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Jüdische Rundschau · 1916-12-29 · Heft 52 (29.12.1916) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXI (1916)
Issue
Heft 52 (29.12.1916)
Date
1916-12-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
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״•»־vusvnuen׳ jtin^ju״ -jm־reu;“1m<n1:50n׳cterü0 ־t0tivTiH.‘H־, während ihrer Studienzeit sehr eifrige Zionisten waren; ihre Gesinnung ist über Zweifel erhaben, — aber wo ist heute, nach 25 Jahren, diese Armee von Tausenden? Ls ist eine alte Klage, die immer wieder in unser» Reihen ertönt. Beinahe jeder dieser Studenten hat, nachdem er seine Studien beendet hat, keine Zeit mehr für derartige N'cbcnbeschäf* tiguug wie Zionismus. Sein Berufsleben forderte seine Arbeit und verschlang seine Interessen; so kam es, daß aus der zionistischen Jugend jener Typus zionistischer Bürger wurde, die im philiströsen Leben versanken, deren Zionismus immer lahmer wurde und schließlich mir in der Beitragsleistung und in gelegentlichen Acußcrungen an Feiertagen, nicht aber im Leben selbst zutage trat. Der immer sich erneuernde Strom von Menschen verebbte, ehe er z.u reißender Kruft angeschwollen war . . . Wie steht es heute? Unsere Begriffe haben sich gründlich gewandelt. Seit bald drei Jahren ist der größte Teil aller Männer Europas von Haus, Herd, Beruf, normalem Leben losgelöst; was unmöglich, ja nicht einmal denkbar geschienen hat, ist unter dem Zwange der Verhältnisse Tatsache geworden. Wir haben daraus gelernt und ttpser Denken geht andere Bahnen. 'Früher war jeder beherrscht von dem cingcstandenen oder uneingestandenen Streben, sich sein Leben so angenehm wie möglich eiir/.uriclvten, und fühlte sich am wohlsten, wenn er auf ausgefahrenen Geleise dahinrollen konnte, ohne Gefahr, plötzlich vor einer unerwarteten Wendung zu stehen. Heute tun Mil-!ioneil Menschen widerspruchslos, was unter andem Umständen als das Absurdeste gegolten hätte. Das deutsche Reich z. B, ruft jeden Mann zum Dienst fürs Vaterland, und die Vertretung des Volkes stimmt zu, weil das Volk sein Kostbarstes in Gefahr sieht. Auch viele tausende zionistische Männer stehen im Krieg, und nicht nur Studenten; was hätten diese gesagt, wenn man vor drei Jahren gefordert hätte, sie sollen ihr Haus verlassen und zwei Jahre ihres Lebens für zionistische Arbeit geben?! Ist daraus zu schließen, daß ihnen der Zionismus nicht wichtig genug war? Ich glaube der Grund ist nur der, daß der Gedanke eines Aufgebotes zum Dienste uns fremd war. Aber das ist anders geworden. Freunde — wir selber, die zionistische Jugend, wollen von der Organisation die Einf ü 11 r u n g der Dienstpflicht v e r 1 a n g c n 1 Es soll ein zionistisches Arbeitsamt beim A. C. errichtet werden, und jeder Einzelne m u ß in einem Arbeitszweige sein Jahr abdienen. Jeder Zionist soll mit diesem Jahr rechnen müssen, ja jeder Jude; — denn Jude-Sein ist heute ja so leicht, niemand zwingt einen, etwas für das Volk zu tun. Jude-Sein wird erst etwas bedeuten, wenn es Pflichteil fordert. ■Es würde dann von selbst so koin- ׳out ge! 1 ccm ׳ סמורDi etiצ tp!trefft geiTCn ׳! timu in־ r ta uu. Die Drückeberger sollen dann nichts mehr zu reden haben. Welch eine Macht wären wir, wenn jeder an seinem Platz stünde! Nach seinem Dienstjahr — was jst uns iieutc ein Jahr! — möge jeder, wenn er will, zu einem normalen Leben und Brauch zurückkehren; aber bereit sein. Denn die Dienstpflieht bedeutet nicht nur dieses eine Jahr Dienstes; cs bedeutet auch, daß, wenn es not tut, im entscheidenden Augenblick die ganze Armee aufgeboten werden kann, daß jeder, der schon gedient hat, jederzeit eingezogen werden kann, tun das zu tun, was das Wohl des Volkes erheischt. Aber da ist nicht etwa gemeint, daß der betreffende Mensch dann für Agitationsvorträge und ähnliche Zwecke des Parteilebens kommandiert wird. Sondem der nationale Betrieb muß, wenn er nicht bedeutungslosc Vereinsmeierei bleiben soll, über alle Gebiete des Lebens und der menschlichen Arbeit ausgedehnt werden. Wir brauchen Menschen, die im Leben drin stehen. Wir werden Aerzte, Ingenieure, Handwerker zu öffentlichen Arbeiten heranziehen, wir werden unsere Lehrer selbst wählen, ausbilden und ihnen den Platz zuweisen, wir werden überall, wo eine Lücke klafft, deren Ausfüllung das Wohl des Volkes erfordert, den geeigneten Mensehen hinstellen, wir werden vor allem für unsere Arbeit in Palästina — das ist das Wichtigste — für die rauhe und edle Arbeit am Boden, unsere Mannschaft ausbilden;und stellen. Auch für Mäddien soll die Dienstpflicht gelten, und vielleicht wäre gerade auch diese sehr wichtig; die Mädchcn würden in der Arbeit ein arideres, wahreres und besseres Bild des Lebens erhalten als das ist, das in ihr spielendes Dascifi dringt, und würden tauglicher werden, die Mütter unseres erstehenden Volkes!zu sein; und vielleicht könnte in Gemeinsamkeit der nationalen Arbeit der männlichen und weiblichen Jugend der Grund zu Verbindungen gelegt werden, deren Lebensziele über das biirgerlicli-familicnhafte •unserer heutigen Judenclien hinausreichen. Unsere Leitung müßte die Macht erhalten, Einberufungen auszuschreiben und über die Menschen zu verfügen für alles, was Techijath haarn und Techijath 11a;rezerfordert; und das Volk müßte die Garantien haben, daß dies gut getan wird. — Es ist oft der Vergleich zwischen der Makkabäerzeit und unserer Zeit gezogen worden; der Vergleichspunkt ist wohl der, daß Juden, die solange des Krieges entwöhnt waren, heute wieder Krieger geworden sind. Es ist zweifellos ein Kömdien Richtigkeit in dieser Anschauung, die am erschütterndstcn in den Versen unseres toten Hugo Zuckermann ausgesprochen wurde; Heute darf jdi den Genossen Makkabäer-Lieder sagen, W'eil ich selbst ein Schwert getragen Und mein rotes Blut vergossen ... ן - ---- Geehrter Delegiertcntag! So dürfen wir in ruhiger I Abschätzung der augenblicklichen Lage trotz Anerkeit- 1 nniig aller Schwierigkeiten unsere Tätigkeit in dem Bewiilllscin fortsclzcii, daß die zionistische Bewegung als Idee mid als Organisation die schwerste Krisis bisher ühcrstamlen hat und hoffentlich bis zu Ende des Krieges überstellen wird. Sie verdankt dies nicht ihrer örtlichen Ausdehnung, nicht der äußeren Stärke der Organisation, niehl ihren Cieldinitteln und nicht der formalen Diszipliu, die in ihr herrscht, sondern allein der Tatsache, daß immer und immer wieder der Zionismus an jeden einzelnen seiner Anhänger mit der Forderung herangetreten ist, das eigene Lehen mit der zicmistischcu Blee zu erfüllen, nicht mir äußerlich einer Orgaiiisatoii anztigehören, sondern seine Person voll in den Dienst der Sache zu stellen und den Anforderungen der Idee entsprechend zu leben. Diese intensive Auffassung des Zionismus hat es bewirkt, daß auch, losgcrisscu von seiner Umgehung, hincingcstellt in die gewaltigsten Ereiguisse, der einzelne Zionist den geistigen Zusammenhang mit dem nationalen Judentum sich bewahrt hat und daß aus Hunderten vereinzelter Männer ebenso viele Zentren zionistischer Einwirkung geworden sind. Die heutige Zeit ist mehr als irgend eine (kmeration geneigt, den Wert der Disziplin und strammen Organisatitm anzuerkennen. Auch im Zionismus haben wir unsere alte Taktik bewährt geiunden, alle unsere Kräfte konzentriert zusammenzuhalten und in einer Richtung zu führen. Voraussetzung aber bleibt die Erfüllung des einzelnen mit der zionistischen Idee. Nur der in uns lebende und uns beherrschende Zionismus kann die Quelle der Opferhereitschaft werden, die eine ernste Zeit und eine große Aufgabe von jedem von uns fordern. Dienstpflicht*) Von Robert Weltsch. In den Jahren des Friedens, die noch gar nicht so weit hinter uns liegen uhd doch sciion so 1111erreiclibar fern, wäre cs jedem Menschen als uner־ hörte und lächerliche Zumutung erschienen, wenn man von ihm gefordert hätte, er müsse außerhalb seines privaten Wirkungskreises ein oder zwei Jahre seines Lebens der Arbeit für eine Sache ganzlieh widmen, also nicht etwa in seinen Mußestunden ihr dienen, sondern ganz und ausschließ• lieh für sie leben. Jeder Mensch hatte seinen vorgezeichneten Weg, einen Beruf und Berufspflichten und das Bestreben, den Zwecken seiner Wirtschaftiiclicn Stellung möglichst wenig von seiner Zeit und seiner Tätigkeit zu entziehen. Alles andere ging nebenher. Die einzige ״Störung“, mit der man sich abgefunden hatte, weil der Zwang des Staates cs von altershcr forderte, war — wenigstens auf dem europäischen Kontinent — die militärische Dienst• pflieht. Die galt übrigens nicht für alle, und das eine Jahr wurde von vornherein in die Rechnung einbezogen, wenn man den Gang des Studiums oder Berufes festsetzte. •) ,Aus der Cliamtkkah-Sondennimmer der ״Jüdisehen Rundschau“ für die Freunde im Felde. U יי״״״■ ״ . " ...״ .!.'_. יי י. י־ י״■ ■ blieben. Und zu meinem großen Schmerze hört Mosche Jossi sofort darauf, steht auf und ist zum Weitergehen bereit. Wir wandern schweigend in der glühenden Hitze weiter. Ringsum weite Getreidefehler; hie und da erheben sich Anhöhen; viele Wege schlängeln sich vor uns ineinander. Auf einem Hügel steht eine einsame Mühle, ganz in Liclvt getaucht, mit zerbreche nett Flügeln und schlummert. Ein totes Kamel liegt mitten auf der Landstraße und verpestet die Luft. Tausende von Fliegen umkreisen es suminend. Am Horizont heben sich die Umrisse der Berge von Judäa ab, in einen bläulichen Dunst gehüllt. Ihre kahlen Spitzen blitzen bald hier, bald da in der 11011־ gleißenden Luft auf und die auf ihnen verstreut liegenden Dörfer scheinen mattweiße Pilze, die aus den fcisklüften emporschießen. Die Sonne steht ganz, hoch am Himmel. Auf einein schmalen, von Kaktusbüschen umgebenen Pfade kommen wir itt ein arabisches Dorf, mitten unter die unregelmäßig zerstreut liegenden Lehmhäuschen. Die schmutzigen Zelte stehen da mit iltreti Löchern und Rissen, die als Türen und Fenster dienen, ganz versunken in Lieht. Die Lrdhügel, die Hof von Hof trennen, gleichen kleinen Wällen und die spitzen Lelimpyramkleii,' in denen der Dünger aufbewahrt wird, erhellen sich da und dort wie alte Ruinenüberrcste. Auf den Schwellen der Häuser sitzen alte Araberweiber und entlausen ihr , Hctnd oder suchen einander den Kopf ab. Kinder sitzen auf der Erde und spielen im Schatten der Wände, 1 auf denen Ungeziefer aller Art umherkriecht. Auf ei- 1 nein flachen Daclt stellt ein halbnacktes junges Mädeben und hängt Wüsche auf eine Leine, die zwischen 1 zwei Pfählen gespannt ist. Das Mädchen betrachtet j uns eine Zcitlang, lacht dann plötzlich auf, klatscht itt I ־ die Hände und eilt in den Hof hinab. Am Ende des Portes sehen wir einen breiten Sandstreifen, der schon I von weitem in, die Augen fällt. Hier beginnt da« Oedlaitd. j Auf unserem Wege begegnen wir einsamen Palmen und Oelbüumen, doch überwinden wir unsere Lust, in ihrem Schatten zu ruhen, gehen an ihnen vorbei und wenden uns zu den Zelten der Beduinen, die nicht weit von Gaza lagern. Diese Beduinen sind als höchst sachkundige Diebe bekannt, doch häufig geben sie gegen geringes Entgelt das Gestohlene wieder an den Eigentiimer heraus und helfen ihm sogar, es aufzufinden, falls sie selbst nicht am Diebstahl beteiligt sind. Mosche Jossi kennt sie genau und ist bei ihnen wie zu Hause und er hat sich bei solchen Affaircn zwischen den Kolonisten und den Beduinen schon mehrfach als gro- Ber Diplomat erwiesen. Mosche Jossi schreitet wie ein Soldat fest und sicher aus; aber ich empfinde Müdigkeit am ganzen Körper. Mein Gesicht badet in Schweiß und meine Schuhe schlenkern auf meinem Rücken und drücken wie eine schwere Last, ich frage meinen Begleiter, wann wir in jene jüdische Kolonie kommen, von der er mir am Morgen gesagt hatte, wir würden dort das Mittagbrot rinnelimen. Mosche Jossi springt auf: wie habe er das nur vergessen, wie habe er nicht darau denken können! Jetzt gingen wir ja einen ganz andern Weg! Dieser Weg sei zwar weit kürzer, die Kolonie befinde sich aber ganz, wo anders! Ich richte auf Mosche Jossi einen vorwurfsvollen Blick. Er schaut auf mich und ladhelt gutherzig und schuldbewußt. Dann spricht er: ״Fürchte nichts, Bruder, wenn wir hungrig sind, dann werden wir von den Vorräten derer essen,!denen wir begegnen!“ Diese Antwort vermochte m'ch nicht zu befriedigen, und ich zischte mit gemachtem Zorn: ״Und wenn wir gerade das Unglück haben, nieniandem zu begegnen? Dann werden wir ja Hungers sterben!“ ״Darüber brauchst du dich nicht zu beunruhigen! Der Mensch kann zwei, ja drei Tage ganz ohne Nahrung bleiben, trotzdem schadet ihm das gar nicht.“ Beim Anhören dieser Lebensphilosophie nehme ich einen kleinen Stein vom Boden auf und schleudere ihn mit Macht gegen ein unschuldiges Vöglein, das in der Luft umherflattert. Ich habe nicht getroffen, doch das Vöglein erschrickt und verschwindet zwitschernd iin Himmelsblau. Mosche jossi lacht laut und rezitiert: ״Und cs zogen die Kinder Israel durch die Wüste . . Sein Lachen ünd seine Worte ertrinken in der Stille der Lichtflut. Wir verstummen beide. Ich versinke in Gedanken: ״Und es zogen die Kinder Israel durch die Wüste . . Wüste . . . Wo habe ich das gelernt? Wann? Ja, das war in dem kleinen Städtchen, weit, weit von hier, an einem kalten Wintertag, währctul ein Schneesturm draußen heulte wie ei 1 hungriges Tier . . . Durch die Wüste . . . Wo ist er je.zt, der alte Rabbi, der vielleicht gar nicht einmal wußte, was eine Wüste ist? Und wie steht es jetzt mit dem Stadteben? Liegt es auch in diesem Augenblick in Schnee begraben? . . . Aus meinem Gedenken sciireckt midi das Läuten von Glocken auf. GrelKveißc Gewänder zittern in der Luft: eine Karawane zieht durch die Wüste. Ein langer Strick verbindet die Kamele zu einer langen Kette, damit sie nicht auseinanderkonunen. Auf dein vordersten Kamel sitzt ein alter Araber; sein Blick ist gesenkt, als blicke er auf den langen, dicken Kniippel, der auf seinen Knien liegt. Die übrigen Araber gehen neben den Kamelen iter und bringen von Zeit zu Zeit die Üelkrüge an dem Hocker in Ordnung. Als letzter reitet auf einem Esel ein junger Mensch, mit einem Karabiner bewaffnet. Seine langen Beine baumein an den Seiten des kleinen Esels herab und berühren den Boden. Mit einein Holzpilock stößt er von Zeit zu Zeit den Esel am Halse, utn ihn anzutreiben; zwischendurch gebraucht er den Holzpflock für sich selbst, indem er seinen Kopf unter dem Turban kratzt. Nach einiger Zeit ist die Karawane verschwunden und wir sind wieder allein im Sandmccr der Wüste. I>er reine, tiefe Himmel badet in weißer Glut. Ringsum eine müde, berauschende Stille. Eidechsen und Chamäleone huschen über den Sand und wärmen sielt an der Sonne. Meine Füße stolpern und mein Kopf ist schwindelig vor Müdigkeit und Hitze. Mosche Jossi greift plötzlieh nach meiner Hand jmd zeigt mit dem Finger:

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