Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXI (1916)
- Issue
- Heft 39 (27.9.1916)
- Date
- 1916-09-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jahr war reich an jüdischer Arbeit. Der Krieg hat dir Juden aller Lander zur intensiveren Fortsetzung des grollen Werkes der Kriegsliilfe gezwungen. Die Juden der I auder, in deren (jebiet sich der Kiieg unmittelbar abspielte, haben ihre Hilfstätigkeit weiter ausgebaut. Von unabsehbarer nationaler Bedentimg auch für die Zukunft ist die groll angelegte Organisation der Selbsthilfe, eile die Juden Rulllands ihre» kricgsuotleidenden Brüdern zuteil werden ließen. Aber auch in den nicht umuittelbar vom Kriege betrübend! Landern ist das Verständnis für die Notwendigkeit einer raschen, umfassenden Hille, besonders in den jüdischnationalen Kreisen, gewachsen. Die Aktion der jüdischen Kriegshilfe hat in Amerika, und auch hier vor allem in den jüdisch-nationalen Sphären, fruchtbaren Boden gefunden. Trotz dieser Benüihimgen war es nicht möglich, auch nur einen geringen Teil der jüdischen Not zu lindern. Die aufgebrachten Mittel standen in keinem Ver- Iiiiitnis zu eien Erfordernissen der Stuiiele. Die Bestrebungen, für die Juden aller Lauder bürgerliche und politische üleichberecUtigung zu erlangen, haben in manchen Landern festere Form angenommen. In Amerika hat die Philadelphia־ Konferenz, in Südafrika der Joliannesburger Kongreß gezeigt, daß die große Mehrheit des jüdischen Volkes den Augenblick für gegeben hält, in einheitlicher Solidaritätskiiiiclgebung die Emanzipation der Juden aller Lander zu fordern. Diesem Kampfe gilt auch die Tätigkeit der Organisationen und Komitees, die im letzten Jahre unter dem Namen ״Pro Causa Judaica“ in der Schweiz, Italien und Frankreich gegründet wurden. Unter dem Zeichen kontinuierlicher Arbeit ist auch die Zionistische Organisation im verflossenen Jahre gestanden. Die zionistische Bewegung hat besonders in Amerika au Bedentaug und Zahl der Anhänger gewonnen. Auch die übrigen neutralen Länder haben ihre zionistiselten Jahreskonferenzen erfolgreich abgelebten. Ueberall zeigte sich ein ernstes Stichen nach Vertiefung der zionistischen Idee. Die Frage der zionistischen Jugenderziehung nahm bei allen diesen Konferenzen einen ansehnlichen Platz ein. Auch die Zionisten der kriegführenden Ländererfüllten in hohem Maße ihre nationale Pflicht. Die englischen Zionisten haben durch Herausgabe von aufklärendeu Schriften und Büchern die zionistisclie Idee weiten englischleseiulen Kreisen näher gebracht. Die Zionisten Oesterreichs haben mit der Kriegslandspcnde ein schönes Werk begonnen, das, nach dem Kriege fortgesetzt, von großer Bedeutung werden kann. In Deutschland Italien sich die geistigen Kräfte der nationalen Bewegung unter dem Banner einer nationalen Monatsschrift gesammelt. Die Hecholuzbe- 'vegmig hat erst in diesen Tagen durch die polnischen Zionisten neue Stoßkraft erhalten. Die hcbräisdi-zionistischc Sprach- und Schulbcwegung hat nicht nur in Amerika, sondern auch beim Wiederaufbau des jüdischen Sclmlwerks in Galizien, Polen und Rußland an Boden gewonnen. Diesem Bild harmonischer Arbeit entspricht auch die Erhaltung der vollkommenen Einheit der Gesamtorganisation. ״"Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlieh •rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina." Baseler Programm. Palästina selbst hat vielleicht am meisten unter dem Drucke veränderter wirtschaftlicher und sanitärer Verhältnisse, die ihm das letzte Jahr brachte, zu leiden gehabt. Der Aufrecht־ erhaltung des jüdischen jisclmws und seiner Kolonien galt in erster Reihe die gemeinsame Arbeit aller Zionisten. Die frohe Kunde, die uns unsere palästinensischen Pioniere, besonders die Lehrer- und Arbeiterschaft Palästinas, im ver* gangenen Jahre in Form neuer Lehrbücher, Sammelscliriften ■mul literarischer Veröffentlichungen sandten, beweist, daß dort der starke nationale Wille selbst die widrigsten äußeren Bcdingungen des Lebens zu besiegen vermag. Ohne hochgespannte Hoffnungen auf fremde Hilfe, aber in der klaren, sicheren Erkenntnis, daß der Krieg die jüdische Nation trotz aller Leiden, mit denen er sie auch im letzten Jahre heimgesucht hat, nicht in ihren geistigen Grundfesten erschüttern konnte, treten wir ins neue Jahr. Die erhöhten Pflichten, die uns die kommende Zeit auferlcgen wird, erwecken in uns auch erhöhtes Vertrauen auf den unbeugsamen Geist unseres Volkes und sein Werk. M. M. Zionismus und Wissenschaft München, 10. September 1016. Sehr geehrter Herr Redakteur! Sie haben der Besprechung meiner Schrift ״Die Judeiilrage als wissenschaftliches und politisches Problein" den Leitartikel Ihrer 2. Sepfembcrnuinrner gewidmet; Sie tun, mir dadurch große Ehre an, aber auch großes Unrecht. Der Leitartikel einer zionistischen Zeitung gipfelt naturgemaß in einem Bekenntnis zum Zionismus, kann also kaum anders, als sich in einen gewissen Gegensatz zu einem Bucli stellen, das nicht zionistisch ist. Für die meisten Leser aber ist mit dieser negativen Signatur - nicht-zionistisch — dieses Finch dann ein für allemal erledigt. Dies ist natürlich nicht Ihre Ansicht gewesen. Aber Sie wissen, daß die meisten Leute mehr über die Bücher lesen, als die Bücher seihst. Die Abstempelung als nielit-ziouistisch ist daher ein Unrecht an einer wissenscliaftliehen Arbeit, die nicht zionistisch ist, schon weil sie c< nicht sein darf, So sehr ich Ihnen daher zu Dank verpflichtet bin für die Ehre einer Besprechung meiner Schrift an leitender Stelle, so mochte ich Sie doch bitten, jenes Unrecht dadurch wieder gut zu machen, daß Sie mir selbst für die folgende Erwiderung einigen Raum gewähren. Ich darf diese Gunst umsomehr beanspruchen, als das, was ich sagen will, nicht nur dem persönlichen Zweck der Interpretation meiner Gedanken zur Judentrage dient, sondern zugleich Grundsätzliches zu dem Thema ״Zionismus und Wissenschaft" beiträgt. Sic leimen meine Theorie von der Verquickung des Jüdischen mit dem Fremden ab, weil sie im W'idcrspnieh stelle mit der Logik und mit den Tatsachen. Widerspruch mit der Logik; denn die Verquickung habe zur begrifflichen Voraussetzung etwas Individuelles, was sich verquicke und in aller Verquickung erhalte, also könne doch der einzige Inhalt des jüdischen nicht die Verquickungsfähigkeit sein. Damit ist zugleich schon der angebliche NX iderspruch mit den Tatsachen bezeichnet: ein jüdisches originales Volksleben sei tatsächlich vorbanden, das sich nicht im Tingelten immer neuer Verquickungen mit fremden Elementen erschöpfe, und werde gerade vom Zionisten -- unabhängig von jeder Wissenschaft — blutvoll lebendig geschaut und erlebt. Gegen diese Widerlegung meiner Schrift könnte icli nichts einwemleii, wenn ich in dir in der Tat jene blutleere, weltfremde Behauptung aufgestellt hätte, ein originales jüdisches!.eben sei niemals vorhanden gewesen, noch möglich. Aber ich habe dies gar nicht behauptet. Vielmehr habe ich gesagt; Die fortdauernde Verquickung, die das Jüdische mit dem Eremden cingeht, ist die formale Grundtatsachc des jüdischen Qcschchens und das erkenntnistheoretische Element, durch das das bisherige jüdische Geschehen als Einheit verständlich wird, der Begriff ״jüdische Geschichte" Sinn und Inhalt erhält, durch das der unter ,,Judenfrage" zusammengefaßte Komplex von Problemen wissenschaftlich erfaßbar wird, durch das ferner ״jüdische Politik" als ein Gegenstand wissenschaftlicher Behandlung überhaupt erst möglich Wird. Wie nicht der Jude in ist► lierung, sondern erst in seiner Verquickung mit dem Fremden die Existenz der Juden frage überhaupt bcgründet, so ist der Judenfrage wissenschaftlich und politisch nur beizukommen, indem — erkennend und handelnd — an diese Verquickungsfunktion angeknüpft wird. Die stark ausgebildete Verquickungs- Fähigkeit des Juden ist Voraussetzung der fortdauernden Verquickung. Diese Verquickungsfähigkeit, der ®ich aus ihr ergebende tausendfache stetige Wechsel und ' Wandel würde aber zu raschestem Untergang des eigenen Seins führen, wenn nicht ihr tragender Grund eine ganz phänomenale nationale Lebenszähigkeit wäre, ein Konservatismus, der nur bei äußerlicher Betrachtung in Widerspruch steht mit dem Vcrquickungstrieb. Ich habe an mehreren Stellen meines Buches*) deutlich genug gerade auf diese erstaunliche nationale Urkraft des Juden hingewiesen, die wir wissenschaftlich zunächst hinnehmen müssen, ohne sic erklären zu können, und deren Vorhandensein voraussichtlich in starkem Maße bestimmend für die jüdische Zukunft sein wird. Von dieser materiellen Lebenskraft aber ist zu unterscheiden die ״Verquickung" als das formale Element, das das Verstehen der bisherigen bunten Wechselvollen jüdischen Geschichte als eines einheitlichen Verlaufs ermöglicht. Sic ist ein Dcnkelcntent, wie z. B. das ״Atom" in der Physik, die .,Identität“ in der Logik und ähnliche Begriffe in anderen Wissenschäften, Begriffe, deren jene Wissenschaften nicht entraten können, auch wenn die Existenz von Atomen bezw. die tatsächliche Identität zweier Gegenstände usw׳. bislang nur unbewiesene Hypothese, ja vielleicht schon widerlegt ist. Man mag sich zur Vcrquiekuttgstlteoric steilen, wie immer, sie mag richtig sein oder falsch — jedenfalls ist sie methodologisch und heuristisch brauchbar: sic ermöglicht, Ordnung in das Chaos des jüdischen Geschehens zu bringen, dieses zur ״Geschichte" im wissenschaftlichen Sinne dieses Wortes zusammen• zufassen, sie macht viele Einzelerscheinungen kausal verständlich, viele andere, die für das jüdische Leben bedeutsam sind, überhaupt erst sichtbar. Sie bereitet den Boden für die ״Wissenschaft der Judenfrage", sie macht es möglich, einen objektiven Maßstab an die jüdischen politischen Strömungen anzulegen und diesen ihr Recht und ihre Grenzen zuzuweisen. Mag eine inhaltlich andere Theorie all dies befriedigender leisten, dann desto besser! Aber daß es geleistet werden muß, daß wir einer der Be- Sonderheit des jüdischen Geschehens angepaßten jüdischen Gcschichtsthc'orie und einer Wissenschaftliehen Grundlegung der Judenfrage und der jüdischen Politik bedürfen, glaube ich ein für allemal bewiesen zu hal>en. Diese ganzen Gedankengange — also auch meine Schrift — sind weder pro-zionistisch noch antiziouistisch, sondern »•zionistisch, weil wissen• *) Vergl. S. 54 f., 74, 78. X