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Jüdische Rundschau · 1916-09-22 · Heft 38 (22.9.1916) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXI (1916)
Issue
Heft 38 (22.9.1916)
Date
1916-09-22
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 316 jUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 38 verholen wurde, in die Nähe der an Rumänien grenzenden bessarabischcn Gebiete zu koinincn, mit Ausnahme derjenigen Juden, die in diesem Kreise ilircn ständigen Wohnort haben. Zum ersten .Mal hat es die russische Militärbehörde gewagt, die Juden in einem Atem mit kriegführenden Ausländern zu nennen, Eine schlimme Vorahnung erblickten die Juden schon in dem Befehl des Generals Brussilow, der den jüdischen Gemeinden für alle mögliehen Descrtationcn, die im russischen Heere vorkommen, mit Verantwortung drohte. I>ieser letzte Befehl hat auch in den gemäßigteren Kreisen Vorblüffung liervorgcrufcn. Man war davon peinlich berührt, daß der siegreiche General sich zu solchen Streichen, die bis jetzt als das Handwerk der ״Schwarzen Hundert“galten, hcrablasscn konnte. Die- 8er Befehl hat auch seine Vorgeschichte. Man hat es in den Kreisen der ״Sclnvarz.cn Hundert‘' dem Genera) höchst übel genommen, daß er bei der Wiederbcsctzimg von Luck und Dulinow entgegen dem allgemeinen Brauch unter den Juden dieser (legenden nicht nur keine Spione suchte, sondern im Gegenteil sich mit ihnen in recht gute Beziehungen eingelassen zu haben schien. Als er vollends durch den Mosknucr Erzbischof offenbar zur Rechtfertigung publizieren ließ, daß die Juden der genannten Städte den Einzug der russischen Armee begrüßten, begannen gegen ihn in gewissen Kreisen scharfe Intrigen. Nun beeilte sicli Brussilow offenbar, mit diesem Befehl gewisse Kreise wiederum zu besänftigen. Im Zusammenhang mit diesem Befehl ist eine Anekdote entstanden, von der man sagen kann, daß sie tagelang das ״Gespräch‘' aller Kreise bildete. Das Interessante an dieser Anekdote ist, daß sie als eine nachweisbar tatsächliche Begebenheit bezeichnet wird, die auch in den ״Sphären“ eine Rolle gespielt luabcn soll. Die Nummer einer großen russischen Tageszeitung wurde sogar konfisziert, die die Helden dieser Anekdote mit Namen genannt hat. Als nämlich ein holler japanischer Offizier russischem Militär die Handhabung eines japanischen Geschützes neuester Konstruktion, dem ganz besonderer Wert beigemessen wurde, denumstrierte, betonte er zuletzt: ״Die Ilaupthediugimg aber ist, daß sich in der Entfernung von S Werst rund um das Geschütz kein Jude befinden darf,“ Als später beim Frühstück die russischen Offiziere ilircn japanischen Kameraden fragten, ob denn auch in Japan der Antisemitismus im Heere so stark verbreitet sei, erwiderte der Japaner: ״Bei uns? Ausgeschlossen! Wie kommen Sie denn darauf?“ ״Sie hatten doch vorhin diese antisemitische Bedingung gestellt.“ ״Ach so“, erwiderte der japanische Offizier, .,das mußte deshalb geschehen, weif ich weiß, daß russische Militärs, sobald sic in der Entfernung einen Juden erblicken, ihre Aufmerksamkeit nicht auf das Geschütz, sondern auf den Juden konzentrieren werden.“ Nach dem Abgang Sasonows, der jedenfalls den Juden nicht unfreundlich gcgcuiibcrstand, prophezeite man, daß auch weitere nicht extrem-reaktionäre Kabinctts-Mitglicdcr gehen werden. Es ist bekannt, daß der Ohcr-Prokuror des Heiligen Synods, Wnlschin, die wilde Fcindscliaft gegen die Juden nicht teilt. (Inzwischen ist Wolschin, wie die Tagespresse mitteilte, bereits entlassen worden. D, Red.) In reaktionären Kreisen schreibt man sogar ihm die Entstehung des bekannten liberalen Wolmrcclit-Zirkulars des Fürsten Schtschcrbatow zu. Die Kampagne gegen diesen angeblich liberalen Rcgicrungsmanu gilt gewissermaßen als Kraftprobe der reaktionären Kreise. Gelingt cs, diese Säule zu stürzen, so soll der Feldzug gegen die letzte Säule des liberalen Regimes eröffnet werden: gegen den gegenwärtigen, tatsächlich liberalen Kultusminister, Grafen Iguatiew. l:s ist höchst charakteristisch, daß in den Kreisen der ״Sdnvarzen Hundert“ der Kampf gegen die Juden mit dem Kampf gegen den fremdländischen englischen ״Einfluß“ identifiziert wird. Das ist nach der klassisehen Bezeichnung des Rogromhclden und Führers der Rechten, Bulazel die ״eigene Schlacht front der Schwarzen ]hindert“. Dieser Herr Bulazel hat sich auch durch eine andere Phrase bekannt gemacht, als er anläßlich einer Diskussion im Monarchistenk!ub sagte: ״Wir können zu unseren Bundesgenossen an der rhcinse kein Vertrauen haben, und unsere Bundesgenossen mögen sieh merken, ilaß aueli wir unsere Schwarze Liste ,haben.“ Es heißt, daß dieser Pogrom-Agitator gezwungen wurde, sich wegen dieser Aeußerung bei der englischen Gesandtschaft offiziell zu entschuldigen. Nicht wegen seiner Artikcl in seinem, von keinem Menschen gelesenen Wochenblatt, in dem er die kriegerischen Leistungen Englands sehr gering eingeschät/t hatte. Die Attacke!! gegen eien judenfreundlidien englischen Einfluß scheinen immerhin einen gewissen Erfolg nicht verfehlt zu haben. Unerwartet erschien eines Tages ein englischer Journalist, namens Percy, in Petersbürg, der judenhetzcrische Artikel in den anlisemiti- sehen Zeitungen vom englischen Standpunkt aus verbreitete. Man erblickte im Auftauchcn dieses Bundesgenossen einen Versuch von englischer Seite, den Verdacht der Einseitigkeit von sieh zu weisen. Die Versuche, bei der englischen Gesandtschaft auf das unstatthafte antisemitische Hetztreiben dieses Herrn Einfluß zu nehmen, sind bis jetzt ohne Erfolg geblieben. Am Kampf gegen den englischen Einfluß beteiligen sich auch die sogenannten ״gemäßigten Rechten"; im Gegensatz zudem ״Schwarzen Hundert“, die am liebsten einen Bruch mit England gesehen hätten, stimmen sie dem Bündnis ,mit England zu, verlangen aber eine entsprechende ״Aufklärung" über die russischen Verhältnisse in , englischen Kreisen. Dieser Zweck soll am besten durch die entsprechende Besetzung des russischen Botschafterpostens in London erreicht werden. Mau ist in diesen Kreisen mit dem russischen Gesandten in London, Baron Bcnkcndorf, schon lange sehr unzufrieden. Es wird ihm Schwäche bei seiner Aufklärimgsarbeit gegenüber der englischen Regierung vorgeworfeit. In gewissen ״Salons“ spricht man davon, daß der bekannte Reaktionär S t i s c 11 i n s k y demnächst für diesen Posten bestimmt werden dürfte. Andere behaupten mit Bestimmtheit, daß für diesen Posten kein anderer als der gegenwärtige Minister- Präsident Stürmer auserselieii sei. ‘Man erblickt in seiner Kuiidgebting anläßlich seiner Uebernalnne der Naehfolgsehaft Sassaifows: ״Meine Aufgabe wird darin bestehen, daß die russische auswärtige Politik eine europäische nach außen, und eine russische ihrem Geiste nach sein wird“, ein vielversprechendes Programm. , Eine Bedingung, die die Reaktionären au den jüngst ״umgesattelten“ Minister des Innern Chwostow gestellt haben, ist bereits in Erfüllung gegangen: die Tages- und Naclitüberfällc ,(Oblavi) auf die Juden in Moskau haben wieder begonnen. Früher war das die Leistung des so rühmlos Verschwundenen Ministers des Innern Chwostow, kies großen Neffen des jetzt regierenden, kleinen Onkels. Als unlängst der Moskauer Oberbürgermeister Tschclnokoff sich wegen dieser unwürdigen Jagd-Szenen beim Stadtkommandanten beschwerte, sagte der ihm offenherzig: ״ja, wo sollen wir sonst diese Häscher• Szenen arrangieren können? Die’Juden dürfen doch bereits in ganz, Rußland wohnen, cs bleibt uns ja nichts anderes übrig, als in Moskau zu arbeiten.“ Die Regierung begründet diese Ucberfiillc damit, daß sic die Nester der Spekulanten und Preistreiber zerstören will. Die Frage Tschclnokoffs, warum diese I Fischereien nicht auch in den nichtj&dischcn Kreisen der Spekulanten arrangiert werden, blieb unbeantwortet. Kommt es doch der Regierung nur darauf an, dem Volke die Vatcrlandsfciiidliehkcit der Juden zu!beweisen und so die verhungernden Massen gegen die Juden auf/iihetz.cn. Es ist ein blutiger Irrtum, wenn man glaubt, daß die Regierung mit dieser ihrer Politik nichts erreicht. Fast täglich kommen in Rußland Prozesse gegen verhungerte, dunkle Baiicrmnasscii vor, die wegen Aussehreitungeil gegen die Juden angeklagt werden. Alle diese Ausschreitungen sind arrangiert worden, nachdem die Behörden massenhaft durch Proklamationen und dunkle Agenten der Bevölkerung erzählen ließen, daß mir die Juden die Schuld an der Teuerung tragen. Erst vor kurzem wurden in Kiew 21 Bauern mit Strafen von vier Monaten bis zu einem Jahr schweren Kerkers verurteilt wegen Teuerungsausschreitungen gegen die Juden. Massenhaft kommen solche Prozesse in der Provinz vor. Nur in äußerst seltenen Fällen gelingt es, ein Wort darüber in die Presse zu bringen. Mit einem Wort, der alte Kurs herrscht nach wie vor, und es ist nicht abz.usehcn, welche Folgen er nach sich ziehen wird. LITERftRiSCHE CHRONIK Das bekannte Werk von Prof. Wilhelm Bacher ״Die Geschichte der p a I ä s t i n e n s I - sehen Amorüer“ ist von dem bekannten Schriftsteller und Pädagogen A. S. Rabinowitz ins Hebräische übersetzt worden. Die hebräische Tageszeitung ״Hachcruth“ in Jerusalem kündigt das Erscheinen eines hebräisehen Volkskalendcrs zum Jahre 5677 an, der in großem Format und geschmackvoller Aus- »taKiing erscheinen soll. * ״Ha ad am" ist der Titel eines in Jaffa erschiciiciici! Werkes von Dr. Mettmann- Cohen (Direktor des hebräischen Gymnasiums in Jaffa), das für den Anfangs-Unterricht in Physiologie in den unteren Klassen des Gymnasiums bestimmt ist. ' Das Komitee der JCA in Petersburg gab ein neues Buch des Herrn A. S. Oordon heraus: ״Die genossenschaftliche Bewegung unter den Juden im Jahre 1914“ (vor Ausbruch des Krieges und in den ersten sechs Kriegsmonaten). Das Komitee ließ auch eine Reihe populärer Broschüren in jidischcr Sprache über die Art der Organiskriing und Leitung einer jüdischen Leih- und Spargeiiosscnscliaft erscheinen. Gegenwärtig wird auch ein jidisdies Sammclbuch vorbereitet, das Tagesfragen der jüdischen genossenschaftlichen Bewegung gewidmet sein soll. Dank der Initiative der Herren Rabbiner Dr ] Mase, A. Pedlischcwsky, A. O 11 rcwits'co und N. 1). Zcinach wurde in Moskau eine ho• bräisdie Thcatcrgescllsdiaft ״Ha bim ah“ gegriindet. deren Ziel die Schaffung einer modernen ho■ bräisdicn dramatischen Wandertruppe ist. Die Go. Seilschaft beabsichtigt auch zu diesem Zweck eine besondere hebräische dramatische Schule in Moskau zu eröffnen. Im Alter von 70 Jahren verschied der hebräisdie Schriftsteller, Autor der ersten hebräischen Schul• Chrcstoinatie ״Gau Schaaschuim‘‘ einer der stän• digen Mitarbeiter und Reilaktionsmitglied der ersten, von J. L. Kantor gegründeten hebräischen Tage»■ Zeitung ״Hajom" Aliron Rosen f cid. Der Ver• storbene war auch eifriger Zionist. Seit 1893 be• kleidete er den Posten eines Kronrnhbincrs zu Bach• mut. Zum Heeresdienst der russischen Juden in England Reglement des Ministeriums des Innern Das Ministerium des Innern bat, wie die Lon• doncr ״Jüdische Welt“ vom 6. September 1916 mittcilt, folgendes Reglement hinsichtlich der Ein• Ziehung russischer Untertanen in die englische Armee herausgegeben•. Russische Untertanen und freiwilliger Dienst im britisch e 11 H eerc. A. Russische Untertanen im dienstfähigen Alter haben von der russischen Regierung Erlaubnis er• halten, im britischen Heere zu dienen; die Dienstzeit eines russischen Untertanen im britischen Heere ist nach russischem Gesetze gleichwertig mit einer ent• sprechenden Dienstzeit in der russischen Armee. Rus■ sischc Untertanen, die ein Alter von 18 Jahren cf• reicht haben oder erreichen werden und weniger als 41 Jahre alt sind, werden deshalb aufgefordert, sielt dem britischen Heere aiiziischliclkn. Diese Aufforderung gilt allen russischen Untertauen im Vereinigten Königreiche, mit Einschluß derjenigen, die in einer britischen Kolonie l.okalnaturalisation erreicht haben, und derjenigen, die als beigische Flüchtlinge registriert sind. Russische Untertanen können sich dem Hccte auf zweierlei Weise anscldief’cn: 1. durch direktes Einschreiben für augenblicklichen Dienst, oder 2. durch Attestatiou bis zum 30. September 1<16 י, Direktes Einschreiben für äugen blickliehen Dienst. B. Russische Untertanen, die bereit sind, gleich zu dienen, sollen sich unverzüglich dem nächsten Rekmticrungsburcau mit einem Rcgislricrungssrhcin in Uebcreinstiimming mit der Fremdcnvcrordmmg und einem idcntitatsbuch vorstellen. Russische Juden können statt des Rcgistricrungssclieincs und des klentitätsbuches ein Zertifikat des Jüdischen Kriegsdicnstburcaus (New Court, St. Swithin's Laue 1 . C.) vorlcgcn. Männer, die physisch geeignet sind, werden zu denselben Bedingungen wie britische Untertanen hcraugez.ogcn werden; und wenn sic es wünschen, werden sie in Gruppen, die, soweit möglich, in derselben Einheit dienen sollen, gesammelt werden. A 11 e s t a t i o n bis zum 30. Septem b e r l‘H6. C. Die Attestatiou wird offen stehen bis 30. Se[V tendier und russische Untertanen, die bereit sind, zu attestieren, sollen sich so bald wie möglich nach dem 7. September dem nächsten Rekruticrungsburcau vorstellcn mit einem Regisiricrungsschein in Lieberciiistiminung mit der Frcindcnverordrmng und einem Idciititätsbucli. Russische Juden können statt des Rcgistricrungssclieincs und des Idcntitäfsbuclics ein Zertifikat des jüdischen Kricgsdiciistlmrcaus vorlegen. Nach der Attestation werden sic von den Militärbchördrn eine Mitteilung erhalten, in welcher sic aufgdordert werden, sich einer Untersuchung durch chic ärztliche Rekriiticrungskommissioii zu untenvvrfen, deren Ort und Tag in der Mitteilung angegeben sein wird; Reisespesen werden den mehr als fünf Meilen von dem Untcrsuchungsortc Wohnenden ersetzt werden. Diejenigen, die bei der Untersuchung als völlig uudienstfähig klassifiziert werden, erhalten einen Kassationsbeweis. Diejenigen, die als dienstfähig erklärt werden, sind berechtigt, von einem Tribunal bcurteilt zu werden, wenn sic auf Grund einer der unter Punkt F angeführten Ursachen ihre Befreiung vom Dienste fordern, und wenn sie spätestens am 1 30. September ihre Forderung geltend machen, Wenn

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