Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXI (1916)
- Issue
- Heft 52 (29.12.1916)
- Date
- 1916-12-29
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Durch Initiative der jüdischen Arbeiterschaft Galiläas wurde unter dem Namen ״l lamaseltbir“ eine Ge* nosscnscliaft gegriindet, deren Aufgabe cs sein soll, in der Zeit des ״Goren“, wenn das Getreide noch auf der Tenne liegt, Brot weizen und andere wichtige Produktc in grüHeren Quanten aufzukaufen, um sie währen I des Jahres zu normalen Preisen an ihre Mitglieder abzugeben. Auch ganze Gruppen — Kwu/.ot — wie Dagania, Kineret uni Tel-Adas .und Kolonien wie Eil- Ganim und Nuchlat Jeluulu s: 11 d dieser Gcnosseiisehaft beigetreten, Eiii/ahlungen der Arbeiter als Genossenschafts-Anteile sollen das Gnuulkapital bilden um! zugleich die Sicherheit für etwaige Verluste, die durch tuivorhcr/iiseliemk• Ereignisse eintreten kühnen, bieten. Man erwartet auf diese Weise an 10(00 Er. in Gold;uif/uhringen, von denen nahezu die Hälfte bereits ringegangen ist. Die erste Transaktion ist auch bereits ilurchgefiihrt, und es wurde bereits ein grobes Quantum ' Weizen mifgekauft. Vom Palästinnamt hat der Muschbir aus den Mitteln des Berliner Hilfsfonds ca. 1 (»(MKi Br. für die judäiselu'ii Arbeiter, ca. 120)0 Pr. für die samaritanisclicii Arbeiter erhalten. Außerdem wurden ihm aus den!׳';innen des Jüdischen Nationalfonds, der P. L. D. C, au '15 0110 kg Weizen, die einen Werl von ca. 12011(1 I r. darstellen, zur Verfügung gestellt. Dies«.• Beträge reichen aber lange nicht für die Bedürfnisse aus, denn es gilt, für ein ganzes Jahr, insbesondere für die letzten Monate vor der neuen Ernte, in denen das Getreide sehr hoch steigt und infolge der 1111regelmäßigen Kommunikation überhaupt schwer zu erreichen ist, Hrotwci/en vorzuberciten. Der Weizen aus den Farmen ries Natiunalfonds nml der P. L. D. C. wurde fast ganz nach Judäa überführt und die Farmen hallen den Transport selbst übernommen, wns insofern von großer Wichtigkeit ist, als der Transport mit Kamelen kostspieliger mul viel langwieriger ist. Hoffentlich wird der ״Maschbir“ seine Aufgabe criullcü. Er wird dann nicht nur vier jüdischen Arbeitcrscliaft Palästinas in dieser schweren /eit eine große Erleichterung schaffen, sondern auch die Basis für eine geordnete 1 inanzinstitution, an der die ganz« palästinensische Arbeiterschaft beteiligt ist, bilden könneu. Eine solche Organisation würde auf der Grundläge der Selbsthilfe beruhen, und die Erkenntnis, daß solch ein Institut die Stellung der ״Arbeit“ im Lande befestigen und ihre Lcistungsinöglichkcit bedeutend erhohen wiinle, hat sieh gerade in letzter Zeit unter den Arbeitern durehgesetzt und ist sozusagen zu in Gemcingut der gesamten jüdischen Arbeiterschaft Palästiiias geworden. beiterverbaaites Panlc-Zion hat anläßlich der Proklamation der Ziuiral'räclite bezüglich Polens und der Sonderstellung Galiziens nachstehende Kundgebung beschlossen: Pie durch eins Manifest der Regierungen Deutsehhuuls und Oesterreich-Ungarns nngckiimiigte Ncugestaltuiig der Verhältnisse im Königreich Polen und die von Oesterreich proklamierte Sonderstellung Galiziens beruhreu aufs tiefsie die Interessen der nahezu drei Millioncii Juden dieser Länder. ' Ohne zu dem Akte der Mittelmächte betreffs des ׳.Königreichs Polen an sieh Stellung zu nehmen, bevor die Bevölkerung Polens durch eine freigewählte, legilimc Vertretung ihren Willen kundgetan hat, halten wir es für geboten, unseren Standpunkt zu den Maßnahmen der okkupierenden Mächte darzulegcn, sofern sie die Stellung der jüdischen Bevölkerung im Lande betreffen. Wir sehen uns hierzu uinsonielir veranlaßt, als es unseren Parteigenossen und der jüdischen Arbeiterschaft in Polen unter den obwaltenden Umständen nicht rnöglieh ist, ihre Ansichten und Forderungen öffentlich zum Ausdruck zu bringen. Unsere tiefste Sympathie fiir die Unabhiingigkeitsbestrebuugen des polnischen Volkes haben wir wiederholt zum Ausdruck gebracht. Wir verweisen insbesondere auf unsere Denkschrift vom November 1915 an die Sozialistische Internationale und auf die Erklärung unserer österreichischen Landespartei vom August 1915. Die jüdische Bevölkerung Polens hat sich vor dem Kriege und während desselben mit dem Kampf des polnischen Volkes um seine nationale Freiheit solidarisieh. Die jüdische Demokratie erblickt jedoch in der Sicherung der ungehemmten Entwicklung und der Richte uer uauonatcu Minderheiten eine Voraussetzung des friedlichen ZiisamnictilelHiis der das Land bewohnenden Völker. Wir stellen fest, daß hei der von den Mittelmiieliten vorgeiioinmenen Umgestaltung der Verhältnissc in Polen die Rechte der nationalen Minderheiten nicht festgesetzt sind, daß insbesondere die Rechte der jüdischen Nation, der zweitgrößten im Lande, vollständig ignoriert werden,׳ Pas Manifest vom 5. November erwähnt mit keinem Wort den Schutz, der nationalen Minderheiten in Polen. Pie Verordnung des Generalgouvcrnenrs in Warschau über die Bildung eines polnischen Landtags und Staatsrats gewährt den Juden keine nennenswerte Ver- Iretung im Landtag und gar keine Möglichkeit der Wahl von Vertretern in den Staatsrat. Damit sind die Juden der polnischen Mehrheit wchrloh ‘׳avisgeliefert. Nicht nur ist ihr nationales Mimlerhcitsreeht verletzt, sondern es ist ,ihnen auch die Möglichkeit der Wallrmig ihrer, nach den Erfahrungen der letzten Jahre und insbesondere auch der Okkupationszeit, bedrohten bürgerlichen Rechte genommen. Die gleichzeitig erlassene Verordnung über die Organisation der jüdischen Religionsgesellschaft im Generalgoiivernemcnt Warschau legt von vornherein den rein konfessionellen Reehtscharaktcr .der jüdischen Ge- Uleinschaft fest vind bekräftigt die Verweigerung der Rechte einer nationalen Minderheit für die Judenheit Polens. 1111 jüdischen Gemeindlichen selbst bedeutet die ungeordnete religiöse Zwangsorganisation — begründvt;1111' dem Ausschluß der breiten, keine direkten Steuern zahlenden Massen vom Wahlrecht, aid dem Zweiktiriensysletn in den Großgemeindcn mit zahlreicher jüdischer Arbeiterschaft, auf ,dein indirekten Wahlsystem der jüdischen Gemeinde die Befestigung und Steigerung der Macht der ,assimilatorischen Bourge!isie mul des Kabbinertums. Die Verordnung jst ein Zerrbild der von den jüdischen Volksniassen .und der lüdischen Arbeiterschalt aiigestrehten nationalen Selbstverwaltung. Pas jüdische Volk in Polen wird sieh nicht zur bloßen Konfessionsgeineinschatt hernbdruckeit lassen; die jüdischen Volksniassen in allen Ländern iiihleu sieh eins mit den Juden ,Polens, sie werden sieh mit keiner Regeliing der Verhältnisse dieses Landes zuirieden geben, die nicht der großen jüdischen Minorität Recht und Schutz in bürgerlicher, politischer ,und nationaler Beziehung gewährleistet. Ebenso wissen wir uns einig mit den breiten Schichten der Judenheit ,Galiziens, indem wir Verwahrmig einlege״ gegen die Ignorierung ihrer nafionalen Rechte in einem ״Lande mit fast 9110 900 Juden neben 3,75 .Milli.men Polen ,und 3,1 ,Millionen Ukrainern, hn Kauijtfe tun das allgemeine Wahlrecht, in schwerem Ringen gegen polnische Bourgeoisie, Schlacht;! und adtttinistrative Willkür um eine nationale Vertretung in den gesetzgebenden Körperschaften, in der Verteidigung ihrer Spraehciircchte bei der ״Volkszählung haben die jiidiselten Massen Galiziens ihren festen Entschluß bekundet, ihren nationalen Bestand /״־ verteidigen und Garantien für ihre freie Entwicklung zu erlangen. •Pas die Autonoinie Galiziens ankündigende Handschreiben jedoch übergeht mit Stillschweigen die Rechte der zwei neben den Polen das Land bewohnenden Völker. .Wir appellieren an die klassenbewußte polnische Arbeiterschaft, gegen die Mißachtung der nationalen Selbstbestimmung der Juden ihre Stimme zu erheben und mit aller .Kraft dagegen zu kämpfen, daß die Ent- Wicklung und der Ausbau Polens durch nationale Zwieträcht und Sclbstzerfleischung gehemmt werden. Wir erwarten von den sozialdemokratischen Parteien 'Oesterreichs, insbesondere auch von den polnischen und ukrainischen Sozialisten, daß sie ihren Einfluß für die nationalen Rechte der Juden Galiziens einset/en werden. Wir appellieren an die sozialistischen und Arbeiter- Parteien aller Länder, ,dem Grundsätze der nationalen Gleichberechtigung auch für die jüdischen Minderheiten zum Siege zu verhelfen. Den Haag, Anfang Dezember 1916. Jüdische Huldigungs-Deputation beim österreichischen Kaiserpaar Am!Montag, den 11. Dezember, wurde eine Huidigungsdeputation der österreichischen Judenschaft in der Wiener Hofburg vom österreichischen Kaiserpaar empfangen. An der Dcjuitation nahmen Vertreter der Kuitusgcineiudcn Wien, Prag, Brünn, Lemberg, Krakau, Gzeruow itz, Trupp,111־, Linz, Triest und Innsbruck teil, Ohcrrnbbiucr 1)1׳. Güdemanu sprach über das Kaiserpaar den hebräischen Segenspruch, den er dann deutsch wiederholte. Nach einer Ansprache des Präsidenten der Wiener Kultusgemeindc, Dr. Altred Stern, antwortete der Kaiser; ״Die mir und der Kaiserin von den Vertretern der israelitischen Kultusgcincindcn im Namen ihrer gesamten Glaubensgenossen dargebrachte Huldigung neh-!neu wir mit herzlicher Erkenntlichkeit entgegen. Die jüdische Bevölkerung hat immer ihre Liebe und Aniiänglichkeit a1׳ mein Haus und das Vaterland bewieseit und in der gegenwärtigen großen /feit zu den unter Gottes gnädigen Beistand erzielten Erfolgen opferk s t j f i , I I j 1' i I ,1 , i «* | ( 1 Als ich auiwacltte, begann die Sonne schon zu sinken. Eine lauge schmale Reihe leichter, durchsich• tiger Wolken bedeckte einen Streifen am Himmel und lag unbeweglich da. Mosche Jossi lag auf dem Rücken und starrte in den Himmel. Als er mich wach sah, wandte er sich zu mir und sprach; ״Hast du geschlafen? Und ich, idi kann nicht schlafen, wenn sich solche Weiten um mich;uisdehneti. Sobald ich die unermeßliche Steppe ^ehe, erwacht in meinem Herzen eme Leidenschaft, zu wandern ohne Attfhör und Ende. Ich bin in solchen Stunden wie berauseilt, trunken vom Uebcriitaß der Freiheit, als wären mir plötzlich Flügel gewachsen. Zum ersten Male kam mir der Ciedmike, die Rechabiter zu suchen, als ich in der Dämmerung im Tal Jcsrccl lag. Ich fühlte, wie eine Zauberkraft mich auf ihre Flügel hob, in ttnbekannte Fernen t rüg und mir einen neuen I limine! lind eine neue Erde enthüllte, die ich nie geahnt hatte. Ist es dir einmal passiert, daß zwei voneinander völlig unabhängige Empfindlingen y.1t gleicher Zeit in dein Herz, dringen, ohne einander zu berühren, so daß du alle beide umfassest 11111I sie bis ins Tiefst« auskostest? Damals, als ich in der Dämmerung im Tale Jesrecl sali, herrschte Grabesstille ringsum; und durch die Stille drang zu mir iiher Berge und Meere das Rauschen von Städten, die Tag und ,Nacht in Lärm versinken, wie vom Entsetzen gefaßt. Und zugleich vernahm mein Ohr aus verborgenen Fernen ein frisches, lebendiges Lied, das ein kraftvoller, kühner Stamm sang, ein Stamm, der treu in der Uebcrlieferung seiner Väter lebt und keine -Häuser und Städte bewohnt, die ihn wie Fesseln cinschnürcn; der nichts hat und alles hat , . . Da verschmähte ich das Leben der Stadt und beschloß, die Rechabiter zu suchen , . ,,Aber woher weißt du, daß die Rechabiter mit allen diesen Tugenden begabt sind?“ ״Hast du vergessen, was sie dem Propheten Jirmijalvu zur Antwort gaben, als er ihnen Wein anbot? ״Wir trinken keinen Wein, denn Jonadab, Sohn Rechabs, unser Vater •hat uns das Gebot auferlegt: Ihr sollt keinen Wein trinken, ihr und eure Nachkommen für Pmmer. Auch sollt ihr kein Haus bauen und keine Saat aussäen und keinen Weinberg pflanzen und besitzen, sondern in Zelten wohnet stets, auf daß ihr lange lebet auf dem Boden, woselbst ihr weilet. Wir gehorchten der Stimme Jonadabs, Sohnes Rechabs, unseres Stammvaters, in allem, was er 11ns geboten . . .“ Malst du dir ihre Lebensweise aus? Am Tage hüten sie ihre Herden, die Schafe und Rinder; suchen Weideplatze und Brunnen für ihr Vielt, reiten schnelle Rosse und erlernen das Waffeiihandwerk, um vor dem Feinde bestehen zu können; des Nachts entzünden sie Fackeln und singen ihre Lieder, die Lieder des Menschen auf Erden: Lieder vom Leben und Tode, vom Aufgang und Untergang, von Liebe und Hoffnung, und vor allem den starken und aufrichtenden Heldcngcsang zu Ehren der Freiheit des Menschen, seines Geistes und Körpers. Das Leben verehren sie, denn sic genießen seine Pracht und keine Verließe aus Stein und Eisen trennen sie von der herrlichen Welt; sic selten den Blitz, wie er aufflammt, die Sonne, wie sie auf- und untergeht, sie forschen nach dem Lauf der Wolke und lernen das Gras kennen, wie es wächst, und wenn sie den Willen in sielt spüren, dem Südsturm nachzueilen, so töten sie nicht diesen Wunsch in sich, sondern reiten ein wieherndes Pferd mul streifen über die Wüste hin und wetteifern mit dem Rasen des Sturms. Auch den Tod flilrehten sie nicht, denn sie sehen auf jedem Schritt, daß der Tod nur ein Uebergang ist, ein Uebcrgang zu neuem Leben: Der Grashalm, der in der Sommersdürre verwelkt, geht nicht zugrunde; in der Regenzeit erhebt er sich wieder von seinem Verfall und schlägt . von. neuem Wurzeln. Auf daß ihr lange lebet, sagte zu ihnen Jonadab ihr Vater.' Nur eia solches Volk, das so lebt, ist imstande gewaltige Sänger tm,d Propheten zu erzeugen, die freilieh ihr Dichten nicht in Erz schreiben zu ewigem Gedenken, denn ihr Lied ist das der sprudelnden Quelle, der Nachtigall im Frühjahr, des Sturmes in der 1! Wüste . . . Das Lied des übervollen Herzens — das singt und weiß nicht, was cs singt . . .“ Die Sonne stand schon im Westen. Die Reihe durchsichtiger Wolken hatte sich zu einem I laibkreis gebogen un,d glühte in den buntesten Farben. Das Oedland sank in tieferes Schweigen; das Schweigen des Frschauerns und der Erwartung; als sei die Wüste von dem Traum ihres Rausches, den ihr der glühende Tag eingehaucht hatte, erwacht und sttclte nun nach seiner Deutung ... In weiter, weiter Ferne, über der Sanddütte fliegt ein weißes Vöglein und stößt .an den glüheuden Himmelsbaldaclün . . . Mosche Jossi sitzt angelehnt an das Fckstück, das einen blauen Schatten auf die Röte des Sandes wirft, und verfolgt mit verzehrender Sehnsucht den Flug des Vogels; cs scheint, als wolle er mit ihm zusammen den Vorhang durchbrechen, um in das Allerinncrste zu dringen . . . IX-r Vogel verschwindet im Flammcn-Westen und Mosche Jossi spricht zu mir mit leiser Trauer: ,,Immer, wenn icli von den Rechabiter!) spreche, spottet man meiner und sucht mir nachzuwciscn, daß die Rechabiter nicht mehr existieren. Schön, angcnominell, sie hätten Recht. Aber die Hauptsache sind ja nicht die Rechabiter, sondern wir, wir selbst, wir!.ebenden, die wir ihrem Wege folgen müssen . . . Das Wesentliche für uns sind nicht die Rechabiter selbst, sondern ihre Lebensweise. Wir können ja neue Rechabiter schaffen, wir, die jungen Juden, in deren Innern noch ein uralter Funke von der Seele jener Geschlechter glüht, jener Löwen der Wüste . . Ein Abcndlüitchen weht. Ohne rin Wort zu sprechen stehen wir auf, strecken uns und nehmen unsere Stöcke zur Hand. Im Vorbeigehen schlage ich mit meinem Stock auf die Felswand. Mosche Jossi lacht: Aus diesem Felsen wirst du uns Wasser schlagen? . . . Der Wcsten erlischt, ln der Ferne ballen sich mattweiße Rauchwölken in der blauen Luft. Ein Zeichen, daß hier Wanderer ihre Nachtruhe halten, und wir lenken unsere Schritte dorthin. (Aus dem Hebräischen übersetzt von A. Horodisch)