Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXI (1916)
- Issue
- Heft 41-42 (18.10.1916)
- Date
- 1916-10-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 41/42 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 343 C. Datum.!י«.•Schlüsse der Philadelphier Vorkonfer e n z. 5. Es wird beschlossen, daß cs die Ansicht dieser Koiilcrenz ist, den Kongreß so schnell wie möglich eiiizuherufen; 2. daß das Exck'iitiY-Komitee augenblicklich die nötigen Vorbereitungen in Angriff nehmen soll, um «len Kongreß eiiiznhcnifen. Die Vorbereitungen sollen am 3. September 1916 fertiggestellt und ausgeführt sein; 3. daß das Exekutiv-Komitee aufgefordert werden soll, den Kongreß au einem Tage ciuzubcrufcii, der zwischen dem i. September uml 31. Dezember 1916 liegt; ■I. der Kongreß soll in keinem Falle später als am 31. Dezember 1016 abgehalten werden, wenn nicht das Exekutiv-Komitcc durch dreiviertel seiner vollen Mitgliedcrzahl so entscheidet; 5. im Falle der Dringlichkeit ist das Exekutiv- Komitee berechtigt, den Kongreß innerhalb 30 Tagen nach der Bekanntgabe cmzubcrufeii. 1 /usatz des Ko m p riniuss e s. IXt Kongreß soll zu einem solchen Zeitpunkte vor dem Ende des gegenwärtigen europäischen Krieges abgehalten werden, der von dem Exekutiv-Komitce des amerikanisch-jüdischen Kongresses dazu festgesetzt werden wird. D. Organisicrungkomitee. Vorschlag d c s Kompromisses. Es wird beschlossen, daß die Mitgliederzahl des Exckutiv-Koiniiees des Amerikanisch-Jüdischen Kongrosses, das jetzt aus 08 Mitgliedern bestellt, die auf 120 erhöht werden können, auf 110 erhöht werde durch I linzufiigniig zweier Mitglieder, die durch das gegenwärtige Komitee erwählt werden sollen, und durch weitere 70 Mitglieder, die durch die ״Konferenz der Amerikanisch-Jüdischen Organisationen'1 erwählt werden solle. Das Ergebnis der Abstimmung. Punkt A wurde mit 127 gegen 110 Stimmen abgelehnt, Punkt B wurde mit 128 gegen 113 Stimmen abgelehnt, Punkt C wurde mit 153 gegen 87 Stimmen angenommen, Punkt D wurde mit 120 gegen 111 Stirnmen angenommen, * Auf der Sitzung, die «las Ergebnis der Abstinintung feststellte, wurde berichtet, daß noch viele Delegierte, die Gegner des Ericdcnsahkommens sind, di re Stimmzettel nicht eingeschickt haben. Es wurde ein neues Komitee voll 7 Mitgliedern gewählt, das dem Siebener-Komitee von der Astor-konfcrenz das Resultat des Referendums übermittein und den Versuch machen soll, auf sic einzuwirken, daß sie es annchmen. Es ist bestimmt worden, daß das Komitee nicht unterhandeln darf, sondern sich mir an den Geist des Referendums zu halten habe. In das Komitee wurdet! gewählt; Professor H u r w i t s c I!, Judge Live, Louis L i p s - ky, I)r. k u b i 11 s oh 11 aus Philadelphia, Herr Koralinger und andere, lA1׳s Komitee muß spätestens in einem Monate Bericht erstatten. Die nächste Sitzung findet spätestens nach 10 Tagen statt. Innerhalb der national-jüdischen Kreise Amerikas hat in den letzten Wochen das Kongreß-Abkommen allenthalben die Gemüter beschäftigt, Ucbcrall wurden Versammlungen abgebalten und Resolutionen für oder wider das Uebcreinkotninen beschlossen. Auch in der amerikanisch-jüdischen I*resse wurde die Frage leidenschaftlich erörtert. In Ncw-York hat sieh die in jene Geheimnisse, die kein menschliches Ohr je vernommen hat. Still werden wir in einer Ecke unseres Zimmer• cliens sitzen, ihren weisen Worten lausdien und dem tieftraurigen Singsang, mit dem sie in ihren Büchern lesen - bis das erste Tagesgrauen unser Ziimner erfüllen wird. — -~ So werden wir unser Leben spinnen, s״ werden sich unsere Tage hinziehen und niemand wird unsere Träume zerreißen. Die ruhigen, gutmutigen Augen der schlichten Bauern werden uns betauen. Bei unserem Anblicke werden sie an unsern L’ralin denken, der einst unter ihnen gelebt uml in der Stille ihres Dorfes seine Gebete ertönen ließ, hier aus der Welt schied. Still und tief wird Uh er Leben dahinfließen, tief wie das Abendgebet eines verjagten Propheten, still, wie jene alte Syn- •U״ fr, die man für ewig verschlossen. Wenn dich die Einsamkeit einmal zu schwer bedrücken und du nach einem Gebete lechzen wirst, daun wollen wir uns in das nahegelegcnc Städteben begeben, wo die alte Synagoge morsch dastellt, dieser einzige Rest der einst blühenden jüdischen Gemeinde. Die einen sind verdorben, die andern haben sie treulos verlassen. Niemand ist zurückgeblieben, mir der alte Sohainmcs, der, selbst eine Ruine, die Ruinen bewacht. Dort wird dich niemand in deinem Gebete stören, dort magst du dein Herz vor den vier traurigen nackten Wänden ausscliütten. Ö.u1n wollen wir beide zum alten Sdiammcs gehen, «m die letzte Legende von der alten Synagoge zu hören: ״Jüdische K״ngreß-Liga■' gebildet, die für die Durchführung der Piiiladclphier Beschlüsse in allen Punkten eintritt, Zwisdieu dem Kongreß-( )rganisierungs-Komitee uml dem Exckutiv-Kjomitcc der ״Konferenz ameri* klinisch-jüdischer Organisationen" sind inzwischen aufs neue Verhandlungen eingeleitet worden, um nadi Ablehnung des Uclicrcinkonimciis doch zu einer Verständigung zu gelangen. Konferenz desJüdiscliNationaien Arbeiterverbandes in Amerika Am 2. und 3, September fand in Detroit die I. Jahresversammlung des jüdisch-nationalen Arbeiterverb,1!11les von Amerika statt, an der ungefähr 100 Delegierte fcilnahmcn. Im vergangenen Jahre hat der Verband 1300 Mitglieder in 10 weiteren Städten Amerikas erworben; zur Verstärkung der Propaganda-Arbeit wurde ein Organlsationsfonds von 2300 Dollar geschaffen. Die Konferenz beschäftigte sich ferner mit Erzicliungsfragcn. Den wichtigsten Punkt der Beratung bildete die Frage des jiklisdien Kongresses, Nachdem die Herren Antin, Zucke rm an n und Braun das Abkommen zxvisehen dem Koiigrcßkomitec und der Konferenz der jüdischen Organisationen einer Kritik unterzogen batten, wurde eine Resolution angenommen, in der gegen die Haltung des Kongreßkomitccs protestiert wurde, weil dieses sielt nicht an die Beschlüsse der Vorkonferenz in Philadelphia gehalten habe, und in der die Mitglieder des nationalen Arbeitcr-Verbnndes aufgefordert wurden, gegen die vorgesdilageue Einigung zu arbeiten. (Vergleiche dazu den vor-!!ergehenden Artikel). Die von verschiedenen Seiten unterbreiteten Vorschlüge für eine Plattform zum Kongreß wurden dem Exekutiv-Kornitee zur weiteren Behandlung überwiesen. Das amerikanische Hilfswerk Dem Bericht des Joint Distribution Comittee entnehmen wir folgende Ziffern über die für die notleidenden Juden in den kriegführenden Ländern in der Zeit vom 20, Januar 1015 bis 15. August 1916 gesammelten und versandten Gelder. Insgesamt wurden in Amerika durch alle jüdische Hilfskomitees in dieser Zeit •1891613 Dollar gesammelt. Dies Geld wurde den Ländern nach folgendermaßen verteilt; für die KriegstioUcideiulen in Rußland 1800000 Dollar, in «len! von Deutschland okkupierten Polen 1 •154 500 Dollar, in Oesterreich-Ungarn 1 065 000 Dollar, für die jüdischen Studenten in der Schweiz 50 000 Dollar, für die jüdischen Flüchtlinge in Alexandrien 21000 Dollar, für die palästinensischen Juden (Geld und Nahrungsmittel) 403 788 Dollar, für die Juden Griechenlands und der Türkei (außer Palästina) 132325 Dollar, für die Juden von Tunis, Algier und Marokko 5 000 Dollar, für jüdische Emigranten in Frankreich 5000 Dollar. Vor Jahren war cs, als die Gemeinde nur noch zehn Juden zählte, am Vorabend des Versöhnungsfestes, während man in der Synagoge zum Kol- Nidre-Gcbct bereit dastand. Da fiel plötzlich einer hin und war tot. An jenem schrecklichen Abend blieben neun Männer in der Synagoge und beteten, jeder für sich, einsam, vereinsamt. Als die letzten Sonnenstrahlen erloschen und die Betenden die Synagoge verlassen wollten, siehe, da zeigte sich in der Tür ein Greis in weißem Stcrbcgcwandc, wie sie selbst; lautlos trat er zum Pult hin und stimmte in einer immer mächtiger und schmerzvoller .anschwellenden Melodie das ״Kol-Nklre" an. Als das Gebet zu Ende war, gingen die Betenden auseinander. Nur der geheimnisvolle Vorbeter und der Diener blielicn in der Synagoge zuiück, Kaum hatte der letzte der Betenden die Tür hinter sich geschlossen, da trat der Greis lautlos auf den heiligen Schrein zu, nahm die einzige Thorarollc, die dieser noch barg, heraus und legte sie auf den Almentar. 111 der Synagoge herrschte lautlose Stille und doch war sic voller Menschenschatten. Und als der Greis die Thora aufzurollen begann, durchdrang ein heißes Wimmern, wie das von Tausenden armer Seelen den Raum. Der Greis sprach den Eröffnungssegen und ein tausendfaches, wcithallcndcs Amen erscholl und jiih verstummte es. Er las einen Abschnitt, sprach den Schlußsegen, worauf wieder ein tausendfaches Amen erscholl. , Der Alte scliautc sich anklagenden Blickes nach allen Seiten um, wandte sich dann zu Thora und mit gellender Stimme sprach er: ״ThoraI ThoraI Medizinische Hilfe für Palästina Das Provisorische Zionistische Exrlcutiv-Komitee in New-York hat von der französischen Regierung die Erlaubnis zur Einfuhr von Medikamenten nach Palästina erhalten. Diese Erlaubnis bezieht sich auf die Einfuhr von Medikamenten, die schon seit längerer Zeit in Aegypten für Palästina deponiert waren. Infolgedessen hat das St; 1 ((:•Departement in Washingt.m den amerikanischen Kreuzer Dcsmoincs, der in Barcelona lag, nach Alexandria beordert, um die Medikamente von dort nach Jaffa zu bringen. Die Verhandlungen wegen der voll der Zionistisdien I raueii-Organis.ifion ״Hadassali“ in Arnerika geplanten medizinischen Hilfssendung nach Palästiua, der auch die amerikanische Regierung ihre Unterstützung angedeihen ließ, sind nodi nicht abgeschlossen. Louis D. Brandeis Präsident Wilson hat Justicc Louis D. ß r a n ei e i s zum Vorsitzenden der a m e ri k a n i'sc 11c n Delegation für die vercinigte internationale Kommission ernannt, die gelneinsain mit einer mexikanischen Delegation die noch schwebendem Differenzen nvischcn den Vereinigten Staaten von Amerika und Mexiko ordnen soll. Die Schulfrage im Warschauer Stadtrat ln der Sitzung vom 21. September schlug der Vorsitzende des polnischen Lehrervercins Ratmann Sti pinski die < Iriiiulung eines Land esse hui• rats vor, damit es eine zentrale Landcsanstalt gäbe, die dafür Sorge zu tragen hat, daß alle Schulen des Landes nicht nur ihrer Form, sondern auch ihrem Inhalt nadi rein polnisch sind. In längerer Rede sprach gegen diesen Polonisicrungsversuch der jüdisdhc Ratmann N. Prilutzki. ״Es lebt - sagte der Redner in Polen eine zweite Nationalität, die auch ihre kulturell-nationale Eigenart bewahren will. Sogar die reaktionäre russische Regierung durfte cs nidit wagen, die jidische Unterrichtsspräche in den Cliadarirn abziisrhaffen. Die Frage der jüdischen Schule ist die Frage der jüdischen nationalen Existenz und sollte der Vorschlag des Hern! Siipinski in der vorgcsdilagencn Form vom Stailtrot angenommen werden, so würde dies die jüdische Bevölkerung als Vergcwaltigungsakt gegenüber ihrem heiligsten Bedürfnissen betrachten". ,,Wir konnten — erklärte ferner der Redner — mit herzlichster Freude den Gedanken eines Landesschulrnts begrüßen, da dadurch die Idee der Selbständigkeit Polens in bedeutender Weise verwirklicht wird. Ihcscr Sdhulrat muß aber aus zwei Abteilungern bestellen, von denen die eine die polnischen, die andere die jüdischen Schulen zu regeln hat.“ Der Vorschlag des Herrn Stipinski wurde da־ Kommission für allgemeine Angelegenheiten übergeben, die darüber in der nächsten Sitzung zu berichten haben wird. Niemand mehr, der seine Augen in deine heiligen Worte versenke, niemand mehr, der dich hüte! Nun ist es Zeit, daß du in den Himmel zurückkehrst“. Bei diesen Worten fuhr er mit der Hand über das Pergament und wie zahllose Bienenschwärme lösten sich feurige Buchstaben vom Pergamente los, stoben in die Flöhe und verschwanden durch die Löcher des Daches, durch das die Sterne groß hineinblickten. Hierauf trat der Greis zum Ner-Tomid und löschte es aus. 111 der Synagoge herrschte tiefe Finsternis. Ein langer Seufzer noch hallte durch den Raum, dann war alles verschwunden. Bei Tagesanbruch, als dif ersten Strahlen der Morgensonnc In die Synagoge cindrangcn, sah der Diener beim Erwachen die aufgerollte Thora dalicgen. Ein unbeschriebenes Pergament. Die heiligen Buchstaben waren spurlos verschwunden. Die zum Segen ausgebreiteten Priestcrliände an der Thoralade waren gebrochen . . . , Dies ist die letzte Legende der alten Synagoge und wir sind die letzten, die sie hören werden. Niemand mehr, der die bebende Stimme des greisen Synagogendieners so verstehen wird, wie wir. Dann kehren wir in unser Dorf zurück zu unsern breitköpfigen Obstbäumen, zu unsern schlanken Tannen. Dort wollen wir die große unglückliche Seele in Einsamkeit bewachen und vor fremdeh Blicken hüten. — (Nach dem Jidisclnm von A. Robinsohn).