Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXI (1916)
- Issue
- Heft 43 (27.10.1916)
- Date
- 1916-10-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 43 •UEDiSCHE RUNDSCHAU Seite 353 iiikI Verwundete '25000 Rubel, Insgesamt erhielten l ungefähr ein V i e r t e I ווו i 11 i o 1! jüdischer1 Flüchtlinge von der Organisation Unterstützung. |)1e Ausgaben für Organis;1t iotisnvccke selbst l>etragen 202 000 Rubel. Gegenwärtig zählt die OrgaiiKution all 360 Orten 210 Lokalkomitces und 150 Vertrauensmänner. Als honorierte Wamlcrinstrukteure der Organisation sind 61, als Mitarbeiter 20 mul als Kan/.leibcamte des Zentralkomitees 70 Personen tätig. Ik׳r neueste Beschluß des Ausschusses für i luchtliiigdiirsorgc am Ministerium des Innern, die Regienmgshilfe auf die lliiiite hcrabzusel/eii mul nur Kinder, Altersschwache und Kranke zu subventioliieren, bewirkt, daß die jüdische Hilfsorganisation um der Regierung für die zweite Hälfte des Jahres 1016 mir 3 000 000 Rubel erhalten wird. Das Budget aber wird sich für diese Zeit auf ca. 10 000 000 RuIh’I belaufen. Es werden also ca. sechs Millionen Rubel fehlen. Der Referent, Herr M K re i n i n , versicherte, daß diese Geldsumme zwar noch au (gebracht werden kann, dal! aber für die ersten Monate des Jahres 1017, nachdem die Wntcrstül/img der Regierung immer mehr nhnclmicn wird, eine Krise tmnusweichlich sein wird, l eider scheine auch im Volk eine gewisse Müdigkeit ciiigetrclcu zu sein. In Moskau sei zwar die Summe der 1monatlichen Einkünfte der jüdischen Seibslbcsteiierung (1000110 Rubel monatlich) nicht zurückgegangen, aller schon seit mehreren Monaten nicht gestiegen. In Petersbürg «lagegeii seien die Einkünfte um 20״« zurückgegangen mul in den Provin/stä<Uc11־, wo die Armut inzwischen gestiegen ist, zeige sich die Müdigkeit noch deutlicher. Neue Geldquellen, die erst nach «ler Eegahsation der < iemeitifle sich öffnen werden können, kommen erst in unbestimmbarer Zukunft in Betracht. Mit gesteigerten Kräften müsse daher die Idee der nationalen Selbsthilfe von neuem verbreitet werden, um die drohende Krise ab/nwenden. Einstimmig wurde folgende Resolution angenommen: ,.ln Anbetracht «ler überragenden Bedeutung der allmählichen Festigung der Stdhs1he־.|eiieriiiig'idee l'iir die Praxis der jüdischen Ocfientlichkcit wie auch für die jüdische nationale Politik und angesichts der Notwendigkeit, di« Hilfsquellen zu vermehren, um die immer steigende Not unserer I lundcrttauscmlc von kriegsnotlcideiiden Brüdern nach Kräften zu lindern, bestätigt die Beratung ihren vorigjiihrigeii Beschluß üIht die moralische Pflicht eines jeden Juden, sich an der Scllrstbesteiiening zu beteiligen, und br.iiil'• tragt die I )elegierten, die ganze jüdische Bevölkerung zur Erfüllung dieser nationalen Pllicht licraii/nzielieii." Hie letzte Sitzung war den inneren Organisatimisfrageii gewidmet. Eine Reihe Beschlüsse wurden gelallt, die die Pl'liclilen des Zentralkomitees, die Au «ler Hilfe wie auch die Pflichten der Urlskomilecs mul die I lölie der Subventionen festsetzten. In seiner Schlußrede brachte L. M, Bramson allen sozialen Arbeitern in «ler Provinz, den Instnikteuren der Organisation mul besonders der Opferfreudigen jüdischen Jugend, die eine herzliche.Wärme 11ml Hingabe an die Bruderhilfe gezeigt 11.1t, den innigen Dank dt's Exekutivkomitees zum Ausdruck. ״Pen Flüchtlingen aber gilt unser heißester Wunsch, sie möchten bald in ihre Heimat zurückkehrcn könneu zu einem selbständigen, 11 «hon und freien Lehen.“ richtige an Golduianiis Ausführungen cinzugclien. Fs .-oll mir darauf hingewiesen werden, das seine For- «leimigen nicht im Namen Hcr/Is gestellt werden können, denn Her/I hatte ein tiefgehendes Verstandnis für den Wert jüdischer Ciolus- und Kulturarbeit. Von einer ganz anderen Seile beleuchtet Iler/P Wirkeu und Anschauungen Adolf Stand, ln liebevoller Pietät setzt er I Icr/Js Persönlichkeit ein Denkmal, Jas sich tief dem Gedächtnis des Lesers ciuprägt. ״Man muß es sich seihst recht machen; alles andere ist gleichgültig“. Dieses schlichte Wort llerzls aus meiner Sclbstbiographie wird hier durch das Leben und Wirken dessen, «ler es geprägt, reich mul wunderhar illustriert. Der künftigen Palästinaarbeit und der Tätigkeit 'Fs Jüdischen Nationalfonds gelten zwei Aufsätze. Adolf llölim gibt die bemerkenswerte Anregung zur Gründung einer Ansicdluugsgesellscliaft in großem Sul. Lr glaubt, daß Amerika das geeignete Land ist, um dort eine solche Gesellschaft ins Leben zu rufen. Egon Zweig spricht über die volks- «r/iclierische Bedeutung des Jüdischen Natioiialfomls und seine Palästinaarbeit während des Krieges. In warmen Worten enthüllt er die Geheimnisse des Erfolges der Sammlungen für unseren Volksscliatz. Ein Aufsatz, der um seiner Aktualität und seines entschiedenen Tones willen sehr beachtenswert ist, ist Osias Thons ״Entdeckung des Ostens“. 1 hon stellt die geringen und zum Teil fast negativen Leistungen des Westjudentums in den letzten anderthalb Jahrhunderten den grollen Volksschö|>f11ngcn des Ostjudcntums im gleichen Zeitraum gegenüber. Er kommt auf Grund dieser Vergleichung Einberufung der russischen Juden in Aegypten Der Londoner ״Jcwish Cltroniclc" meldet in sei- ״er Nummer vom 13. Oktober 1016 nach einem (A'iHral-News-Telegrainm aus Kairo, daß (ler russische Geschäftsträger in diesen lagen einen Befehl veröffentlich! hat, wonach alle russischen Untertanen im dienstfähigen Aller sieh zwin D.enst im englischen Heere melden müssen. I >cr Befehl trifft in erster Lime die sich gegenwärtig in Aegypten aufhaltcnden russischen Juden. Zum Heeresdienst der russischen Juden in England Eine holländische Petition an die englische Regierung I tas ״K omitce für russische Gef an• g e n e u 11 «I V e r b 11 n 1t t c“ veröffentlichte einen Aufruf, der von hervorragciulen Vertretern der holländischeu Intelligenz, wie den Dichtern van Eedcn, de Haan, den Gelehrten de Sitter, 1!11d V i s s c 11 c r, den Sozialdemokraten Wibaut und Frau Roland Holst gezeichnet ist. Wie die ״Jüdisclie Arbcilcrkorrcspondcnz“ mittcilt, heißt es in dem interessanten Dokument: ״Unter ihnen (den russischen Juden i:1 England) beiimlcii sielt viele Miiimcr, die für Rechte gestritten lialien, die in Westeuropa die Grundlagen des bürgerliciicii Zusammenlebens bilden: das Recht der Organisation und Versammlung, der Freiheit des Wortes und der Presse usw. Der Gedanke, daß diese Männer, falls sie sicli weigern in die englische Armee ciuzutretcu, mit Gewalt nach Rußland zurück• gebracht und ihren Henkern aiisgcüefert werden sollen, ist ungeheuerlich für das demokratische BewiilStscin von Neutralen, die ein unbefangeneres Urteil bewahrt haben, als es in kriegführenden'Staaten möglich scheint . . . Wir wollen einen Versuch machen, um dem tlroliendcn Konflikt zwischen der englischen Regierung und den Flüchtlingen zuvorziikommen, von diesen Männern das schreckliche Los nlizuuenden, das sie erwartet, falls sic wirklich den russischen Behörden attsgcliclert werden, und das englische Volk vor einem politischen Treuhruelt* dem Verrat ,■״! einer seiner besten tnul edelsten Traditionen zu bewahren. Unser Komitee hat die Absicht, •an die englische Regierung das Ersuchen zu richten, von den beabsichtigten ZwangsniaHregcln abzusclicn.“ Der Aufruf schließt mit der Aufforderung (an ilic. demokratisch gesinnten Kreise der holländischen Bevölkerung, ihre Zustimmung zu dieser Aktion dem Komitee bekanntzugclicn. Ein Landesschulrat in Polen Das ״Verordnungsblatt“• Nr, •16 bringt eine Erkläriuig des Generalgoiivernetirs von Bcselcr vom 13. Oktober 1616, in der der vom Stadtrat gefaßte Beschluß über die Gründung eines L a n d e s s c h n I - rats bestätigt und dessen Statut genehmigt wird. zu dem Schlüsse, daß ״das Osljiidcntum der prod u z. i e r e 11 d e Teil des Judentums, das Wcstjudcntum seihst in seinem gesegnetsten Zweige (dem deutschen) «loch nur «ler reproduzierende Teil ist.“ Thons Ausführungen beziehen sich auf, die anmaßende Belumdlung des Ostjudeuproblcms von seiten mancher wesljiidischcr Kreise, die auf Entdeckungen ausgelicn ״und entdecken nur unser«■ Armut!und unsere sittlichen Mängel“. Der Krieg, so 'schließt 111011 seinen Aufsatz, hat cs mit sieh gebracht, daß noch cm anderer jüdischer Osten entdeckt wurde - Palästina. ״Und wenn Europa solche Staatsmänner bat, wie cs Helden besitzt, dann müssen sie wohl ein;unleres Ostjiulcntmn entdeckt habe״, als die grüne ״Allgemeine" und dann werden sic auch wissen, mit wem die Brücke und Straße nach dem Osten gebaut mul erhalten werden kann.“ ״Vom Lehen einer toten Sprache“ spricht Heinrich Loewe, indem er die Entwickliingsphascn des Hebraischen als Umgangssprache charakterisiert, Diesem vielseitigen publizistischen Teil des Ka- Icndcrs schließt sich der literaikritisch-hcllctristisclw: an. I״ großem Auftakt eröffnet David I rischm an 11s Dichtung ״Der Messias“ in Max Broüs j kraftvoller Wiedergabe den Reigen. Martin Buber setzt die Vcröffeiitlidmng von Bruchstücken aus einem Vortrag über Percz, die er im 1. Jahrbuch begonnen hat, mit zwei neuen Bruchstücken fort. Er charakterisiert die feinen Differenzen zwischen den Liteiaüir.sciiöpfimgeii in Heiden jüdischen Spradien. Der hebräischen Dichtung sei der Beruf zugefallen, ״das Phatlios des Widerspruchs die großen Töne der Empörung, des Kampfes, des Aufbaus, In der Einleitung wird unter anderem gesagt: ״IXunit das Schulwesen sic'h auch ferner organisch mul erfolgreicli entwickle, bedarf es einer breiten Untctsucliiing der Grundfragen, deren Lösung mir unter Bci/.ielning von Personen, die mit dein Leben des Volkes seelisch verbunden sind, erreicht werden wird. Der Bitte der führenden Kreise im Lande gerne entgegenkommend, möchte ich den Kräften des Landes die Möglichkeit einer regelmäßigen und systcmalischen Mitarbeit auf diesem Gebiet gewähren. Auch ich hin der Meinung, daß «las Schulwesen auf Grund der ,nationalen Sprache und nationalen Kultur sich entwickeln mul) und bin sicher, daß dabei auch die Befriedigung der begründeten Forderungen der vorhandenen Minderheiten möglich sein wird." Der Landesschulrat, der die Aufgabe hat. ״hei der Entwicklung des nationalen Schulwesens im Bczirk des Generalgouvernements durch Ratschläge und Initiative mitzmvirken", wird sich zusammen setzen aus: 1. je einem Vertreter der römisch-katholischen und cvangehsch-augsburgischcn Konfession, 2. ci* n e in Vertreter der jüdischen R e I i g i - on, 3. je einem Vertreter der Warschauer Universit.it und des Pol)teclmikiims, 1. drei Vertretern der Warschauer und zwei der Lodzer Stadtverwaltung, 5. je zwei Vertretern der Gesellschaft ״Polnisches Schulwerk" (״Macdcrz Szkolna“) und des ״Hmiptaufsiclitsrnts zur Linderung der N'ot in Polen“, 6 wenigstens sechs Personen aus dem ganzen Gencralgouvcrnement, die als Fachleute des Erzichtmgs- und Schul- Wesens bekannt sind. [>ie Mitglieder, die unter 2. und 6. angeführt sind, werden vom V e r w a 1111 n g s c 11 e f bcstimmt. In § 7 des Statuts heißt cs: die Wahl der Sprache bei den Beratungen ist frei. Im Zusammenhang mit diesem Sta verordnte der Geriet,ilgooicrntii?, «laß ״der § 13 des Befehls vom 24. August 1615 über die Organisation der Schulen als aufgehoben gib. Die nötigen Anordnungen über die Unterrichtssprache und den Sprachunterricht in den Volksschulen gibt der Verwaltungschef." Der aufgehobene § Fl des Befehls vom 24, August 1915 bestimmt bekanntlich, daß die Unterrichtsspräche in allen deutschen und jüdischen Schulen die deutsche, in den polnischen Schule״ die polnisdic ist. Der Zionismus und die skandinavische Presse Die skandinavische Presse, die bis vor kurzem die zionistische Bewegung so gut wie gar nicht behandelt hat, beschäftigt sielt in letzter Zeit mehrfach mit den Wegen und Aufgaben des Zionismus. Durch die Entwicklung einer lebhafteren zionistischen Propaganda in Skandinavien während der Kriegezeit bat auch die skandinavische Presse dem Zionismtts Interesse entgcgcngcbracht. Zuerst begnügte man sich mit kurzen Berichten und Angaben über Palästina und die jüdische Kolonisation und erst in letzter Zeit trat hierin ein bedeutender Umschwung ein; die Abhaltung «ler Konferenz der skandinavischen Zionisten Ende Mai 1916 bot der nordischen Dresse der Erneuerung erklingen /״ lassen, der jiddischen Dichtung die volkstümlichere Aufgabe, das vielfältige Kleiugetriebc zu schildern, in dem »sich das Paradox sichtbar darstellt, tlie Melancholie des Widerspruchs und seinen Humor, das Leiden der bedrückten Kreatur und die allen Widerspruch überwittdende zartliehe Freudigkeit des frommen Gefühls aus/uformen.“ f’crcz wird (im zweiten Bruchstück) gegen Mcndcle und Schob 111 Alcjchcin abgegrenzt. Dem 25 jülirigctt Dichterjubitäum Bialiks hat Ernst Müller eine Studie gewidmet, Abraham Sonne versucht in einem nicht ganz einwandfreiem Deutsilt eines der schönsten Gedichte Bialiks zu übertragen. Die inhaltlich, und stilistisch etwas flüchtige Scholen! Alcjchem-Studie Z. F. E inkeiste ins tritt mit Recht «ler unztitref• (enden Schlagwortcharakfeiistik des Dichters als des ״jüdischen Mark Twain“ entgegen. Arnold Zweig gibt aus seiner unveröffentlichten Tragödie ״Der Abtrünnige“ eine Szene, die die Wucht, mit der er das Thema ״vom Juden, der Bischof ward, und vom Bischol, der Jude ward,“ behandelt, ahnen läßt. Eine kulturhistorische Studie Ludwig B a t 6 s über den ersten in Wien erschienenen deutschsprachigen jüclisdicn Kalender aus dem Jahre 561)3 (1842/3) fördert manches Interessante zutage. Otto Abclcs Bube Madielc“, ein Krakauer Bild, schließt den mit rcidiem Bilderschmuck ausgestatteten Kalender. IX'11 Herausgebern des ״Jüdischen Nalionalka- Icndcrs“ sind wir in dieser Zeit zu doppeltem Danke verpflichtet. Ihr Werk, das ihnen selbst in Krieges Nöten so gut gelang, werden sie in späteren Jahren noch vollkommener gestalten können. M M