Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXI (1916)
- Issue
- Heft 36 (8.9.1916)
- Date
- 1916-09-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 300 J U t Dl SC H E RUNDSCHAU Nr. 36 berücksichtigen. Ihre Liebe zu England konnte״ sie bis jetzt noch nicht bekunden. Rnlll.ind beinielitcn sie mit Recht als ihre Stiefmutter. Wird man an sie mit Vernunft licrantrcten und werden dies Menselten tun, nicht nur ihres Glaubens, sondern auch ihrer Nation •- der reiche englische Jude ist viel• leicht der letzte, der auf diese Leute irgend einen riiiflub haben kann ־ dann zweifeln wir nicht daran, »lall viele sich unserer Armee anschliellen werden. Gewiß werden manche diesem freiwilligen Rufe nicht folgen, aber tun einem Zurückschicken nach Rulllainl darf keine Rede sein. Um sie nach ihrer Heimat znnickznsducken, müssen sic zuerst eine Heimat haben, ein Land, das sie wenigstens als ihr Vaterland betrachten können. Alter ein solches 1 and haben diese Meißelten noch nicht gefunden. Wenn wir sie aber answeisen, dann müssen wir ihnen die ganze Welt offen lassen und sie sollen dann nach einem Lande wandern, in eins sie wolle». Zur Lage der Juden in Rußland In Nr. 32 der in Petersburg erscheinenden ״Jew׳- rejskaia Sltisn", des führenden Organs der russischen Zionisten, finden wir einen höchst bemerkeusu erlen Leitartikel mit der l Überschrift ״Plaudereien", der sieh mit den letzten Berichten der Diimu-Ahgeordneten beschäftigt, die von ihrer bekannten Reise nach Lnglaud 11114• Frankreich die Mitteilung brachten, »lall man sieh in l:11tcntc-Kreisen sehr lebh;1ft für die fragen der Juden interessiere. Bekanntlich haben diese Gespräche sowohl 111 Rulilaud wie auch in den anderen Ländern grolle lleaelttnug gefunden. Ls ist daher von Interesse, zu selten, wie das führende Organ der russischen Juden sieh zu diesen Lrzahlungen verhält. Schon die Uebcrschrift ist bczeichnend. Unter Plaudereien verstellt der Verfasser des Leitartikels all diese Gerüchte und Berichte von den jmlcufreiimllichen Bemühungen der Litten!»'. U. a. sagt der Artikel: ,,Ls unterliegt keinem Zweifel, »lall bei imsiTcn Verbündeten ein gewisses Interesse für die inneren russischen Angelegenheiten, insbesondere für die polnische und jüdische Frage vorhanden ist, da es »loch selbstverständlich ist, d,all »ler erfolgreiche Ausgang der Kämpfe mit den inneren Vorhaltnisseit in engem Zusammenhang steht. Aber inwieweit dieses Interesse tatsächlich real ist, wie weit es imstande ist, sieh auch in eine geringe Handlung zu verwandeln, wie weit man auf seinen F.infinit rechnen kann, »las alles ergab sieh sofort aus der Art 11ml Weise, die unsere Verbündeten in Anwendung brachten. Alan berührte die Fragen der inneren russischen Politik mit unseren Diima-Aiv geordneten, d. h. mit Leuten, von denen jeder weilt, »laß sie mit der Leitung der inneren russischen Politik nichts zu tun haben ttml auf sie nicht den geringsten Einfluß haben. Um ernstliche Vcrhantllungoii wegen solcher Fraget!, sagen wir betreffs gegenseitiger ökonomischer Beziehungen (die ebenfalls den Charakter der Liiunisclmng in iiiniTC Angelegenheiten tragen), einznleitcn, sind gewöhnlich andere Mittel und Wege vorhanden: die üblichen Wege »ler Verhandlungen mit den tatsächlichen Vertreten! der Macht der betreffenden Länder. Unsere Parlamcutiiricr sind, im Gegensatz zu ihren französisehen mul englischen Kollegen, aut wenigsten mit solchen, sagen wir inneren Kcgicrtiitgsvullm,achten ansgcslattci. Hie Unterhaltungen mit ihnen haben ungefähr denselben Wert, wie Gespräche mit Presse- Vertretern, mit denen man gewöhnlich eine gewisse Stimmung in der Gesellschaft hervoriufou oder irgend etwas deklarieren will. Zu solchen Gesprächen verhält sieh niemand ernst. Wenn unsere Vcrbüiulctcn tatsächlich »len Wunsch hätten, auf tlic günstige Fntscheidung der Juden- oder Polen frage in Rullland Einfluß zu üben, so hätten sie wohl einen anderen, realeren Weg finden können, als Gespräche mit unseren Abgcorilneten. Ls ist für jeiien klar, daß wir es hier mir mit Gesprächen zu tun haben. Wenn wir uns aber doch dazu entschlossen haben, die Mitteilungen der parlamentarischen Delegation anzuhören, so ist das nur eine Folge unserer eigenartigen Stimmung. Wir glaubten das, was wir gl;,11ben wollten. Nur darf wohl dieser Glaube als liquidiert angesehen werden. Als endgültige Liquidation aller Gerüchte betreffs innerer Armierungen darf wohl der Abgang Sasonows bezeichnet werden. Unser Ministerium des Auswärtigen war stets seinem ganzen Wesen nach darauf angewiesen, mit Lttropa auf gutem Fuß zu stehen. Daher war dieses4 Ministerium stets empfindlich für europäische Anregtingen und wenn es!auch offiz.icll von dieser seiner Stimmung nichts bckaimtgcgcbcn hat, so war es doch eine verhältnismäßig liberale Behörde. Daher dürfen wir dienen Ministcrwcclutcl nicht als eine gewöhnliche Minister-Abschiebung betrachten, wie wir sie letztens fast täglich zu selten bekommen. Wir müssen dies als eine Lkptidation »ler traditionellen Tendenzen des Ministeriums des AcuAcren ansehen. Hat doch Herr Stürmer in Aussicht gestellt, daß von nun ab das Ministerium des Acußcren ״europäisch nach der Form 1111,1 russisch nach ■dem Geist" sein solle. Ls ist klar, die Aufgabe unseres neuen Ministeriums des Acußcren besteht darin, Rußland vor jeder europäischen Beeiitflussniig zu bewahren, Das ist die klarste Antwort auf alle diese schönen Gespräche, »Ile unsere Abgeordneten tms von der Reise mitbraehten," Zur Legende des jüdischen Landesverrats in Rußland Lin Streiflicht auf den Werdegang׳ der gegen- »\,:irtig von den russischen Antisemiten verbreiteten 11ml die russische Jmlenheit in Schrecken verset/eiideii I.cgemllii, »lie Juden seien Landesverräter, die dem Feinde Staatsgeheimnisse ausliefcrten, wirft der folgende Prozeß, der die Aufmerksamkeit der gesamten Press»• des russischen Reiches auf sich zog. Im Scplefnlnr BMI eroberten die deutschen Truppen zum erstenmal »Ins Städtchen Mariampol (Goiiutii. Suwalki) und blieben dort zwei Wochen laug. Zum Bürgermeister wurde voll den deutschen Behörden »ier Jude J. (j e 1' s c 11 a 11 o »v i! s e 11 und zu seinem Gehilfen der Pole Bartling ernannt. AI:, »las Städtchen von »len Russen zurückerobert wurde, »lemmzierte der muselmanische Imam Ibrahim B :1 j r .1 s c 11 e »v s k y bei den russischen Behörden die jüdische Bevölkerung, »laß sie tlen deutschen Truppen freundlich entgegengekomnicii sei und sich in ihren Dienst gestellt hätte. Au der Spitze dieser ihntschfrcumJlifhcn Tätigkeit habe der obengenannte Gcrsehanowitseh gestanden, dem auch Bartling behiU'ltch gewesen sei. Auf Grund dieser Denunziation wunlcn Gcrsehanowitseh und Bartling dem Kriegsgericht übergehen. Das Ocrieht sprach am 2. Oktober B) 1-1 Bartling frei und erklärte den Juden Oerschanowilsrh als! audesverräter, enthob ihn aller bürgerliehen Rechte 11ml verurteilte ihn ztt 8 Jahren Zuchthaus. I'iue Kassation ebenso wie »las Gesuch an die allerhöchste Instanz wurde abgelehnt. Die Antisemiten stellten das Urteil als eine gvrichtsjuäßigc Bestätigung für ihre allgemeine Beschuldigung hin, daß sämtliche Juden Spionage und Landesverrat übten, verbreiteten die Nachricht über alle Teile des Reiches null sctzU'11 so überall die jüdische Bevölkerung Gefahren ans. Bahl darauf wurde bekannt, daß der Hauptzeuge lin.int B a j r a sc h e w s k v ein Geheimagent im Dienste eines Rußland feindlichen Staates war, »iein daran lag, das 'Vertrauen »ler russischen ikhürilen ztt gewinnen. Im Dezember 1014 wurde er selbst vom Kriegsgericht als Landesverräter verttrteilt und starb im März 1015 im Gefängnis, lnzwischen erschien im offiziellen Kriegsorgan ״Rußky Invalid" ein Aufsatz eines Augenzeugen ültcr die Zeit der ersten deutschen Herrschaft in Mariampol, in »lein von einem russischen Unteroffizier Goniei erzählt wird, der während der deutschen Herrschaft in Mariampol geblieben war. Rechtsanwalt O. O, Gruseit borg, der bekannte Verteidiger von Bcilis, nahm sich auch hier »ler Sache des schuldlos vertu t» ilteu Gerschaiiowitseh als Verteidiger an, um einen I latiptheweis der Judenfeinde zu zerstören. Lr ersuchte tlen Unteroffizier Gordei, ihm seine Lrfahnmgen über »lie Haltung der Juden in Mariampol und des Verurteilten Gcrsehanowitseh mitzuteileii. Gordei erklärte, daß die Juden der Stadt ebenso wie auch der Bürgermeister Gcrsehanowitseh sich w,ährend der ganzen Zeit völlig loyal lind zurückgezogen verhalten hätten und ihrem Vaterlande treu gebliehen wären. Daraufhin wandte sielt ümseuherg an das oberste Kriegsgericht mit »ler Forderung, den Prozeß \וו0י neuem aufztmebmen. Am 28. Juli 1010 wurde über dieses Gesuch vom obersten Kriegsgericht unter der Leitung des Vorsitzenden Bikow und in Anwesenheit Gruse nbergs beraten, ln einer ausgezeichneten Rede voll juristisehen Scharfsinns und von unwiderlegbarer lieberzeugungskraft rollte Grusenberg die ganze Marinmpoler Affäre auf und stellte die Haltlosigkeit des übereilten Urteils fest. Lr forderte die Aufhebung des Urteils, die sofortige Lntlassung Gcrschanowitsclis aus dem Zuchthaus und die Lrneuertitig des Prozesses. Selbst der Staatsanwalt General Korcjwo mußte gestehen, daß das Gericht vom 2. Oktober 1014 nicht alle Materialien vor sich hatte um! daher ein unrichtiges Urteil faßte. Das Oberste Kriegsgericht beschloß, das Urteil aufzuhcbcu, den Prozeß wieder aufzuiieluneii, Gcrsehanowitseh aus dem Zuchthaus zu Jaroslau zu entlassen und ihn bis zur Klärung der Sclutldfragc unter die Aufsicht der Polizei zu stellen. Die russische liberale Presse begrüßt, diesen Beschluß als Sieg der Gerichtsbarkeit über die Verläuniduug und das Vorurteil der Straße. Die jüdische Presse weist bei dieser Gelegenheit auf die vielen anderen jüdischen ״Verräter" hin, deren Verurteilung in ähnlicher Weise erfolgt ist. Von der Kongreßbewegung Der Orden ״Rne-Brith", die älteste jüdische Organisation in Amerika, nahm iK'kanntliih gegenüber dem Exekutiv-Komitee der Jüdischen Kongreß- Organisation und den Repräsentanten der ״amerika* nisdien national-jüdischen Organisationen" (bei we|- eher Bezeichnung ״iiational-judisi'li“ nur als ges a m t-a m e r i k a n i s c b-j 11 d i s c 11 zu verstehen is!) eine neutral»■ Stellung ein und erklärte sogar aui einer der. letzten Beratungen, er beabsiehlige eine parallele Aktion für die Vertretung der Juden auf »lein zukünftigen europäischen I 1 ieilcriskotigreß selbständig zu unternehmen. Wie die New Yorker Wochenschrill ״Das Jüdische Volk“ (vom 1. August) beriehtet, teilte »Ser Vorsit/emlc t|Cs Ofdens Herr Adolf Kraus dem Vorsitzenden *|»׳s von dem Abgeonluitett der Kongreß- und Konferenz-Organisation zusammengesetzten I riedenskomitees, Herrn Harry Cut ler den Beschluß »les Präsidiums des Ordens mit, sieh der Kongrcßbcwcgiiiig annisililießen. Diese Erklärung des Vorsitzenden »les einflußreichen Or- »lens wird von der jüdischen Presse Amerikas einstimmig als bedeutend»׳!׳ Schritt vorwärts in »ler Vcruirklichjing der Koiigrellidee betrachtet. Medizinische Hilfe für Palästina Wie bekannt wird, sind von Amerika Medikamente im Werte von 15 000 Dollar nach Palästina zur Versendung gelangt, aber in folg «> »ler englischen Blokadebestimiiiiiugcn ungehalten worden ttml lagern unter Zollverschluß in Alexandrien. Bemühungen, diese Medikamente frei zu bekommen, sinil im Gange, aber über ihr Resultat kann augenblicklich noch nichts gesagt werden. Ls ist schon darüber berichtet worden, daß das PLC für die Finanzierung einer besonderen Aerztc-Lxpcilition für Palästina sorgen wollte, resp. die Garantie für die Finanzierung übernonttmn hat, welche der die Expedition organisieren- »len Fr.uicit-Verciniguiig ״II ad as.su" obliegt, Ls siml nicht weniger als 25000 Dollar hierfür angesetzt. Außerdem sind Aussichten vorhanden, daß genügen»! Acrz.tc und Schwestern lieivillig mitgelien. Die Schwierigkeit, welche darin besteht, von der kriegführenden Regierung die Garantie einer sicheren Reise und der ungestörten Mcdikaiiicnte-Durcluuhr zu erhalten, ist bisher noch nicht beseitigt, obzwar das amerikanische State Departement seine Dienste dafür itt dieser Angelegenheit zur Verfügung gestillt 11.1t. Vom Jüdischen Nationalfond Die Spendend n gange des Jüdischen Natinnalfond während des Monats August beliefen siel! auf 84 184 M. Dieser Betrag verteilt sich auf nachstehende Länder: Norilamcrika 25 921 M.( Oesterreich 23 670 M. (davon aus »len besetzten Gebieten 2 I9ä M.), Deutschland (ittkl. besetzte Gebiete) 9018 M., Argentinien 7 706 M., Ungarn 288״ Al., Holland 2 (!13 M,, England 2 414 M״ Bulgarien 2 342 M., Rumänien 195(! M., Südafrika 82(» M., Britisch Indien 81(! M,, Siiilslavisthe Länder 758 M., Portugal 750 M., China 722 M״ Neu seeland 419 M., Aegypten 382 M , Belgien 3M> M,, Rußland 321 M. und Italien 265 M. In der bei Holland vcrzciclinctcn Summe ist tlic erste Rate der Einkünfte vorn ״Fe I »I z ti gc“ des Niederländischen Zionistenbumles inbegriffen ln den Tagen vom 20. bis 23. August haben Gruppen von Propngamlistcn, insbesondere Studenten uml junge Kauflcute, die verschiedenen Provinzen der Niederlande bereist und fast in allen Städten mit jüdischer Bevölkerung zionistische Versammlungen abgehalten, nachdem vorher die Bewohner des Ortes durch Hausbesuch der Fcldzügtcilnchiner dazu eingeladen worden waren. Die anläßlich dieser Veranstaltungen herausgegebene F e I d z u g n u nt nt e r des ״Joodselten Wächter" wurde in einer Auflage von 20O00 Exemplaren in allen jüdischen Kreisen verbreitet. Das ideelle und materielle Ergebnis des Feldzuges ist recht befriedigend. Line Reihe neuer Mitglieder wurden gewonnen, und die gesammelten Spenden erreichten nahezu 5 000 Mark wovon der größte Teil für den Oenossenschaftsfond bestimmt ist. In diesen Tagen erscheint das Heft Ntmuneir 1 von ״Erez Israel", Mitteilungen des Hauptbüros des Jüdischen Nationalfond. Das Heft befaßt sich in der Hauptsache mit den Problemen der K o I o 11 i s a t i o n s a r b e i t in Palästina; daneben beliaiK'elt es Fragen »ler Organisation und Propaganda des Jüdischen Nationalfond. Die erste Nummer von ״Erez Israel" enthält folgende Beiträge: 1. Teil. N. O.: Die Kolonisations- und Wer• bearbeit des Jüdischen Nationalfond, Nchcmiade Lie me: Uebcr die Palästinaarbeit, Ing. Agr. J. OettInger: Die praktischen Vorteile der Erbpaclit, Dipl, Ing. Salomon Kaplansky Die Ansiedlungskapazität Palästinas, J. O.: Förderung da