Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXI (1916)
- Issue
- Heft 47 (24.11.1916)
- Date
- 1916-11-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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öas jüdische Untcrrichtswcscn den Juden, die Sclwlslcucr der Juden den Juden. Freilich, mit dem Begriff ״Religionsgemeinschaft“ wäre das nicht mehr zu decken gewesen. Mau hätte übrigens erwarten sollen, daß ein derartiges Reglement, das ein so bedeutendes Lcbcnsgebiet einer Zweiniillionengenieinscliaft zu ordnen sucht, nicht ohne Verständigung über die bestehenden Bedürfnisse mit den berufenen Vcrtretern aus der Mitte dieser Gemeinschaft selbst abgefaßt worden wäre. Warum wurde niemand von den gewählten Repräsentanten der polnischen, Juden seihst befragt? Wie sehr diese Untcrlassang sich in der Verordnung nachteilig bemerkbar macht, /.eigen /tun Beispiel die licstinmumgen betreffend die Rabbiner. Wenn die Verwcchshing der Volksgemeinschaft mit der Religioitsge- Seilschaft im Falle der Schulunterhalliiiigspflicht zu einem Gegensatz zu den allgcniein-gesetz־ liehen Bestimmungen führt, so führt sie in dieser Frage zu einem kaum lösbaren Gegensatz zum jüdischen Leben selbst, liier hat eine völlige Verkennung der Stellung des Rabbiner!» einerseits, wie er sich int jüdischen Lehen von alterslier entwickelt hatte und wie er zum Unterschied von Deutschland heute noch in Polen lebt, und die aus der Erfindung des Begriffes ״Religionsgescllsdiaft“ sich ergehende Ucbcrspanuiuig der Bedeutung des ausschlieblich Ritnellen andererseits zu einer Verschiebung der rabbinisclieii Aufgaben geführt. Der Urheber der Verordnung dachte wohl dabei an eine Erhöhung der Würde des Rabbinerstaiides, die Unvertrnutheit mit den Verhältnissen aber hat Seine gute Absicht vom Ziele abgelenkt. Das mnie Gesetz stempelt den Rabbiner zu einem politischen Führer der Gemeinde, es verleiht dem Rabbinat für alle Angelegenheiten der Gemeinde einen überragenden Einfluli. Dabei ist das Gesetz atieii hei der Auslegung des Begriffes Haltbincr, wie in allen seinen Punkten, sehr liberal. Mögen wir behütet werden vor der Weberschwemm ung mit sogenannten Rabbinern, die sieh auf Grund dieses Gesetzes plötzlieh in der Rolle der gesetzlichen Vertreter und Führer der jüdischen Angelegenheiten fühlen. Aber auch ganz abgesehen von diesem Entwand, der allmählich beseitigt werden kann — allmählieh! —, es hat seine tiefe Berechtigung, dali int östlichen Judentum die Stellung des Rahbiners und seine Aufgabe ganz, anders — viel reiigiöser — auf gefallt wird als in Deutschland und in dieser Verordnung. Und wir haben hier einen hübschen Beweis, wie aus der Vorrcchtsstcllung, die man durch eine ״Religionsgesellschaft“ dem Rituellen einräumt, sich eine Schädigung und [Verflachung des religiösen Begriffes ergibt. Der ostjüdische Rabbiner ist kein Kultusbeamter, er ist eine religiöse Person und es ist kein triftiger Grund vorhanden, ihn dieser Sphäre zu entziehen, '״Jiskor“ Das ooalc-z.ioiiistisclie Paiästimikoiiu’־ tee in New York hat das vor einigen Jahren in Palästina zum Andenken an die gefallenen jüdischen Wächter und Arheiter in hebräischer Sprache herausgc-!׳ebene .Saininclhueli ״Jiskor“ muimchr unter der Redakti 11 wai Sern hu hei, I, B e 11 - Z w i und A. G h a s c h i n, inhalt ich \cnncl1rt und schon ausi^estattet, in jidischer Sprache veröffentlicht. Der L i n I e i t u n g de» (iedinkbmhes, dessen erste Auila1;c nach den wenigen Monaten sviites Erscheinens bereits vergiften ist, entnehmen wir die folgenden Abschnitte, Jiskor! tun eigenartiges Gebet, in dem die Passivität eines Volkes bestätigt und verherrlicht wird. Keiner der Volksltclden, der aktiven Kämpfer, ist in dieses Gebet cingcschlossen Es ist ,etne Schöpfung des Ciolus, in dem der aktive Wille tot ist mul der Kampf, das trotzende Wort neue!Leiden schaffen könnte, Das Volk beweint die, denen es gegönnt war, für die Gemeinschaft zu sterben , . . Sic waren groll in ihrer Geduld, haben die gröllten (Junten für ilir^n Glauben auf sich genommen und ertragen. Heilige Märtyr«־. Jiskor! Das Gebet emes ohnmächtigen Volkes zu einem Starken, Allmächtigen ...Er möge eingedenk sein und um der Verdienste der Märtyrer willen das Volk erlösen. die nur bestimmtet• umgrenzt zju werden braucht. Aber das neue Gesetz degradiert den Rabbiner, den es erhöhen will. Es eptziclit ihn seiner heiligen Berufung wie reiche I nicht könnte aus der Erneuerung und Belebimg der Lchistätteu erstehen — und stellt ihn mitten in die Politik des Gemeindelebens, die mit seinem Wesen nichts zu tun hat. Beide Begriffe werden von dieser Verkuppelung schweren Schaden erleiden, die Religion und das jüdische Gemeinschaftsleben, und es wird genau so sein, wie in Deutschland: die Religion wird ihn am ehesten spüren. Es ist mit ziemlieber Gewilihcit vorauszitsagen, dali diese deutsche Reform zur ״Religioiisgcsellschaft“ genau wie in Deutschland zunächst die Religion totschlägt mul damit allerdings auch dns Judentum zerstört, wie es in Deutschland auf diescllw Manier zerstört worden ist. Es gäbe der Einwendungen noch viele. Die /.. IL, dali in der ganzen Verordnung das Wort ״hebräisch“ nicht vorkommt und dali dem Rabbiner die Kenntnis der polnischen und jidisclien Sprache zur Pflicht gemacht wird. Welche« Wandlung der Begriffe! Wo hat man jemals diese Forderungen als Kriterium für die rabbinischc Befähigung aufstellen gehört! Es entbehrt nicht der Pikanterie, dali in dem in der allgemeinen deutschen Presse v erbreiteten offiziösen Auszug aus dem Gesetz die Bedingung der Kenntnis der jidisclien Sprache schamhaft verschwiegen war. Nach diesem amtliehen Aus/tige konnte man wahrhaftig autieliuieii, es genügte die Kenntnis der polnischen Sprache, um in Polen Rabbiner sein •zu können, und cs ist ein bischen eigenartig, dali — vorläufig wenigstens — nach dem Wortlaut der Verordnung nur die Beherrschung der jidisclien — der jidiselten! Sprache als einzige weitete Bedingung hinzukommt. Nein, wir haben keinen Grund, dieses Gesetz Iroh zu begrüßen. Wir sagen dies, obwohl wir wissen, dali es in rein organisatorischer Hinsicht einen grollen Fortschritt gegen heute d«rstellt mul dali die neue Ordnung der jüdischen Genieiudewahlett den Zionisten und allen nationalen Elementen die!Möglichkeit der Einflußnahme auf die jüdischen (icmeindeverhältnissc in, wie cs scheint, vollem Ausmali gibt. Aber das darf uns nicht hindern, festznstcllen, daß mit dieser Verordnung eine schiefe Ebene für die Entwickhing der polnischen judeuheit beschriften ist. Wir bedauern herzlich, daß die grolle Liebe ,zu den polnischen Juden und der ehrliche Versuch, sich in ihre Art eiii/uleben, der aus dieser Vcr- Ordnung spricht, kein besseres Ergebnis zeitigen konnte. Es ist uns klar, worauf dieser Mißerfolg beruht. Mau hat nicht den Mut gehabt, an die Lösung des ganzen Problems zu gehen, das ein politisches ist, und matt glaubte, daß, an einem (.)Um■ WUleotaml s:nü sie gestorben und ohne Eigenkraft wollen sie erlöst werden. Niemals ist die jüdische Verbindung des jüdisciien Volkes mit Palästina unterbrochen gewesen. In Millionen jüdischer llcujen hat sich die Sehnsucht nach dem .Uten Vaterland von Zeit zu Zeit in Mcssiasbewcgnngcii /,um Ausdruck gebracht. Irn Grunde war es eine Kristallisierung des gesunden Lcbensmstinkts im Volke, seines innersten, felsenfesten Verlangens nach Bewahrung seiner nationalen Individualität. Bei dem unproduktiven Uoiusvolk hat atxr diese Verknüpfung mit seinem alten Vaterland einen ätherischen, geistigen Charakter bekommen. Rein und uuhvtlcekt hat stell der ״jüdische Geist“ in der t lotus-Wüste erhalten und den Inhalt der Volksbestreltuugen bestimmt Das reale schaffende l.cheu und das I IHdcntum, das aus ihm wächst, war dem Auge entschwunden, nachdem der letzte Kämpfer der Bar-Kochbuschai gefallen war. Der Zusammenhang mit den arbeitender, und schaffenden Elementen war auigelost und übrig blieb der ״reim- (leist“. Pnlastiiw wurde zu einem ,,heiligen < )11“, wo die schönsten und edelsten i raume eines ganzen Volkes begraben Ilegen. l-.s bestrahlte mul zierte, wie jeder Traum, das Martyrerlcben im c io|us. Aber es blieb zusammen-, liangsloj, mit des Volkes realen Handlungen, seinem tagtaglichen Lebenskampf, Das unproduktive Y°lk füllte das Land mit seinen unproduktiven Elementen und sk׳, die müden Seelen, suchten die verwüsteten Gräber ihrer ׳ifer Aktivität beraubten Eltern auf. Und so wurden die Zentren, nach-denen es das Ende anfaugen, schließlich zum anderen Ende führen müsse. Aber dann muH man über den Weg klar sein, den man geht. Und dies bo• somiers in einem Augenblick wie dem jetzigen. Denn jetzt gebt es ja auf der anderen Seite an eine Lösung der Pnobleme. Der polnische Staat entsteht vor unserem Auge und nimmt jeden Tag festere Gestalt an. Wir fragen wiedertun:'was wird mit den polnischen Juden? Ist cs wirklich die Absieht der deutschen Verwaltung, dns jüdische Volk in!*ölen überhaupt nur als eine ״Religionsgcsellschaft" zu betrachten und alle jüdischen Fragen, die nicht bloß konfessioncllcr Natur sind, der jüdischen Sclbstbestine• mutig zu entziehen? Wenn dem nicht so ist, dann haben wir die schwere Besorgnis, daß aus der vorliegenden Teillösung eine Verwirrung der üesaintlösiuig resultieren wird. Dann müßte die Ordnung der jxditischen, der nationalen Frage der Juden der der religiösen voraugehen. Wäre die nationale Einheit und das nationale Recht der polnischen Juden im polnischen Staate bcrcits festgelegt, dann wäre es ein Kleines, die Angelegenheiten des Kultus zu regeln, und es wären alle Unstimmigkeiten vermieden, die so leicht, wir wissen cs, zu Präzedenzfällen wer* den, Besteht aber wirklich die Absicht der Degradierung des jüdischen Volkes in Polen zur ״Religionsgesellschaft“, daun klagen wir um die Zukunft der polnischen Juden und klagen wegen des schweren politischen Fehlers, den die deutsche Regierung damit machen würde. Aber eben, weil wir nicht an diese Absicht glauben, weil wir gerade aus der Tatsache dieser Verordnung die UcIxTzetigung schöpfen, daß den verantwortlichen deutschen Stellen die Bedcutung und die Notwendigkeit der Erhaltung des jüdischen Volkes in Polen ebenso klar ist wie sie der öffentlichen Meinung der ganzen Welt klar ist, darum erwarten wir auch, daß, wenn schon die Organisation der jüdischen Gemcinden in Polen nach diesem Gesetz, das ja vorläufig wohl nur als provisorisch gedacht ist, geregelt wird, die deutsche Verwaltung tun so stärker die Pflicht fühlt, nunmehr auch an die Regelung der politischen Lage der polnischen Juden zu gehen. Nur dann kann auch aus diesem Gesetze etwas von dem Guten erblühen, das seine Urheber gewollt haben. Die nationale Regehtng aber sollte den deutschen Behörden um so leichter fallen, als es sich, wie wir immer wieder betonen müssen, keineswegs um eine spezifisch jüdische Frage handelt, und als neben eineinhalb oder zwei Millionen Juden (je nach dem Umfang des neuen Staates) auch mindestens eine halbe Million Deutscher ein brennendes Interesse daran haben. Der Schutz der nationalen Minderheiten, das ist die Forderung des Tages in l*oien. Und wir erheben diese Forderung im1- 111er »nd immer wieder, nicht trotz, sondern we- « Volk in Palästina Itinzog, Miron mit der Grab• Stätte des Bar Jucliai, Jerusalem mit der Grabstätte Simons des (h rechten, Liberias mit der Grabstätte R, Meirs Ualliancll . . . Was brauchen sic, die lebensfremden Thorajuden, von Modim zu wissen, wo die I lasmoiiäcrlicldcn liege», was von Mallada, wo der schönste Augenblick des revolutionären Volkskampfes mit Blut gezeichnet ist! Was haben diese gottesfürchtigen Alten, die mit erstarrten Augen das ,,Ende" erwarten, mit den wackeren I ü'ercrit zu tun, den kühnen Zeloten, du* gegen die Vorsehung ■ms/ogen und die Steine und Erde Jerusalems verteidigten! Verwaist und einsam in ihrer erstarrten Majestät sind die Gräber unserer großen Volkshelden über das Land zerstreut und sind Zeugen der Knechtschaft und nmiedrigting, In die ein ganzes Volk gesunken ist, Miron und Modim! Welches von ihnen wird siegen und die Richtung unserer Geschichte weiter bestimmen? Wird das jüdische Volk sein nichtiges Leben fortset/cn als Nation, auf ewig passiv und tragisch-unproduktiv bleibend? Oder wird es siel) lossagen von Wundern und Anpassungen und den Weg des schaffenden, aktiven Lebens betreten? Wird es weiter kabbalistische Kombinationen von heiligen Namen mache״, jahrein jahraus ein Licht auf die Grabstätte seiner kbensliclllcn, profanen Vergangen- , heit stellen und zum Himmel sein Gebet 9cuden: Jiskor? . . .;Oder wird es sich schließlich selbst erinnern, wie cs gelebt, gearbeitet und gekämpft hat? Einstweilen ziehen nach Miron Tausende und nach Modim wandern Dutzende . . . Aber in Miron