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Jüdische Rundschau · 1916-09-27 · Heft 39 (27.9.1916) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXI (1916)
Issue
Heft 39 (27.9.1916)
Date
1916-09-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 322 Nr. 39 JUED1SCHE RUNDSCHAU s c 11:1 f 11 i c h; sie können daher theoretisch liöelistens vom wissenschaftlichen, nicht vom zionistischen Standpunkt aus widerlegt werden. Die Wissenschaft■• liehe Forschung kann Frgebnisse zeitigen, von denen aus die Aussichten des Zionismus sich günstig oder ungünstig darstellen (z. B. beurteilen die Agronomie, Geographie, Statistik tisvv, die Wicdcrbesicdeltmgs- und Anbaufaliigkeit Palästinas, die Psychologie mul Geschichtswissenschaft auf Grund der bisherigen Erfahrungen die Möglichkeiten einer nationalen iuuI kulturellen Erneuerung’ des jüdischen Volkes), ln gewissem Sinne freilich dient jede wissenschaftliche Forschung dem Zionismus, auch wenn ihre einzelnen Ergebnisse dem Zionismus ungünstig sind; denn wie jeder politischen Richtung, so kann es auch dem Zionismus nur nützen, wenn die Wissenschaft ihm den festen Boden der Kenntnisse bereitet, dessen er zur praktischen Arbeit bedarf; cs gellt nicht ohne Enthusiasmus, aber auch nicht ohne Nüchtern• heit. Ungünstige, J. h. die Verwirkliclnmgsmöglichkeit des Zionismus verneinende oder verkleinernde Ergebnisse einer wissenschaftlichen Untersuchung sollte daher der Zionismus niemals theoretisch einfach ablclincn, sondern — praktisch widerlegen: durch die Tat. Dies gilt auch vom Verhältnis der Wissenschaft zu den nationalistischen Bestrebungen nach einer Erneuerung des jüdischen Volkstums. Was meine Schrift betrifft, so habe ich bereits dargelcgt, dali die iiir unterstellte Verneinung eines originalen jüdisehen Eigenlebens auf einem Milivcrständnis beruht. Die Wissenschaft kann heute m. F. ein solches verneinendes Urteil gar nicht abgebcu, allenfalls kann sie konstatieren, daß ein einheitliches g e s a m t j ü d i s c h e s Volksleben heu t e nicht (noch nicht) existiert, wenn auch der Wille dazu zusehends — intensiv und extensiv — erstarkt. Ob dieser Wille sein Ziel erreichen wird? Als Wissenschaftler weiß ich es nicht, ich erhoffe und \v ii n s e 11 e es aber als J11 d e. Hierin jedenfalls weiß sicli mit Ihnen einig Ihr Sie liochsehät/cnder Sigbert F c u c 111 w a 11 g e r. Die Lage der Juden im okkupierten Galizien In der letzten Nummer des ״Hillslicriehts“ des Allrussischen Verbandes der Suidteorganisationeu in Rußland finden wir eine Reihe interessanter Mitteiiurigcn über die Lage der jüdischen Bevölkerung in den von den Russen besetzten Teilen Galiziens, Die materielle 1. a g e d e 1ן ׳ ii d i s c 11 e 11 B v v ö I k e r u 11 g Die materielle Lage, sowohl der vertriebenen als auch der ansässigen Einwohner, hat sich sehr verschlechter! Das absolute Verbot der Beweg u 11 g s f r e i 11 e i t, die Unmöglichkeit, nach den Handelsstädten, z. B. Proskurow, Kanienez-Podolsk, zwecks Waren-Einkäufeu zu reisen, der allmähliche Uebergang des I landels von jüdischen in andere Hände, die Begründung der genossenschaftlichen Scnistwo-Verkaiifsstcllen, zuletzt die bedrückende Steuerlast, das alles hat den jüdischen Handel vollständig niedergeschlagen. Alle jüdischen Tee-Häuser sind geschlossen, neue zu eröffnen ist den Juden verboten, wodurch ein sehr wichtiger Ernährungsz.weig der jüdischen Be- Völkern 11g vernichtet wurde. In Borszow ist es den Juden verboten, auf den Straßen Brot zu verkanten mit der Begründung, daß sie cs abgelehnt haben, auch am Sabbat ii Handel zu treiben. Sehr traurig und jämmerlich ist die Lage der Handwerker. D i e S p e 1 s e 11 a 11 e n Die Speiselialicn in Galizien werden von dem Semstwo-Vcrhand unterhalten, deren Beamte aber den Befehlen der Militärbehörden unterworfen sind. Die Ausgabe von Fleisch ist längst eingestellt. Sehr selten, einmal wöchentlich, werden F'isclie verteilt. Das verteilte Brot ist ganz minderwertig. Die feindliche Haltung der Beamten in den SpeischaUen gegenüber den Juden hält die jüdische Bevölkerung von diesen Speiseanstalten fern. Wenn es Juden gibt, ,die sich doch an diese öffentlichen Spcischallen um Ernährung wenden, so geschieht es nur in Fällen, wo dem Betreffenden die Gefahr droht,'tatsächlich Hungers zu sterben. In der letzten Zeit ist eine strenge Registrierung der Besucher de!•' Speiselialicn durchgciiihrt worden. Es wird heabsichtigt, nur alten Leinen und Kindern Nahrungsmittel zu gewähren. Von 2100 Juden, die in Tarnopol die Speiselialicn benutzt haben, sind Hur 600 Kinder übriggcblicbcn, die die Berechtigung haben, die Hallen zu benutzen. Von 3050 nach Tarnopol vertriebenen Juden wurden 2000 von der Benutzung der Speisehallen ausgeschlossen. Gegenwärtig trägt man sich mit den Plänen, die SpeischaUen überhaupt zu schließen und den notleidenden alten Leuten und Kindern 15 -18 Kopeken täglich für ihren Lebensunterhalt zu gewähren. Arbeit für .die Bevölkerung Da laut Beschluß des Scnistwo-Verbandes die Speiselialicn, in denen Speisen kostenlos verabreicht werden, nur von den arbeitsunfähigen Elementen bcnutzt werden dürfen, so sind die Juden größtenteils, da sie an allen Orlen zu der arbeitsfähigen Bevölkerung gezählt werden, davon ,ausgeschlossen. In der Tat aber ist jede Arbeit den Juden tmziigäiiglieh. Nach wie vor werden die Juden zu den Ar• beiten auf Chausseen, Eisenbahngleisen, bei Waggon- I.uliingcn, Straßen- und Kloakcnrcinigung gezwungen, ohne Rücksicht auf Alter, Stand und .Gesundheit; aber diese ״Arbeiter'‘ beko m in eil gar keine Be za 11111 n g. 111 Tarnopol z. B. werden täglich 5—600 Juden, sowohl arbeitsfähige als auch •unfähige, ziisaiiinivngcti'icbcii. Bei Arbeiten, bei denen Aussicht auf Fiitlohimng bestellt, werden die sich masseti* liaft anhictciideii Juden abgelehnt (wie z. B. in Skalat). Der Semstwo-Vcrhand hat Arbeitsstellen für Frauen eingerichtet. In Tarnopol, wo 50 jüdische Frauen beschäftigt sind, verdienen sie wegen Mangels an Rohmaterial höchstens 20 Kopeken pro Tag. ln Tschortkow arbeiten 70 jüdische Frauen, die einen Rubel pro Tag verdienen. Wogen Mangels an Rohmaterial droht auch liier die Schließung der Werk- Stätten. Alle Berichte des Verbandes besagen, daß die jüdische Bevölkerung nicht nur keine Arbeit scheut, sondern sielt zu jeder möglichen Arbeit anhictet, um nur ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Der Verband ist leider völlig machtlos, diesen Wünschen aus Gründen rein lokaler Natur (soll wohl heißen russisch-polnischer Agitation) naclmikomincn. Die G e 11 o s s e 11 s c h a f l s - L ii d c n. Um der notleidenden Bevölkerung in Galizien zu Hilfe zu kommen, hat der Semstwo-Verband eine ganze Reibe von billigen Verkaufsstellen für Lebensmittel eingerichtet. Zum großen Teil sind aber die Juden von der Benutzung dieser Einrichtung völlig ausgeschlossen. Die Verwaltungen dieser Gcnossensehal'ts - Läden bestellen ausschließlich aus Nichtjudcn. An einigen Orten werden Waren an Juden überhaupt nicht verkauft. Eine Zeit lang war z. B. in Tschortkow eine große Anzeige an den Läden angeschlagen, daß laut Befehl der Beliördcu der Verkauf der Waren an die Juden verboten sei. In Tarnopol verweigern 2 Läden den Verkauf der Waren an Juden überhaupt, während ein dritter Laden an sie nur einmal wöchentlich während dev Lauer von 2 Stunden.Waren verkauft. Ein jüdischer Laden, den der Somstwo-Verband in Tarnopol eröffnet hat, und der auch die Genehmigung der lokalen Behörden erhalten hatte, ist durch die Militärbehörde wieder geschlossen worden. In anderen Orten, wo es offiziell nicht verboten ist, an Juden zu verkaufen, wenden die Verwaltvr alle möglichen Mittel an, um den Juden die Benutzung der Läden unmöglich zu machen. So werden z. B. die wichtigsten Waren systematisch an Suhl allnagen verkauft, wo der gnlizische Jude nichts kauten wird. Eine glückliche Ausnahme bildet der Laden in Meimca, wo die Juden mit dem gleichen Recht wie die andere Bevölkerung die Waren äuitVn können. Alle Verwalter dieser dein Semstwo-Verband gehörigen Läden sind Polen oder Ruthcnen. Die Anstellung dieser Verwalter erfolgt regelmäßig nur durch Bestätigung der Militärbehörde. Sowohl die Polen wie die Ruthcnen streben nur darnach, die Lage der jüdischen Bevölkerung nach Möglichkeit zu erschweren. Zu diesem Zweck wenden sie alle Mittel an. Wenn cs nur geht, lanzicrcn sie folgendc Argumente: Die Juden kaufen billige Waren ein, um sie wieder zu verkaufen und um ״Geschäfte" damit zu machen. K i 11 d e r 11 e i m e Der Semstwo-Verband hat Kinderheime in besonderen Orten eingerichtet, und zwar in Tarnopol, Skalat, Grzimaiiow, Tschortkow, Borczow und Oczermi. Das Heim in Borczow mußte geschlossen werden, da das Lokal für Militärzwecke requiriert wurde, ln den anderen Heimen werden jüdische und christliche Kinder unterhalten, Waisen und Halbj waisen und Kinder der ärmsten Bevölkerung. Die einen leben dauernd im Heim, die anderen kommen mir stundenweise hin. In Tarnopol werden!25 jüdi• sein• Kinder unterhalten (von ihnen kommen nur IIH t stundenweise), in Skalat 200, in Grzimaiiow!15, 111 Tschortkow 125 (hiervon 75 stundenweise) und Oczermi 2MS (davon 180 stundenweise). Im ganzen finden in diesen Heimen ea. 1000 Kinder Aufnahme. Die Verwalterinnen der Heime, Christinnen, heb,indein die Kinder mit großer Liehe. Im allgemeinen machen diese Semstwo-Hcime einen sehr günstigen Eindruck. Die Verwalter aber sind andauernd gegen diese Anstalten wegen ihrer freundlichen Aufnahme von jüdischen Kimlern feindlich gesinnt. Sic bemühen sich fortwährend, die Schließung der Heime lierbcizufiihrcn. Bis jetzt ist es ihnen nicht gehingen. Diese Zahl von 1000 unterhaltenen Kindern ist natürlich bei weitem nicht ausreichend. Viele Tausende von Kindern bedürfen der Hilfe. Niemand kümmert sich tun sie. Es ist auch keine Hoffnung vorhanden, daß der Allrussische Semstwo-Verband das Netz seiner Kinderheime erweitern wird. * An tu erkling der Redaktion. Obiger Bericht verdient ganz besonderes Interesse, entstammt er doch den offiziellen Kommunikees des größten, in ganz Rußland verbreiteten Allrussischen Scnistwo-Verbandes. Die Berichte des Verbandes zeichnen sich stets durch Sachlichkeit und Korrektheit aus. Wenn cs schon dieser Verband, der jede politisehe Polemik grundsätzlich vermeidet, für notwendig hält, in seinen offiziellen Kommunikees auf die Leiden der galizischen Juden hinzuweisen, die sie infolge der Verhältnisse ״lokaler Natur“ von Seiten der Polen und Ruthencn zu ertragen haben, so ist das so zu verstehen, daß dieser offizielle Bericht eine Ati klage bedeutet gegen die Polen und Ruthcnen wpgen ihres brutalen Verhaltens gegenüber der jüdiselten Bevölkerung. Bemerkenswert Ist auch die Benierkung von dem ״absoluten Verbot jeder Bewegungsfreiheit der Juden in Galizien.“ Demnach scheinen die alten Oesctze der russischen Militärbehörden, wonach kein Jude in Galizien seinen Wohnort verlassen darf, noch vollauf zu bestehen. Eigentümlich wirkt die Tatsache, daß der Verband öffentlich gegen die Verwalter seiner Hilfs-Institutionen in Galizien, die ja von reclitswegen seine Untergebenen sein sollten, Stellung nimmt. Offenbar ist er ganz machtlos gegenüber diesen gewissenlosen lokalen Machthabern, die mit der russischen Soldateska paktieren. Zionistische Konferenz in Warschau (13.—15. September 1916) Erster Tag Der erste Tag der Konferenz war den Berichten der Delegierten über die zionistische Arbeit in ihren Städten und den Referaten der Leiter des Zionisti• sehen Bureaus für die Provinzstädte, das dem Zionistischen Waad in Warschau ungegliedert ist, gewidmet. Die große Halle des ״Mcrkas“, in der die Konferenz tagte, war dicht gefüllt. Den Vorsitz führte D r. R o s c n b I a 11 aus Lodz. Herr Farbstein referierte kuafc über die Arbeit der Zionisten in Warschau selbst: über die Zahl der Schekel, die Eingänge des Nationalfoitds, die Kindergärten und Schulen, über die Flüchtlings- Itilfe־ und die Waltl zum Stadtrat, über die amcrikanische Sektion usw. Herr O!schwanger und H׳ Dawidowitsch gaben Bericht über die Tätigkeit des Ziouistochen Bureaus für die Provinzstädte und über seine Arbeitsbedingungen. Eine ganze Reihe von Delegierten berichtete tiNr die Arbeit in ihren Städten. Es gibt Städte, in denen zionistische Vereitle seit dem ersten Zionisten-Kongrell bestellen, und solche, deren zionistische liißitmionen erst im letzten Jahr oder sogar in den letzten Wochen gegründet wurden. Fast alle diese Vereine, alte wie junge, begnügten stell nicht mit rein zionistischer Arbeit, wie Schekelein/ieliimg und Nationaifoml-Sanimlmigen, sondern arbeiteten auch viel auf kulturellen! (lebiet. Es gibt Vereine, hesonders tutter den jüngeren, hei denen die kulturelle Arbeit, wie die Gründung von Schulen, Kindergarten, Abendkursen und Bibliotheken im Mittelpunkt ihrer Tätigkeit stand. Cs sprachen au diesem Tage ungefähr 25 Delegierte aus 25 großen, kleinen und kleinsten Orten, mul alle berichteten übereinstimmend, daß der zionistische Gedanke an ihren Orten immer mehr die Herzen der Jugend erobert und daß auch die Aeltemi nicht mehr die frühere Gegnerschaft gegen den Zionismus an den Tag legen. Die Periode der kleinliehen antiziomsiischcn Wühlarbeit scheint endgültig überwunden zu sein und zum ersten Mal wurde es auf dieser Sitzung klar, daß die polnischen Ziouisteil ]t'tzt nicht mehr wegen ihres Zionismus verfolgt werden. In vielen Städten ist man dabei, besondere M i s r a c 11 i-Gruppen unter den Ortliodoxett und Ghassiditn zu gründen. Auch die zionistische Kulturarbeit stößt nicht mehr auf die Widerstände, die sie in früheren Jahren erfahren hat Für diese auffallende Wandlung zum Guten wurden hauptsächlich zwei Gründe angegeben. Erstens hat die Provinzbevölkerung bei ihrem Aufenthalt

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