Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXI (1916)
- Issue
- Heft 38 (22.9.1916)
- Date
- 1916-09-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 38 J U EDI SCH E RUNDSCHAU Seile 315 Die gegenwärtige Lage der Juden in Rußland Von der Kongreßbewegung Am 10. August fand in New York eine Plenarsit/U»j; *!1’1י Kongrell-Lxekutiv-Komitees stall, in der nach langem׳ Debatte das Uebcreinkontmeii der Snb- Komitees des Kongreß-Komitees mul der Konferenz der na!imtalen Organisationen (wobei ,,national‘' nicht etwa als national-jüdisch, sondern als gesatiitamcrikfliibi'li-jiulisch zu verstehen ist) angenommen und bestätigt wurde. Die wichtigsten Punkte dieses l'i hcicinkonimeiis sind, nach einem Bericht der New Volker jidisehen Tageszeitung ״Die Wahrheit'' vom D. August, folgende: Der Kongreß wird nicht nach dem Kriege, soudt rn während des Krieges abgehallcn, ungefähr 11111 di! חסי «lein Kongreß-Komitee bestiimnie Zeit, lim Jahr nach dem l'riedenssehliill wird die ״Exekutive“, die der Kongreß wählen wird, «len Kongrc'li wieder ciiilnriifcii und ihm über die Erfolge ihrer Tätigkeit Berieiit erstatten. Darauf wird der Kongreß sieb aidldsen; ein ständiger jüdischer Kongreß wird also laut diesem Abkommen nicht konstituiert. Die neue Korperseb.'il't, in die sowohl das Kongreß-Komitee wie die Konferenz nationaler (d. i. gesauitamcrL kniisrh-jiidiseher) Organisationen eintreteu werden, wird «len alten Namen der Kougressisteu ״Cxmgreßl.xcknt iv-Comiiiiftee" führen. Der Kongreß wird einen niissehlieltlich politiselten ('.liaraktei׳ )iahen; ökoiioiniselle Fragen sollen nicht Behandelt werden. Die jüdische Wandernngs- (rage in allen ihren Eorinen sowie die Frage des Wiederaufbaus nach der Zerstörung; auf ökonomischem Gebiete sind ausgeschlossen. Ausgeschlossen sind ferner alle allgemein abstrakten und theoretischen Fragen betr, lies jüdischen Glaubens mul jüdischer Anschauungen, I>er Kongreß wild ausschlielilieh cingcrufcu, u m d e n entrechtet c ״ J u d e 11 volle b ü r r e r liehe, politische und religiöse‘Rechte in allen Ländern zu verschaffen. Ihit e r ״a 11 e 11 L ä n d e r n“ ist auch P a I a s t i n a zu verstehen. Der Kongreß soll des weiteren suchen, «len Juden nationale Rechte zu verschaffen, Jni Ucbcrcinkonuucn werden die nationalen Rechte nicht mit diesem Namen bezeichnet, sondern mit dem Ausdruck ״G 1• u p p e 11 r e c 111 e“. Sie sollen den Juden in den Ländern gewährleistet werden, wo andere Nationalitäten solche besitzen oder besitzen sollten, und zwar nur dann, wenn die Juden der betreffenden Länder cs wünschen. Aber keine andere Autorität als der Kongreß selbst kann darüber eiltscheiden, ob die betreffenden Juden diese Rechte wunsdien oder nicht. Bas neue ״Congreß-Exekutiv-Committce“ soll aus 11(1 Mitgliedern bestehen, -- den 70 jetzigen Mitgliedern des Kongreß-Komitees und 70 Mitgliedern der ״Konferenz der nationalen (d. i. gesamtaineri- Kamsth-jiiilisdieii) Organisationen“. Zu lebhaften Debatten kam cs bei der Frage des Walilniodits zum Kongreß. Das Kongreß-Komitee wollte, daß die Zahl der Delegierten von jüdischen Organisationen von vornherein beschränkt werden sollte, um einen wirklich demokratischen Kongreß zu siel um. Die Gegenpartei aber forderte, dal) es der neuen Exekutive bei der Ausarbeitung der Wahlbedinumingen überlassen werde, hierfür zu sorgen. Die Delegierten des Kongreß-Komitees gaben schließlieh nach, beschlossen aber ein Memorandum zu veröffentlichen, worin die Gründe, die es notwendig gemacht haben, in diesem Punkte nachzugebcn, angegeben werden und gleichzeitig das Bedauern darüber ausgedrüekt wird, daß die andere Partei die Cicgengriiitde nicht anerkennen wollte. Der Wortlaut de« ganzen Uebercinkommciis nebst diesem Memorandum wird allen Körperschaften, die auf der Vorkonferenz in Philadelphia vertreten waren, zur unmittelbaren Abstimmung (Referendum) zugeschickt. Der ״I11 d e p e 11 d e 111 Order Bne Brith“ in Amerika, über dessen Anschluß au die Kongreßbcwtgting die ״Jüdische Rundschau“• in ihrer vorletzten Nummer berichtete, hat nach der Einigtmgs- Konferenz im Hotel Astor folgendes Schreiben an den Vorsitzenden der vereinigten Sub-Komitecs gerichtet: ״Der Plan, der uns von Ihnen unterbreitet wurde, ist nicht mir national, sondern international und ist wohl imstande, Frieden im amerikanischen Judentum in einer so wichtigen Epoche unserer Geschichte hcmistellcn und so das Werk zu vollenden, wofür die ״Bne Brith“ stets gestritten haben: ״Einigkeit in Israel1'. Wir wolfen Sie hierdurch davon in Kenntnis setzen, daß das Advisory-Committcc einstimmig Ihren Vorschlag gebilligt hat und ihn dem Executive- Committee zur Bestätigung vorlegen wird. Das Advisory-Conimittce wünscht diese Gelegenheit zu benutzen, um seine Anerkennung auszusprechen wegen der Geduld, des Taktes und des richtigen l’rtciles der ■ Mitglieder der Sub-Komitecs der Kongreß- und Konferenz-Komitees. gez. Adolph Kraus“. 111 der Sitzung des I xek11tiv-״K0111itees der Zionisten Oesterreichs vom II. September d. J. erstattete nach Erledigung einer Reihe laufender Augelcgenheitcn Präs.-Stellverlr. k. k. Reichsrat^rcvisor Rudolf I a 11 s s i g ein cingchemies Referat in Angelegenheil der Kongrcbbewcgimg in Amerika, das mil folgendem Resolutionsantrag schloß, der einstimmig angenommen wurde: ״Das I.xekiiiiv-Komitee der Zionisten Oesterreichs als die derzeitige Repräsentanz der österreichischen ■zionistischen < icsamtorganLntioii begrüßt die lkwcgtmg der jüdischen Organisationen der Vereinigten Staaten, eine Volksrepräsentatioii zu schaffen, die unsere Eordeningen der gleicht• 11 Rechte und der freien Eiiiwaitdening nach Palästina und anderen Ländern vorlegt, auf das sympathischste. Das Lxckutiv-Komitcc der Zionisten Oesterreichs gibt seiner freudigen Genugtuung insbesondere darüber Ausdruck, daß auf der Tagung der nationaljüdischen (lies: gesamlamerikauiseh-jüdisclien. I). Red.) Organisationen zu New׳ ^'ork vom 18. Juli lölb zwischen den Vertretern der Konferenz und den Repräsentanten des Koiigrellkoniitees eine Einigung dahin erzielt wurde, daß ein jüdischer Kongreß in Washington in der Zeit :zwischen «lein 1. September mul dem )1. Dezember 1016 ab/uhalten sei.“ * Die gesamte jüdische und zionistische Presse beschäftigt sieh nach wie vor mit der Demission von Oberrichter Brandeis vom Kongreli-Komitee und sucht die Motive zu ergründen, die ilm zu einem so wichtigen Schritte bewogen haben können. I lic August-Nummer des ״A ווו e r i c a n Je w i s 11 CI1 ron i c I c“ bringt in einem leitenden Artikel eine theoretische Erörterung über jüdische Führer, über den Unterschied zwischen ״den geborenen I tilirern, die ihren Willen und Geist einem Volke aiifzwingeii“, und ״den Führern, die wegen ihrer hohen moralischen Qualitäten erwählt sind“. ״Der erste ist ein Genius, der oft als Revolutionär dein Willen des Volkes entgegenarheitet, bis er cs endlieh nach seinem Willen geformt hat, der zweite ist ein Talent, dem im allgemeinen das Volk willig folgt.“ Daun spricht der Artikel von den ״falschen luhrcrn“, die die Fiihrcrschaftsrollc nur einer sozialcn Stellung verdanken, ״der unmittelbaren Nähe bei den Großen.“ Diese ״Füluer“ fürchten die wahren Führer, die nicht ״handeln“ können, keine Konzessionen zu machen geneigt sind, soweit cs sich um Prinzipien handelt, — und da versuchen sic mit Intrigticn und ähnlichen Mitteln ihre Stellung zu untergraben. Aber gerade die jetzige Lage des Judcnproblcmcs macht die wahren Führer unentbehrlich. ״Wir würdigen vollkommen die Schwierigkeiten, unter denen ein jüdischer Führer, ganz gleich welcher Art, zu arbeiten hat. Wir kennen die Kräfte, die sich ihm in den Weg stellen. Aber an uns ist cs, alles zu tun, um ihm über jede Mühsal nach Kräften hiiiwcg/iihelfen, denn der Augenblick ist von uugeheurer Bedeutung und das, was auf dem Spiele stellt, kann auf die Existenz des ganzen jüdischen Volkes rückwirken. Es gibt nur einen Weg, unseren Führern in dieser Zeit zu helfen. Das ist durch wirkungsvolle Organisierung der Massen. Die Folge einer solchen Organisierung, die die Mitarbeitschnft einer jeden Kraft im amerikanischen Judentum fordert, wird eine verstärkte Machtfüllc sein, deren Triebkraft einem Führer die Erfüllung der Dinge möglich machen wird, die jetzt unmöglich erscheinen. Ganz gleichgültig, wie stark der politis c 11 e Führer sein mag, eine Judciiheit, auf breiten und demokratischen Grundlagen vereinigt, wäre eben stark genug, ihren erwählten Führer zu stützen und zu halten. Und außerdem, wenn die jüdischen »Massen erst einmal organisiert wären und eine verniitwortliche jüdische Führerschaft hätten, — dann wäre man auch die jüdischen ״Politiker“ los. Jüdische Führerschaft ist eine Frage jüdischer Organisation, und solange Desorganisation herrscht, wird die Frage der jüdischen Führerschaft ungelöst bleiben.“ Aus Palästina (Todesfälle) An, 16. August starb im Alter von 75 Jahren in Jerusalem Herr Bezalcl Out inann, ein Kaufmann aus Lodz. Am selben Tag starb im Alter von 10 Jahren die hebräische Kindergärtnerin Fräulein Lea Kami״ er am gelben Fieber. Ferner starb vor kurzem der Rabbiner S. M, Broido in Jaffa. September 101(1. Von der holländischen Grenze bekommen wir folgenden interessanten Bericht über die gegenwärtige Lage der Juden in Rußland, der von einem neutralen Reisenden, der erst \or kurzem aus Rußland eintraf, licrrührt. Heber die Lage der Juden in Rußland ist nur zu sagen, daß der alte Kurs nach wie vor eingehalteii wird. Man bemerkt hierbei das alte System der riissBeheii Regierung: sobald irgendeine Möglichkeit entsteht, die bei den Juden neue Hoffnung erweckt, /cigt sieh sofort die robuste llaml der Biire.mkratic in ihrer gati/cn Rohheit, um jede I loffnimg im Keime zu ersticken. Line Zeit lang war man geneigt, anziinehmeii, daß das russische Regime in bezug auf die Juden zu einer gewissen Nachgiebigkeit geneigt sei. Man hörte nicht von polizeilichen Schikanen in den neuen Ansiedlungsrayons, man hörte von der Erlaubnis für ganze jüdische Gemeinden, in eine Reihe von Städten in der Kriegs/onc wieder zurückkehren zu dürfen. Nun kam die parlamentarische Delegation von ihrer Reise in de״ l.ntcnte-1 .ändern zurück, deren Berichte tatsächlich in weiten Kreisen einen nachhaltigen Eindruck hervorriefeti. Es eilt- Ständen wiederum jene ,,Gerüchte“, die in den Haupt* städten stets das Tagesgespräch bilden, wahrend den Zeitungsberichten sehr wenig Glauben geschenkt wird. Diese ״Gerüchte“ durften umsomehr in jüdischen Kreisen ernste Hoffnungen wecken, als man überall in der Presse und in der Gesellschaft von einem Schreiben des Präsidenten Poiucare sowie einem Telegramm des Königs Georg von England sprach, die sich sehr günstig in bezug auf die russischen Juden ausgesprochen haben sollen. Man erzählte sogar, daß das gesamte Kabinett, bevor es in corpore in dev Duma erschien, um den Berieiit der parlamentarischen Delegation an/uhören, es zur Bedingtmg gestellt hat, daß die erwähnten Schriftstücke der verbündeten Oberhäupter nicht erwähnt werden sollen. So erklärt mau, daß /. B. Herr Miljukow ׳ von dem Briefe des Präsidenten, der sich in seinem Portefeuille befindet, keinen Gebrauch gemacht hat. Die Folge davon war, daß die russische Regierung den Juden deutlich genug zu verstellen gab, daß sie sich keinerlei Hoffnungen hingeben sollen. Das Ministcriuiii des Innern erklärte kategorisch und offiziös, daß in bezug auf die Lage der Juden mellt die geringste Armierung vorgenomnicn würde, ausgenoinmen vielleicht die Durchführung des Wohnrecht- Zirkulars durch die gesetzgebenden Körperschaften. In jüdischen Kreisen erblickte man auch in diesem Schritt eine, wenn auch ganz geringfügige, so doch bezeichnende Erleichterung. Es schwebten sogar Verhandlungen zwischen der Regierung und dem. sogenannten progressiven Block, auf welche Weise dieses Gesetzprojekt cingcbracht werden solle. Aber bereits Mitte August erhielt man die offizielle Lrklärung des neuen Ministers des Innern Clnvostow, daß er nach gründlicher Untersuchung kein geniigemies Material vorgefunden habe, um jetzt schon die Wohnrechtsfrage der Juden vor die geset/geberischcn Körperschaften zu bringen. In ntaßgebenden Kreisen erblickt man in dieser Erklärung eine große Gefahr für das bekannte Wohnrechts-Zirkular. Ls ist allen klar geworden, daß mau sielt iti russischen Regierungskreisen mit dem Gedanken trägt, im gegebenen Moment unter dem Deckmantel: ״Retournicrung der Evakuierten“ eine regelrechte Vertreibung der Juden aus ihren neuen Wohnorten itn neuen Ausiedlungsrayon dureh/iifüliren. Schon in der kurzlieh erfolgten unerwarteten Erlaubnis für einige vertriebene Gemeinden in Wolhynien, an ihre Orte ziiriiek/ukehren, erblickte man mißtrauisch einen solchen verdächtigen Versuch. Man ist daher über die Zukunft des Wohnrechts nach wie vor in dauernder Aufregung. Das wird als die Antwort der Regierung auf die parlamentarische Delegation betrachtet. Mit großer Unruhe verfolgt man in jüdischen und auch in liberalen Kreisen die neuen Versuche, die Spionage-Verdächtigungen wieder aufleben zu lassen. Der Zeitpunkt schien allerdings nicht der günstigste zu sein, da gerade erst vor kurzem der Fall des von den Deutschen eingesetzten jüdischen Bürgermeisters Gcrsclmnowitz in Suwalki, der auf einem ganz ungewöhnlichen und ungesetzliche״ Wege von der Haupt-Kricgsgerichts-Vcrwaltuiig von der Zuchthausstrafe vorläufig befreit wurde, da seine völlige Unschuld dank der unermüdlichen Bcmühungen des Rechtsanwalts Gruscnherg nacligesvivsen wurde, im ganzen Lande Aufsehen erregt hat. Allerdings hat die Pressevcrwaltung unverzüglich an alle Zeitungen das Verbot erlassen, den Fall Gersclianowitz auch nur mit einem Wort zu berühren. Diese Tendenzen der Schwarzen Hundert, die in allen obersten Militärstellen sich fest eingenistet haben, treten so weit zutage, daß die russische Militärbehörde sich nicht scheute, vor mehreren Wochen einen Befehl zu erlassen, in dem cs den ״Juden und Bulgaren“