Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXI (1916)
- Issue
- Heft 52 (29.12.1916)
- Date
- 1916-12-29
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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lieget, die man die ״neuen Makkabäer“ genannt hat, seid doch dessen eingedenk: Der Krieg mit all seinen Schrecken und Anforderungen ist uns vertraut geworden, wir haben manches getan und erduldet, wozu wir die Kraft nicht in uns vermuteten; aber — — wir sind darum keine Makkabäer! Nicht einmal nur darum, weil in diesem Krieg, den wir mitmaclicn, Juden gegen Juden kämpfen (etwa deutsche gegen russische Juden), —!auch im Lager der Syrer waren ja Juden. Sondern das Wesentliche in jedem Kampf ist die Frage, worum es geht; das Wesentliche ist die Idee, der man alles zu opfern bereit ist, der Kampf jst nur der Weg zu ihrer Verwirkliclumg. Einsat zdes Lebens, Einsatz unseres Letzten, haben wir gelernt. Auf die Kraft der Hingabe kommt es an, nicht auf die Art der Waffen. Freunde, seid doch eingedenk: Unsere Makkabäerzeit, unser Makkabiiertum liegt noch vor •uns. Hoffen wir, daß bald die Zeit kommt, wo wir unsere Waffen, Säbel und Gewehr, in den Winkel stellen können; dann aber hebt erst der eigentliche, große Kampf für uns an, in dem jeder von uns seinen Mann zu stellen haben wird. Der Kampf, der ohne Bajonette, aller mit grenzenloser Hipgäbe geführt!werden muß*; der Kampf für unsere nationale Seele, für deren Leben einst die Makkabäer starben; der Kampf, dessen Mittel nicht der Krieg ist, sondern die Arbeit. Im Felde, Kislew 5677. Die jüdische Schuifrage ‘im Warschauer Stadtrat Vor drei Monaten überreichten die jüdischen 11afionalcn Ratmänncr eine Interpellation an den Stadtrat, jr. der auf die Vernachlässigung der jüdischen Interessen bei der Gründung von Volksschulen und bei der Inskription lungewiesen und die Forderung einer besonderen jüdischen Schule aufgestellt war, die dem Leben der Juden und den Bedürfnissen ihrer Kultur entspricht. Die Interpellation verlangte eine Schule, die im jüdischen Geiste geführt wird, die Jidiseli als IJ11terrichtssprache hat und an den Samstagen und jüdischen Feiertagen geschlossen, bleiht. Die Festlegung des Prograinins dieser jüdischen Volksschule und die Verwalhing der (leider, die der Magistrat zur Deckung der Kosten zur Verfügung zu stellen hat, sind die Aufgaben einer zu bildenden jüdischen Schulscktion. Drei Monate blieb die Interpellation ohne Autwort. Die allgemeine Kommission des Stadtrats war inzwischen, mit dem jüdisch-assimilatorischen ״Bureau für soziale Arbeit“ in Verbindung getreten, um geineinsain eine eingehende Begründung zur Ab Ich* ining dieser elementaren jüdischen Forderungen zu י verfassen. Am 14. Dezember fand endlich die Behandliiug der Interpellation statt. In cinstündiger Rede berichtete Herr Pawlo* witsch über den Beschluß der Kommission, die Interpellation abziilclinen. Fr stützte sich dabei auf ein polnisches Gesetz vom 3, Juni 1802, das lautet: ״Nachdem die Juden die Wohltat des allgemeinen Rechtes ״Schau, dort drüben ist ein Steinhaufen, siehst du?- Dort ist es schattig. Wollen wir dort ausrubeu! Wir werden ja doch erst nach Sonnenuntergang zu den Bcduineii gelangen. Ruhe״ wir ein wenig! Was kann das schaden?“ Sein Vorschlag findet meinen vollsten Beifall. Mitten auf der wciilleuchteiulen Fläche vor uns erhebt sich schwarz ein großer Trümmerhaufen. Kleine weiße Streifen umgeben ihn wie Wächter. Zwischen zwei großeu Steinen, die einander berühren wie die Seiten eines abgeschlagenen, aufrcchtgestelltcn Buches werfe ich mich kraftlos in den Sand und schlürfe durstig die Küble des Schattens. Nur noch meine Fußsohlen sind jetzt im Bereich der Sonne und brühen im Sand. Mosche Jossi blickt selmsüchtig zum Horizont und spricht mit trauriger Stimme: ״Wenn ich einen Begleiter finden konnte, so wie ich ihn wünsche, dann würde ich nochmals ivusziehn, die keehabiter zu suchen . . . Aber es gibt keine mutige״ und glaubensstarken jungen Juden mehr. Es gibt keine mehr . . . Die Rcchabitcr — das ist eine fixe Idee von ihm. Fr glaubt fest, daß sie vorhanden sind und empfindet für sie eine besondere Schwärmerei. Bei seinen zahlreichen Wanderungen durch ganz Lrcz-Jisrael ist er bis zu den entferntesten Orten gelangt, aber sein Ziel, den Wohnort der Rcchabitcr, bat er noch nicht erreicht. Um diese seine Forschungsreise hat sieb bercits unter den Kolonisten ein Sagenkreis gebildet und die Spaßvögel erzählen, Mosche Jossi habe schon lange eine eigene Besitzung sowie auch eine Frau im Lande der Rcchabitcr. Nicht umsonst habe er es ja abgelehnt, in Galiläa oder Judäa eine Besitzung zu erwerben, trotzdem man es ihm schon mehrfach angcboten hat! Nicht umsonst wolle er nicht heiraten, obwohl man ihm schon außerordentlich gute Partien vorgeschlagen hat! Dieser Mosdie Jossi ist jetzt schon bald sichcmmddreißig Jahre alt und alle seine Bekannten sind schon daran verzweifelt, daß doch etwas liclumg dieses itcH'iiis״, i.'iuict es lerne! 111 uem »jcsci/,! ,,können Zivil- oder Handelsakten wie Testamente, Kontrakte. Verpflichtungen, Obligationen, Wechsel, Reellinnigen, Bücher, namlclskorrcspoiideii/cn und ähnliche Akten un.d Dokumente weiter in hebräischer, noch in jüdisch-deutscher, noch in einer anderen Sprache mit hebräischen Lettern, geschrieben oder unterzeichnet werden. In solcher Schrift und Sprache abgefaßte Akten haben keine Gültigkeit.“ Nachdem der russische Geset/eskodex (im Jahre 187(1) in Polen eingeführt worden war. habe zwar der Senat, so führte der Redner aus, das Verbot der hebräischen und jidischen Sprache, das’die russische Gesetzgebung nicht kennt, aufzuheheii. beschlossen. Die Kommission des Stadtrats finde aber, daß der Beschluß des Senats gegenwärtig keine Gültigkeit habei! könne. ״Die Privilegien, sagte Pawlowitsch, die die Juden in Polen genießen, erhielten sic unter der Bedingung, daß sic sich der Forderung des genannten Gesetzes von 1862 unterw e r f e n , und ihre Sprache und Schrift au fgebc 11." Lbens« besitze weder die hebräische, noch die jiilisclie Sprache im Königreich Polen das Recht, Unterrichtssprache zu sein. Das gleiche Gcsetz, von 1862 anerkenne als die einzige Unterrichtsspräche in den öffentlichen Schulen die polnische Sprache. Die Juden würden in Polen nur als religiöse, aber keineswegs als Spracligruppc betrachtet. Für die jüdisclicu Schulen in Polen sei daher der allgemeine Beschhtll über die Laiulesunlerrichtssprnchc obligatorisch. Line Ausnahme bilde nur das Gesetz (von 18hl) über die Ghadarim, aber auch dieses Gesetz sei ein Produkt der russischen Gesetzgebung. Ucbrigcns betrachte auch dieses Gesetz die Ghadarim bloß als private, religiöse Anstalten, Jedenfalls seien die Vor- Schriften über die Ghadarim eine Ausnahme, die man durch Deutungen nicht erweitern dürfe. Die einzige Landessprache in. Polen sei die polnische. Hebräisch und ״Jargon“ seien es nicht und könnten es nie werden. Dieses Prinzip sei überall in Europa und Amerika anerkannt. In Polen aber sei cs sanktioniertes Dekret, das seit dem Jahre 1862 seine Kraft nicht verloren habe. Das sei ein rein polnisches Gesetz, ein autonomes Recht des Landes. Folglich könne weder Hebräisch noch ״Jargon“ jemals Unternclitsprache für die Schulen des Staates, der Gemeinde oder der Stadt werden. Ebenso könne auch nicht von der Gründung eines besonderen, jüdischen Schulrates gesprochen werden. 1111 Namen der allgemeinen Kommission schlug der Berichterstatter vor: In Anerkennung der Kraft des im Geiste der polnischen Gesetzgebung verfaßten Gesetzes vom Jahre 1802 über die Sprache der Schulen mul in der Uebcrzeiigung. daß sein Grundprinzip mit dcii Interessen des polnischen Staates übereinstimmt, geht der Staatsrat über den Vorschlag der jüdischen Volksgruppe zur Tagesordnung über. Weil diesem Bericht noch zwei andere Vorträge über das Schulwesen in Polen folgten, wurden die IN*• batten über die Ausführungen des Berichterstatters der Kommission auf die nächste Sitzung vertagt. Der Vorschlag des Herrn Pawlowitsch wurde bei einer sehr erregten Stimmung, die jede ,,Jmleiulehatte“ im Stadtrat auszeidmet, aufgenommeu. Als der jüdische Ahgeordnete Prilut/ki um das Wort zur Geschäfts- Ordnung bat, wurde es ihm verweigert und als Ratmann Hirschhorn dagegen protestieren wollte, brach ein Tumult aus. Zielinski mul später der Führer der aus ihm werden könnte. Er ist in einer kleinen riissisehen Stadt geboren und sein Vater, der Schlichter, hoffte, aus ihm würde einst ein Rnbbi mul ein Großer in Israel werden. Aber im Alter von siebzehn Jahren ist er auf Abwege geraten und ein Ketzer geworden. Als er Soldat werden sollte, floh er nach Ercz-Jisrael und wurde Arbeiter in den neueren obcrgalilüischen Kolonien. Bei seiner Arbeit zeigte er in der ersten Zeit viel Fleiß, dann wurde er lässig und verließ sic häufig, um seine weiten Wanderungen zu unternehmen. Seit damals hat sich sein Aussehen fast gar nicht vorändert. Man behauptet, daß der Mosche Jossi, den wir heute vor uns haben, derselbe wie der vor fünfzehn Jahren ist. ״Eine Zigcuncrscelc steckt in diesem Menschen“ - - spricht man von ihm mit bedauerndem Kopfschüttcin - ״schade! Nicht viele seinesgleichen gibt es unter uns! Solch gebildete und vielwisscndc Leute gibt es nur wenige in unserer Zeit . . . Aber ein Fluch Gottes verfolgt ihn, er kann nicht an einem Ort aushalten. Er ist verrücktl . , .“ Schläfrig und milde gibt sielt die nnfnichtbare Wüste den Liebkosungen 11er Sonnenglut hin; Aus uralter Gewohnheit saugt sie an ihnen ohne Hoffming, von ihnen befruchtet zu werden . . . Wohin das Auge nur schweift, überall weiße Feuerflächen, glatt ausgebreitet wie eine Decke oder gerippt und durchfurcht und mit Steinen besät — Spuren der Siidstiinnc, Der Himmel ist wie eine im Feuer glühende silberne Schale, die jeden Augenblick zu schmelzen droht, Tropfen geschmolzenen Silbers zittern in der Luft, beben im Weltraum, ohne in den Sand zu fallen. Todesstille. Ich schließe ilic Augen und lasse nur einen schmalen Spalt zwischen meinen Lidern offen; und durch diesen schmalen Spalt fange ich das Zittern der leuchtenden Tropfen und spanne einen Lichtkegel, der bis zum Horizonte reicht — eine goldene Brücke zwischen zwei Welten, der sichtbaren und der;unsichtbaren. Einen Augenblick mir und mein Ziel ist erreicht: die Brücke ist geschlagen und ich schwinge von einem Ende der Wüste bis zum andern. Aber plötzlich stößt mich iilii li.tuiMl׳ w1»Lm* uu juuu» stnu zum Wort gemeldet: Rabbiner Posnatiski, H. Färbstein, N. [’ rilutzki Seide mann, Hirschhorn und andere. Vom Rettimgskomitee in Lemberg Die letzte Beratung des jüdischen Rettungskoinitees in Lemberg, die am 10, Dezember stattland, bcfaßte sich hauptsächlich mit der Einanzfrage, die in letzter Zeit besonders akut geworden ist. Der Vor* sitzende, Prof. Dr. Brom borg, berichtete, daß das monatliche Budget des Rettungskomitees 22000 Kroneu beträgt. Das Komitee erhalt von den amerikanisclien Hilfsgeldern 1100(1 Kronen, während die andere Hälfte von den Juden in Lemberg selbst aufgebracht werden muß. Dem Bericht über die Tätigkeit des Komitees für die Monate Januar-November l'Hö entnehmen wir folgende Ziffern, die von den grollen Leistungen dieser jüdischen. Hilfsorganisation ein Bild geben. Das Komitee gründete in Lemberg: eine Küche, die täglich 1500 Mittage unentgeltlich verteilt und ein Budget von 81007 Kronen hat; 'i Kinderheime, in denen 100 Kinder erzogen werden und «he 1900 Kronen monatlich erfordern; Werkstätten für Mädchen, in denen 410 Mäddien beschäftigt waren; eine Wäscherei, in der 16 0.10 Stück Wäsche für Flüchtlinge unentgeltlich gewaschen wurden, und die dem Komitee 2501• Kronen gekostet hat; ein Informationsbüro, das in 570) Fällen juristische Hilfe erteilt hat und das sich bei den gegenwärtigen Verhältnissen in Galizien aU unentbehrlich erwies; eine Arbeitsnaclnveisstelh: und eine Erfriscliuiigsstelle für Flüchtlinge, die sich während der Evakuatioiicn besonders wertvoll zeigte und 01 0,lü Mittage mientgeltlieh an Flüchtlinge zur Verteilung brachte. Außerdem versorgte das Komitee die Flüchtlinge mit medizinischer Hilfe, sorgte für ihre Kleidung und Bcschuhung und verteilte auch kleine Geldunterstütz.ungeu und Anleihen. Das Komitee dehnte seine Tätigkeit auch außerhalb Lembergs aus, indem es 16J Lokalkomitees in der galizischen Provinz unterstützte. Insgesamt betragen die Ausgaben des Rettungskomitees für die 11 Monate des Jahres 1916 8/0 618 Kronen. in den Debatten teilte der Vorsitzende ergänzend mit, daß von der Regierung und vom Magistrat das Konlitcc nur '20 000 Kronen zur Gründung eines Waisenliauscs erhalten hat. 50000 Kronen erhielt der Magistrat von der Regierung zwecks Verteilung unter den jüdisehen Flüchtlingen, worüber aber das Komitee keine Rechnung erhalten hat. Damit ist die ganze jüdische Flüchtlingsfürsorge seitens der Regierung und des Magistrats erschöpft. Die Beratung wählte eine neue Finanzsektion mit Herrn Med.-Rat Dr. Bett an. der Spitze, die für die Vergrößerung der Geldmittel des Komitees Sorge tragen soll. Aus Palästina (Brot für j e r u s a 1 c m) Der kommandierende General der IV. Armee, Djcmal Pascha, der am 10. November Jerusalem bcsuchte und von den Vertretern aller Gemeinden der Stadt feierlich begrüßt wurde, machte der Stadt eine große Menge Weizen zum Geschenk. Die jüdische Oe- Mosche Jossi am Fuß, blickt mich mit seinen tiefen, funkelnden Augen an und sagt: ״Höre, vielleicht wirst du mich begleiten?“ Im ersten Augenblick weiß ich nicht um was es sich handelt, aber bald merke ich es und antworte ihm aus dem Halbschlaf: ״Zum Teufel mit dir und deinen Rechabitcrn! Du siehst doch, daß man schlafen will, da kommst du mit deinen Phantastereien! , . Ich schließe wieder die Augen und suche die goldene Brücke zwischen mir und dem Horizont neu zu schlagen, aber vergebens. Ich erhebe mich auf meine Knie, kratze mich an meiner Glatze und sage mit weinerlicher Stimme: ״Mosche Jossi, Mosche Jossi, warum hast du mich unglücklich gemacht?“ Ich will irgendein Gespräch anknüpfen, um mir die Langeweile zu vertreiben, aber an seinem Gesicht sehe ich, daß seine Seele jetzt im Reich der Träume weilt. In solchen Augenblicken empfinde ich eine besondere Ehrfurcht vor diesem merkwürdigen Menschen, dessen Herz rein und unschuldig ist wie das eines Kindes tind dessen Mund immer von einem traurigen Lächeln' umspielt wird. Ich wende meinen Kopf nach der anderen Seite und blicke vor mich hin. Line unendliehe Menge von Ameisen iniihcn sich an der Leiche eines Skorpions ab, kriechen unter ihn, schwingen sich auf seinen Rücken, umgeben ihn von allen Seiten und beraten, wie sic diesen Riesen von der Stelle bewegen könnten. In weiter Ferne fliegt ein einsamer Vogel, steigt und singt, wendet plötzlich und verschwindet in sclmurgradem Fluge hinter den Sanddünen. Ich suche in dem weiten Raume noch etwas, womit ich mein Auge beschäftigen könnte und finde nichts. Allmählich schließen sich meine Augen von selbst und die goldene Brücke verbindet mich wieder mit dem Horizont. Müdigkeit und unendliche Süße ergießen sich durch alle meine Glieder und ich werde immer leichter und leichter . , ,