Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXI (1916)
- Issue
- Heft 47 (24.11.1916)
- Date
- 1916-11-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 47 Seile 388 j U E l>i SC II E R U N!)SCHAU iimcrzionist!scheu Auseinandersetzungen, das war uml j ist unsere Ucbcrzciigiing, s ml die Aciiß.’nmgcn eines kräftigen Lebens in dem in der zionistischen Organisation /usammeiigc'nßten nationn'en Judentum, haben, besonders soweit sie irgendwo in der Ocffcutliclikeil geführt wurden, der ernsten, wenn auch entschiedeiieu Saclilicbke.t mein 11» ermangelt uml beduriten kaum einer von außen kommeirden Vcrsuhnungsgeste. Abgesehen von diesem Aufsatz enthielt das erste und zweite lieft der neuen Zeitschrift einen Aufsatz, von Georg tiothein ״Zur Nationalitätenfrage in PaJeti“, der zur Nationalitäten rage und zur jüd scheu Frage gleichwie in dem früheren Aufsatz desselben Autors, der im ,,Marz“ erschienen ist% Stellung 11 ilun. Lin Aufsatz von l)r. Julius Hirsch behandelte die wirtschaftliche Verwertung der brachliegenden ostjüdischeu Arbeitskräfte und stellte als (iruudsatz der vorzunehniendeu Organisation 41er Arbeit auf,!lall die brachliegenden Arbeitskräfte so zu verweilden wären, (lall sie dem wirtschaftlichen und nnlitärischen Interesse des I knitschen Reiches mit dienen. Dabei sollen die Ziikiinftsinteressen dieser Massen mit berücksichtigt werden, sodall sic, soweit irgend möglich, im Osten selber zu verwenden wären. I>.c Arbeitsorganisation solle an die besondere seelische Ligenart und die religiösen I igeiitümlirlikeitcii angepalt( sein; in diesem Rahmen solle aber energisches Anhalten zur eigentlichen Arbeit als ünmdsatz gclteil. Dr. Ilirsch machte zur Durchführung dieser (irmulsiitze bestimmte Vorschläge. Ls scheint leider, daß es bisher bei der nicht gmz.giückl emm Formulicrung der Grundsätze geblieben ist, statt daß der Versuch gemacht worden wäre, eine vernünftige Arbeitsbescltaffmig selbst 111 die Wege zu leiten. Linen wertvollen Aufsatz über jüdische I rziehung, der für die Schaffung der jüdischen Sehlde m Deutschland cimritt, schrieb im eisten lieft Dr. Heinrich L o e w e, einen informierenden Aufsatz über ,,Wege der Oemcindcpolitik“ Hr. Max K o 11 e 11 s c 11 e 1־ im dritten lieft. Lin sehr guter Aufsatz, von vollständiger Anerkennung der nationalen und zionistischen Auffassung des jüdischen Problems Zeugnis ablegeml. war der Beitrag von Ludwig Uucssel: ״Der An- Spruch des Judentums auf nationalkullurclle Wirksamkeil“. Hermann C o I! e n schreibt in jeder Nunimer kurze Ausführungen als ״Streiflichter über jüdisehc Religion und Wissen chait“. Im erden lieft stand 1:111״ rcligionsgcschielitlichcr F’estgruß“ zum Neujahrs- und zum Versöhmmgstag, in einem weite■ reu Heft eine Auseinandersetzung über das Thema ״Oottvertraiien“. In der gleichen Rubrik machte im zweiten lieft Hermann Cohen einige kurze Heinerklingen über das Thema der (iren/sperre, das er, allerdings in viel gründlicherer Form, im ״Juden“ schon früher behandelt hatte. I rwiihnt sei ferner aus den bisherigen Heften unter dem li.cl ״Soziologische Tngcbiichblätter“ erscheinende kurze Oe- Icgenhcitsbemerkungeii von Franz O p p c u h c i 111 e r, eine chassiilischc Sage, von Alexander 1:1 i a s 11 e r g wiedergegeben, eine literarische Würdgnng Arnold Zweigs von Julius Hab, der sich nach Kräften bemuht, nachzuweiseii, daß es sich bei Arnold Zweigs Schaffen im ästhetischen und kulturellen Sinne keineswegs um eine jüdische Dichtung handelt, weshalb Hab für sein Teil ״jene zionistische Foulte, die Zweigs theoretische Meinung noch im allerletzten Augenblick in .sein Kunstwerk hineinträgt, durchaus ableimt.“ Im zweiten lieft der ״Neuen Jüdischen Monatshefte" steht ein Aufsatz von Professor Dr. Ludwig Stein, ״Dir Zerstörung der Legendeiibiklungcn“, der in seiner Oberflächlichkeit ein rechtes Beispiel dafür ist, daß mau aus einem ernsten Problem sehr leicht eine Plauderei machen kann. Ludwig Stein wendet sich gegen die Legende von der ״< iemeinbiirgschalt der jüdischen Rasse" mit dem Instinkt des Durchschnitts,•issimil,■ inten, der kein größeres Schreckliild keimt als die jüdische Solidarität. Mit der Kritik an dem Vorgehen des englischen Ministet s Herbert Saumei wegen seines I lervortretens in den Debatten über den Militärdienst der russischen Juden in Lngland macht es sieh Herr Professor Ludwig Stein sehr leicht, obzwar er gerade mit seiner empörten Ab'eiigming der jüdischen Gemeinburgschaft zu einer soeben Kritik kein Recht hat. Selbst eine mir etw׳as weniger oberflächliche Kenntnis jüdischer Vergangenheit, jüdischen Gegenwartslcbcns und jüdischen Zukunftswillcns hätte den Autor belehren müssen, daß es eine jüdische Solidaritat immerhin gibt, wenn auch allerdings in ganz anderem Sinne, als ihn Professor Stein in seinem Windnuilileiikarnpf aus der Welt der Lcgendpn und der Tatsachen ausmerzen möchte. Im dritten lieft der Monatshefte schreibt Dr. Adolf Friede mann einen Aufsatz unter dem Titcl ״Wir und die Ostjuden״, in dem er über die Lage und die Zukunft spricht, Friedemann erkennt an, welche reichen Kräfte im Ostjudentum ruhen und betont, daß man ״beim reichlichsten Verbrauch von Seife ein größerer Barbar sein kann als ein armer Jude im Osten, der die Ethik seiner mittelalterlichen Talmudlehre wahrhaft in sich aufgenotnmen hat״. Daneben erklärt er aber, daß das östliche Judentum so hilflos und in sich zerfahren ist, daß ilun Lührer von atdleuher dringend notwendig seien. Ls genüge, ״einer Versammlung von intelligenten, sogenannten Führern der Ostjudeu hci/uwolutcn, um zu sehen, wie sehr hei ihnen Ideologie und Verkeimiing aller Wirklichkeit vorherrschen. Ihm meisteil von ihnen fehle völlig der objektive Mnßstah für das I rrciehhire uml jeder Wb'klichkeitssinn ..." Oh Herr Dr. Fri:deni.inn d e Qualität des v! 111 Westen kommenden ״Führers“ nicht überschätzt? Oh er nicht verkennt, daß die ihm vorschwebendeu ״I ülirereigeiisehaftcu", die;ms dem Westen in (las poluisclie Jmliti um 1111|K>r«iert werden m.iß:en, e 11 Minus statt eines Plus waren? Im gleichen Heft der ״Neiieu Jüdischen Mouatshe.te“ m dem Herr ,Df. Friciieiiinnii die oben erwähnten Ansichten bekennt, schreibt ein ostjüdischer Führer, der die Ucdiirfnisse der Ostjuden einigermaßen kennen dürfte, dem aber midi die Dualitäten der westjüdischen Erlöser nicht ganz unbekannt sein können, in einer wonige Satze enthaltenden Rubrik unter dein Titel ״Oedanken über das Judentum“ folgendes Walirwort: ״Das Ansehen eines Führers steht hei anderen Völkern im geraden Verhältnis zur Stärke seiner Postulate, heim jüdischen Volke im umgekehrten Verhl1ltnis.se. Je mehr dort der Führer für sein Volk verlangt, desto höher steht sein Ansehen. Je weniger bei uns der Führer für das Volk verlangt, destu liölier wird er eiliges(h.itzt. Dort wird zum Führer ein Förderer, hier ein Verzichter. Wenn unsere Führer es dazu brächten, für •sich so bescheiden zu sein, so wenig zu fordern, so zu verzichten, wie sie es für ihr Volk tim, kein Volk hätte bessere Führer, als das unsrige Wird cs je so sein? Nicht von den Führern, von uns selbst hängt das all,“ Diese Worie Adolf Stands klingen wie eine Antwort auf Adolf ITicdemanns Sätze. Das Mimlesiprograinm, das Adolf Friedemann für die Zukunft 11:1 ()steil aufstellt, ist allerdings ein Programm, das von nationaler Seite immer wieder propagiert wird. Im gleichen lieft schließt sich an den Aufsatz Dr. Friediin.intis die Veröffentlichung einer lirkläntng ihn polnisch-jüdischen Assimilantcn, die im Feliruar dieses Jahres in Warschau abgegeben worden ist und in der die Assimilantcn eine kulturelle Autonomie für die Juden unter Ausschluß zwangsmiißiger politischer Assimilation der ji't.lischen Massen als aiiiieliiiiiiar erklärt haben. Einleitend wird hei dieser Veröffentlichung mitgeteilt, daß bei der Besprechung filier diese Erklärung die Zionisten vertreten waren. Diese Bemerkung könnte irrtümlicher• weise so anfgefaßt werden, daß die Zionisten mit dieser Erklärung einverstanden gewesen wären; es ist dalicr notwendig,’ hier festziistellen, daß dies nicht der Fall ist. Die Zionisten haben damals schon die Frkläriing der polnisch-jüdischen Assimilantcn in ihrer Wertlosigkeit, ja in ihrer Gefährlichkeit erkannt und deimnt-precheml ihre Unterschrift verweigert. Es sollte (Ialter nicht der Findntek erweckt werden, als wenn die Zionisten sich mit dem gefährlichen Linsengcrieht der polnisch-jüdischen Assimilantcn hätten bestechen lassen. Das letzte Heft der Neuen Jüdischen Monatshefte trägt anders als die beiden früheren Hefte an der Spitze die Bemerkung: ״Diese Zeitschrift ist ein offener Sprechsaal für Jedermann. Für den Inhalt der Artikel übernehmen die Autoren selbst die Veratit- Wartung. “ Fs scheint, daß die Herausgeber von der Präteilt 1011 nbgclassen haben, mit der sie ihre Zeitschrift als ein Organ zur Verständigung einführten. Zur Verwirklichung einer solchen Absicht genügt eben nicht nur die Einladung an alle möglichen Gruppen, sich als Mitarbeiter eiiiznstellen, cs ist dazu auch ein sachliches Programm notwendig. Und cs ist vorstündlich, daß es nicht gelungen ist, durch die Schafhing einer Zeitschrift, die ihrer ganzen Anlage nach zu den in der Einleitung nach dem Frankfurter Israelitischen Fnmilicnhiatt zitierten Bedenken Anlaß bot, ein solches Programm zu ersetzen oder zu schaffen. Deshalb ist cs als ein Zeichen der Ehrlichkcit anfzufassen und zu begrüßen, wenn sich die Zeitschrift jetzt in erster Linie als einen offenen Sprechsaal bezeichnet. Als solcher wird sic mandies Oute• stiften können, wenn es auch besonders unter jenen Juden, die ihre Anschauungen vom Judentum sehr entschieden zu betonen uml durchzusetzen gewohnt sind, in erster Reihe nicht darauf aiikommt, sich neben allen anderen in einem offenen Sprechsaal vernehmen zu lassen,!aus dem manchmal ein etwas disharmonisches Durcheinander herausklingen dürtte. Aber die Zeitschrift wind darum doch einen bestimmten Wert gewinnen und behalten könm׳n, besonders, wenn es der Redaktion gelingt, ihr Temperament einzuflößen, wo schon die ganze Anläge eine allzu ernste Oründlichkoit der Behandlung ausschlieflt, L, H. ״Morinh“ In Wien erschien vor wenigen Tagen ״Moriab“, eine zionistische Monatsschrift in polnischer' Sprache*). Seit Juli 1911 hat die ״Moriah“ unter dem Zwang der Verhältnisse' ihr Erscheinen »eingestellt »uml auf ruhigere /.fiten verlegt. Wenn sie jetzt trotz der mit imgrsclnväcliter Gewalt wütenden Kriegsstürme ihre Tätigkeit wieder aufnimmt, so» ,geschieht es nach den Worten der Herausgeber aus dem tiefen Gefühl der Pflicht den Idealen gegen- (über, die sie w ahrend ihrer 12 jährigen Tätigkeit verfochten hatte. In dem Augenblick, da vor dem jüdischen Volke sich mite uml weite Horizonte öffnen, hat ״Moriih“ eine wichtige cr/.k-hcrischq!Aufgabe vor sich, weil ja auf den Schultern der Ingentl die Wchcrgcstaltmig des Schicksal» de■; jü* *disclicii Volkes ruht, Das erste Heft der ״Monah" ist mil großer Sorgfalt zusaiiiiiH'iigcstellt uml sehr Inhaltsreich. In: einem Aufsatz ״Im Zeichen des kriege*״ gibt uns *W, II. eine umfassende׳ Darstellung der Lage der Juden im gegenwärtigen Kriege, wobei er den Hel* deninut der jüdischen Soldaten tmd das Liwathen des iiiklischeii Solidaritatsgefülils als besonders erfreu• liehe Erscheinungen hervorhebt. Die Aufgabe des jüdischen Volkes saht er im Golus itt der Erlangütig der vollsi;1ml1;.׳1׳n mithin,ihn und ׳politischen( t ilvielibereehtiguiij׳ der Juden, in Pa *äst Ina - In der erweiterten Kolonisation. Weiler bringt die ״Moriali“ enteil schönen, tief rtMitpfuiulenen Aufsatz vvn Martin B u I! e r: ״Was! ist zu tun“. Dieser Aulsatz war sdum IQtM in der ״Morialt“ veröffentlicht. Nun erscheint er wieder mit einigen einleitenden Wor,cn des Verfassers. Jetzt, wo die jüdische Jugend vor schwere Auf-!gaben und barte innere und äußere Kampfe gestellt wird, wirkt Bubers Gedanke: ditrcii das Menselituiu zum Judentum - erlösend uml befreiend. Außer diewen zwei programmatische״ Aufsätzen enthält die erste Nummer der ״Moriali“ einen Aufsatz über Frag von Dr, Z. F, F i 11 k c I s t e i ״ , eine Besprechung der Monatsschrift ,,Der Jude“ von Adolf Stand und den Anfang einer interessanten Arbeit mm Dr, 1. Schipper: ״Die jwlnisrh-litauiszlicii Judc‘11 tmd Palästina, ein lii-toriseiicr Beitrag zur romantischen Epoche des Zionismus in den polnisch-ldauselten Landern/‘ Das lieft schließt mit einem Bericht über die La״e in Palästina von A. Tartakow er und Mittciiungcn aus der Bewegung. Bibliographische Noti/cn geben über die letzten Erscheinungen auf dem jüdischen Büchermarkt Aufschluß. In der ״Moriah“ kann die polnisch-jüdische Ju* geml viele schöne Anregungen und nützliche Wegweiser für ihre Tätigkeit finden und wir hoffen, daß es den Bestrebungen der Herausgeber weder an moralischer noch au materieller Unterstützung fehlen wird, * ״Haam“ Mitte November beginnt in Moskau die he* bratsche Wochenschrift ״Hann!“ (die gegenwärtig einzige in Rußland) unter der Leitung eines Redaktioiiskollegiums, das aus den Herren Dr. M. Gliicksoli 11, Beuzion Katz, Jizeli.ik Grün* bäum uml Ch.iiin O r ii 1111 e r g bestellt, zu erscheinen. Fast alle hebräischen 'Schriftsteller von Namen mit denen gegenwärtig von Rußland aus eine Korrespondenz möglich ist, sind Mitarbeiter. Unter anderem wird der erste Jahrgang der neuen Zeitschrift bringen: einen nciivcrfaßten zweiten Teil des autobiographischen Werkes ״Bcjamim halicm“ von M e n d e I e-M o c 11 c-S fori ni, neue Er/iihlungen aus dem Kimlerleheii (״S.afiach“) von Uli N. Bialik, eine Reihe Gedichte Unter dem Himmel des Vatcrlandcs“ von Jakob I ich man 11, eine Reihe kritisiher Abhandlungen ,.Sifrutciiu״ von Dr, J. Klausn e r, die nachgelassenen hebräischen Lieder von S. Frug, wissenschaftliche Beiträge von Dr. J. L. Kat zn elsolt 11 u. a. In einem Aufruf an die jüdische ()Öffentlichkeit, die die Herren Dr. I. Tschlcnovv, A. Pod 1 i s c 11 e w s k i und J. A. Naiditsch anläßlich der Gründung dieser neuen hebräischen Tribüne erlassen haben, w׳ird unter anderem mitgeteilt, daß die Existenz dieser Wochenschrift finanziell gesichert ist. Sch. B. Zodikow Einer der ältesten und populärsten misrnchistisehen Agitatoren vom alten ״Maggid1m"-Ty|)11st der von der Kanzel herab in frommen volkstümlichen Worten jahrzehntelang das Volk zur Eriu.hmg seiner historischen Pflichten ermunterte, war der in diesen Tagen verstorbene Scholem Rczalct Z o d i - kow, In den letzten Jahren weilte er als Ver* treter des ״Misrnchi“ in Palästina und war dann zu dem Zweck« nach Rußland geschickt, um dort für die nüsrachistische .,Tacl1kcmoni“-Schulc Propagantla zu machen. Aul seiner Reise wurde er in Minsk von einer schweren Krankheit befallen, die seinem tätigen Leben ein Ende setzte. *) ״Moriali“, Zeitschrift für die jüdische Jugend. Wien 191(1. Abonnement j.ihrl. 6 Kronen (5 Mark), lialbjälirl. 3 Kronen (2,50 Mark), Vierteljahr!. 1,50 Kronen (1,25 Mark). Einzelheit 60 Heller (50 Pfennig). Redaktionelle Sendungen an Dr. W, Berkellutnmeif, Wien Vill, Laudongasse 8/32. Bestellungen Wien II Cirkusgasse 3(1/4, /