesen Zustand und für die Beschlüsse des Aktionskomitces der Akademiker ab und behalten sich die volle Freiheit ihrer Handlungsweise vor. Unterschrieben ist dieser Protest von den drei Vcreinen tler zionistischen, tler jüdisch-nationalen und dir poalv-zioiiistischen Studenten, die insgesamt etwa ’MX) Mitglieder zählen. Die Verlesung dieses Protestes rief an der IJuiversität stürmische Szenen hervor. Rufe erschollen; ״Fort mit den Juden! Wir wollen keine Juden! Nieder mit den Jntleti!׳', und es wurde beschlossen, Uber den Protest zur Tagesordnung iiberzugehen. Noch krasser ging es kein Technikum zu. Dort hielt tler Student Oäeszvuski, der bekannte Organisator der berüchtigten Lcmherger Judenkrawalle anläßlich tler Vorträge von Sokolow vor einigen Jahren, eine wütende Hetzrede. Er brandmarkte die Juden als Feinde Polens, bestritt ihre Gleichberechtigung und sprach die Hoffnung aus, daß sie int eine solche erhalten werden. In das flammende Feuer der Erregung tler Versammlung goß der Rektor der IT'dinisclicn Hochschule Del mit einer Retle, in der er behauptete, tlie Vertreter tlcs Hilfsvereins der jüdisehen Studenten am Technikum hätten ihn hinter das Licht geführt. Sie hätten ihm seinerzeit versprochen, daß sie sich immer als Polen aufl'iihreu würden, und nur unter dieser Voraussetzung habe er den Verein gestattet. Sie aber (ühlten sieh als Juden mul sprächen nicht polnisch, sondern Jargon. Für solche Studenten sei kein Platz an polnischen Hochschulen. Die Reale halte einen beispiellosen Erfolg. Die Versammlung endete in judenfeinilüchcn Rufen und Beschwnpfiingcii: ״Nieder mit den Juden! Schlagt die Juden!'‘, es war wie ein Auftakt zu einer Pogromhetze, inszeniert vom amtlichen Leiter der technischen Hochschule in dieser Versammlung wurde beschlossen, «laß diejemgen Studenten «tes Technikums, die sieh als Juden do- I Die nationalen Rechte tler jüdischen Bevölkerung auf «lern Gebiete des bürgerlichen Lebens und der nationalen Selbstverwaltung werden durch «len gesetzgebemlcn Körper des Reiches festgelegt als Grundlage für eine Petition, die die Einberufung einer jüdischen Nationalversammlung in Rußland verlangt. Diese Nationalversamutlimg wird durch die ganze jüdische Bevölkcruiig ohne Unterschied von Geschlecht und Wohnsitz auf Griiml eines allgemeinen, gleichen, direkten, proportionalen und geheimen Wahlrechts gewählt. Die nationalen Rechte «ler jüdischen Bevölkerung werden von der Reielisgcsetzgebuiig für «las ganze russische Reich bestimmt und garantiert und können nicht durch die einzelnen Landtage geändert werden. Die Zionistische Organisation in Rußland vertritt <11 der Nationalversammlung wie auch in jeder poli• tischen Aktion innerhalb und außerhalb des Judentums folgende Forderungen, die sie als Grundvoraussetzung für eine freie und zweckmäßige Entwicklung der nationalen Selbstbetätigung betrachtet: A Auf dem Gebiete der nationalen Selbst- Verwaltung. I. Zur jüdischen Nationalität in Rußland gehört jeder Jutl«, der nicht seinen Austritt aus dem Volke erklärt hat. II. Die Funktionen der nationalen Selbstverwaltung werden verwirklicht tlurch die Gemeinrät« (in den Gemeinden), Landesrätc (in den autonomen Gebieten) und durch den allrussischen jüdischen Kongreß (im Rahmen des Reiches), All diese Körperschalten werden von der jüdischen Bevölkerung ohne Unterschied des Geschlechts auf Grund der angeführten Wall!formen gewählt. III. Als Vertretungen der jüdischen Bevölkerung ge• nießen die Organe der nationalen Selbstverwaltung alle Rechte einer juristischen Person, darunter auch das Rech! der Eingabe von Petitionen. IV. Die Organe der nationalen Selbstverwaltung vcrfügen über die Geldsummen, die aus den Staats• und Lebensmitteln proportionell für die jüdischen BeUurfnisse bestimmt werden, und besitzen außvndcm das Recht auf eine Zwaiigsbcstoucrung des jüdischen Volkes. V. Die Organe der nationalen Selbstverwaltung haben «las Recht, alle Arten von Institutionen auf den Gebieten der Voiksbiklmig, Gesundheitspflege, gegenseitigeil Geldmul Arheitshilfe, der Emigrationsregelung und der Kultnsaiigclegeiilieiteii zu gründen, zu unter• halten und zu subventionieren sowie für dies« Anstalten im Rahme« der Reichs- und Landesgesetz« Instruktionen und Satzungen heruuszugeben. B. Auf «lein Gebiete der allgemeinen R c i c 11 s G e s c t z g e b u 11 g. I. Das Recht, überall die Zwangsmhc von Sonntag auf Samstag zu verlegen. II. Die Anerkennung der Sabbatliruhe und des jü• disdten Rituals für die, die es verlangen, In der allgcmeinen Schule aller Abstufungen und iin Staatsamt, insofern dies der regelmäßigen Erledigung der Pflichten nicht grundsätzlich widerspricht. III. Die Erhaltung der Normen des jüdischen Ehe• rechtes. C. Auf dem Gebiete der Demokratisierung des Staates. Die Zionistische Organisation in Rußland unter• stützt die von allen progressiven Elementen aller Völ• ker Rußlands gestellten Forderungen der Umformung und Demokratisierung des Staates auf Grundlage dei Parlamentarismus, der allgemeinen Gleichheit ohne Unterschied von Abstammung, Glaube und Geschlecht, der Freiheit des Gewissens und Wortes, der Koalition und Versammlung und des Streikes im Zusammenhang mit einer weitgehenden Gesetzgebung des Arbeiterschutzes, der Produktion auf allen Gebieten, der Gleichberechtigung der Konfessionen, der Dezentralisierung der Verwaltung, der territoricllen nationalen Autonomien und der Selbst- Verwaltung der nationalen ,Minoritäten. Dabei betont die Zionistische Organisation in Rußfand die folgenden Prinzipien: I. Die Gleichheit aller vor dem Gesetz muß nicht nur innerhalb «tes Reiches, sondern auch in den internationalen Beziehungen aufreclUcrhalten werden itn Sinne der Gewährung des Rechtes «ler freien Einfuhr und des Handels in den Gebieten der ausländischen Staaten für alle russischen Bürger ohne Unterschied von Na- Banalität und Glauben und des Rechtes der Einfuhr und des Handels im Gebiete des russischen Reiches für alle Atisländcr ohne Unterschied von Nationalität und Glauben. II. Die autonomen Rechte der nationalen Gebiete und das Recht der Selbstverwaltung der nationalen Minoritäten werden «lurch die Reiclisgesetzgebung fest• gelegt im Einklänge mit den von den territorialen und nationalen Versammlungen vorgesclilageneu Grundlagen. III. Bei der Gewährung des Rechtes der Autonomie und des besonderen gesetzgebenden Landtages für die einzelnen Gebiete imiß das Reichsparlanicnt vor allem die Berücksichtigung aller bürgerlichen Freiheiten, und des Rechtes der nationalen Minoritäten innerhalb dieses Gebietes garantieren. IV. I>ie Volksvertreter in der Reichsduma, in den Landtagen und Organen der kommunalen und mtinizipalen Selbstverwaltung werden gewählt auf Grund des allgemeinen, gleichen, geheimen, direkten Wahlrechts ohne Unterschied von Herkunft, Religion und Oeschlecht mit dem Korrektiv der proportioncllen Vertretung der Minoritäten. V. Die Wahl der Richter und die Bekleidung der Aemtcr in den Gebieten mit einer gemischten Bcvölkcrung wird auf ,den Grundlagen des proport ioncllen Printips durchgeführt. VI. Das Recht der Benutzung der Sprache aller Nationalitäten im gesamten öffentlichen Leben.