Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXI (1916)
- Issue
- Heft 45 (10.11.1916)
- Date
- 1916-11-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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י U E Dl SC H E RUNDSCHAU Nr. 45 Seite 370 »nissen aber laut «ml kategorisch ein für allemal erklaren, daß alle Juden, ohne Unterschied der Partei, sich für vollberechtigte!*olnisghc Bürger halten; sie sind sich ihres Anspruchs auf bürgerliche Rechte bewußt und werden keinem erlauben, ihr Bürgertum in Zweifel zu zielten. Wir Zionisten gi.nilnii, daß die Juden rage in ihrer ganzen Breite und 'Viele mir in l’ai t-t.n.i gclöst werden kann, in dem Land, wo de Wiege des jüdischen Volkes stand, und nicht in einem Lande der Diaspora. Wir Zionisitu, die wir .für u!1< eilt selbständiges leben in Palästina erkämpfen wollen, fühlen am besten die Leiden und Hoffnmigen des polnischen Volkes, seine Sehnsucht nach Freiheit «ml l hialihängigkeit, weil die Idee der I'reiheit und Unabhängigkeit von Völkern, die bis jetzt!lieht frei sind, der »iruii.l und die Seele des Zionisimis ist. Wir verstehen auch das Verlangen des polnischen Volkes nach einer einheitlichen Kultur und einer einheitlichen Sprache, aber die Geschichte geht ihren Gang und fragt nicht nach Wünschen. Das jüdische Volk wollte sicher 111 seinem Lande bleiben und ist doch gegen seinen Willen verjagt und unter die fremden Völker zerstreut worden. Das reale Lehen lehrt uns aber, nicht mit dem zu rechnen, was gewesen ist, sondern mit dem, was jetzt Wirklichkeit ist. Ls ist eine Tatsache, daß die Juden auf polnischer llrde schon 800 Jahre leben, daß sie •10 Prozent der (icsaiiilhevölkcning Warschaus nusinnchcn und daß sie trotz aller Ilemühuiigcn der Assimilation ein besonderes, eigenartiges Leben führen und eine besondere Sprache sprechen. Man nmll die Wahrheit sagen; einzelne können sieh Ideen und dem praktischen Nutzen zuliehe assimilieren, ein Volk assimiliert sieh nicht (Bewegung unter den Assimilantcn). Nieiit deshalb 11:1t das jüdische Volk 2000 Jahre blutiger Wanderungen, liitpiisitioneii und Atito-da- Fes durchlebt, nicht deshalb ist seine Geschichte eine Kette übernieiiselilielier Leiden und unuicnschlieher Verfolgungen, um am Ln Je im Meere der Assimilation zu ertrinken. Das jüdische Volk kann und will siel! nicht assimilieren. Wenn die Polen das verstehen wollten, so wäre damit allein schon der erste Sehritt zur jüdisch-polnischen Verständigung‘ gemacht. Man wirft uns vor, daß wir jede Gelegenheit benützen, die Judcnfrage niü/uwerfen. Man kann «ns das nicht verargen, denn wir sind bis jetzt am meisten bcilriiekt und verfolgt gewesen. Wir reden zu euch, weil wir sicher sind, daß ihr 1ms auliömi werdet, weil wir uns überhaupt kein freies polnisches Volk ohne voibtaiulige Gleichberechtigung für Juden, ohne Garausie für die Volkermiiiorit.iteii vorstcllcn Können. I ine solche Deklaration Italien wir am Vag der Lröffuung des Stadtrais abgegeben. Hier also und nur hier vor euch wollen wir unsere Klagen Vorbringen und keinem eiSauben wir, sieh zwischen uns ciiiziiiniichcn. Wir wissen ganz gut, daß unsere Aufgabe schwer ist, daß ein Teil der polnischen RalmaniuT unter den gegenwäiligeu Verlialtiiisseu die (ileicithcrcehtigting fiir unmöglich hält. Wir wissen auch, daß wir gegen Gewalt und Schwache kämpfen müssen. Wir glauben aber an unseren endgültigen Sieg, weil unsere Waffe stark lind edel ist, ihr Name ist Wahrheit und Gerechtigkeit; die W'alfe unseres Gegners ist alt. verostvt, im Westen kann mau sie noch in Museen als mittelalterlichen 1'cbcrrest sehen. Leider müssen wir tcststcllcn, daß sehr oft die Reden eines Teiles der Ratmänner wie mittelnltcrliebes Zähneknirschen klingen, denn wozu in diesem historischen Augenblick die gegenseitigen Beziehungen auf gnnid des Glaubens und Volks- Hasses autrei/en! Die lächerlichen Vorwürfe ignorieren wir mit Verachtung. Ls ist aber traurig, daß solche Beschuldigungen aus dem Munde eines Mannes gchört werden, dessen Beruf ihn dazu .־Inhalten sollte, Liebe und Brüderlichkeit zu siien. und der keino Gelegenheit vorüber gehen läßt, um Feindschaft und Haß gegen die Juden zu säen. Ist es nicht der höchste Grad von Zynismus, von der Tribüne des Stadtrats herab zu sagen, man solle keine jüdischen Rechtsanwälte für städtische Stellen nehmen, weil Beamte eines gewissen Glaubens bei Unternehmern eines gewissen Glaubens Bcslecbungsgcld erpreßt haben? Herr llski hat uns auch zum Vorwurf gemacht, daß wir laut klagen, damit man uns draußen höre. Herr llski ist sehr freundlich zu uns. Er wollte uns gerne unter Chloroform selten, wem! er an uns seine Vivisektion vornüiinit. Wenn die Herren des ״Roswoi“ den Mut haben, uns Wunden zu selilagen, sollen sie auch den Mut haben, unser Wehgeschrei zu hören. Unsere Schreie sind zu laut! Aber bis jetzt ist es noch nicht ciugefülirt, dem Wehsclireiendeu eine Stimmgabel zu übergeben, daß er sein Schreien harmonisch dein Tone unpasse. Der Schrei kommt mitten aus dem Herzen, Und ist so stark, wie der Schlag war; er zieht die Aufmerksamkeit zuerst der Nahestehenden auf sich, dann erst verbreitet er sich und verhallt Hort, wo Gerechtigkeit und Barmherzigkeit herrscht. Auch unsere Klagen sind zunächst an euch gerichtet, erst in zweiter Linie als Protest an das Tribunal der Gerechtigkeit wegen der. Untaten, die ihr an uns verübt. Wir müssen etwas lauter schreien, weil hei uns die Gerechtigkeit leider ein wenig veraltet ist und ein schwaches Gehör hat , List drei Monate sind vergangen, seit wir die Schwelle dieses Stadtrats betreten haben und es scheint, als oh schon ganze Generationen vorüber wären, denn die letzten Verordnungen des Magistrats führen uns zuriiek ins Mittelalter. Wir alle ohne Unterschied sind mit vollen Hoffnungen und bestem Willen, zum Nutzen des Landes und seiner Hauptstadt zu arbeiten, hierliergekomiiien und wie groß ist unsere riiitnusriiung nach drei Molinien! Wir haben immer geglaubt, daß die verschärften jüdiseli poliie.clieu liizicliiingi'ii ein Resultat der russisehen Politik gewesen seien und daß, wenn das polnische Volk sieh seihst führen wird, sich das Zum ״Jüdischen Wörterbuch‘‘ Zur Erläuterung der Besprechung, welche meinem Buche in Nr. ■II der ״Jüdischen Rundschau“ geworden ist. muH jrli lolgindes bemerken: 1. Das Buch ist, wie ich ausdrücklich erklärt balie. in erster Linie ״für alle Deutschen, welche als Beamte, Soldaten, Kaiifleutc oder sonst“ mit den ״östlichen Juden“ zu verkehren haben, bestimmt; erst in zweiter Linie (tu Juden, welche die deutsehen I,c/eicl111uu::en liir jüdische Ausdrücke kennen lernen wollen. •Daraus erklärt sich, daß bei! I.illel, bc/w. Oiam lia-ha Matth, 2(1. 3<1 he/w, Matth. 12, 32 äugtliiiirl ist. selbstverständlich nicht als .,Quelle“, wie die Anzeige sagt, solidem einfach als nützliche) zugleich kurze Erläuterung. 2. Die allein mögliche Art des ersten Samnichts war hei meinem Zweck ausgedehntes Lesen, dessen Ergebnisse in Zette!״ zu Tage'traten umi dttrtlt Besprechung mit Personen, denen das Jüdische Mut- 1erspräche ist, kontrolliert wurden. Die Zcilimoeu (Moment, lodzer Vnlksblatt, Warschauer Tageblatt, Lemberger Taghlalt) haben recht mannigfaltigen Inhalt: Politisches, l'ada״ogisches, Soziales, Kr'iegsberichte, Gerächisvrihandliiiigen, Unterlialtuiigsstoff) Anzeigen. Dazu kamen die neuesten Lesefnirhcr’ für Schulen und, soweit meine Zeit reichte, auch Schriften von Ahraiuovvilseli, (iorelik, Jelioaseh, 1*1 rez und andrcti, die Bernstein•Se!;clsel1e Sammlun״ von Sprich- Wörtern und die Aufsätze v11״ Tahicb." 3. (Sern hätte ich das Sammeln noch ein Jahr fortgesetzt; aber ich mußte jetzt abscliließen. wenn ich jetzt nutzen wollte. Schon während des Druckes bol sich viel Stoff zu Ergänzungen, und ich hoffe, daß ich auch diese nach einiger Zeit veröffentlichen kann, Jetzt mußte ich mich, schon wegen der gcwaltig gestiegenen Herstellungskosten, mit knappstein Ausdruck umi mit Angabe dessen, was ich persönlicli gelesen halte, begnügen, So erklärt sich z. B., daß ich bei ״sclieiosch seiidoth" nur der drei Mahlzeiten am Sabbat gedachte (Misclma Sahhath 16s2; 22,1), aber die Bedeutung ,,dritte Mahlzeit" nicht erwähnt wurde. Bei Rcbbi/in und Scliaddiauuth steht es ebenso. Dies um! viel andres hoffe ich einmal ergänzend aulügeii zu können. •1. Heber das, was ich von der russischen Sprache verstehe, ist der Herr Referent schwerlich unterrichtet. Ich war doch imrli imstande, die russische Ucberseizuiig meines ausführlichen Gutachtens im Ileilis-Prozessc zu kontrollieren. Die fal-chc Erklärung von tiisdiastok ist lediglich ein Schreibfehler in der Rcinsdimt; in dem Buche, in dem ich die gcfimdenen Wörter sammelte, stellt von meiner Hand »las richtige ״Polizeiwache", ר, Die Umschreibung der jüdischen Wörter soll, wie auf S. 12 ausdrücklich gesagt ist, nicht die Aussprache aiigcbeu, sondern mir die Benutzung erleichtern. Der Leser kann aus ihr sehr leicht־ ersehen, wie jedes Woit, gleichviel weicher Abstammung, mit hebräischen Buchstaben geschrieben wird; die Ausspräche richtet sieh dann nach der Gewohnheit des Lesers. ö. Darüber, daß das Buch, auch abgesehen von seiner Lückenhaftigkeit, manche Fehler enthielte, habe ich mich bei seiner Vcvöhcntlielumg keiner Tausdiung liingegcbeii. In bezug auf jüdische Riten und Brauche sind es aber weniger, als der Leser nach dem Liudruek, »len die Besprechung zu machen ge* eignet Kt, auzmichmcii sich veranlaßt fühlen könnte. Acrperlich ist mir besonders, daß ich das am Vorabend des Vcrsöluumgstagcs gesprochene jaaleh ta* cliaiiuneiiu mit dem sehr häufigen jaaleh wejabo verwechselt habe. Für freundliche Mitteilung von Zusiitzen und Berichtigungen werde ich stets dankbar sein. — Ganz unlängst sagte mir jemand, bei der Benutzung eines Wörterbuches solle man sich nicht ärgern über das, was man nicht finde, sondern sich freuen über »las, was mau finde, Und noch eins: Warum hat denn kein Jude dieser ebenso mühsamen wie nötigen Aufgabe sich unterzogen, der ich mehr als ein. volles Jahr angestreng, tester Arbeit gewidmet habe?! Berlin Lichicrfelde-West, Prof, Hermann L, Strack, schlimme Verhältnis ändern wird, Ja, es hat sich geändert, aber leider nicht zum Besseren. Es wäre wirklich eine traurige Erscheinung, wenn das polnische Volk, das seine ganze Zukunft, alle seine Hoffnungen auf Gerechtigkeit gebaut hat, in dem Augenblick, da es die Macht bekommt, an Gerechtigkeit vergessen würde. Die Partei, die früher ihre Macht auf ihre Vervvamltsehaft mit der russischen Regierung gestützt hat, stoßt jetzt eleu Magistrat auf einen abschüssigen und gefährlirhcii Weg zum Kampf mit den Juden, einem Kampf, der zum Ruin von Inuidcrttausenden Familien führen kann. Das mißgünstige Verhalten gegen die Juden von seiten der Stadtverwaltung hat sich von der ersten Minute an bemerkbar gemacht. Als, im Sinne der Wahlahinacliung, statt des Bürgermeister Drczewickv der jüdische- Ratmann Kirschrot!! in den Stadtrat kam, bat es der Bürgermeister für nötig gcfiinden, sich für diese Sünde in ״Dvva Grosze“ zu verantworten. Der beste Beweis für die Gerechtigkeit und Toleranz, die in! Magistrat gegen die Juden lierr-c'eil, ist die Zusammenstellung der Beamten, Unter 30 ) Beamten kann inan die jüdischen an den Fingern einer Hand anfzählcn. Dabei bleiben sicher noch drei Finger leer. Noch eine Tatsache: die jüdische Gcmcinde erhielt fnilicr eine systematische Unterstützung von Rußland, spater von Aminka. z\D das aufgehört hatte, wandte sich die Gemeinde an die Stadtverwaltung um eine besondere Subvention von 30 000 Rubei monatlich fiir die billigen Küchen, Die Stadt- Verwaltung bat das abgelehut, nicht etwa aus Mangel au Geld, denn auf der gleichen Sitzung hat man eine halbe Million Rubel fiir die christlichen Küchen gewährt. Tausenden jüdischer Familien wird mau nun eine einzige warme Mahlzeit im Tag versagen müssen. Was gc-lit das aber den Magistrat au, es sind doch nur Juden! Und schließlich die I ordciung, die Juden und Ghristcn in den llamletsgewölbcn von einander zu trennen! Hat denn der erlauchte Magistrat nicht verstanden, daß »lies eine moralische Beleidigung für die Juden ist, daß es ein Schlag gegen Fortschritt und Kultur ist, »laß »lies ein Rut zur Rückkehr ins Mittelalter ist? Wäre es nicht ein Verbrechen, wenn das polnische Volk auf der Schwelle sauer Unabhängigkeit seine Tätigkeit mit Vcrlolgiingcn auf Juden brginnen wollte? Die E'ordcnmg tles Magistrats muß Konsequeuzen haben, Demi wer kann 1111s v» rsicliern, daß inan uns morgen nicht verbieten wird in de! Traugiitstraße oder in der I)rittcn-Maistralk• zu wohnen, nur weil dort ein Mitglied des ״Ro>woi“ wohnt? Die Folgen der Politik des Magistrats sind schon bemerkbar. Kinder kommen von den Schulen und erzählen, »laß in »len Klassen propagiert wird, Christliehe und jüdische Abteilungen und, wenn das nicht möglich ist, wenigstens jüdische und christliche Bänke einziiiicliti 11. Die wenigen angefidirten Tatsachen beleuchten genügend das System, dessen sieh der Magistrat da! Juden gegenüber Imücut, und daher wird die zionistisehe Gruppe des St.ultrats als Zeichen des Protestes gegen die Politik des Magistrats gegen das Budget stimmen“ (Ih'i'ad der Zionisten). Die Reden der übrigen judibchett Ratmänncr Dir judcnfeimllichc Praxis der Sclbstvci waHung illustrierte durch viele Beispiele der Katmanu der Volksgruppe N. Prilut/kv. Als die Buigermiliz gegründet wurde cizdilie der Redner — seien ln sie eine Reihe Juden eingetreteii, »l:e vollauf ihre Pflicht erfüllten. I rotzdeut sei innerhalb dieser Miliz. kein einziger Jude zum Kommissar et wählt »vorden. Die jüdische Bevölkerung sei schuldlos terrovisiert worden, grundlose Verhaftungen und Körperstrafen, sogar für Frauen und Kinder, seien zu alltäglichen Ereignissen geworden, denen die Miliz teilnahmslos zuseliaiite. Als die Muiziaii'en Gehalt zu bekommen begannen, seien die jüdischen Miliziauti'11 massenweise entlassen worden. Jetzt gehe es keinen cin/igeii Juden, der ein höheres Amt in der Miliz bekleidete. hu achten Bc/<rk, wo Zweidrittel der Hausbesitzer und Drciviertcl der Linwoliner Juden sind, gebe es keinen einzigen jüdischen Schutzmann und keinen einzigen jüdischen Kauz׳- Icibcamtcn. Das sei eine Beleidigun; der nationalen Ehre, zugleich aber auch ein schwerer Verstoß gegen die jüdischen Interessen. Die Miliz habe für Gc- Halter mehr als eine Million Rubel verausgabt und kein einziger Jude werde zur Polize knrricrc Zugelassen, obgleich die Juden dieselben Steuern wie die Polen tragen. Die Miliziantcn selbst würden, statt die friedlichen jüdischen Einwohner zu schützen, sie schikanieren. In diesem Jahre haben sic sogar den Juden am Sukkot-Fcst nicht erlaubt, ihre Laubhütten auf ihren Balkons atifzustellcn, obgleich selbst die russische Polizei niemals gegen die Erfüllung dieses religiösen Gebrauches etwas einzuwenden gehabt