Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXI (1916)
- Issue
- Heft 44 (3.11.1916)
- Date
- 1916-11-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 3ö2 IUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 44 Die galizischen Gefangenen in Rußland Polnischen Blättern entnimmt die ,,jüdische Arbeiterko1T1's|«)1Hlen/׳" folgende Angaben über das Schicksal der nach Rußland verschleppten Einwohner Galiziens. Die Zahl dieser Unglücklichen ist bis nun noch nicht genau fcstgcstcllt. Sie betragt aber mindestens '10 OOP. Verschleppt wurden Mi inner tmd Frauen, Kinder und Greise, Bauern, Geistliche, Advokaten, Aerzle usw., Christen lind Juden, Die Zahl der letzteren beträgt aber mindestens 20000, d. h. 2/3 der Gesamtzahl. Die Reise nach dein Bestimmungsort datierte gewöhnlich Wochen, ja sogar mehrere Monate, da die meisten nach Sibirien gebracht wurden. Sehr viele nniltten «len ganzen Weg zu 1110־ zurücklejgen. Sie litten furchtbar unter K iite und Hunger, bekamen nichts zu essen auller Brot und Tee, oft auch das nicht So dureh/ogeu sie in Gruppen von hundert und mehr Schicksalsgenossen die verschiedenen russischen Gouvernements, überall Mitgefühl hcrvormfcml. Zimt ״Ausrtilten“ waren die russischen Gefängnisse Irestimmt, die immer von Verschleppten überfüll! \varen, da immer neue Scharen herangetrieben wtirtteii. Fhttle 101 כ setzte die russische Regierung eine spezieile Kommission ein mit der Aufgabe, alle Begleitumstände der Masscndeportatioiien zu ctTorselten. Diese Kommission fand Tausende von Persollen in den verschiedenen Gefängnissen, wo de ü *reits Wochen und Monate verbracht hatten, wobei die meisten ohne jegliche Beschuldigung verschleppt worden waren. Keiner konnte den Grund seiner Verhaftung angelten, es waren gar keine Akten vorhandelt, aus denen man irgendwelche Aulklärinig hätte schöpfen .können. Uclterall reinste Willkür der russischen Polizei-Organe, die Tausende mit ihrer Existenz, Hunderte sogar mit dem Lehen bezahlten. Die Tätigkeit der Kommission brachte das Resultat, daß die in den Gefängnissen Schmachtenden befreit wurden. Die Verschleppten wurden daun cingetcilt in Geiseln, administrativ Verschickte und solche, bei denen Grund und Charakter der Vei-clili ppmig nicht fvstgestvllt werden konnte. Geiseln wurden aus jeder «erlassenen Ortschaft mitgenommen, es weilt alter 1ns heute kein Mensch in Rußland, wofür diese ״Geiseln“ zu hallen halten. Zu den administrativ Verbannten gehören manchmal sämtliche Einwohner eines Städtchens. Im Bestimmungsorte angelangt, werden die Verschleppten der ,,Fürsorge“ der Ortspolizci tibergeben, die sie in den meisten Fällen brutal behandelt. I )je meisten befinden sieh, wie erwähnt, in Sibirien. Wo■ von sie leben, ob sie über irgendwelche Mittel verfugen, wie sie sielt vor der oft 50 Grad crrciclicinli'ii Kalte sclml/cu, darum kümmert sieb die russKclie Regierung nicht. I > herrseln Anarchie. 111 ewigen Gouvernements werden je einige Kopeken täglich verteilt, in anderen erhalten die Verbannten gar keim• Unterstützung. Das |mlnisclte und das jüdische liill'skoinitee bewilligen zwar gewisse Zuschüsse, aller von diesen genießen meist nur die Glücklichen, die int vmropäischen Rußlrml verblieben sind. Nach Sibirien, wo fast alle Juden sich befinden, gelang־t diese Hilfe fast überhaupt mein. Die österreichische Regierung hat durch die Vermittlung der auicnkartiselten diplomatischen ,Mission in mehreren Städten Jüdisches Wörterbuch*) Fs ist nicht eine Aufnahme des ganzen Wort- Schatzes des gesprochenen und geschriebenen Jidisdt. das hier vorliegt. In der Fmlcitimg schreibt dir Verfasser, die ״Kenntnis unseres jetzigen dcutsilicii Sprachgebrauchs sei \ oraiisgesi tzt. dalici habe B.n mit ihm völlig 1 übeteinstimmcude keine Allhialune gefunden.“ Dieses .,völlig HcbcrcilMimmcndc" inat-lil aber den grollten Feil des Idioms aus, wobei cs dahingestellt bleibt, ob wirklich alles, was der Verfasser für übereinstimmend" halt, tatsächlich ühcrcmstnmiu. Das Wörterbuch enthalt somit nur die drei mehldeutschen Elemente des Judisch-deiifschcil, 'nämlich den hebräischen, den slawischen und den sozusagen oiigmal-jidisihcn. der aus deutschen und anderssprachlichen Wurzeln besteht, die in einem milcie«, oft ganz anderen, als ihrem ursprünglichen Sinne gebraucht werden. Dieses letztere, sprachlich int ercssantcste Element ist teils nichts als au> deutschem Spracltstofi in slawischem Geiste gebildete Wort- Zusammensetzungen, wie das Tavvievv (Hasehilo.ieli 101■•) uacltgewiesen hat, teils cclitjüdisehe Sprach- Schöpfungen aus hebräischem und nichtltebraischcווו Stoff, die manchmal dem jüdischen Milieu so eigen und unersetzlich geworden sind, dalf sie ins Neuhebräische übernommen wurden (ktutdes, jarnnilka) *) Prof, Dr, Hermann E, Strack. Jüdisches Wörterbuch, mit besonderer Berücksichtigung der gegenwürtig in Polen üblichen. Ausdrücke, Leipzig, J. C, Hiimeltschc Buchhandlung, 1016 die' Gründung von Hilfs-Komitees vcraiilallt, die zunächst 100 000 Rubel monatlich zur Verteilung unter den Verschleppten erhielten und durchschnittlich je S Rulnd חין! Person verteilten. Aber auch in diesem Lalle blichen die nach Sibirien •Verbannten von der Hilfeleistung fast ganz unberührt. Der vor kurzem aus Rnllland zurückgekehrte jüdische Vizcbtirgenneistcr von Lemberg, Dr. Schleicher, den die Russen im Juni 1015 ebenfalls äls Geisel verschleppt hatten, intervenierte bei der österreichischen Regierung in dieser Angelegenheil. Anfang August fand im Ministerium des Ausvvärtigen eine Konferenz, statt, in der vereinbart winde, dull der monatliche Uiitcrstützimgsbeitrag der Rcgienmg auf 500 000 Ruliel erhöht wird. Auch werden wahrscheinlich für Winterkleider 250 000 Rubel einmalig bewilligt werden. ITic Z.altl der Hilfskomitces soll vergrößert, die monatliche IJntcrstiitziuig auf 15 Rubel pro Person erhöht werden. Und cs soll dafür gesorgt werden, daß auch die nach Sibirien Verschickten der Hilfe teilhaftig werden. Es ist klar, daß adelt. diese Hilfe nicht zur Linderung des entsetzlichen Elends ausreicht. Die Juden Oesterrciclis haben die Pflicht, die Regierung zu noch wirksameren Maßnahmen zu bewegen und auch die jüdischen Hilfsfonds sollten energisch eingreifen. Von der Hechaluz-Bewegung In Polen Auf einer allgemeinen Versammlung der ziouistiselten Jugendorganisation ״Mcrkas" in Warschau hielt am 17. Oktober Herr Sokolko, der Vertreter der Palästina-Kommission, einen Vortrag über die luuiuttclbnr bovoistellenden Aufgaben des ״Merkas“ hinsichtlich der Paiästiiiaarbeit. Die Komniissiou ging von dem Standpunkt aus, daß mit der Einkehr des 1 Ticdens in Palästina e.n dringemles Bedürfnis nach Meimcheimiaterial entstellen wird und daß es die Pflicht der jungen Zionisten werden muß, dieser Forderung gewachsen zu sein, /n diesem Zwecke habe die Kommission eine Reibe Kurse für P.ilastinakuiulc gegründet, in denen die zur Li In rsiedlung nach Palästina entschlossenen Mitglieder Kenntnisse über die Geographie und Gcschichte Palästinas, über die Entwicklung des alten und neuen Jisclitiws, über die Arbeiterfrage und Kultur- Probleme des Landes etc. sielt aiieigiien werden. Die Kommission beabsichtigt auch, allgemeine Versamnihingen eiiiznberttfeii, ui denen l’al.isliiiafrageti fiir die weitere < )eficullielikeit erörtert werden sollen. Da aber vielt׳ Mitglieder,״ die eine Leitet Siedlung nach Palästina wünschen und die für die Palästina- ,iibeit wertvoll weiden könnten, aus materiellen Gründm ihren Beschluß nicht aiiszulüliren imstande sein weiden, sei es Pflicht des ״Merkas“, ihnen die noiigeii Mitlel zu diesem Zweck zu verschaffen. Die Kuiiiiiiissioii beantragt daher die Gründung eines 11 e eh a I u z -1' o 11 d s, der den l diersiedclnilen Anleihen für ihre Reisekosten zu gewahren hat. Die Herren Dr. K Di ui e I, S. W c i z. tu a 1111 und Rechtsanwalt (י!schwanger begrüßten diese luttiativ e der zionistischen Jugend. Herr S. Wciz- 111.1 n n fuhrte aus, daß er 111 dem Vorschlag der finanziellen Subventionierung eme ( iefaltr für die Zukunft der t ntemcltiuimg sehe. Auf Grund der bisherigen Frfalimiigcn des Pionlertunis glaubt der bezvv.;uni! voll nicht jüdisch-deutsch sprechenden ludet: gchram 111 werden (,,Jahrzeit" hei den Bucharer Jtldell). Es ist etwas befremdend, in der Einleitung zu lesen, der Vi rlasser habe ,,fast den ganzen Stoff aus Zeittin- :׳,eil und den besten EiteraturvverTeil auf vielen Fansenden von /ettelu -ellist gesammelt.“ Ein lebendes Wort 111111( man einmal im lebendigen ( lebraueh gehört haben, um es erst daun au- Zeitung und Literatur richtig auf Zetteln zu sammeln. Da der Verfasser das nicht getan hat, entgeht er nicht der ( lelalir, Wörter ungenau oder nicht in allen Deutungen zu erklären. So S (1(1: ״s e 1 e r ,ihr‘ (auf mehrere «Klee auf ein Weibliches bezüglich).“ Das ist nurieht.g: .sein‘ entspricht mehl dem deutschen .ihr' und bezieht sieb mir auf mehrere, nie auf cm Weihliebes, in welchem Fall man gerade ,ihr‘ sagt. R e h iz i 11 wird nicht nur I ran des Rabbiners‘, sondern ■ null 11:111 des GliederIchrcrs genannt. Seil ade h o 11 u s ist nicht allein das Honorar sondern auch der Beruf eines Schadchen. Baal-Taxe ist mein Pächter einer Fleischbank, sondern Pachter der Fleischsteuer enter Gemeinde. ,Seltolcsch-Sudcs' ist im Jidiselien die dritte Mahlzeit, nicht wie im he-!irdischen die drei Mahlzeiten des Sabhatlt. Das gemigt, um zu zeigen, daß mau nicht ungestraft nur vom Schreibtisch aus das l eben nufzcttehi kann. Auch die l'eiuhuiteii der Zeitwörter mit präfixiertem ,ein* und ,ans־ hat der Autor nicht immer richtig' in der Lebeisctzniig gebracht. Bei den slawischen Wörtern steigert sich dieser Mangel bcträditlich. So wenn der berühmte russische ״Utschastok" (Polizeirevier) Redner amichnicii zu dürfen, daß derjenige Pionier sich als wertvoll herausstellt, der selbständig ohnejegliche Unterstützung, die die innere Entschcidungs. freiheit des Unterstützten beeinflußt, nach Palästina fährt und auf eigene Verantwortung um seiner Befrciiing willen sich dort niederläßt. IXe unbemittelten Pioniere müßten daher auf andere indirekte Weise unterstützt 'werden durch Ermäßigung der Fahrkarten hei den Seliiffsgcscllschaften, durch Erleiolitenmg der Paßallgelegenheit etc. Herr Ol schvvanger versicherte, daß die Kommission mit ihrem Vorschlag nur diejeuigeu im Auge hat, von denen der ״Mcrkas“ sicher ist, daß sie zu einer produktiven Tätigkeit in Palästina berufen sind und mit den Abenteurern, von denen Dr. Klumcl ges|1rochen habe, nichts gemein haben. Er meinte alter, daß der Rahmen, den die Kommission vorgeschlagen hat, angesichts der großen bevorstehenden Aufgaben zu eng sei. Für ein Pioniertum kämen nur Einzelne, Auserwählte in betracht, aber eine Massenbewegung könne sich nicht bloß auf einzelne Persönlichkeiten stützen. Um die jüdische Siedlung in Palästina bedeutend zu vergrößern, müsse eine ausgedehntere■ Tätigkeit entfaltet werden. Der ״Merkas“ müsse mit den Gesellschaften ״Geula“ und ,,Acluisa“, mit Ortskomitees etc. in Verbindung treten, um nach dem Kriege eine jüdische Palästinaeinwaiidcrmig in großerem Stil zu erzielen. Auch die Ini'ormienmgstätigkeii müsse im größeren Maßstahe durchgeführt werden, Palästina-Vorträge im ״Mcrkas“ seien nicht atis. reichend. Der ״Merkas“ müsse danach streben, daß die Palästinakunilc in allen jüdischen Schulen Warscltaus obligatorisch wird. Nach einer Schlußrede des Herrn Sokolko wurden die einzelnen Paragraphen des von der Palästinakouiniissioii vorgeschlagenen Arbcitsprog rumins ahgestiniiiit und angeiiommen Es wurde auch beschlossen, eine populäre Gengrapltie samt einer Landkarte Palastiaas zu billigem Preis lieraiis/iigelveii, die neiierseltieneiien hebräischen Publikationen Palästinas zu verbreiten und mit der Gründling des Ileclialuz.-Fonds sofort zu beginnen Es wurden sofort die ersten Beiträge gesammelt und mit ihnen der (Irundstein des Fonds gelegt. In Amerika Im Zirkular Nr. (1 teilt die N'evv-Vorker Vervvaltuug des ״Hechaltiz“ mit, daß der Sekretär des ״,Hechahiz" in Amerika, der ehemalige Redakteur der ״Achduth“ in Jerusalem, Herr J, B c n - Z vv i sieh v on Ncw-York na eil Washington begab, wohin auch die Zentrale des I ledialuz-Ausschusses verlegt vvmi. Hechaluz-Gruppeii bestehen gegenwärtig in New-York, Milwaukee, Chicago, Cincinnati, Detroit, Mi1111eap״l«. St. Paul, Pittsburg, Boston und Washington Von der Kongreßbewegung Auf der Sitzung des Kongreßkornitecs vom 23. September vvimle ein Brief von Louis Mir- 11.111 verlesen, in dem der Führer der Kongrcßgcgner ein neues Projekt für eine Einigung m der KongreUbewegung vurschlagt. Das Administration-kmintee und die Friedetiskouimission wurden beauftragt, den Vorschlag zu prüfen, in den unbedeutenderen I m• derungcti nachzugeheil und den Brief, wenn in״..- lieh, entgegenkommend zu beantworten. mit ״Stadtteil“ übersetzt wird wie wird vier Leser mit dieser Auskunft eine Zeitungsnotiz verstellen, wo gesagt wird, inan habe die rechtlosen Juden in den Dtschastok geschleppt ' Besser als mit dem slawischen und jüdisch deutschen steht es mit dem hebräischen Element I lier i't der gelehrt 1׳ Verfasser '11 llan-e Seine bibksehen 11ml namentlich talmmlischcii Kenntnisse lei-ten ihm hier gute Dienste, Linxo peinlicher berührt c . daß auch hebräische Ausdrücke Ine und da aiisnalmi-- weise ungenau erklärt werden. Fast in allen lallen bandelt es sielt hier um liturgische lermmi S״ ist .,Ja de vvcjovvo“, das im Achtzehn- und Naelüi-eligehet der leier- und Neumotnlstage gesagt wird mit dem ,,Jaule tachmmeim“ des VersölniHtig'tages nicht zu vermengen, wie das der Verfasser S. SI tu' Lebei solche Dinge konnte er selbst bei einem hochdeutsch sprechenden geselzcstrcucii Juden Auskunft holen. Wir haben dir I'eitler v ur,ingestellt gerade weil wir von Prof. Hermann Strack stets gediegene Werke zu selten bekommen, gerade weil er eimi der w elligen Christ liehen Gelehrten ist, der das ganze Judentum erforschet» will, und nicht beim 70. Jahre vor ׳der Zerstörung des II. lempels stellen bleibt. Es ist selbstverständlich, d;1ß in seinem neuen Wörterbuch viel l.iebe zur Sache, viel Arbeit, viel Geist und Wisseit steckt. Das Meiste, was er auf den mehr als 200 Seiten bietet, ist zuverlässig und nhersielttlii 11׳. wie alles, was er auf jüdisch-wissenschaftlichem Debiete schreibt. Aber - in der ersten vorliegenden Auflage des ״Jüdischen Wörterbuchs" sind Lücken