Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXI (1916)
- Issue
- Heft 41-42 (18.10.1916)
- Date
- 1916-10-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 344 JUfcDlSCHE RUNDSCHAU Nr. 41/42 Eine Ikhalk׳ über die Beziehung der Hclkirdcu?11 den Juden schloß sieh der I11ter|)ell,1׳ti011 des Herrn l.1bi/ki iilH'r die Einstellung der Aufnähme von Kindern :111 den Volksschulen an, Der zionistische Rnlmann Herr S v i d e in a n 11 unterstutzte als erster diese Interpellation, indein er /einte, daß im jüdischen Viertel die Aufnahme der Kinder viel früher eingestellt wurde als in den anderen Teilen der Stadt, und dall in diesem Viertel die Einschreibung der Kinder schlecht organisiert war, so dall die Zahl der mitgenommenen jüdischen Kinder bedeutend kleiner war als in anderen Viertcln. An Hand von Ziffern zeigte der Rnhtiniin Eiger, «lall die Zahl der Schüler in diesem Jahre noch geringer ist als im Jahre 1915, Insgcsniiit wurden bis jetzt 18000 christliche Kinder aiifgemuniiieii. Jüdische Kinder ineldeteu sieh bloll (/)Ulf, von denen aber nur 2801) .׳tnfgcnomincu wurden. Da das Haus niclil beschlußfähig war, wurde die Abstimmung dieser Interpellation auf die niicliste Sitzung vertäut. Bekanntlich finden die Sil/imgcn des Stadtrats nur eininnl wöchentlich an einem voll Fall zu Fall vom Präsidium zu bestimmenden Tat;׳ statt, Die niicliste Sitzung, auf der die Schuifra^c behandelt werden suhle, wurde vom Präsidium aul Roschhaschn 11:111 bestimmt. Trotz des Hinweises der jiidisdien Katmamier, dal) sie wegen des Feiertags an dieser wichtigen Beratung nicht teilneliineu könnten und trotz jhrer Proteste wurde der Termin der Sitzung nicht geändert. Die Sc'liulfrnge kam jedoeli auf dieser Sitzung nicht zur Debatte und wurde für die nächste Sitzung vertagt, die wiederum auf einen jüdischen Feiertag (den ersten Tag Sukofh) festgesetzt wurde. Der Warschauer Magistrat legte die gleiche fielingschatzinig seiner jüdischen Mitglieder an den Tag, indem er seine Sitzung gerade auf Juni- Kippur bestimmt hatte. Selbstverständlich waren beule jüdischen Milglieder des Magistrats abwesend. Misrachi-Verband in Warschau Am 0. September hat in Watsdiau die Gniniltings- Versammlung des Warschauer Misrat hi-Vcrbmidcs stattgefmulen. Zur Versammlung kamen mehr als 00כ Personen. Nachdem der Vorsitzende der Warschauer Zionisten, Herr I a 1 b s t e i 1t , die Vcrsammelten begrübt und in warmen Worten die grolle Bedeutung iiervorgehoben hatte, die die Arbeit religiöser Zionisten für die (iesainthcwcgiiiig in Polen haben kann, hielt der bekannte Redner und Schriftsteller Herr N i s s e n b hu 111 eine begeisterte Ansprache, In seinem zweistündigen Vortrage sdtiiderte Herr Nisseiibaum die Lage der zionistischen Bewegung und Organisation, sprach ausführlich über die Lage der Juden in den kriegführenden Uiudern und IK-Ieuditete die gegenwärtigen und zukünftigen Aufgaben der zionistischen Organisation. Im Namen der Vereine ״Bne Zion“ und des zionistischen Frauenvereines ״Bnoth Zion“ begrüßte Dr. T, Hin des die Versammlung, namens des Jugeiul- Vereins ,,Chaluze Zion“ spracli Herr Silbertröst. Nadt Verlesung und Annahme des Statuts, das mehrstündige Debatten hervorgerufen hatte, wurde der Verband als konstituiert erklärt. Der Misrachi gedenkt eine großzügige Propaganda in Polen zu entfalten, ln den neuen Verband haben sieh bereits mehrere Hundert frommer Juden eingeschrieben. Zum Heeresdienst der russischen Juden in England Die Stellungnahme der englischen Zionisten. Verlängerung des Attestationstermins Als die Diskussion über die Zwangserziehung der russischen, in England lebenden Juden zum englischen Heere einsetzte, richtete, wie schon gemeldet worden ist, Herr Josef Co wen als Vorsitzender der English Zionist Federation einen Aufruf an die russischen Juden, sich freiwillig zum Heeresdienst zu melden. Dieser Aufruf fand in den zhmistisdhen Kreisen vielseitige Mißbilligung und führte zu einer speziellen Konferenz der Vcrcinigungen, die der English Zionist Federation angcschlossen sind. Auf dieser Konferenz, wurde zu der Frage der Rekrutierung und zu dem Aufruf, den Herr Josef Cowcn unterzeichnet hat, Stellung genommen, Die Versammlung fand am Sonntag, den 47, September, in Annfields Hotei statt und faßte eine Resolution; ״daß die Konferenz nadt einer Diskussion der gegenwärtigen Lage hinsichtlich der Rekrutierung russischer Juden in die britische Armee zur Tagesordnung übergebt mit dem Ausdrucke des Wunsdhes, daß der Council keine weitere No• tiz davon nehme,“ Aus dieser Resolution geht hervor, daß die Konferi 11/ den, Standpunkt des Herrn Josef Co wen n i e Iv t eiiininimt. Die zw eite Konferenz be/iiglii'h der Frage der russischen Juden und des Militärdienstes wurde am Sonntag, den 2 1. September in Moiinickdnin Roonis abgchallcii. I >r. W c i z in a 1111 präsidierte. Nach eingehender I'eltalle wurde beschlossen, daß die russischen Juden in militärpflichtigem Alter selbst das Komitee mit der Art des Dienstes bekannt machen sollten, den zu leisten sie bereit sind. Ein Büro soll zu diesem Zweek eröffnet werden, l erner wurde beschlossen, ein öffentliches Meeting׳ zu veranstalten, Wie ,,Die Jüdische Well“ vom l, Oktober meldet, ist die I 1 ist für freiwillige Anmeldung oder Attest,׳ition nissisiher luiteltaneli vom ’II). Septendier auf den 2r>. Oktober Inkl. verlängert worden. Dementsprechend können eingeschriebene Männer Ciesuelie um Befreiung Ins zu diesem Tage an den , Rekrut iernngsoffizier ein reichen. Trades-Union und die Rechte der Juden Die in Foiuhm erscheinende jüdische Zeitung ,,Di e J ü d i s e 11 e W e 11“ meldet in ihrer Nummer vom 13, September 1916; ,,Ikr tiefste Dank aller Juden gebührt dem T r a d e - l1 11 i o 11 - K o u g r e ß , der letzte Woche in Birmingham ziisaiiiiiientrat und einstimmig, ohne Diskus-ion die folgende Resolution bezüglich der Rechte der Juden aiinalim: Dieser Kongreß spricht seine nachdrückliche Mißbilligung über die fortgesetzte Unterdrückung und Ausnahmestellung des jüdischen Volkes aus und bedauert cs, daß die Juden in einigen Ländem noeii immer der elementaren, politischen und bürgerlichen Rechte beraubt sind. Der Kongieß fordert daher von der britischen Regierung, von ihren Verbündeten mul den Regierungen der neutralen Staaten, die Abschaltung aller dieser Dntersdiiede, wo immer sie bestellen und gegen die Juden angewendet werden, entschieden zu verlangen. Und feiner verlangt der Kongreß, daß sieh die britischen Repräsentanten bemühen werden. in dem Friedensvcrtrag, wann auch immer die Festsetzungen und Friedeiisbedingnngcn für die Beendigung des gegenwärtigen Krieges diskutiert werden mögen, eine Garantie für die bürgerlichen und politischen Rechte der Juden und anderer Nationen, die solchen Unreehtinaßigkeitcn atisgc• setzt sind, einztisehließen. Diese Resolution war vorgeschlagen von Herrn M. Sciarc von der Tallors’ Macliinists’ Union und drückt in klaren und unzweideutigen Worten die Gefühle aus, die nicht allein die Juden, sondern, wie wir glauben, die überwiegende Majoritüt der Engländer, beherrschen. Wenn die britische Regierung dem Folge leisten wird, was diese Resolution andcutet, braucht sie nicht in Zweifel zu sein, daß sie damit dem Ausdruck verleiht, was die Meinung des Landes ist.“ Aus Palästina (Die Organisation der Brot Verteilung) Das jüdische Brotkomitcc in Jerusalem erhielt die Verordnung der Behörden, die Brotration von V.1 kg auf V1 kg pro Person hernbzusetzen. Um die Brotverteilung׳ zu regeln, gab das jüdische Komitee Brotmarken heraus, die von einer jüdischen Brotmurkenknnunissinn an alle jiidisdien Einwohner Jerusalems verteilt werden. Entsprechende Brotmarken gab auch das jüdische Brotkomitcc in Jaffa und Tci-Awiw heraus, Die Marken sind ln arabischer, deutscher und hebräischer Sprache gedruckt und tragen die Unterschrift der Behörde und des Vorsitzenden des jüdischen Komitees, (N a 111• u n g s m i 11 c I s t c 11 e n.) Die Stadtverwaltung in Jerusalem ersudhte den Armeebefehlshaber Djcmal-Pasclu um die Eröffnung von Nalirungsniittclstellcn, wo Nahrungsmittel von der Stadtverwaltung selbst verkauft werden sollen. Die Stadtverwaltung verfügt gegenwärtig über Bohnen, Linsen, Graupen, Sesam und Zucker und ist jetzt um den Ankauf anderer Lebensmittel bc• sorgt. Die Eröffnung der Nahrungsmittelstclien ist in allen Vierteln der Stadt geplant, (Vom hebräischen Sch ul werk) Das Budget des hebräischen Schulwcrkcs in Palästina, den der ״Waad Hachinuch“ für das kommende Jahr 5677 (1916/17) jetzt vorlegt, beläuft sieh auf 50161067 Fr. Die Trauer um Frug Ein in Odessa 11 it 111 gekanntes Bild bot die Beeriliguiigspr.i/essioii des daliingc-Chiedcncn Dichters, Fine Menge von HK) 1103 Pcr-omn begleiteten S. I rüg zur letzten Rulic, darunter zehntausend judiselic Schiller mul Schülerinnen der jüdischen Volks-, Mittelschulen und Ghailanm, sämtliche Studenten der ()desster Universität, unzählige Deputierte der vielen jüdischen literarischen Gesell, schlaften und Gemeinden aus vielen Städten. Alle jü- (lischcii Schulen und jüdischen öffentlichen Anstalten waren geschlossen. Die Bahre wurde von jüdischen Schriftstellern getragen, ln manchen Straßen mußten die Straßenbahnen ihren Verkehr entstellen. S, I rüg wurde neben M. I , Ii I i 1׳ u b I u 111 und E, Lewinsky begmlHii. Einem voraus bestimm• ten Beschlüsse gemäß wurden an dem Grabe keine Ansprachen gehalten, Seit Februar dieses Jahres hatte Frug nicht mehr sein Krankenbett verlassen und war in dieser Zeit zweimal operiert worden. Monatelang war der Kranke durch Morphiumeinspritzungen künstlich am Leben erhalten worden. Audi in diesen Monaten seiner schweren Krank• heit verließ den Dichter seine Muse nicht. Gerade in dieset letzten Zeit hatte Frug zum erstenmal Gedichte in hebräischer Sprache zu schreiben bc• gönnen. Er verfaßte zwei größere hebräische Poeme (,,litt Traum“ und ,,Der Mutter“) und eine Reihe hebräischer Kintferliedcr unter dem gemeinsamen Namen ,,Beganni" (,,In tiicincin Garten“), lut Juli starb piöt/lid! seine cin/i;e 13 jährige Tochter. Die• ser Schicks,ilssrblig beschleunigte den Tod des I )iditers. Während seiner Ict/tcu Tage lag der Kranke in hohem Fieber. Einer seiner!testen Freunde, der an seinem Krankenbett iimintcrhrochcn wachte war CI1. N, B i a l i k, Die Witwe des Dicliters erhielt Hunderte von Trauer1lc|>esdten, darunter von Dr. J. T s e It I e n o w, Rabbiner M a s e, Ros uw, A n - s k v, Dtthnow B aal- M a rhsc It o w e s, J 11 s c h k e w i t s e 11, von den jüdischen Stndentciivcrcüien sämtlicher Univer-‘1 sitiitsstadte, von literarischen Vereinen, Redaktionen, I ledtnwer-Grtipjten, Bililungsgesellsehaftcn, Flucht• lingskomitecs 11. v. a. Neue Judenbeschränkungen in Rußland Trotz der in letzter Zeit wiederholten Vcrsprcdttingen der Minister und Kcgicningsvcrtrctcr im Auslande wie innerhalb des Landes, die rechtliehe Lage der Juden möglichst bald zu erleichtern, setzt die Maschinerie der Judenverfolgung und Erfimhmg neuer Beschränkt tilgen ihren rastlosen Gang fort. NaCIi der großen Judenjagd in Moskau, die mit einer nicgckanntcii Rohheit vor sich ging, wurde eine neue Verordnung gegeben, die die Existenz vieler Tausende wohlhabender Juden zu minkren droht. Das Ministerium für Handel und Industrie verordnet in seinem Befehl vom 29. Juli 1916, daß das Recht der Herstellung und des Verkaufs der Manufakturwarcn nur denjenigen Firmen erlaubt wird, die vor Ausbruch des Krieges in d c r gleichen Stadt ihren Betrieb hatten. All die Tausende jtidisdier Fabrikbesitzer, die während des Krieges aus den industriereichen Rayons von Lodz, Tomaschow, Bjalistok usw, flüchteten und ihre Fabriken ins Innere Rußlands verlegen mußten, verlieren also mit einen! Schlag das Recht auf Existenz und geraten zusammen mit ihren zahlreichen Arbeitern und Angestellten in die Lage von Kriegsopfern, die auf die Unter- Stützung der Hilfsorganisation angewiesen sind. Eine andere Verordnung des Polizei-Departements schlägt eine neue Bresche in die Reform des jüdisdten Wohnrechts, das Schtschcrbntow gewährt hatte; Das Polizei-Departement hat den Befehlshaber für die Ausrüstung der Armee an der Nordfrout bciiadirichtigt, daß laut dem Zirkular Sclitscherbatows, das das Wohnrecht der Juden erweiterte, die Juden, die auf Befehl der Militärbehörden aus den Gegenden der Kriegszone ausgewiesen werden, ihren Wohnsitz in den Städten derjenigen Oouver* nements frei wählen können, die den Juden zugänglich sind, mit Ausnahme derjenigen Gegen• den, in denen der Kriegszustand erklärt ist und mit Ausnahme derGouvernements Nischnl Nowgorod, Woro* ncscli, Pensa und Tambow, die gegen• wärtig überfüllt sind,“ Wie die ״Jcwrcjskaja Ncdjcija“ richtig erklärt, ist aber der Kriegszustand gegenwärtig fast über das ganze Rcidi ausgedehnt. Außerdem entnimmt die Zeitschrift dieser Verordnung, daß neue Juden* evakuationen in der Schwebe sind.