Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXI (1916)
- Issue
- Heft 40 (6.10.1916)
- Date
- 1916-10-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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beite 332 JUED1SCHL RUNDSCHAU Nr. 40 '1 Simon Samuel Frug Heber Kopenhagen erhielten wir soeben die bctrübende tHe^rrnjrhisehe Nachricht: ,,In der Narbt vom 20, /tim 21. ,September (23. 1;1111) ist der Dichter Frug in Odessa .an einer Nicrcnkinnklieit im Alter von 57 Jahren aus dem Leben geschieden. Die jüdische Gemeinde in Odessa hat beschissen, ihn feierlich beiziisctzen, was auch geschehen ist. Die jüdischen Schulen Odessas waren am IleiscizungN• tag I'. esehlosseu. Aus einer ganzen Reihe von Städten waren I )rpulaliüiicn gekommen. Von überall waren Iilumen und Telegramme einpetroffen,“ * ׳ 1 Kaum ist noch des Volkes Klage um Schnlotn Alejehems fi'iih/citigen Hingang verhallt, da suchte sich das Schicksal ein neues Opfer in der Welt unserer jüdischen Dichter. Dieses Mal traf cs die jüdische Literatur in tiichtjüdiscliem Gewände. Sinion Samuel ITug war der einzige jüdische Dichter in russischer Sprache, dessen Muse auch in fremder Gestalt vom Volk gekannt und geliebt wurde. Denn unbeschadet ihr niehtjüdisccn Sprache seiner Poesie palten seine Lieder fast ausschließlich den Leiden des jüdischen Volkes und seiner un/erstörbaren Hoffnung auf ein naturschoncs l eben im Laude der Väter unter dem wohltätigen Einfluß einer innigen Verwachsenhcit mit dem Boden und der Natur ׳des Landes. Als begeisterter Verkünder des Palustiungcdankeiis, *lein er durch viele prophctische Motive in seinen Dichtungen Ausdruck verlieh, und als unentwegter Vorkämpfer der Idee einer Regenerierung des Volkes durch die Rückkehr zrnr Scholle und Lau.larbeit wurde er in den achtziger Jahren der Dichter der ersten modeiiii'u Palästinabewegnug, des Chowcwc-Zionisimis, l'r war der Schöpfer cltowew(•-zionistischer Lieder, deren Macht und Innigkeit der jungen Bcwegum: Schwungkraft verlieh. Auch dem I ler/.l'schen Zion sums blieb J Frttgs Muse eine treue Begleiterin, die ihn mit Wärme und I ii'he umgab. Besonders ,als der Zionismus eine! kulturelle Vertiefung und die Wiederbelebung der j hebräischen Literatur und Sprache mit sich brachte,! erklangen die Sailen seiner Harfe in neuen, noch I innigeren Tönen. I r wurde /um leidenschaftlichen Verfechter des hebriiisthen Gedankens in «len Kämpfen, die sich in der let/lcn Zeit um ihn ent• spannen. Auch in der russischen Literatur erfreute sich Frug allgemeiner Anerkennung. Seine Dichtungen sind in Rußland weit verbreitet und von allen Literaturkeimeru hochgeschätzt. Sie werden von manchen mit zu dem Besten gerechnet, das die russische l yrik lu rvorgebraehl hat. Lmg hat auch viele jidisehc Gedichte gcschricben, die in der Geschichte der jidisehen Lyrik von hoher Bedeutung sind. Manche von ihnen und Viele seiner Gedichte in russischer Sprache sind, vom Volke ergriffen, zu richtigen, gern gesungenen jiidisehen Volksliedern geworden. Obwohl ein besondi rer Liebling der jüdischen Intelligenz Rulllands, wird sein Andenken durch diese vom Volke gesungenen Lieder ewig in den I Icr/cit der jüdischen Massen fortlehen. Als jüdischer Diclitcr'in rnssisiher Sprache stand er in einsamer Grolle. Der angesehene Platz, ilen er in der russisch-jüdischen Literatur cinnahm, wird vorerst imansgefiilll hlcihen, Darinn trifft 1ms die Nachricht von, seinem unerwarteten Tode doppelt schwer. Die Zionsliehe verliert in ituu einen ihrer treuesten mul begabtesten Verkünder. S. Frug Der Dichter Simon Samuel Frug wurde in der jüdischen landwirtschaftlichen Kolonie Bobrowikut (Gouvernement Cherson) geboren, wo er in iippiger, südriissischcr l.jtnilsclinft von früher Jugend an mit d. r freien Natur verwachsen war, eine immerhin seltene I rschcinimg bei einem jüdischen Dichter. Sein erstes Gedieht veröffentlichte er int Jahre IS7Q in der russisch-jüdischen Woccnschrift Raßwjet. Die lebendige, leichte Spruche, der musikalische Vers und die bestechende Offenheit zogen einen großen Leserkreis an. In den besten Traditionen des Maskilisnms erzogen, wurde Fing unter den Schreckuisseii der Pogrome von 1881 /tim ״Sänger des verfolgten Volkes“ und zu in Dichter des Sclmier/cs und der Verzweiflung, die die jüdische Intelligenz nach dem Zusammenbruch ihrer Ideale erfaßt hatte, l'r war von Volksselmu׳rz tut.1 VolkslKiffntmp so In seell, daß das Persönliche in seinen Dichtungen unwillkürlich zmüektrat, In den verhältnismäßig welügen Gedichten, in (leiten diese unterdrückten Ltnolinnen sieh ditichdrangeii, schien Frug kalt, vielred• tierisch und ohne l'igenail. Desto wuchtiger zeigte sielt die Macht seines Verses, wenn seine Reime zu eudhei'u Tränen seines verfolgten Volkes wurden. Daun gibt es in seiner Sprache kein überflüssiges Wort. Dann crs׳׳ln int (Le alte Jcremiade nett, ״Jedes Wort in diesem Lied, ein Seufzer ists aus teuren Gräbern,“ Trotz, der Schwere der Zeit verlor Frug niemals den Glauben an eine bessere Zukunft, wie ihn auch sein Volk nie verloren hat. L'r glaubte au die Menschheit und ,־tu das Judentum. Line ganze Welt von Idealen enldeckle Frug in den Reden der Propheten 1111:1 in den Sentenzen der alten Weisen. In der I.vrik d'es pr0|1״cliscltcit Genres erreichte Frug den vollkommensten Ausdruck seines Talentes. Das ihm eigentümliche Pathos kam ihm her sehr ן zu statten. Beseelt vom Geiste der Propheten, bej herrschte er auch den Geist ihres Wortes und gab in fremder Sprache uttvergleiehliehe Naelidiclittmgcn dieser Tribunen des Vo|kssclmter/es. Die feurige Rede des Orients, das verhaltene, aber oft durehhreeiieudc Pathos im Verein mit der Einfachheit tles Wortes und der Gesetzmäßigkeit des Rythums gab von jeher einen sehr dankbaren Rahmen für Improvisationen, die vor Frug aber immer süßlieh und wcihrauchnrlig wann. Stolz auf die Mensehheilsideale seiner Ahnen litt Frug umsomehr unter den sinnlosen, entwürdigenden Beleidtgttngen und amsichtslo-.cn Nöten der Gegenwart. Heber sein ganzes Schaffen hallte der Schrei: ״Zwei Gahen schenkIe mir das Lehen, des Sklaven Sein, der Freiheit Streben." Die bessere Zukunft des jüdischen Volkes, die er in seinen Ziouiden so sehnsuchtsvoll besungen hat, seinen ihm nur auf eigenem Boden, im freien Lande und in Gemeinschaft mit der Natur erfüllbar. Im Zusammenhang damit schien ihm die W ederdielebung des Volkes ohne Wieda Belebung der Sprache seiner Almen unmöglich. Schon in seiner Ingentl schrieb Fing in I mellt: ״Nicht lange mehr und keiner wird den alten Stein mehr lesen können, der unserer Mutter Grabstatt schmückt." Deshalb besam; Frug so begeistert die Wiedergeburt der hebräischen Spraehe in Palästina. Außer seinen L rischen mul uat oualen Liedern schrieb l'ritg eine Reihe epischer Dichtungen, B Minden und Idvllcn, in denen er der jüdischen Literatur eine nette Quelle entdeckte - Sujets aus dem Lehen des jüdischen Mittclal.crs, die vor ilun fas ז unvcrwirtct geblieben wann 1 in/clne Bilder aus ,,Des Scltammcs Tochter“, ״Rabbi.Anmon“, ״Der Abschied" bezaubern durch ihre Lebhaftigkeit und Durchsichtig• kt it der Schilderung. Schließlich widmete sich Frug einer leichteren literarischen Gattung. Lr begann Gedichte und Feuilletons über Tagesfragen zu sehr •ihen. In seinen ersten!Lichtungen dieser Art war der I influll Heinrich Heines fühlbar. Aber bald befriste er sieh von ihm lind schuf den ihm eigenen Femlletoustil. Mit unnachahmlicher Leichtigkeit rieselt seine geschmeidige Sprache, von tvpisch jüd schein Sch ufsinn mit reichem, kapriziösem, aber immer frischem ungezwungenem Reim. Doch auch unter diesem scheinbar grenzenlosen Frohmut verbirgt sich der Schmerz der leidenden I )iehtcrseele. Keiner von denen, die in russischer Sprache für Juden schrieben, erfreute sielt der Beliebtheit und Anerkennung wie er, Limit angesehenen Platz nahm Frug in der Lut- Wicklung der jidisehen Literatur c.n. Seit 1 SSb war er einer ihrer unermüdlichen und hervorragenden Mitsehöpfer. In der ersten Zeit seiner liter.r iscltcti Tätigkeit war sein Verhältnis zur jidisehen Sprache nicht sehr innig. Sie schien ihm für h rische־ Schöpfungen ungeeignet und er beklagt in Im iionsiischer Weise, daß er sieh in der Bewältigung des ״einfachen Jargons“ unendlich alumihen müsse Lr selbst war es aber, der in seinen vielen, teiivfüliligen und klangvollen jidisehen Liedern dese Sprache veredelte und verfeinerte und ihrer Diktion die literarische Form gab. Fr hat keine Schule geschaffen, aber groß war die Zahl seiner Nachahmer. Durch die An/iilmngskraft seiner Poesie wurde eine Schar hehr iisi her und jidisclicr Schriftsteller erzogen. Viele seiner Fahne und Schekel'!; Von David Wolffsohn. Ans dem Hebräischen von A. R, Anläßlich des 2. Todestages unseres Führers David Wolffsohn bringen wir einen in deutscher Sprache unveröffcntlieliteil Beitrag, den er für die Fcstnununer . der ,,Hazefira“ zum zehnten Kongreß schrieb. In unseren Tagen, wo man das Alte zu vorgessen pflegt, ohne das Neue zu lernen, ist es sicherlich ein lobenswerter Gedanke gewesen, die ersten Tage des Zionismus in Erinnerung zu bringen. Ich wäre daher herzensgern der Aufforderung nachgekommen, midi an der Fcstnununer, welche die Redaktion der ״Hazefira“ jenen Tagen widmet, zu beteiligen. Aber die mühseligen Vorbereitungen zum zehnten Kongreß nehmen mich so sehr in Anspruch, daß es mir au Zeit gebricht, bei Erinnerungen an den ersten Kongreß zu verweilen. Ich will mich daher mit zwei kurzen Notizen begnügen: Es waren damals die ersten Tage der gcrüuschvollen Tätigkeit vor dem ersten Kongreß. Das Herz stürmte uns, das Auge war wachsam. Voller Freude, A'.ut und Zuversicht gingen wir dem großen, ersehnten Tage entgegen, aber — wir hatten auch Angst vor •tun, unserin Gerichtstage. Wie viele Hindernisse standen uns im Wege! Wie hatte mau unser Werk zu untergraben versucht! Wir waren ja iiocli klein und zart an Kräften und mußten schon den ersten Schritt wagen. Wer vermochte zu sagen, ob uns der Kongreß gelingen würde? 1111 Aufträge unseres Führers Lferzl war ich nach Basel gekommen, um alle Vorbereitungen zu treffen, auf daß der Kongreß uns zur Ehre gereichen und unsere Feinde keine Blöße entdecken sollten. Unter den mannigfachen Fragen, die mich damals beschäftigteu, war eine kleine, aller nicht unwichtige, die etwas von .der grollen Jtidc'iifrnge an sich hatfel Mit welcher ,Flagge sollten wir das Kongrellhaiis schmücken? Welches .ist unsere Fahne? Von welcher Farbe ist sie? - Wir haben keine Fahne. Ich empfand diese Feststellung sehr schmerzlich. Fs galt also eine neue jüdische Fahne zu schaffen. Aber welche Farben sollten ,wir wählen? Kennt denn unser Volk, dessen Auge sielt der Bilder und der Buntheit eiltwölmt hat, ,Farben? Da blitzte ,in mir der Gedanke auf: wir haben ja eine Fahne, von blamveiikr Farbe. Der Tallis, in den \wir uns beim Gebet hüllen, ist das jüdische Symbol. Diese Fahne, die zusaimncngcfaltet im Tallisbeute! liegd, müssen wir liervorholcn, Sie wird die Standarte unseres Stolzes angesichts von ganz Israel um! von allen Völkern sein, ich ließ also eine blauweiße Falme machen, mit einem Davidsschild auf dem Grunde. So entstand unsere nationale Flagge. Als unsere Gesinnungsgenossen nach Basel kamen und diese Flagge vom Kongrcßltatise wehen sahen, waren sie keineswegs erstaunt und fragten nicht, woher wir diese Fahne hatten. Als ob sic von jeher gewesen sei. Aclmlieh erstand mieli der zionistische Schekel. Als der Referent in der Kommission von der Geldsumme sprach, die jeder Zionist der Organisation zu entrichten Italic, und tun diese Frage heftig diskutiert wurde, entstand eine furchtbare Namensverwirnmg. Der Eine sprach von einem ״Beitrag", der Zweite von einer ״contribiition", ״taxe" sagte vier Dritte und der Vierte ״wznos“, ״Chevragcld“ wollte der Fünfte haben usw. Angesichts dieser babylonischen Sprachverwirrung dachte icit daran, einen einheitlichen Namen für unsere Parteisteucr ausfindig zu machen und kam dazu, daß es keinen passenderen und verständlicheren gcben konnte, als das Wort ״Schekel". Kaum war ich mit meinem Vorschlag hervorgetreten, da war dieses Wort schon Gemeingut aller Sprecher gcworden. Und a's die Kommission den Antrag vor den Kongreß brachte und zur Diskussion stellte, war der ״Schekel“ bereits so geläufig, daß man ihn nicht mehr als neu empfand. So pflegt es mit allen Schöpfungen zu gelten, die im Volksgeistc geschaffen werden. Es ist ein gutes Zeichen für sie, wenn man ihre Neuheit n:eilt empfindet und die Volksdichtung sie als etwas Einfacites und Althergebrachtes aufnimmt. Ein palästinensisches Arbeiterbuch *) Der jüdische Arbeiter Palästinas hat sich der Größe der Zeit gewachsen gezeigt. Obwohl durch das natürliche Band des Besitzes nicht an die Scholle gefesselt, bei einer cintrctendcn wirtschaftlichen Krisis als erster von ihr betroffen und von der Gefahr der zunehmenden Arbeitslosigkeit bedroht, blich er trotzdem fast überall auf seinem Posten. Und gerade in dieser schweren Zeit hat die palästinensische Arbeitersdtaft eine hohe geistige Regsamkeit an den Tag gelegt. Die Tatsache־, daß die meisten literarischperiodischen Veröffentlichungen Palästinas während der Kriegszeit den Arbeiterkreisen und deren Initialtivc ihr Erscheinen verdanken, spricht eine beredte Sprache. I'ieni Kennern der Arbeiterschaft Palästinas erschien diese Sachlage ganz natürlich. Wußten sie doch, daß der neue Arbeiter etwas ganz anderes darstcllt, als was mau in andern Ländern unter derselben Bezeichnung zu verstehen pflegt. Die neue Arbeiterschaft Palästinas, sowohl in ihrem rechten demokratisch-nationalen Flügel ״Hapoel Lli/air“ wie auch in ihrem linken, sozialistischen Flügel ,,Poalc Zion“, rekrutiert sieh zum größten Teil aus jungen Juden, die ihren früheren Beruf, nicht selten den akademischen, nu!gegeben haben und nach Ercz-Jisracl gekommen sind, um mit ihrer Hände Arbeit den heimatlichen Boden dem jüdischen Volke zurückzugewinnen. *) Ben Hasmanim, Saled, 5676.