Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXI (1916)
- Issue
- Heft 36 (8.9.1916)
- Date
- 1916-09-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Die ״Nation״ und Samuel UiiH'idem Tiicl ״Mr. Samuel und .1 i 1׳ rn s s i s c 11111 ׳ Jude 11" bringt die Londoner ״Nation" folgenden Artikel: ״Die Koalition hat keine rückhaltlosen lkwimderer und hei ihren wenigen Freunden finden wir eine Geneigtheit, sie durch., schwaches 1.011 /u verdämmen. Ihre Verteidiger kennen ihr Geschält nicht. I:s gibt nämlich mpch eine reiche Ader /u Fobpreisnngen, die bisher für ihren Ruhm nicht ausgenützt worden ist. Wie kommt cs, daß noch keiner eine Hymne auf ihre Logik, ihre Folgerichtigkeit angestinunt hat? Sie liegt 11 :intlieh mit den britiselten Traditionen im Kriege. Mit dem freiwilligen Dienste hat sie aufgeräumt. IK11׳ freien Handel hat sie untergraben. I>er freien Rede hat sie ein I׳aide gemacht. Den I labeas-Corpus-Begriff hat sie zerstört. All das stellt schon einen grollen Rekord dar. Aber nach freier Rede, freiwilligem Dienste, freiem Handel und I lalicas-Corpus war immerhin noch eine Iradition übrig. Nun ist es auch endlich mit dem Rechte des ״Asyls" vorbei. Herr Herbert Samuel׳ verdient es, daß wir sein Auftreten etwas näher beleuchten und dort Lob austeilen, wo es sich gebührt. Fs ist viel, daß er diese Tat vollbracht hat, aber die Art, wie er es getan hat, verdient die Aufmerksamkeit des kritischen Beobachters der menschlichen Natur. Fs gibt verschiedene Wege, sich selbst auf/ugebeit. Fs gibt den verschämten Weg, der jeder Grazie entbehrt, welcher einem Drucke nachgibt; der bedauert, daß er nicht länger widerstehen kann unter den besonders schwierigen Umständen des Augenblickes, der sich auf überwältigende Versuchungen beruft und schließlich damit endet, die Verantwortung auf einen anderen zu wälzen. Aber es gibt einen Weg der großzügiger ist. Wenn die Regierung des Zaren vor einigen Monaten von uns verlangt halte, unsere russischen Flüchtlinge ihrer Reclltsgevvalt atis/.uliefern, wenn die russische Regierung unseren Hot- Schalter geplagt, das Ministerium des Addieren in die Enge getrieben hätte, und wenn sie gedroht hätte, diesen Fall als eine gewisse Schvvachuug der Allianz zu betrachten, so hätte wohl der englische Durchschnittsminister unter diesem Drucke keine allzu glänzende Figur gespielt. Fr hätte die weitere Fnt- Wicklung abgevvarlet. Wenn er schließlich doch nachgegeben hätte, sorgenvoll, bedauernd, beinahe patlietliisch, so bitte er uns alle soweit gebracht, daß wir uns gründlich unserer selbst schämten. Diese Schwäche hat ׳uns Mr. Samuel erspart. So weit wir wissen, hat die russische Regierung keinen besonderen Druck ausgeübt und Herr Samuel hat die Wünsche der Autokratie übertroffen. Fr ahnte, was dem dritten Stande angenehm sein werde. Wir Italien ähnliche Dinge früher schon sich ereignen sehen, alter der Unterschied beleuchtet das Verdienst von Herrn Samud's Tat äußerst scharf. Wir erinnern uns des Falles eines politischen Flüchtlings, der in Serbien ein Asyl gefunden hatte und dort als Eisenbahn-Ingenieur nützliche Arbeit leistete. Fr Wirde nnfgespürt, aus seinem Versteck aiifgcjagt, niisgelicfcrt — nicht ohne daß cs in der Oeüeittlidikeit bekannt wurde — und ein jeder sagte, mit einem Gemisch v׳on Mitleid mul Sympathie, das so schwer zu ertragen ist: ״Armes, kleines Serbien!" Herr Samuel hat uns davor bewahrt. Er wartete nicht erst, bis er darum ersucht würde, noch viel weniger, daß man ihn erst belästige. Er hat, um es in einem Worte zu sagen, unsere nationale Würde gerettet. Wir selbst sind es (Dank sei ihm!), die aus eigenem Willen unsere Flüchtlinge anbicten. Nieniand hat sie von uns verlangt. Sie werden der «!!begehrte Tribut unserer Loyalität sein. Und dieser Akt ist umso anmutiger, als die Franzosen nicht die gleiche elegante Inspiration hatten. Sie Italien immer eigensinnig, beinahe grob, abgclelmt, selbst wenn sie direkt dazu aufgefordert waren, die Fliichtiinge atisztiliefern. Wir wollen nicht unfair etwas von der Eltre rauben, die einer solchen Leistung zukommt. Um ganz ehrlich zu sein: kein Mann britischer Rasse hätte soviel Gewandtheit und Grazie zeigen können. Wir haben Herrn Samuel die Ehre gegeben, die seiner Tat gebührt. Es ist Zeit, diese ganze Handlungsweise vom Standpunkte des Flüchtlings zu betrachten. Ihm ist die Alternative gestellt: er kann sich entweder als ausgehobener Rekrut in die britische Armee cinrcilicn, oder, wenn er das nicht tut, nach Rußland zurückscltickcn lassen. Fs wird vielleicht gesagt werden, daß er ebenso wenig Recht hat wie jeder andere Bürger, sich den Bürgerpflichten zu entziehen. Aber wessen Landes Bürger ist er denn < Neun von zehn Flüchtlingen sind Juden. Sie t'liiehteten, um Pogromen, oder wenn gerade keine stattfanden, der Vorcnthaltung jener menschlichen Rechte und jener politischen Gleichberechtigung zu entfliehen, die allein Ansprüche auf bürgerliche Pflichten machen darf. Wir erhoffen viel für die Zukunft Rußlands, aber die Lage der Juden ist augenblicklich nicht besser, als zu der Zeit, da sie ihr Land verließen. Der Ansiedlungsrayon ist immer noch fest abgcspciTt, die Schulen sind ihnen immer noch verschlossen ׳und viele Berufe sind ihnen verwehrt, Allcnlings hat Herr Samuel imlcr einem Drucke - britischem Drucke — besondere Konzessionen äugedeutet. Fs heißt sogar, daß die ״echten" politischen Flüchtlinge nicht ausgeliefert werden sollen. Wer ist aber der echte politische Flüchtling und wie kann er den ״Beweis" für seinen Anspruch erbringen? Wir liallcit die Fhre, eine der svmpalhisclisten Persönlicltkeiteii Europas, F'elix Volkottsky, der aus Sihirien enthoben war, persönlich zu kennen. Fs gibt vielleicht andere, die in seiner Lage sind, wieder anilere, die als ehemalige Mitglieder der ersten Duma verurteilt sind. Seihst Herr Samuel würde diese Leute zu den ״politischen" Flüchtlingen rechneu. Mit wessen Hilfe sollen sie ausgesomlcrt werden? Wir begreifen: Herr Satfttiei bat die Mitarheit des russischen Konsulates erbeten. Aber alle diese Flüchtlinge sind in dem einen oder anderen Sinnt׳ ״politische‘‘ Flüchtlinge. Einmal trafen wir zwei starke, junge Letten aus Riga. Sie vv»rcn Rekruten in der Armee, Sozialisten. Und als die Armee im Jahre lüDü dazu gebraucht werden sollte, die Sozialisten der Baltischen Provinzen niederznmachcn, flohen sie, ehe sie an dieser Jagd tcilnehificn wollten, lieber auf einem kleinen Boote davon und fanden ein Schiff, das sic nach England brachte. Sind sie ״politische" Flüchtlinge? Wir glauben, in der öffentliehen Meinung nur Deserteure. Die vielen jungen Menschen, die lieber auswaiiderten, ehe sie sich einem Heere nnscliließen wollten, das zu ähnlichen Aufgaben ausersehen war, sind sie ״politische" Flucht• Iinge? Nur Drückeberger, glauben wir. Diejenigen, die flüchteten, als Pogrome in dem Nachbarorte entstanden, sind sie ״politische" Flüchtlinge? Wir vermuten, für Herrn Samuel nur Glaubensgenossen. Sie alle aber sind Flüchtlinge geworden wegen politischer Unterdrückung und Verfolgung ihrer Rasse, aber mir wenige 'von ihnen könnten ihr Recht auf Befreiung vom Militärdienst ״beweisen". Sic alle schulden ihrem Lande keine Pflichten. Man könnte sagen, daß sie unserem Lande Pflicltten schuldig sind. Aber sic sind keine Bürger, Wir haben ihre Naturalisation niemals ermutigt. Wir haben dieses Recht immer durch einen Preis eingeschränkt, der für die Armen unerschwinglich war. Ja, es war sogar stets die Taktik unserer Polizei, sieh Naturalisations-Ansuchen russischer politischer Flüchtlinge zu widersetzen. Wir denken an den Fall eines Mannes, den wir gut kennen, eines Mannes mit außergewöhnlichen Fähigkeiten und einem vornehmen Charakter, dein das Gesuch abgelehnt wurde, einfach weil er ein Sozialist ist (von der Schule übrigens, die den Terrorismus ablehnt). Selbst jetzt wird die Untcrtaneuscliaft dieses Landes den Flüchtlingen, von denen man verlangt, (laß sic sich in unserer Armee einreihett lassen, erst nach linde des Krieges in Aussicht gestellt. Viele werden für uns als Fremde sterben. Können wir erstaunt darüber sein, daß ihnen ihre Selbstachtung verbietet, Soldaten zu sein, ehe sie Bürger sind? Sie haben, sagt man, unsere ״Gastfreundschaft‘‘ genossen. Dieses Wort hat einen Sinn, wenn wir es auf Belgier oder Serben anvvenden. Ihnen haben wir buchstäblich alles gegeben: Wobtumg, Kleidung, Nahrung und Schule und cs war nicht zu viel, was wir ihnen gaben. Aber diese Russen bezahlten,' was sie erhielten. Sic waren Mieter, keine Gäste, und durch ihre Arbeit Italien sie sielt den Platz auf unserem Boden verdient. Wir sollten froh und stolz sein, hätten sie sielt unserer Armee als Freiwillige angcsrlilosscn. im schlimmsten Falle, wenn cs utts tatsächlich so verdrielit, in einer Zeit, wo die Arheit so groß, der Arbeiter so wenige sind, auf unserem Boden diese 10 00t) Arbeiter fremder Nationalität zu haben, sollten wir ihnen gesagt haben: ״Geht hin, wo es Euch beliebt: nach Amerika oder Holland oder nach irgend einem freien Lande, das noch frei ist. England ist kein Platz für Fuc.lt!" Und auch das hätte schon geheißen, während der Kriegsdatter das alte britische Recht des Asyls aufzuheben." Neue Debatten int Unterhaus In der Parlaments-Sitzung vom 22. August fragt Mr. King, ob der Minister des Innern in der I.age sei, ihm weitere Erkkinmgcn betreffs der Militanliciistfiage der befreundeten Ausländer zu machen. Mr, Samuel antwortete: Bei mir bat eine Deputation eines verantwortlichen russisch-jüdischen Komitees Vorgesprächen, das mir erklärt hat, daß es bereit ist, eine lebhafte Werbetätigkeit zur Gewimiutig von freiwilligen russischen Juden für die Armee zu entfalten. Ich habe meine Zustimmung erteilt, daß, bis das Resultat dieser Werbetätigkeit bekannt wird, die Frage der Deportation nach Rußlaml unentschieden bleiben soll. Ich habe erklärt, daß diejenigen, die sielt dein Militär freiwillig anschließen, nach Verlauf von 3 Monaten als Bürger naturalisiert werden, und zwar ohne die üblichen Kosten. Diejenigen Russen, die nachwciscn werden, daß sie in Rußland militärfrei sind, werden das Recht haben, sich der englischen Armee freiwillig anzuschließen, aber, sie werden dazu nicht gezwungen werden. In Dimlou, sowie auch in den amlcren grollen Zentren werden spe/ieile Tribunale errichtet werden. Dieses Freiwdligcn-Svstem wird bis zum 30. September festgehalten werden. Was die zwangsweise Deportation 11,1011 Rußland anlangt, so werde ieb nnrli dieser Richtung keine Maßnahmen ergreifeit, bis das Parlament sieh wieder versammeln wird und dem Hohen Hause die Möglichkeit gegeben ist, darüber zu debattieren. M r. Morre I fragt: Ist der sehr geehrte Gentleman bereit, die Frage zu betrachten, oh man vielleicht diesen Leuten das Recht geben könnte, nach Ländern ihrer eigenen Wahl zu gelten, anstatt sie nach Rußland ziirück/tisgjiieken. M r. Samuel antwortet, daß diese ganze Frage erst nach dem Bekanntwerden der Resultate der Werbetätigkeit für Freiwillige betrachtet •werden soll. M r. W i I. T 11 o r u fragt: Ist Mr. Samuel bereit, die Frage zu betr,׳teilten, ob es vielleicht ratsam wäre, einige besondere Bataillons zu bilden, die nur aus russischen Juden bestehen sollen? M r. Samuel: Diese Frage ist bereits erwogen worden, doch haben sieh ihrer Verwirklichung militärische Schwierigkeiten in den Weg gestellt. M r. King fragt: Kann der Herr Kriegsminister uns betreffs des zionistischen Maulesel-Korps Informationen erteilen, das in ׳Wegypten unter dem Korninaiulo des jüdisch-russischen Kapitäns Trutttpeldor wieder aiifgclebt ist und darüber, ob die russischen Juden in England das Recht haben, sich freiwillig diesem Korps atmtsdilicllcn? M r. Förster, der Stellvertreter des Ministers des Innern sagt, daß er über diese Frage keine luiormiitioneu erteilen kamt. M r. King: Ls würde sich vielleicht lohnen, daß in der nächsten Zeit wegen dieser Angelegenheit aus Aegypten Auskünfte erbeten werden, M r. Förster; Ja, Sir. Aus dem ״Manchester Guardian“. Laut Mitteilung des ״Manchester Guardian" wird die Werbetätigkeit für das Freiwilligen-Rekrutcn- System von einem Komitee geleitet werden, an wclcitent sielt einige Zionisten beteiligen werden. Gemeint ist damit, daß der Rekrutierungs-Appel nicht von den reichen englischen Juden, sondern aus der Milte der Immigranten selber ausgelicn wird. Laut Mitteilung desselben Blattes ist zum Vorsitzenden des Londoner Tribunals Richter U n g c r bestimmt worden. Das Tribunal wird zu einem Drittel ans Juden, zu einem Drittel aus Mitgliedern des Londoner Appell-Tribunals und zu einem Drittel aus Vertretern des Last-Fml bestellen. Das Blatt schreibt: Mit großem Interesse hat man die neuesten Erklärungen des Ministers Samuel im Parlament gehört. Mr. Samuel bat in der Frage der Konskription der russischen Juden bedeutende Konzessionen gemacht. Indes müssen wir folgendes bemerken: der abscheuliche Gedanke, die unglückliehen Menschen, die seiner/eit aus Rußland gcflohen sind, nach Rußland zurüekzuschickett, dieser Gedanke ist nicht beseitigt worden. Fr ist bloß vertagt worden. Wir halten es aber für tinghutbliclt, daß dieser Gedanke wieder aufleben sollte. Lin viel besseres Mittel ist mm ergriffen worden. Die Vertttinff und das Freiwilligcn-Svsteni sollen nun angewendet werden an Stelle der Drohungen und der roltcit Gewalt. Mr. Samuel hat erklärt, daß diejenigen, die in das Heer eintreten, nach wenigen Monaten Gelegenheit haben werden, das volle engliscltc Bürgerrecht zu erwerben, ohne die für diese Menschen 1unerschwinglichen Kosten bezahlen zu müssen. Das ist nur recht und billig. Kämpfen die Menschen für unser Land, so sollen sie auch die Möglichkeit haben, des Landes volle Bürger zu werden. Viel wichtiger ist aber der Vorschlag wegen Gründung einer speziellen jüdischen Legion. Mr, Samuel hat keine positiven Versprechungen in dieser Sache gemacht, aber er hat gesagt: soweit'cs sich praktisch durchführen lassen wird, werden wir Arrangements treffen, daß die Personen, die zusammen in einem Regiment dienen wollen, die Möglichkeit dazu bekommen sollen.' I >cr ausländische Jude würde sich dabei ganz anders fühlen, wenn er in der Lage wäre, in eine speziell jüdische Legion mit jüdischen Offizieren einzutreten, wo man seine besonderen Interessen und ׳Bedürfnisse berücksichtigen würde, Aehnliclie Schritte sind bereits in Frankreich geschelten, wo die ausländischen Juden sielt als glänzcncle Kämpfer erwiesen haben. Es war ihnen aber sehr schwer, zusammen mit den französischen Soldaten ״richtig fertig zu werden". Es fehlte ihnen dam die ganze Routine. Sobald aber für diese Juden eine spezielle Legion in Frankreich gebildet wurde, sind all diese Schwierigkeiten vollkommen verschwurt- den. Nehmen wir bloß die Sprachcn-Schwierigkcit. Viele von den jüdischen Immigranten können kein Englisch. Wir müssen das Gefühlsleben dieser Juden