Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXI (1916)
- Issue
- Heft 37 (15.9.1916)
- Date
- 1916-09-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Saite 308 JUED1SCHE RUNDSCHAU Nr. 37 von Tcl-Awiw, Ilm- Discngoff, an H.1״d von Planen und Abbildungen Aufklärungen über die Ent- Stellung und Entwickelung Tcl-Avviws gab. Ted- Awiw mit seinen Gärtchen und teilweise schmucken Häuschen, seinem in orientalischem Stil gebauten Gymnasium machte einen sehr günstigen Eindruck auf den Gast. Ganz gerührt war Svcn-Hcdin, als ihm tler Ucbcrsclzcr einiger seiner Schriften und Reiscbcschreibungcn aus dem Tibet, Herr K r i - schcvsky, Lehrer an der Jaffacr städtischen Mädchenschule, diese Uehersetzuugen, die vor einigen Jahren in der Jugeudschrift ״Elamoledct'' erschienen waren, ülK־rreichtc. Svcn-Hcdin vernahm nnt sichtlichem Interesse, wie gern seine Schriften von der hebräischen Jugend gelesen werden. Von Tel-Awiw fuhr Svcn-Medin nach Sarona. IXirt wurde er von den Komilecmitgliedcrn der Kolonie und sonstigen Einwohner» mit gröliter Herziiehkeit empfangen, Von Sarona fuhr I>r, lledin weiter nach R i s c h o 11 -1 e - Z i o 11, Unterwegs lieh er sich von seinen Begleitern über das Land und die jüdische Kolonisation informieren, In Rischon ttnpfing ihn Herr Mccrowitz, Mitglied des Verwaltungsratcs des Weinbauernsyndikats, der Vorsitzende des Waad der Kolonie, Herr L u b in a n n , und andere Kolonisten. Sven-Hedin besiditigte eingeltend die Rischoner Weinkellcrcicn mit allen ihren Einrichtungen und gab in warmen Worten seiner vollen Anerkennung für die kulturellen Leistungen der Juden in Stadt und Land Ausdruck. - * Von den sachverständigen Aerzteti wurde darauf aufmerksam gemacht, (lall das Lasten in der Cholerazeit auch gesunden Leuten schädlich sei. IXr Chacham-Baschi in Jaffa erlaubte das Essen am 17. Thaininus und 9. Ab. Es wird beabsichtigt, dieselbe Erlaubnis für den Jom Kippur zu erteilen. Auf Anordnung der Behörde wurde der Befehl gegeben, daß die an der Cholera oder anderen Krankheiten Gestorbenen in einem geschlosstnen Sarg transportiert werden müssen. Wer gegen diese Verordnung verstößt, wird dem Militärgericht ubergeben. Ferner wurde auf die gcsundlieitsschädliehen Wirkungen des Ikrührcns der Hände hei der Begrüßung und dem Abscliiednelnncn hingewiesen. * Air. 13. August verschied Herr Hiskia Tagir im Alter von SO Jahren. Der Verstorbene war einer der angesehensten Mitglieder der sephardischen Ciemcindc In J e r u s a 1 c in. Er ist in Sofia geboren und war vor ungefähr •10 Jahren nach Jerusalem cingcwamlcrt. Jüdisches Leben in Scheveningen Wer in Friedenszeitcn den luxuriösen Badeort hesuchte, halte wohl daran gedacht, daß liier eines Tages Tausende jüdischer Flüchtlinge einen ZiUluchtsort finden sollten? Vor allein war es die jüdische Bevölkerung A ״ t w e r p e 11 s — hauptsächlich von österreichischer, teils auch von russischer Herkunft — welche beim Eingreifen Belgiens in die kriegerisehen Verwicklungen oder bald nachher zu einem grollen Teil nach Holland und zwar vornehmlich nach Selieveniiigeii flüchtete. Es ist bekannt, daß sich während der letzten Jahrzehnte in Antwerpen eine ans dem Osten kommende, zahlreiche und aufblühende judengcmcinüc gebildet hatte, die nahezu ausschließlich im Diamaiitliamk'l ihre Existenz fand. Nach einer kurzen Unterbrechung ist es diesen Kreisen gelungen, auch von ihrem neuen Domizil aus das 1 )iamantgewerbe mit Erfolg zu betreiben. 111 einem der Scbcvciiuiger Gastliöle wird alle Tage Diamant- Börse abgehalten, und auch die bedeutende Amsterdamer Börse wird von Antwerpenern fleißig besucht. Doch leben gegenwärtig auch nicht wenige Juden in Sclievcnmgcn unter minder glücklichen Umständen. Leute, die nur kümmerlich ihren Lebensunterhalt erzielen und ihrem Schöpfer schon dankbar dafür sind, daß sie wenigstens (cm von den Kriegs- Schauplätzen ihr Dasein fristen können. Die einige tausend Köpfe umfassende jüdische Kolonie gibt heute dem berühmten Kurorte ein eigentümliches‘Gepräge. Eine Reihe jüdischer Gasthäuser und Geschäfte in vorzugsweise von Juden bewohnten Straßen haben Plakate in jüdischen Schriftzeichen ausgehängt. Uebcrall auf Straßen und Plätzen begegnet man lebhaft sich unterhaltenden Gruppen von Ostjudeu, und wenn auch manche Gegensätze bestehen, so hat sich doch schon eine Art Kcliillahgcist entwickelt, und man verfolgt mit gegenseitiger Teilnahme und Fürsorge das mehr oder minder glückliche Geschick derer, die hier früher oder später ein provisorisches Heim gefunden haben. Bereits halten sich zwei Wun« derrabbis und eine moderne jüdische Buchhandlung etabliert. Am Sabbath folgt in der Synagoge dem gewöhnlichen Gottesdienst ein besonderer nadt chassidischetn Ritus. Sclbstvcrständlieh stellen die Juden, vor allem Frauen und junge Mädchen ein erhebliches Kontingent der Besucher der Kurhaus-Konzerte. Daß sie auch fleißig Seehader nehmen, darauf deuten die ״Magen-Davids״ und hebräischen Inschriften hin, die man in den Badezeiten entdeckt. Sieht man vollends bei nabbatlidicm Sonnenschein die festtäglich geputzten ״Flücht- |ingc" dem Strande entlang friedlich spazieren gehen, SO möchte man allen Juden des weiten Onliith ein ebensolches köstliches Fleckchen Erde und ein gleich iH'iicidcnsweites Schicksal wünschen. Während in Holland jetzt die täglichen Kriegsereignisse vom Durchschnitt der Bevölkerung mit zieinliiher Gelassenheit aiifgeiiommen werden, ist das politische Interesse der jüdischen Einwohner Schevcningens sehr lebendig geblieben, und die lagesberichte und andere Nachrichten der kriegführenden ,Mächte werden liier allgemein eifrig besprochen und diskutiert. Haben doch die meisten ihre Heimat in Galizien, Italic Angehörige von ihnen stellen im Felde, mul fast ein Jeder hat Verwandte und Bekannte in den Gebieten unweit des Kriegsschauplatz.es. Aber ungeachtet dieser persönlichen Sorgen Ist das warmfühlcnde Interesse an der Frage wie wohl der Krieg das Geschick des jüdischen Volkes in seiner Gesamtheit gestalten mag׳, keineswegs in dm Hintergrund getreten. Selten zeigte eine Ver- Sammlung eine angeregtere Stimmung als die Sehevi'iiingcr, in welcher S. K a p I a n s k y über ״J11d e 11 f r a g e u 11 d F r i e d c n s k o n g r e ß" gesproelien hat. Vielleicht gerade deshalb, weil man sich unterhalt) eines neutralen I.amles zu völliger Passivität verurteilt sieht, möchte man die tröstliche GewilShcit haben, daß anderwärts an einflußreicher Stelle wirksame Schritte erfolgen, um die Lage des jüdischen Volkes nach Friedeiisschluß so weit als möglich günstig zu beeinflussen, Uebcr wichtigere Ver a 11 s t a 111111 g e n aus der letzten Zeit sei folgendes mitgcteilt. Vor mehreren Wochen tagte in Scheveningcn die J a 11 r e s v e r s a m m I u n g der holl ä n 11 i - s c h e 11 Abteil 11 n g d er ״Alliance 1 s r a d - litc Universelle'׳. Diese hatte auf ihrer vorjähiigeii Tagung bekanntgegebeii, daß sie im Intercsse einer besseren Zukunft der jüdischen Massen Ernstiiehes zu imtcrnchinen beabsichtige. Meine Er- Wartung, gelegentlich der diesjährigen Tagung von einer ziclhcwiißteu Weitervcrfolgung der früheren Pläne zu hören wurde indes enttäuscht. Eine Debatte über die Eröffnungsrede des Vorsitzenden und das im Mittelpunkte der Tagung stehende Referat ״Pie i.age der Juden nach dem Kriege“ war von vornherein ausgeschlossen worden. Der Vorsitzende, Rechtsanwalt Dr. Ascher, wußte zu berichten, vvas schon ans den Zeitungen bekannt war, daß ein Zusammenwirken der holländischen Allinncemitglieder, Zionisten und Itoistcn herbeigeführt sei, um gemeinsam Maßnahmen im Interesse einer Besserung der Lage der osteuropäischen Juden nach dem Kriege durch/iifiihrcu. — lieber die Lage der Juden nach dein Kriege sprach Dr. L. Hcrtzbcrgcr. Bei den Ausführungen seines Referats, so weit es die gegenwärtige Lage der Judcnhcit betraf, stützte sielt der Redner in der Hauptsache auf das Material der I H'iiksi liriil der Poale-Zion an das Internationale Sozialistische Bureau. Ausgezeichnete 11 a t i o n a I j 11 d i s c 11 c und z ion i s t i s c h e S t 1 in m 11 11 g kann man innerhalb der Srheveninger jüdischen lugend beobachten. Sie bcsil/t eine eigene Lesehalle und einen Versamnilungsraum, veranstaltet mehrere Kurse in hebräischer Sprache und jüdischer Geschichte und so verstand es sich von selbst, daß die ״Kwu/ath Chowcwc Slatli Aiihihi" das Jubiläum Bialiks feierlieh beging, hei welcher Gelegenheit Herr Pcrcz Lein vom Hauptbüro des Jüdischen Nationalfonds eine eindrucksvolle Rede hielt. In einer vom Verein Haschachar einberufenen Versammlung sprach Herr Berl Locker über ״O s tj u d e 111 11 in und A s s i m i! a t i o n", Recht würdig und unter zahlreicher Beteiligung verlief die 11 e r z 1 - G e d e n k f c i e r in Schcvcningyn. Nach Eröffnungsansprachen der Herren Jos, Gölte» und F. Froniaun sang Fräulein Elisabeth F r i e d b e r g mit wohlklingendem Organ und schönein Ausdruck Mciulelssohn’s ״Jerusalem״ und die Arie aus ״Elias“, Frau Johanna S i nt o 11 - F r i e d - borg rezitierte wirkungsvoll Herzl's Unterredung mit Baron Hirsch und den Schluß von ״AHncutand‘“. Dann ergriff Herr Julius Simon das Wort, um in meisterhafter Rede die geschichtliche Bedeutung Theodor I lerzl's, seine unvergänglichen Verdienste, seine herrlichen Vorzüge, aber auch die Irrtümer seiner zionsitisclicn Auffassung zu schildern. Die Veranstaltung )unterließ bei den Teilnehmern tiefen Eindruck. B. H. Broschüre enthält \icr Abschnitte (Kokmis.itions-Mögliehkcitcn, industrielle Möglichkeiten, das größere Palästina und Schlußwort). Eine gen.me!.andkarte Palästinas ist ihr beigegebcn. Die Broschüre erschien im Verlag des Palästina-Komitees der amcrikani* siheii Poale-Zion. Die jüdische ,.Gesellschaft zur Förderung der Erdarbeit und des Handwerks“ in Petersburg, die unter anderem auch die Aufgabe hat, die gegenwartige Lage der jüdischen I iandw crkimlustric wissensdiaftlieh zu untersuchen und statistische Forschimgen an/tistcllcn, begann ihre wissenschaftliche Tätigkeit, indem sic zwei starke Bände ״M a t e r i a- I i e » u n d A b h a 11 d 111 11 g e 11 über die j u d i - s c lt e I I a 11 d w e r k i 11 d u s t r i c“ (in russischer Sprache) veröffentlichte. Der erste Band ist von den Faelmi.iiiiii rn Dr. J, K a s t e! i a 11 s k i und II11 k s p a 11 zusanimeiigcstclll und behandelt die B a uu ri d M ö I) e I - I » d 11 s t r i e, auf deren Forderung die Gesellschaft besonders (1cwicht legen will. IX׳r zweite Band, der sich mit der Untersuchung der K I e i d e r i u d 11 s t r i e befallt, an der bekanntlich 15״״ der gesamten jüdischen Bevölkerung Rußlands beteiligt sind, stammt aus der Feder des bekannten jüdischen Nationalökonomen S. O. Margolin. Zusanunen mit dem vor kurzem (1915) erschienenen Buch des National-Oekonomen Ch. Korobkow über den Anteil der Juden am Wald - und Holzha ude) stillen diese reichhaltigen Untersuchungen ein wertvolles Material für die Erforschung der jüdischen Ockonomik, dieses jüngsten Zweiges der jüdischen Wissenschaft, dar. Die ״Liga für die jüdische Emanzipation ׳ in Paris gab eine Broschüre heraus; ״Die russisehen Juden int Kriege“. Demnächst wird auch im Verlag der Liga eine französische Uebcr- Setzung des bekannten russischen Sammcllniches c h t s e h i t“ erscheinen, das die russischen Liberalen zu Zwecken der Jmlenvcrti idignng herausgegeben haben. In Kustschuk erscheint eine jung-jüdische nationale Monatsschrift ,Jewrcjsko Echo“, die einige Mitglieder des Vereins ״Mikra", Organisatiou für hebräische Sprache׳ und Kultur herausgeben. Unter den Beiträgen dieser Hefte sind besonders hervorztiliebe»; ״Unsere Zwecke" (das Programm der Monatsschrift) mul die Aufsätze von M. M, Ussischkin ״Unsere Pflicht gegen Palästina“, ״Historische Parallele", Dar. Landeskomitee der Organisation für hebraisehe Sprache und Kultur in Philippopel gibt für das Jahr 5(177 einen Jüdischen Wandkalender sin Jüdischen Verlag, Berlin, heraus, der nach biblischem Stil geschmückt sein und Bilder von jüdischen Schriftstellern und •Dichtern enthalten wird. Demnächst wird eine Jubiläiims-Niiminer der huk garischen zionistischen Zeitschrift ״H a 111 i s c h [' a t" erscheinen, die dem Thema ״Zwanzig Jahre Zt<>msmus“ gewidmet sein wird. Im Zentralblatt der Bauverwaltung, heraus:;('- geben im Ministerium der öffentlichen Arbeiten, Berlin (Nr. 47) veröffentlicht im nicht-amtlichen Teil unser Gesinnungsgenosse, der Königliche Regierung^• hniuncistcr Alex Ra etwa Id eine Arbeit über;,Die Jüdische Anstalt für technische Erziehung in Palästina“. IX׳in Aufsatz sind zahlreiche Abbildungen und eingehende Plane beigefügt. ZIONISTISCHE BEWEGUNG Besetztes Gebiet. LITERARISCHE CHRONIK Eine Anzahl hebräischer Schriftsteller in Warschau gibt demnächst eine große hebräische Stimmlung unter dem Namen ״Hamcasscf" heraus. An dieser Sammlung arbeiten alle hebräischen Schriftsteiler mit, die unter den obwaltenden Verhältnissen brieflich erreichbar sind. In allen redaktionellen Angelegenheiten. wende man sich an P. Lachowcr, Ogrodowa 26 oder an S. Zemach, Sk>ta 63. Im Jüdischen Verlag für Literatur und Wissciischaft" (New-York) erschien in jidischer Sprache ״Rom und Jerusalem" von Moses Heß übersetzt und cingclcitct von Dr. Nadiman Syrkin. Der gegenwärtig in Amerika weilende palästinensisdie Schriftsteller J. Ben-Zwl (Awncr) veröfentlichte eine neue Broschüre ״Palästina als Land der jüdischen Kolonisation". Die (V o m ״M erkas" in Warscha u.) Der zionistische ״Mcrkas", der hekamitlich -V zionistische Vereine und Gruppen in Warschau vereinigt, veranstaltete vor kurzem eine Versammlung, in der über die Frage der Stellung der zionistischen StudentenvereiiK in Warschau zum ״Mcrkas" debattiert wurde. Es wurde als Mißstand empfunden, daß die zionistischen Vereine in Warschau nicht nach ihren Ideen und Aufgaben, sondern nach Ständen Ungeteilt seic׳:;. Die Studenten vertraten die Ansidit, daß sie besondere studentisch-zionistische Interessen hätten, die ihnen das Aufgeber! ihrer orgaiiisatorisrhen Selbständigkeit als unzweckmäßig erscheinen ließen. Die Frage fand auf dieser Sitzung keine endgültige Lösung. Am gleichen Abend schritt man zur Wahl eines neuen Vorstandes. In die Verwaltung des ,.Merkas" wurden gewählt die Herren: C11. Millen band (Vorsitzender), J. Stcinfcid und S. P r 0 p u s (stellvertretende Vorsitzende), S. E i s c n b c r g und J. E i g e s (Sdiriltlührcr). Die übrigen Mitglieder des Vorstandes sind: M. Gordon, J. Davidowitsch, G. Wegmeister, A. Lcwin, O. A. Sokolka, M. Kirschenbaumund D. Radonski. Im .,Mcrkas" hielten am 2. September Herr H. Fa rbstein und Herr Sc i d e m a n n Vorträge über die Beteiligung der Zionisten an den Wahlen zum Warschauer Stadtrat und über ihre bisherige Arbeit als Ratmänncr. Die lebhafte Diskussion schloß damit, daß die Versammlung den Rednern reichen Beifall spendete.