Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXI (1916)
- Issue
- Heft 43 (27.10.1916)
- Date
- 1916-10-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 352 JUEDtSCHE RUNDSCHAU Nr. 43 steiler uiut den fünften tiukten für Schul/wcckc zu geben. Aulierdetii wurden die Geldbußen derjenigen, die ihre Kinder nicht in die Schule schickten, ferner Taxen ihr die Bewilligung der Privatminjans diesem Fond zugewiesen. Weitere Kapitalteil summen 1819 aus der Koseherfleisehsteuer. lXr Ausschullbericht folgert nun — logisch oder nicht, wichtiger noch forma liecht lieh oder nicht - daß der jüdische Nornialsehulfoiid als allgemeiner behandelt und TiicSit mit irgendwelcher Verpfliclitung belastet war, weshalb er in den allgemeinen Sdiulfond ein verleibt wurde, Hemerkenswcrt ist endlieh die Schlußfolgerung des Referats, daß angesichts der üleidiberechtigung der Juden mangels eines Iconfessionellen Ouiraktcrs der Schulen die Ausscheidung dieses Fonds nicht nötig ist. Soweit meine Aufzeichnungen auf Grund der Quellen. Ich bemerke übrigens, daß die Argumentation des Ausschusses formalrechtlich scheinbar richtig ist, und es wird Sache der Juristen sein, in dieser wichtigen Angelegenheit die gewünschte Klarheit zu schaffen. ~ Ich glaulie somit behaupten zu dürfen, daß die Existenz der erwähnten Fonds zum Teil wenigstens aufgeklärt erscheint. Anders verhält es sich bezüglich der anfälligen Verwendung dieses ״Volksvermögeus". Ich hm ge\. iI! nicht skeptisch, wenn ich-behaupte, daß dieser Fond schwerlich zu den verschollenen im Sinne des Anregers l)r. Ringels zu zählen ist, und cs dürfte kaum gelingen, ihn als solchen zum Leben zu rufen. Ich darf wohl schon verraten, daß ich für ihn eine andere Verwendung hatte, welche nicht weniger zweckentsprechend erscheinen wird. Wir werden nach dem Kriege ein eigenes jüdisches Schulwesen verlangen; der Gedanke der Gründung eigener Minoritätssclnilen ist uns, glaube ich, ziemlich ans Herz gewachsen. Ich will eben im Sinne des von meiner Partei, des Poale Zion, unablässig verfolgten iiatioiial-aiitonoiinstischcn Programms bei Anlehnung an die eigenen jüdischen Gemeinden Vorschlägen, Sdiritte zu unternehmen, damit dieser F'oiul von der Regierung als erster Beitrag für die jüdischen Normalsehulen verwendet wird. Auch dieser Punkt ist wesentlich bei der künftigen Regelung der jüdischcn Frage, er mag also volle Beachtung finden. Die Beratung der jüdischen Kriegshilfsorganisation in Rußland Am 10. September wurde in Petersburg eine Beratung der Vertreter der Komitees der jüdischen Kriegshilfsorganisation in Anwesenheit von 4V i)clegierten der Proviiizkomitecs, 16 Mitgliedern der Petersburger-Exekutive, 4 Vertretern der Flüchtlinge 6 Vertretern der Beamten der Hilfsorganisation und je einem Vertreter der an der Kriegshilfe beteiligten Bildiingsgesellscliaft, der Gesellschaft für Gesundlicitspflege, der Gesellschaft für Handwerk und frdarlreit und der JCA, Ins Präsidium der Beratung wurden erwählt!>, W. Wisozky (Moskau), E. S, C hu rg i n (Minsk), B. O. ü o I d e n b 1 a 11 (Tula), N. W. Schwarz (Smolensk) und L, S. Bisk (Moskau).! Jüdischer Nationalkalender 5677 ״Wir sind Schüler Theodor H e r z l s~”Das Jammern über unser Geschick, das Klagen über erlittenes Unrecht und das IJcberrcdenwollen, das inan uns doch gelten lassen möge, liegen hinter uns. Der Meister lehrte uns, die zertretene jüdische Würde wieder aufzurichlen, als älteste Kulturiintion unser Recht zu fordern — statt um Duldung zu bitten oder in fremdnationaler Verstellung unterzukrieeben . . . Wir geben dieses Buch heraus, im festen Vertrauen, daß das Volk in schwerer Zeit seine Söhne hören wird, die in diesem Geiste zu ihm sprechen ... Wir kennen die Lücken dieser ersten Folge und dürfen sie wohl mit dem Kriege und seinen Begleiterscheinungen rechtfertigen.“ Mit diesen Worten leiteten Otto A b c 1 e S und Ludwig B a t 6 den ״Jüdischen Nationalkalender auf das Jahr 5676" (Wien 1615, R. Löwit-Verlag) ein und deuteten mit der Entschuldigung für die Mängel ״dieser ersten Folge" an, daß sie mit ihrem sorgfältig redigierten Kalender nicht eine einmalige Publikation int Auge hatten, Bondern auf die Fortsetzung ihres schönen Unternehmcits hofften. Diese Hoffnung hat sic nicht betrogen. Dieser Tage ist unter ihrer bewährten Redaktion ein 2. Jahrgang des ״Jüdischen Nationalkalendcrs"*) erschienen, der sich würdig an seinen *) ,Jüdischer Nationalkalcndcr auf das Jahr 5677 (1916/7)" 2. Jahrganc׳ Herausgegeben von Otto Abeies und Ludwig Bat6, Wien 1916. Verlag ״Jü* dischc Zeitung". M. 2.—. Aui der Tagesordnung der Beratung standen die Fragen der Organisation, der Finanzen, der Gemeimlcn und der Bericht der bisherigen Tätigkeit. Die Finanzfrage wurde hl letzlcr Zeit besonders akut, da die Regierung ihre Subsidicn für die Fluchtlingc (in einem Zirkular vom 26. August 1916) auf die Hälfte gekürzt hat. Die Geiahr, die das Gesetz der fleischlosen Tage für die Existenz der jüdischen öffentlichen Anstalten auch außerhalb der Kriegszone bedeute!, zwang die Beratung, sich auch mit der auf solche Weise akut gewordenen Gemeindefrage, die eigentlich mit der Kriegslülfe nichts zu tun hat, zu befassen. Ueher die Reorganisierung der Leitung referierte H. B. Sliosberg. Er schilderte die Geschichte der Entstellung des Zentralkomitees, das aus der Petersburger Gemeindeverwaltung erwachsen ist, die allmähliche Erweiterung seiner Funkt!«*• neu, der steigenden Not des Volkes gemäß, und gesiebt, daß der gegenwärtige Zustand, in dem das Petersburger Komitee zugleich das Zentralkomitee der Gesanitorganisation darstellt, unnormal sein muß. Ein neues Zentralkomitee au Stelle des gegenwärtigen zu wählen, könnte aber nur ein Kongreß der Vertrclcr aller jüdischen Gemeinden des Reiches, der vorläufig nicht einberufen werden kann. Um aber der gegenwärtigen Lage Rechnung zu tragen, schlug er der Beratung vor, den Bestand des Zentralkomitees durch die Wald von neuen K) Mitgliedern zu erweitern, mit der Bedingung, daß das Engere Exekutiv-Komitce bis zur Einberufung des Kongresses unverändert bleibe. Dieser Vorschlag rief eine heftigv Opposition seitens der Moskauer Delegierten hervor, die die Aufhebung des Zentral- und Exekutivkomitees verlangten, wobei sielt diese Beratung selbst bis auf weiteres zum provisorischen Zentralkomitcc erklären sollte. Eine vermittelnde Stellung nahm L. M. Bramson ein, der «len Vorschlag machte, tunte Wahlen des Zentralkomitees zu veranstalten. Die Debatte führte zu heftigen Auseinanderset/iiiigeii, besonders zwischen II. B. Sliosberg mul dem Vertreter des Moskauer Komitees Motiljew und nahm• 2 Sitzungen in Anspruch■ Mit einer großen Mehrheit wurde beschlossen, das Zentralkomitcc wie auch das Exekutiv-Komitce von neuem zu wählen. Es wurde auch beschlossen, den anderen großen jüdischen intcrpnrtciischcn Organisationen, die auf dem Gebiete der Fliichtliiigsfürsorge tätig sind (JCA, Bikliing.sgcsell.schaft, Gesundheitspflege, Ilandwerkuml Erdarbcitsgcscllschalt) je einen Vertreter im Zentralkomitee der Hilfsorganisation zu gewähren. J. A. Rosow verlangte auch die Aufnahme eines Vertreters der ״Cliowcwe-Sfath-Ewer", die jetzt mit der Gründung von hebräischen Schulen für die I luchtlinge beschäftigt ist. Bramson 1111(1 andere vertraten den Standpunkt, die ״Chowewe-Sfath-Ewer" seien eine Parteigcsellscliaft und könnten daher von einer neutralen Organisation, wie die der Hilfsorganisation, nicht akzeptiert werden. Mit 22 gegen 17 Stimmen wurde der Vorschlag Rosows abgcleluit. Es wurde.׳ ein Zentralkomitee von 60 und ein Exekutiv-Komitce von 25 Personen gewählt. Das Exekutivkomitec bestellt u. a. aus den Herren M.'A, W a rscliawsky, Baron A. G. G i n z b n r g , B. D. Brtizkus, O.O, Orusenbcrg, A. W Sal• k i 11 d , B. A. K a in «nka, M. N. K r c i n i n , J. B. S t e i n, H. B. S1 i o s b e rg, L, S. Bisk, den ehctn.iji- Vorgänger anschlicßt und für den die einleitenden Worte der Herausgeber im ersten Jahrgang nicht weniger zutreffend sind. IX־r ״Jüdische Nationalkniender auf das Jahr 5677" ist eine wolildurchdachte, nach innen gerichtete Kundgebung nationaljüdischen Wullens. Er ist in seinem politiscl1-p׳ub!izistischen Teil den brennenden Fragen der nnmittelbaren Zukunft des jüdischen Volkes gewidmet, wobei die zionistische Arbeit der nächsten Jahre besonders eingehende Behandlung erfuhr; sein literaturgescliichtlich'hcllctristisclicr Teil wird von den Ercig• tüssen des letzten Jahres auf dem Gebiet der jtulisehen Literatur mitbestimmt. So haben cs die ilcrausgeber verstanden, mit ihrem Kalender, der nicht bloß Unterhallungslektürc sein will, ein aktuelles und gut orientierendes Jahrbuch zu schaffen, das, int engsteil Zusammenhang mit den jüdischen Ereignissen des verflossenen Jahres stehend, in vielen seiner Beiträge von bleibender Bedeutung sein wird. Im Gegensatz zu ihrem 1. Jahrbuch haben die I Icrntisgeber es dieses Mal vorgezogen, den publlzistischen Teil von dem belletristischen zu trennen und man kann dieses Prinzip im Interesse einer besseren Ucbersiclit und rascheren Orientierung begrüßen. Ludwig Bat6 eröffnet, wie im Vorjahre, den Kalender mit einer Jahresübersicht, die in knappeii, sachlichen Worten im großen ganzen alle polltischen Ereignisse, durch die das vergangene Jahr für uns Juden sein Gepräge erhielt, berücksichtigt, wobei freilich — wohl infolge der Gedrängtheit der Dar- Stellung — manche Ungleichmäßigkeit in der Betoming unvermeidlich gewesen zu sein scheint. Die Reihe der Aufsätze, die sich mit zionistischen Fr»- gen Ihinia-Abgeordnctai: M. M, Win« wer, L_ M. Bramson und M. J. Scheitel, den hekannten Zionisten: JA. Rosow, I). W. W i s o z k y , A. J. R a p o p o r t, S. E. W e i ß c n b c r g und I . S C bürg in Diesen siebzig Vertretern de? Zentralkomitees wurden auch die drei jüdischen Abgeordneten der Rcicbsdiima, F r i c d in a 1111, G u r e - witsch und Bomasch und der einzige Jude des Reichsratcs Weinstein nngeschlossen. Den Vortrag über die Legalisation der jüdische« Gemeinden hielt L. J. Motiljcw. Nach cingehenden fXbattcii über die nationalen Aufgaben der Gemeinde, die Ursadien der gegenwärtigen Krise, die Aussichten auf eine Regicruiigsuaterstützung und die übrigen Wege und Mittel zur Linderung der Not und zur gründlichen Reorganisierung des Gctncindcwi-sens wurden die ,folgenden Vorschläge des Moskauer Komitees angenommen I. Zwecks Legalisierung der Gemeinden w ird eine Kommission gewählt, die eine Gcsetzcsvorlage für die Reiehsduina auszuarbeiten hat, die sich auf die folgenden Prinzipien stützt: a) Anerkennung einer n a t i o 11 a len < icmeinde, die die Fragen der Kultur und Bildung, Arbeit und öffentlichen Fürs rge zu regeln hat; b) Vereinigung der ()entrinden; c) allge• meines Wahlrecht innerhalb der Gemeinden d) Zwangssteucr auf Grund einer progressiven Be- Steuerung des Einkommens. II. Diese Gesetzes'orlage muß von einem Kongrell der Vertreter aller jüdischen Städte und Stadteben bestätigt werden. An den Wahlen zum Ko». reß beteiligt sieh die gesamte jüdische Bevölcrung oder sic geschehen, falls dies unmöglich ist, mittels der bestellenden Organisationen. III. Allen jüdisdien ()rganistaiouen obliegt die Pflicht, diese Fragen genau zu behandeln und in den weiten Kreisen der jüdischen Bevölkerung populär zu machen. IV. Bis die Reform der Gemeinden aui dem Wege der Gesetzgebung vollzogen werden wird, müssen alle Gemeindeverwaltungen auf welchen’ juristischen Grundlagen sic auch existieren mögen nach dem Prinzip der Beteiligung aller Elemente der jüdischen Bevölkerung der Stadt umgestaltet werden. Die Getncindekommission, die diese (jesctzcsvorlagc vor/uberciten hat, besteht aus dein Rabbiner Dr. M. Eisen stadt, Rechtsanwalt* Orusenbcrg, Rechtsanwalt Sliosberg, S. Tscliarni (Niger), M. K ersehn er, B. Br uzkus und M. S. Silbe rfarb und den Zionisten N. Katznclsohn, M. S. A 1 c j n i k o w , A. Rap״• port, J. Grünbaum und J. Jaselutnski. Ueher die Tätigkeit der Hilfsorganisation wäftrend der zwei Kricgsjalirc berichtete L. M. Bramson und über die gegenwärtige Finanzlage der Organisation M. N. K re in in. Insgesamt verteilte das Zentralkomitee II 3I8U00 Rubel. Von dieser Summe stammen ()()"״ von der Subvention der russi• sehen Regierung; 27510011 Rubel kamen ans dein Auslände. Das übrige ist von «len russischen Juden selbst gesammelt worden. Die Judeuheit von Petersbürg allein hat 839 000 Rubel aufgebracht, lieber die Art «ler Gekiverteihing geben die folgenden Ziffern ein Bild: Die Gesellschaft der Gesundheitspflege erhielt 500 000 Rubel; lür Kredithilfe wurden 175 000 Rubel verwendet; für Arbeitsliilic 290000 Rubel, für Biltliingszwccke 2)0 000 Rubel; für Kleider und Wäsche 500(HK) Rubel; für Unterstützung von Rabbi* nern und andern 97(MIß Rubel; für Kriegsgefangene gen beschäftigen, beginnt Otto Abcles, der in der Entwicklung des politischen Zionismus, wie sie sich in den zwanzig Jahren seines Bestehens darstellt, schwere Mängel konstatiert. In der mit Riesenschritten vorwärtsstrebenden Nationalisierung der Diasporajudcnlieit, in dyr Forcierung der praktischen P a I ä s t i n a ה r b e i t und in der zu׳■ nistischen G o I u s po I i t i k zugunsten einer Machtcrlioluing der Judenheit in den Nationalitätenstaaten, — an sich günstige und fruchtbare Folgeerscltciiiungen eines Systeimvccliscls - sieht Abeies die Gefahr, daß ״der Rcttungsdiaraktcr" der zionistischen Bewegung verblaßt, das Kulturproblcin In d!n Vordergrund tritt. Er fortiert, daß dieser Rc 1111 n g s c h a - raktcr des politischen Zionismus wieder scharf in die Erscheinung treten soll. Wenn diese positive Forderung durchaus berechtigt erscheint — obwohl die Gefahr, von der Abcics spricht, uns nicht so groß zu sein scheint wie ihm —, so übertreibt Nachum Goldmann in seinem ״Zurück zu Mcrzl" betitelten Aufsatz das Prinzip der ״Golusvcrneinung" soweit, daß er ״alle gegenwärtige Goluskultur, soweit sie in ihrem Wesen den Stempel des üolus trägt, also in erster Reihe die jidischc Sprache und Literatur" prinzipiell ablchnen zu müssen glaubt, Diese negative Forderung der Ablehnung stellt er auch gegen den Achad-Flaamismus als ״Versuch zur Lösung der kulturcllen, geistigen Judcntumsfrage gegenüber der xionistischen Lösung der konkreten Judcnlieitsfrage" auf. Als drittes fqpdort er die Einigung der Zionisten ״auf dem Boden eines Minimalprogramms, nicht wie geistig-kulturelle Strömungen auf dem eines Maximalprogrammi." Hier ist nicht der Ort, auf das Un-