Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXI (1916)
- Issue
- Heft 40 (6.10.1916)
- Date
- 1916-10-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Feiertage halber erscheint die nächste Nummer erst Mittwoch, am 18. Oktober, und zwar als Doppelnummcr. Hechaluz 111 der letzten Kammer des Leidens ruht die rettende Tat. Datier wurden je und je gerade die grölten Erschütterungen zum Heil für unser Volk; sie stählten seine Lebensinstinkte, Steigerten seinen Willen und rüsteten cs mit neuen Waffen für seinen alten Kampf, in dem es nie- 111 als endgültig siegt, aber auch niemals ganzlieh zitsainniciibiiclit. Aber auch der geheime Traum vom endgültigen Sieg, der stolze, nievergessene Erlösimgstrnum, der tlem I );1r>t nach Freiheit entkeimt und von einem uralten (ilauhon genährt wird, auch er wird in den bittersten Stunden ries Volkssehmerzes zu neuem Leben geboren und mahnt zu Taten. Audi das Leid der (iegeinvart, «las an Körper mul Seele unseres Volkes seit zwei Jahren ־/ehrt. ist trotz der (bierliörtheit seiner Ausdehnuug den Ursachen und der Art nach all den alten Volkskatastrophen verwandt und will sich jetzt auch seinen Folgen nach ihnen geseilen. I lat denn der russische Zweig der jüdischen Diaspora nicht eine nationale lugenkraft entfaltet, die mir mit der Grüße des Umglucks selbst verglichen werden kann? Mat denn das Judentum jenseits des Ozeans, das schon einliemdet schien, sich nicht gerade jetzt ans Werk gemacht, eine berufene nationale Repräsen- Ulion zu schallen, die der atitonomistischcn Tendenz der jüdischen üescliiclitc genial? einen Keim der künftigen nationalen jüdischen Umwicklung in Amerika in sieh birgt? Und wer oflene Augen hat, der sieht schon jetzt den Drang nach der befreienden und entscheidenden Tat, der im Innern des besten Teiles unserer gkuibciisvollen Jugend schwillt und auf verschicdenen Wegen nach Ausdruck ringt. Wehe dem Volke, das erst hinten 111110, um sieh aus seinen Wunden Lebenskraft zu schaffen. Doppelt weil aber ihm, wenn es auch die so gewonnene Kraft auf Irrwegen vergeudet. Der in den Stunden des Unglücks erwachte nationale Instinkt bürgt nur für die Wahrhaftigkeit des Zieles, aber nicht für die Richtigkeit des Weges. Dieser imterliegt der Laune«les Ortes mul der Zeit und kann auch vom Ziele wegfüliren. Die Wege , müssen daher geprüft und gewogen werden. Wie können wir aber den richtigen Weg vom falschen unterscheiden, wenn sie beide im Namen des einen Zieles beschritten werden? Jm Laufe der bereits hinter uns liegenden nationalen Regencrationsarbeit haben wir diese Unterschei- «hiiigsnicrkinale gewonnen, die alle in der Ucbcrgung gipfeln: Die Erneuerung Israels wild von inneu kommen und will Hartnäckigkeit und Ans- «lauer. Die Arbeit, die die inneren Lebenskräfte des Volkes entfaltet und sich auf ihre Bereicherung stützt, das mühsam und opferfreudig geschaffene Werk heilig hält und es fortzusetzen entschlossen ist, die führt zsum Ziel. Wenn sie aber statt dessen nach außen schielt, sich aul fremde Synrpatliien oder Interessen festlegt, eine rasche Erlösung verspricht und — was das Wichtigste ist — der Heiligkeit des geschaffenen Werkes nicht ״Der Zionismus erstrebt fflr da* jüdische Volk die Schaffung einer öffentlieh-rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina." Baseler Programm. aeluet oder es gar auf/uopfern sich nicht scheut, dann führt sie vom Ziele ah. Die breiten Volksschichten, auch die, die der aktiven Eineucruugsarbcit fern standen, begriffen instinktiv ihre Pflicht, das Geschaffene in Palästina um jeden Preis zu erhalten. Solange sich dieses PUichtbcwulUseiu nicht anders äußern konnte, zeigte cs sich in der volkstümlichen Hilfsleistung. Für die zionistische Bewegung aller Länder wurde die ״Erhaltung des Bestehenden“ zur Richtschnur. Aber trotzdem tu 11B es uns heute allen zu klarem Bewußtsein kommen: A 11 das Bestehende lückenlos zu erhalten, gelang nicht. Das Schicksal meinte es mit unserer Volkssache ernst. Der Not konnte man eine zähe Geduld cntgegenstcllen; der wirtschaftlidien Anarchie mul Spekulation eine vernünftige Selbsloi'ganisierung, der Isoliertheit eine Vcrtiefimg. Sogar einer 1 leusclueekeninvasion hilft sich durch technische Mittel Einhalt gebieten. Es kamen aber Verleumdung von innen, Mißtrauen und Zwangsauswcisung von außen und endlich der Tod. Frei, ungestört kam er wie in ein offenes I laus. Aer/te, die sich ihm entgcgeiisfellten, wurden weggerafft und er schreitet licmmimgslos über Stadt und Land. Zur Gänze konnte das Bestellende nicht erhalten werden. Ls kann daher der wirtschaftliche und politische Schutz nicht genügen. Es gilt auch, die Wunden zu heilen, die die Kricgsjahre dein Jisclmw geschlagen haben. Im jungen Judentum der gesamten Diaspora müssen die Kräfte gcsammelt werden, die sich schon jetzt dazu vorzubereiten beginnen, 11111, sobald der Weg frei ist, sieb den in Palästina Wirkenden zur Seite zu stellen, die Ermüdeten abzulösen, die Dahingegangenen zu ersetzen und mit ihrem Geist und Schweiß die vcrlorcngegangencn‘ Positionen im Lande wieder zu gewinnen und zu halten. Das muß die neue Pflicht aller derer werden, in denen die Not der Stunde den Drang zur Tat geboren hat. Line kleine Schar Palästinenser verkündete diesen Ruf im fernen New-York. Aus Warschau mul der polnischen Provinz gesellte sicli ihnen ein Stimmenclior aus den volkstümlichen Schieltten der zionistischen Bewegung. Die Erschütterung traf aber das gesamte .Volk und cs darf daher aus allen seinen Teilen ein Widerhall erwartet wurden. Das Pioiiiertum, in dessen Kette die Hccliahi/.-Bewegung ein neues Glied werden will, wurde einmal als überflüssige Verschwendung der Volkskräfte getadelt, da cs auch Leute zu ״einfachen“ Arbeiten ruft, die vielleicht zu ״wertvolleren“ Leistungen fähig wären. Wir sind aber Zeugen, daß große Völker ihre Privatdozenten zu Schippern machen, wenn sie cs für ihre Sache fiir notwendig halten, Wir haben auch gelernt, wie sehr diese Auffassung die notwendigen Vor* aussetzungcii für solche Leistungen unterschätzt: der Bibliothekar, der In Palästina zum Arbeiter, und die Studentin, die Gärtnerin wurde, waren es, die auch in den schlimmsten Tagen ihrer Pflicht treu blieben, und ihnen wird der neue Jischuw sein Bestehen zu verdanken haben. Was wir vor allem der Geschichte des Pioliiert ums entnehmen müsse״, ist die Einsicht in die Notwendigkeit der Vorbereitung und Sclbstcrzicluing der sich Entscheidenden. Wer nach Pnlüstina geht, ohne Palästina und die dort zum Lehen erwachende jüdische Kultur zu kenneu oder keimen zti wollen, dem droht die Gefahr, ein Fremder in seinem eigenen Lande zu bleiben. Seine Tat wird nur ein Opfer sein, das weder ihm noch der Gemeinschaft zu Gute kommen kann. Die Hcclialuz-Bewcgung muß sich als Fortsetzung fühlen, und wer ihrem Rufe folgt, der wird darin sein Ziel erblicken, sich mit den V o r a n g c g a n g e n e n und Mitstrebenden zu einer Gemeinschaft ztisammcnzuschlicßeii, die allein die Arbeit segnet. Sie wird dann nicht mehr Opfer sein, sondern sinnvoller Dienst, der Heil und Erlösung bringt. Für Selbsterzieliung muß die Zeitspanne zwischen dein I leiitc und der ersten Eifüllimgsmögliclikeit eifrig verwendet werden. Hier soll cs keine Proselytcnniacherei und keine Schönfärberei geben, die eine Werbung Fernstehender, Unberufener im Auge hat. Es soll aber jedem von uns klar zum Bewußtsein kommen, daß die Zahl derer, die wir zur Wiederhcrstelhmg in Palästina brauchen, bedeutend größer ist als die Zahl derer, die diese Pflicht lebcmlig empfinden. Wer sich daher von diesem Gebot der Zeit beseelt fühlt, der ist auch der dazu Erwählte, der Berufene und der Einberiifene, der sicli nicht entziehen darf. Es soll bei uns keine Drückeberger geben! Von den jüdischen Erstgeborenen Aegvpteils, die in der Nacht des Mordens der Erstgeborenen vom Todesengel übergangen wurden, erzählt die Bibel, daß sie kraft dieser wiimlervollen Rettung zu (,riestern des wahren Gottes erhoben wurden. Auch die in diesen Jahren des großen Todes die Vernichtung verschont hat, in Schützengräben und Lazaretten, zu Hause und iin Feindeslande, auch an ihnen wird die wunderbare Errettung nicht spurlos voriibcrgelien. Reifer werden sie, tun die Malinung ihres Volkes tiefer zu verstehen: ihr gewonnencs Leben seiner Erneuerung inbrünstig zu weihen. Aus den Pogromen der achtziger Jahre entstanden die Stammväter des modernen Pioniertnnis, die ״Bilu“. Die Erschütterung von Iy05 zeitigte sein letztes Glied, den ״Hascliomer". Dem neuen jüdischen Leid entstammt der Hechaluz, der den Weg der ״Bilu“ und des ״Haschomcr“ fortzuführen ruft. R. S a 1 m a n. An unsere Freunde und Leserl Ein neues Quartal der ״Jüdischen Rundschau“ hat begonnen. Alle, die die ״Jüdische Rundschau“ in der letzten Zeit gelesen haben, wissen, welche Bedeutung das Organ der Zionistischen Vereinigung für Deutschland gerade jetzt besitzt. Werbet fiir die Verbreitung der ,,Jüdischen Rundschau I“ Redaktion und Verlag der ,,Jüdischen Rundschau“.