Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXI (1916)
- Issue
- Heft 44 (3.11.1916)
- Date
- 1916-11-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Die neue Attaque Die beiden Warschauer Stadtverwaltungkörper liaben dieser Tage Beschlüsse gefallt, die einen ausgesprochen judenfcindliciien Ultarakter tragen und nichts geringeres als die Verdraiigtmg des jüdischen Kaufmanns aus dem Handel zur f olge haben werden. Der Warschauer Magistrat hat mit allen gegen die zwei Stinvmcu der jüdischen Katsherren beschlossen, in den restaurierten Hatulelsgewölhen den Kaiifleiiteu nicht ihre friihcren Plätze anztiw eisen, soiulern die Verteilung in dev Weise vor/nnehmen, daß die jüdischen Kaiiiieute in den hinteren Reihen der (iewolhe in einer Art Olietto zusaiiviiiciigepfui'lnt werden. Der Warschauer Stadt rat bat das Projekt, in Warschau, angeblich zum S.duitz der Angestellten, strikte Smit- und Feiertagsruhe einzuführen, trotz des Hinweises der jüdischen Nntmiinncr auf die katastrophalen Folgen, die diese Maßnahme für den Handel der jüdischen Kaufleute, die nun zwei 'läge in der Woche zu feiern gezwungen sind, haben wird, gutgebeiflcii und mit grolle! Mehrheit beschlossen, das Projekt ohne einschränkenden Zusatz, so wie es von den Antisemiten in Vorschlag gebracht wurde, der Entscheidung des Magistrats zu übergeben. Der Antisemit llski, der sich schon in einer früheren Sitzung die Bemerkung erlaubte, dal! die jüdischen Ratmäittter nur deshalb im Warschauer Stadtrat säßen, um durch ihre Proteste die internationale Presse gegen die Polen /!1 stim'men, hat neuerdings bei den Debatten über die Frage der Sonn- und Feiertagsruhe im Stadtrat eine Brandrede gegen die Juden gehalten, über deren Tendenz kein Zweifel bestehen kann. Der von den jüdischen Politikern Warschaus angestrebte Versuch einer jüdisch-polnischen Verständigung und Aussöhnung hat durch die neuesten judenfeiiidlieheii Beschlüsse der Warschauer Verwaltungskörper einen empfindlichen Rückschlag erlitten. Aus der gesamten jitdisehen Presse Warschaus geht hervor, daß die so mühevoll geschaffene polnisch-jüdische Verständigung durch diese antisemitischen Vorstoße zum Scheitern gebracht ist und daß in jüdischen Kreisen volle Klarheit über die Bedeutung der radikalen antisemitischen Icndenz bestellt, die sich in den hescblosscucn Maßnahmen ausdrückt. Der für die endgültige Fassung des Beschlusses über die Sonntagsruhe zuständige Magistrat wird zu zeigen haben, ob die Ankündigung eines Vernichtungskampfcs gegen die Juden nicht doch noch im letzten A11geublick auf die Einsicht stößt, daß dieser Kampf mit der jüdischen Bevölkerung solche Folgen haben muß, daß sie auch den Polen nicht erwünscht sein können. So wenig diese Beschlüsse auf Ciruud der Erfahrungen mit den Polen in der Zeit vor dem Krieg überraschen können, so erstaunlich bleibt es trotzdem, daß sie sieh für den Beginn einer neuen antisemitischen Boykotthetze den gegenwärtigen Augenblick und diese offizielle Form gewählt haben. Die Sanktionicrung des Antisemitismus durch die Warschauer Vcrwaltungskörper stellt selbst für!סיlen ein Novtun antisemitischer Methoden dar. M. M. ״Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffent- Uch-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina." * Baseler Programm. Antisemitische Beschlüsse der Warschauer Stadtverwaltung Fine drückende Stimmung haben in der jüdischen Bevölkerung Warschaus die neuesten Beschlüsse des Magistrats mul Stadtrats hervorgcrtifcn, die das Wiederauftauchen des totgesagten Bojkottgcspenstcs in Polen bezeugen. Der erste deutliche Beweis dieser Wendung zu in Schlimmen war der Beschluß des Magistrats von, 17. Oktober über die Anweisung eines besonderen Platzes für die Juden in den restaurierten (iewölhen des ״goscimty dwor“. Um die Ausschaltung der jüdischen Kaufhalle zu erzielen, verlangten die polnisehen (uschäftsiuhaher vom Magistrat, für die Juden ein besonderes Viertel mul /.war in den hinter< 11 Teilen der (iewölbe zu bestimmen. Das Memorandum, das sic zu diesem Zweck dem Magistrat überreichten, wurde von <1(1 polnischen Kaufleutcn unterzeichnet. Demgegenüber reichten die jüdischen Kaufleute ein zweites Memorandum mit 220 Unter• schritten ein, das gegen das Prinzip einer Vertcilung der Plätze nach Konfessionen protestiert und die Anweisung der alten Platze verlangt. Der Magistrat bevollmächtigte zunächst zwei Vertreter der beiden Parteien, IkArn II. I'arbst ci!1 seiteils der Juden und I lerrn llski, den Führer der Antisemiten, seitens der Pulen, die beiden Bittseliriften zu untersuchen. Am 17. Oktober beschloß der Magistrat, den Wunsch der antisemitischen Kaufleute zu erfüllen und die jüdischen Händler von den christlichen zu trennen. Die jüdischen Rutin;inner des Stadfrat* überreichten dem Stadtpräsidenten Fürst Ltibomirskv ein Schreiben, in dem sie gegen diese mittela'lorlicltr Maßnahme der Einführung eines Handelsgliottos Protest eiiilegten. ״An diesem ncugeschaffcneu Olietto‘‘, heißt es ü, a. in diesem Schreiben, ״scheitern die ־Bemühungen, ein dauerhaftes friedlielies Zusniinücnlebcn beider Bcvölkcmngselcmcnte zu ermöglichen: es vergiftet die gegenseitigen Be- Ziehungen.‘‘ Die Unterzeichneten ״vereinigten jüdisehen Ratm.miicr“ verlangten daher, den Besehlull vom 17. Oktober zu revidieren. Auf der Sitzung vom 2(1. Oktober wurde dieser Protest der jüdisehen Katmnnncr behandelt und ahgelehnt, Cicgcn diese Ablehnung stimmten ׳nur die zw ei jüd i s e 11 e u M i t g I i e d e r des Magistrats. Dieser Sieg im Magistrat spornte de polnischen Antisemiten zu einem neuen Vorstoß an. Es reichten i77 christliche Kaufleute hei der Stadtverwaltung ein Petition ein, den Handel au Sonntagen und den katholischen Feiertagen im Interesse der (jeseh.'ifisangestelheu vollkommen zu verbieten. Die Jiiilen, die ihre (icseh.il'te am Samstag und an den jüdischen Feiertagen geschlossen halten, erwähnt die Petition mit keinem Wort. Aber daß die Petition die Verdrängung des jiulischen Handels zum Ziel hat, ist klar. Den jüdischen Kaufmann dazu zwittgen, sein Oesehaft 1T0 Tage im Jahr geschlossen zu halten, heißt ihn loswerden wollen. Diese Petition wurde am 2(1. Oktober dem Stadtrat von der Kommission für allgemeine Angelegen• heilen unterbreitet mit der Bitte, diese Frage dem Magistrat zur Entscheidung zu übergeben. Der ■ rste, der gegen die Petition spraclt, war der ziouistische Ratmann Rechtsanwalt Sc idem a n 11, der den antisemitischen Charakter der Petition aufdeckte. ״Die Petition erwähnt nicht,“ sagte der Redner, ״daß es in Warschau eine Anzahl Knuflctitc und Angestellte gibt, die bereits einen Ruhetag in der Woche haben - die Juden, die am Sabbath ruhen. Ihr wollt uns den Vorteil gewähren, an zwei Tagen in der Woche zu leiern. Wir danken höflichst für diese Bevorzugung gerade auf diesem Cicbiet.“ Der Redner wäre, wie er ntisführtc, mit dem Vorschlag der Kommission, die Fntscheidnng über diese' Frage dem Magistrat zu überlassen, einverstanden gewesen, wenn der Stadtrat dabei den Magistrat auf die Tatsacbe aufmerksam machen würde, daß die jüdischen Kaiifleutc bereits einen Tag in der Woche feiern, und daß den Vorschriften gemäß nur eine aus Kautlcuten, Handels;mgcstelltcn und Vertretern des Magistrats zusammengesetzte Kommission diese Frage endgültig entscheiden darf. Eine scharfe Rede, die die völlige Ablehnung der Cnset/csvorlngc fordert, hielt der jüdische Ratmann N. Prilutzky. Er betonte, daß der Urlieber der Petition, die angeblich ausschließlich den Schutz der Angestellten im Auge hat, der bekannte llski sei, der bis jetzt mir als Feind der Juden, nber noch nie als Freund der Angestellten aufgetreten sei. Hätten die Unterzeichner der Petition wirklich nur die Interessen der Angestellten im Auge gehabt, so hätten sie ihre Forderungen nur auf die Christliehen (ieseb.ifte ausgedehnt. Der Redner zitiert die ״Dwa dröselte“, wo die geheime Triebfeder dieser Petition klar ausgedrückt wird. ״Die Boykottstiftcr“, führt der Redner aus, ״begnügen sieh nicht mehr mit ihrer bisherigen Tätigkeit, sondern wollen den Stadtrat und den Magistrat zu ihren Werkzeugen machen. Charakteristisch ist, daß die Kommission für allgemeine Angelegenheiten diese Frage als ״wichtig“ kennzeichnet . . . Woher nehmen die Antisemiten die Dreistigkeit, anziutelitnen, daß der Magistrat ihren Wunsch erfüllen wird? Der Sieg, den sie vor kurzem in der (lewölbefrage davongetragen Italien, spornte sie dazu an. Für Juden will der Magistrat keine besonderen Schulen zulassen, weil das Separatismus wäre. Auf dem einzigem Cicbietc, wo der ״Separatismtis“ ein Ausdruck des Fortschritts der Humanität und Toleranz, ist - auf kulturellem —, wird 1׳r vom Magistrat bekämpft, dafür aber auf dein Wirtschaft*• gebiet, wo der Separatismus eine schädliche, reaktiomin• (iewalttat bedeutet, dort w ird er vom Magistrat gefordert . . . Die ganze Politik des Magistrats wird so geführt, daß den Juden dabei auf jedem Schritt und Tritt Unrecht angetan wird. Daß aber eine leitende Instanz, die der Magistrat darstellt, ein Werkzeug der Ihn kottemlcnzcn geworden ist, ist sogar für Warschauer Verhältnisse etwas noch nicht Dagewese• ncs.“ Nachdem der Redner die bittere wirtschaftliche Notlage des jüdischen Handels in Warschau geschilorlerf hat, warnte er die Vertreter des Stadtrats davor; ״( iennssen des Würgeengels der jüdischen Bewölkenitig“ zu werden. 11 schlug folgende Re>olution vor: ״Da die Petition bezüglich des allgemeinen Verbots des Handels an Sonn- und christlichen Feiertagen die Prinzipien der religiösen Toleranz, die für jede Kulturgenieinsehaft (icltung Italien, verletzt und ausschließlich gegen die Juden gerichtet ist und da die Verwirklichung dieses Vorschlags cm schwerer Verstoß gegen die jüdischen religiösen (iefiihle und eine empfindliche Schädigung des wirtschaftlichen Lebens bedeutet, lehnt der St.adtr.at die Petition;dt.“ Eeideiwiiiaftlieh verteidigte die Bittschrift der Full• rer der Antisemiten llski. Zum ersten Mal hörte der Warschauer Stadtrat eine derartig aufreizende antisemitische Hetzrede, f r nahm auch den Beschluß des Magistrats bezüglich der t icwölbcfiagc in Schutz und erklärte; ״Wir wollen den polnischen Handel fordern und Ihr müßt Euch fügen , . . Ich wünschte unsere (lesellschaft wäre so solidarisch wie die Eure! Ihr sprecht von Bürgergleichheit und tretet immer als separate t truppe auf, die besondere Rechte für sich verlangt. So kann es nicht weitergelten.“ Es standen atiT der Rednerliste noch die Herren r>r. Po sna 11s kv, Trtisker, Hirschhorn B e r c 11 s o 11 n und S c 11 c re s eh c w s k v. Der Vorsitzende brach nber die Debatte ah und stellte den Vorschlag der, Kommission, diese Petition ohne Zusatz dem Magistrat zu übergehen, zur Abstimmung Der Vorschlag wurde vom Stadtrat mit großer Mehrheit angenommen.