Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1916-11-10 · Heft 45 (10.11.1916) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXI (1916)
Issue
Heft 45 (10.11.1916)
Date
1916-11-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2651273-2651974-2652018--10856-2668320
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 4ל JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 371 habt׳. Diese Stellung der Miliz sei aber bloß ein Teil der ganzen antisemitischen Politik des Magistrats, IK׳r letzte antisemitische Beschluß sei damit j ״motiviert“ worden, daß die Juden im Handel 72״;« ausmachten. ״Meine I lerren, wir wären gern bereit, unseren Kleinhandel für euere Landwirtschaft und euere städtischen und öffentlichen Stellen usw. einziitauscltcn. Während der Kleinhandel durch den Krieg ganz lahm gelegt wurde, dauerten Landwirtschalt und die genannten Stellen fort. Daß der ״Roswoi“ den jüdischen Handel zu verdrängen sucht, ist eine Tatsache, die man als solche hinnehmen muß. Die Konkurrenz muß aber frei und die Mittel müssen ehrlich sein: (,>11 dität der Ware, Preis, Reklame, Hehaudlung der Kunden. Den Konkurrenten aber zwingen, sein Geschäft zwei läge j in der Woche zu schließen und selbst nur einen Jag | ruhen, sieli die besten Plätze nehmen und dem j Konkurrenten nur die schlechten überlassen das ist nicht mehr Konkurrenz, sondern systematische Verfolgung eines Teiles der Sladthm ölkcumg, wo■ rauf ein Magistrat, dem die Interessen der gesamten städtischen Bevölkerung am Herzen liegen müssen, sich einzulassen niemals ein Recht hat.“ Als Protest gegen diese ungerechte antisemitische Politik des Magistrats werde die Partei des Redners gegen das Billiget stimmen. 1111 Namen der fünf Ratmünucr, die im Stadirat die assimilatorische Strömung repräsentieren, erkläre N a t a n s o 1111: ״Wir rechnen uns nicht zur jüdischen Nationalität, sondern bloß zur jüdischen Religion. Wir fühlen uns und sind Polen. Unseren Ideen und nationalen Bestrebungen nach unterscheiden wir uns durch nichts von den Polen anderen Glau- Inns . . . Diese unsere Stellung /um Polentmn ist uns keine logisch erfundene Sache, sondern entquillt einem heißen, lebendigen, inneren Bediirfnisse . . . Aber außer uns gibt es mich eine große unglückliche Masse polnischer Juden, die erst ein geringes nationales Bewußtsein hat. Die mssisclic Bürokratie sorgte dafür, daß kein Strahl der polnischen .Kultur in diese Masse cindrang. Vom polnischen wie vom allgemein menschlichen Standj punkte aus ist es daher sehr erwünscht, auf die zu-! künftige Stellung der Gesellschaft zu dieser Bevölkerung, die in ihrer I laiiptinasse gegenwärtig noch nicht 11ation.il kristallisiert ist, näher cin/iigclien. Diese Masse in ihrer jetzigen Lage zu lassen, wäre aus politischen und wirtschaftlichen Gründen ein Unglück für das Land . , . Das Ziel muß sein, ans | der jüdischen Bevölkerung wahrhafte Bürger zu 1113■; dien, die von Liehe zmn Vaterland durchdrungen sind und ein;■ nützliche produktive Krafi dar-dcilen. Zu diesem /weck müßten einerseits sämtliche gegemvärtig bestehend( 11 Jmletibeschriitikiiiigeit ahgeschafft werden, andererseits muß (irr die Juden eine öffentliche pnlimclic l lementar■ elmle gegründet werden, die wahrhaft polnisch sein soll, nicht bloß nach ihrer Sprache sondern aiielt nach ihrem Inj halle. Das ist in kurzem unser Programm ... In eueren Händen liegt daher jetzt die!Möglichkeit, dem Vaterlaude seine liebende Sülmc ztnitek/iifiihren.“ Nach der Kerle des polnischen Ratm.miis, 1 lerrn L i p az e w i < seit, der den Hi ml ruck der Enthülhmgen der ersten jüdischen Redner abzitschwächert suchte, erhielt das Wort der letzte Redner seitens der Juden Ihr. Gold flamm, der ruhig mul muhliiieklicli seine EiiUiiuschimg schilderte: ״Als wir das Wnhlühcmnknmmcü getroffen haben und freiwilhV: auf die Hälfte unserer .Mandate verzichteten, glaubten wir, d,1 )׳111111־t den ersten Schrill zur Vorsf.iiidigting gemacht und der Boy kotlpolitik len Boden eiit/ogen zu haben. Wir glaubten daß, während sieh dem polnischen Volke so große und icnehtcude Horizonte eröffnen, in jlnn auch seine .׳dclsten Gefühle erweckt würden, Leider ist uns in dieser kurzen Zeit eine vollständige Entlause!!- tmg ln schieden gewesen,“ Der Redner schilderte an 11;nid von Ziffern und Daten die traurige wirfsehaftliehe Lage des jüdischen Handels und die falschen Meinungen, die darüber in der polnischen Ge-ellschaft herrschen. Er betonte, daß durch Aus- Wanderung die Juden frage nicht gelöst werden kann, ״Die Judenfrage muß innerhalb des Landes gelöst werden und dies kann nur durch eitle solche vollständige Gleichberechtigung der jüdischen Massen erreicht werden, die für sic gleichzeitig keinen Vorzieht auf ihre große Vergangenheit, ihre Traditionen und ihre Irene zu ihrem Volke bedeuten wird.“ Die für die Sitzung auheraiimle Zeit war sein.11 zu Ende und der Vorsitzende, Herr Schliwiuski war bereits dabei, die Sitzung zu schließen, Herr Ilski konnte es aber nicht ruhig mit anschcn, daß der Stadtrat unter dem Eindruck dieser jüdischen Reden schließen sollte. Es gelang ihm trotz, der vorgerückten Zeit, das Wort zu erhalten. Er mußte *ich kurz fassen, dafür aber warnt diesmal seine Worte so klar und unzweideutig wie noch nie: die Juden hätten von den Polen nichts zu erwarten und wenn sie stets mit besonderen Fordeningen kommen würden, so hätten sie in Polen keinen Platz. ״Wir kämpfen nicht gegen euch, sondern für uns. Wir wollen 1ms von ■euch befreien, Sprecht nicht von abstrakter Gerechtigkeit, die werdet ihr bei uns nicht linden. Wißt, daß das polnische Volk bis jetzt pas* siv war. Hütet etidt, seinen Zorn zu erwecken. Er könnte zu laten führen, für die Ich keine Vcrantwortung übernehme.‘1 Diese drohende antisemitische Rede schloß die Debatte im Stadtrat, Zum Heeresdienst der russischen Juden in England Debatte Im Parlament 111 ׳der ersten Sitzung der neuen Session des englischen Parlaments fragte Mr, King den Minister des Innern Herbert Samuel, welchen Erfolg sein Werbe-Systcm unter den im Lande befindlichen russischen Unterlanen bis jetzt gehabt habe. Mr. Herbert Samuel antwortete, daß er vom Kricgsmiiiistcrium informiert sei, daß bis 1. Oktober die Zahl der russischen Untertanen, die sich der englischen Armee angescltlosscn oder für den Militärdienst attestiert halten, ungefähr 400 beträgt. Neue Proteste Wahrend der Chief Rabbi Herz am Jom-Kippur in seiner Predigt einen scharfen [,rötest gegen diejciiigcn Juden erholt, die sich dem englischen Heeres• dienst entziehen, haben englische Arbciteror-. g a 11 i s a t i o 11 e 11 in zalilreirlien Städten Englands gegen die Rücksendung der russischen Untertanen protestiert. Die ״East London Obs er vor״, de keine Gelegenheit versäumt, die russischen Juden zu seltik.'im'ereii, hat von dem Schriftsteller und Dramatiker Mr. Gilbert K e n 11 a 11 über die I lecrcsdienstfrage Außerordentlicher Delegicrtenta# der Zionistischen Vereinigung für Deutschland Das Zentralkomitee hat beschlossen, einen nuOerordcntlichcn Deleglertentag elnzuberufen, der vom 24. bis 26. Dezember 1916 Sn Berlin im Snvoy-Hotel, Friedrich• strafte 103, tagen wird. Da cs sich um einen außerordentlichen Delogiertentng handelt, finden Neuwahlen zum Zentral• komitce nicht statt• Die Sitzungen sind nicht öffentlich. der russischen Juden eitlen Priel erhalten, den die Zeitung veröffentlichte. In diesem Brief zeigt Mr. Keiutan, wie falsch der Weg ist, auf dem inan diese Trage zu lösen glaubt. ״Die Engländer“, heißt es darin, ,,leiden jetzt an einem übertriebenen nationalen Bewußtsein, aber sic können doch nicht erwarten, daß die ritssi:clicti Juden nach der schlechten Behandlung, die sic in Rußland erfahren haben, das gleiche Bewußtsein besitzen, und daß sie die gleichen Pflichten fühlen wie die Engländer selbst.“ Kennan sagt auch, daß die russischen Juden in England keine volle Freiheit besessen haben, ״Mau hat sic bisher vor Verfolgung geschützt. Aber gerade jetzt, wo man sic zu verfolgen beginnt, verlangt man von ihnen, daß sic den gleichen Entluisiasmus bekunden wie die eigenen Bürger des Landes.“ Der Brief schließt mit folgenden Sätzen; ״Das Problem ist nicht einfach, und inan kann cs nicht durch scharfe Worte und unüberlegte Handhingen losen. Ich sage, daß ihr (die ״East Londoner Observer“) dem Lande einen großen Schaden bringt und nicht patriotischen Zwecken dient, wenn ihr die Gebilde der East-End-Bewohner aufreizt. Es ist sicher nicht wünschenswert, daß zwischen den verschiedenen Klassen tlcr Bevölkerung Haß gesät wird, denn solche Saat bringt unvermeidlich entsprechende Früchte.“ Von der Kongreßbewegung’ Das neue Ucbercinkommen Nachdem das unter den Mitgliedern der Philadcipliier Vorkonferenz, veranstaltete Referendum das, \011 der Tiiedcnskommissjon der beiden Organisa* tiomn getroffene Abkommen, abgclclmt halte, traten, wie bereits mitgcteilt wurde, die beiden Parteien in neue Verhandlungen ein. Am 2. Oktober gelang cs, auf einer Sitzung der dazu bestimmten Kom• missionen, eine neue Abmachung zu treffen die nunmehr alle Aussichten hat, von den Körperschäften der beiden Parteien angenommen zu werden. Seitens des Kongrcßorganisationskomitccs waren auf dieser Beratung anwesend; Joseph Baron des, J. Karlinger, Richter Levy, Ab. Qoldberg, Louis l.ipski, Louis Robinson, A. Schorn er mul Leo Wo) f so 11 n. Seitens des Komitees der jüdisch-amerikanischen Organisationen: Harn Cutler, Louis Marshai, J. Masat, Dr. t ren Ic, R o s e 11 b I a 11 und S. Schul 11! .1 n 11. Nach genauer Untersuchung des Triedensvertrags vorn 17. Juli und der Ein wände des Referendums beschlossen beide. Parteien, sieh gegenseitig möglichst entgegenzukommen. Die Vertreter des Komitees der jüdisch-amerikaniseheii Organisationen erklärten sich bereit das Wort ״O rn p p e 1! r e c h t“, das den einmütigen Protest der nationalen Kreise liervorgenifen hatte, den Beschlüssen der Philadcphier Vorkonferenz gemäß durch das Wort ״Volksrccht“ zu ersetzen. Der zweite Streitpunkt, die Forderung der Vertreter des Komitees der jüdisch-amerikanischen Organisationen, 50״,״ der Delegierten des Kongresses ohne Wahlen zu bestimmen, ein Verlangen, das vom Referendum als Gefahr für den demokratischen Charakter des Kongresses bezeichnet wurde, wurde dahin abgeändert, daß nur '25",0 der Delegierten nach dem von dem Komitee der jüdisch-amerikanischen Organisationen vorgcschlugcni n Modus bestimmt werden, während die übrigen 75" ״ nach den Beschlüssen 11er Philailelphier Vorkonferenz durch demokratisch« Wahlen aufgestellt werden. Dagegen sahen sich die Kongressisten gezwungen, auf die Behandlung der Emigrationsfrage wie auch der Frage der Perinanen/, des Kongresses zu verzichten. Als besonderer Punkt wurde ״die Sicherung der jüdische!! Rechte in Palästina“ hin/ugefiigl. Die lieiden Parteien wurden beauftragt, ihren Organisationen dieses neue Abkommen vorzulegen. Das Kongreßorganisatioiiskomitce beschloß, durch ein zweites Referendum, die Mitglieder der Philadelphier Vorkonferenz tun ihre Meinung über die neue Abmadumg zu befragen. Die gesamte Presse, auch die misracliistisdie und die poale-zionistischc, die gegen die erste Abmachung einen heftigen Kampf geführt hatte, begrüßen das neue Ucbcreinkommcn und es ist daher berechtigte Hoffnung vorhanden, daß die auf diese Weise gefundene Verständigung die verschiedenen Kräfte da amerikanischen Judenheit zur einheitlichen Tat vereinige« wird. Die Aussichten der rumänischen Juden Der Redakteur der Pariser jüdischen Zeitschrift ״La Renaissance Juivc“ veröltentlichtc in tlcr letzten Nummer der Petersburger ״Jewrcjskaja SliEn“ das Interview, das er mit dem min;mischen Botschafter in Paris Herrn J, Lachowari über de Aussichten der rumänischen Juden nach dem Kriege hatte. Der Redakteur, Herr N. 11 e r m a n n , •erzählte dem rumänischcn Diplomaten von den vielen Zuschriften, die seine Redaktion jetzt von den in Frankreich und im neutralen Auslände sich befindenden rumänischen Juden erhält, die ihr Stief-Vatai md jetzt zur Fahne mit. ״Ich verstelle“, sagte der Botschafter, ״die Lage dieser Juden. Dieser Weltkrieg wird aber zur Befreiung der Volker führen. Rumänien will befreien mul nicht knechten, Im rumänisiItcn Heer befinden sich viele Juden und ich glaube daran, daß sic tapfer kämpfen werden. Es ist daher zur Annahme Grund, daß die rumänische Regierung ihre Verdienste anerkennen und die Naturalisierung der jüdischen Krieger wohlwollend crw.äge■11 wird.“ ״Sie halten also eine• vollständige Emanzipation der rumänischen Juden für ausgeschlossen?“ ״AUzueitig vor/ugcheit ist tminoglich“, antwortete der Botschafter und entwickelte seine Meinung, daß die Judciibcschräiiktingcn in Rumänien darin ihren Grund hatten, daß Rumänien sonst zu schwach wäre die Konkurrenz der Juden, die viel fortgeschrittener und entwickelter sind, iiiederziilinlten. Daher brauche das schwache Rumänien diesen Schutz vor den starken Juden. Mit der Zeit werde aber das rumänische Volk kräftiger, die ״Agrarbank“ mache den Bauer, standhafter. Ls sei daher zu hoffen, daß allmählich diese Beschränkungen der Juden überflüssig werden. ״Beabsichtigen Sie, diese Judenpolitik auch in Trausylvanien und im Banalt, wo die Juden bereits emanzipiert sind, eiu/ufuhren, falls diese Gebiete unter Ihren Schutz kommen sollten?“, fragte der Interviewer. v1 ״,״ umiiustne ciement macht! gcr und gut organisiert." ״Dann aber würden doch die siegenden ruinä nisehen Juden weniger Rechte besitzen als die un garischeii, die besiegt werden?“ ״Daher glaube ich auch, daß die Juden, di! sich ain Kiiegc beteiligen, zur Naturalisation zuge lassen werden. Jedenfalls werden voraussichtlich da! Recht der Naturalisation diejenigen jüdischen Krie ger erhalten, die sieb im Kampfe auf irgendein! Weise ausgezeichnet haben.“ cinmal ®•Ic jüdischen Soldaten?' ״Vielleicht".

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.