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Jüdische Rundschau · 1916-10-27 · Heft 43 (27.10.1916) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXI (1916)
Issue
Heft 43 (27.10.1916)
Date
1916-10-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Jud’enzählung Die Budget- Koni in iss ion ries Deutschen Reichstags hat am 19. Oktober 1910 den Beschlnü gefallt, eine Statistik iilK'r die Konfession der in den Kricgsgcscllschal’ten beschäl* tigleri Personen vor/miichincn. l>cr Heschlnll wird damit begründet, daß durch die Erhebung ״eine weit im Volke verbreitete Meinung“ wirk־!׳ legt werden soll, wonach in den Kriegsgesellschalten besonders viel ״jüdische Drückeberger“ säßen. Noch hat das Reichstagsplenum die Durchführung des Beschlusses nicht genvhmigt, aber es genügt die symptomatische 1 atsache, daß die Vertreter aller Fraktionen, die der Kommission angeboren, mit Ausnahme der Freisinnigen ■und Sozialdemokraten, also auch die Nationalliberalen und Klerikalen, für die Resolution stimmten. Die Tendenz, derer, die den Beschluß cinbrachtcn, liegt klar zutage. Einer antisemitischen Verdächtigung soll durch Earlamcntshescliliiß besonders Gewicht gegeben werden. Das Ergebnis der Enquete wiril nicht nach den geheimen Wünschen der Antragsteller ausfallen. Denn wenn auch, uns durchaus nicht feststellt, in den deutschen Kriogsgescllsciiaftcn eine größere Anzahl Juden angestellt sein sollte, so wäre das noch kein Beweis für die ״jüdische Drückebergerei“. Der Anteil der Juden am deutsehen Wirtschaftsleben ist verhältnismäßig gm- Iler als der der übrigen Bevölkerung und mit Recht hat man darauf hingewiesen, daß die Zahl der jüdischen Unabkömmlichen in anderen, Juden verschlossenen Berufs/.weigen umso geringer Dt. Man hat in letzter Zeit viel von dem schädliehen Einfluß gesprochen, den das Bündnis der Westmächte mit Rußland auf die Lage der J11* den dieser Länder hatte. Die französische und englische Regierung hat, so konstatierten auch konservative und klerikale deutsche Blätter nicht ohne verurteilenden Hinweis auf die schlimmen Wirkungen der russischen Reaktion, dem Drucke Petersburgs nachgegeben und den Antisemiten beider Länder freiere Hand gegeben. Dieses rusMschen Druckes scheinen die Antisemiten Deutschlands nicht bedurft zu haben, um die deutschen Juden durch eine Maßnahme au den Sehandpfahl zu stellen, die selbst russischeu Judcnhetzcrii alle Ehre machen würde. Die von der Budget - Kommission des eleutscheu Reichstags beschlossene Statistik steht mit manchen russischen Armeebefehlen in einer Reihe, über die die gesamte deutsche Presse auch die konservative und klerikale, seinerzeit den Stab brach. Ucbcr den russischen Geheimbel'ehl, die russischen Soldaten sollten die Hai* tuiig ihrer jüdischen Mitkämpfer genauesten» be* obachten und darüber zu statistischen Zwecken Auskunft geben, herrschte im deutschen Blätter* " ald nur e i n e Stimme der Entrüstung. So sehr es die deutschen Juden unter ihrer Würde halten sollten, sich gegen die antisemiti'die Insinuation, cs gäbe eine spezifisch ״jüdiwlic Drückebergerei", zu rechtfertigen, so sehr haben sie die Pflicht, gegen diese ״Zählung“ zu piotestiereu. Sie ist eine ungeheuerliche Ver* letzung der Ehre und der bürgerlichen Gleich- Stellung des deutschen Judentums. Der Beschluß des deutschen Reichshaushalt- ■Ausschusses hat noch eine andere Bedeutung. Er bestätigt die Befürchtung, daß der deutsche Antisemitismus während des Krieges nicht ab- ״Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer ßffentlieh-rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina." Baseler Programm. genommen habe und daß die Hoflmingcn auf eine Besserung der politischen Stellung der deutschon Juden nach dem Kriege verfrüht seien. UcvvDA• jüdische Kreise Deutschlands waren seit Ausbruch des Krieges voll hochgespannter Hoffiiimgen für die Zeit nach dem Weltkrieg, schwelgten im Ansnialen der glänzenden staatsbürgerlichen Stellung, deren sich die Juden in Anerkennung ihrer patriotischen und militarisehen Bewährung nach dem Kriege zu erfreuen haben worden, und konnten sich nicht genug tun in apologetischen Hinweisen auf die vatcrländische I ialtuug des deutschen Judentums. Sic werden einsehen müssen, daß der Antisemitisnuis nicht, wie sic meinen, eine Reaktion auf ״schlechte jüdische Gewohnheiten“ ist, sondern eine im Bewußtsein des umgebenden Volkes tlie (wurzelnde Macht, deren man sich sogar ,manchmal — und nicht bloß in Rußland — zur Ablenkung des Interesses der Massen von brennenden, aber ׳unbequemen inncrpolitischen I ragen bedient. Diese ticfwiir/clnde antiseknitische (inmdstimmiiiig wird weder durch Apologie und Hinweis auf Verdienste aus der Welt geschaht, noch durch das Streben nach Anpassiiug auch mir vermindert. Es gibt nur einen Weg zur wirksamen Bekämpfung des Judenhasses. Eis ist der Weg der Erlösung der Juden aus ihrer Vereinzelung durch Konzentrierung auf einem1 gemeinsame״ Territorium. Und wenn dieses Ziel auch erst durch die Arbeit von Generationen cnvidilrar sein wird: schon das Stieben nach ilun bessert unsere Lage unter den Völkern. Objcktiv, indem die durch die kompromißlose Bctommg der jüdischen Eigenart entwickelten Tugendeu des Stolzes und der Sclbstwürdc den ■umgebenden Völkern mehr Achtung gegen den Juden abringen als die haltlose Anpassiingsmethode, subjektiv, insofern die Abwehr gcgen die Judenieindscliaft, wenn auch mit allen ehrenhaften Mitteln der Leidenschaft und des Scharfsinns diircligciülirt, nur noch einen Ircschcidenen Teil unseres jüdischen Lebensinhaltes ausmachen wird. Erst wenn die Arbeit für die Wiedcrhcrstclluiig des jüdischen Volkes im eigenen Lande zu unserem jüdischen Hauptinhalt geworden ist, werden wir den Antisemitismus wirksam bekämpfen und seine Bekämpfung zugleich auf das natürliche Maß zurückführen können, das seiner Bedeutung für das jüdische Leben znkommt: einer lästigen Abwehr gegen Intoleranz und Ver- Icuuuluug, die von außen kommt. M. M. An die Leser der Jüdischen Rundschau in Wien. Wir haben dem Verlag R, Löwlt, Wien, I. Rotenturmstr. 22, den Einzeiverkauf der Jüdischen Rundschau für Wien über* tragen. Der Preis der Nummer beträgt im Einzelverkauf 30 h. Verlag der Jüdischen Rundschau. Zur Frage der verschollenen jüdischen Fonds Von Dr. Max Roscnfeld. Zur wirklich bemerkenswerten Anregung des Herrn Dr. Ringel in Nr. 33 der Jüd. Rundschau an sich kann ich mich noch nicht äußern. Ic׳l1 hin jedoch in der angenehmen Lage etwas Konkretes über manche ״verschollene" Fond* anzugeben, über welche der Anreger, wie er sagt, trotz Nachfragens nichts erfahren konnte: ich meine den ehemaligen Schulfoml und den Fond, weicher au* den Lichtzündcaufschlägcn entstanden ist. lieber beide Fonds liegt eine ziemlich klare Ck’schiehtc vor. Anläßlich meiner ziemlich umfangreichen Studien zur Frage der nationalen Autonomie und der jüdischen Gemeinden in Galizien bin ich auf sic gestoßen. In dem I. Bande des Wcrtheim’- scheu Werkes: ״Die Juden in Oesterreich, vom Standpunkte der Geschichte des Rechts und des Staats« Vorteils“, Leipzig 1812, ist auf Seite 302 Näheres über den IJcht/ündcatifsclilag, sowie über das Koscher• fk'isihgcfiille angeführt. V'on dun ,,Jüdischen Nornialscliulfoml" habe ich zuerst aus dem gedruckten ״Bericht über die Verhandlungen des ersten galizischjüdischen Kultusgenn iiule-Tagcs“ Lemberg 1878 erfahren. Der damalige Berichterstatter Dr. Filip Mansch hat zur Begründung des Statuts des Kultusgemeinde-Tagcs, in welchem eine 15gliedrige Repriisentanz vorgesclilagen war, hervorgehaben: Die Regierung verwalte mangels einer jüdischen repriisentntiven Landesveitrctung den allgemeinen galt* zisch-jüdischen Schulfoml als Eigentum der Israelitischen Gemeinden, weshalb er verlange, ,,Schritte vorzunehmen, um den Fond in Verwaltung zu bekommen.“ Ich ging nun der Sache nach und fand tatsächlich in den stenographischen Protokollen des gaiizischcn Landtages v. J, 1872 Seite 16 und im Allegat XVIII Seite 5 sub C die genaue Geschichte des jüdischen Norinalscluilfonds. Sic lautet: Im Sinne des Schulgesetzes vom II. Mai 1869 sind •sämtliche Normalfonds in die Verwaltung der Länder übergegangen, so daß die Lnndcsaussclmsse benifeu waren, die bestehenden Fonds zu verwalten, während der Landesschulrat auf Grund des Landtagspräliminars jeweilig die entsprechenden Summen zu assignicren hatte. — Die galiz.ische Statthaltcre» hat sicli am 11. September 1809 au den Landesaiisschtiß gewendet und sich bereit erklärt, auch den jüdischen Normalschulfond hrrausziigebcn. Die-' ser Fond entstand aus folgenden Quellen: 153 889 österreichische Gulden bildeten das 1797 gebildete Stammkapital; 1808 wurde ihm der Scluilfond in der Höhe von 236628 Gulden, 1819 wiederum das Kapital, welches von der Koschcrflcisehstellc entstand, in der Höhe von •16797 Gulden 60 Kronen von den aufgelösten Gesellschaften, Legaten, Zinsen der Betrag von 31943 Gulden 14 Kronen zugewiesen, zusammen 507 132 Gulden 73 Kronen. -- Bis zum Jahre 1861 bildeten beide inkorporierte Fonds von 1808 und 1819 den integralen Teil des allgemeinen Normalfonds, erst mit Verordnung des Kultus- und Unterrichtsmini-'' stenums vom 21. 2. 186t und 24. 2. 1862 wurde die Ausscheidung des jüdischen Normalsehulfond* verfügt, Worauf die galiösche Statthalterei mit Ver- Ordnung vom 8. 12 1861 ZI. 59 885 veranlaßte, daß die Staatsseluiklversclircibung aus dem Jahre 1863 in der Flöhe von 117 200 Gulden als Aequivalent jener 1808 inkorporierten Kapitalien betrachtet werde. Ich bemerke übrigens nachdrücklichst, daß die galizisdx? Statthaltern den Ursprung des Normalschulfonds zugestandenermaßen nicht kennt. In deni Ausschußberichte des Landtages, welchem ich hier folge, heißt cs ja deutlich, die galiz. Statthalterei versicherte lediglich, jener Fond sei infolge der Joscphinischcn Judenordnung vom 7. 5. 1789 entstanden. Jede Kultusgemeinde mußte nämlich eine deutsche Schule erhalten und bei der Lcinbcrjcr Schule sogar ein Seminar. Jeder jüdische Kontribuent war verpflichtet, 4 Gulden der sog. Toleranz-

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