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Jüdische Rundschau · 1916-09-08 · Heft 36 (8.9.1916) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXI (1916)
Issue
Heft 36 (8.9.1916)
Date
1916-09-08
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seile 2J8 J U E!) I S C II L KUNDSCII A U Nr. 36 Schlüße früherer Geiieialioncn auf jenes Mall z.itnickdrängen, das hei der Bomtciluu^ seines G e s a m t w e s e 11 s kaum melir in Betracht ‘ kommt. Und von hermetischer Abschliellimg des Volksgeistes vor fremden Einflüssen kann doch überhaupt nicht die Rede sein. Die theoretische Begründung einer Vcrcitiickiingsnotwendigkeit der Juden mit den Nichtjuden ist ITuelitwanger mißlungen. Seine Schrift besitzt aber trotzdem Wert, wenn die von ihm postulierte wissenschaftliche* Behänd- Hing der Juden frage dazu führen wird, zwisehen den Juden des Golus und ihren ״Wirts- Völkern“ einen besseren modus videmli als bisher hcrzustellen. Wir pflichten dem Verfasser bei, daß mancher Nichtjtide Vorurteile fallen ließe, wenn es ihm klar würde, wie sehr er selbst von Jüdischem mitbestimmt ist. Das werden aber immerhin Einzelerscheinungen bleiben, die die Losung der Judenfrage nicht wesentlieh beschleunigen können. Die jüdische Geschichte ist, so sehr sie auch ״Assimilationsgeschichte“ sein mag, in noch höherem Maße ״Dilferenzieiiingsgeschichte“. Ls ist nicht cinziischen, warum die jüdische Geschiehtsforsclunig künftighin jüdische Geschichte* in so einseitiger Beleuchtung, wie beuchtwangcr will, treiben soll. Gerade im Namen der wissenschaftlichen Objektivität, die der Vcrfnsser so oft als das vornehmste Postulat der jüdischen Geschichtsschreibung bezeichnet, darf die Darstellung der Absonderuiigstemlenzeii des jüdischen Wesens und Willens nicht vernachlassigt werden . um der Wahrheit willen, die der Verfasser so sehr zu erkennen begehrt. Diese Schrift kann unseren Glauben an die originelle Individualität des jüdischen Wesens nicht schwächen. Zu sehr sind wir bereits diesem Wesen wieder verwachsen, zu tief haben wir bereits wieder in uns selbst lüuabgeschaut, um diesen an sich geistreichen Bemerkungen des Verfassers beistimmen zu können. Das jüdische Leben und Wirken offenbart sich dem sehenden Auge ganz, anders, als es sich im theoretischen System dieser Arbeit wiederspiegelt. Die Stimme des uns kostbaren jüdischen Lebens weist uns andere, ja entgegengesetzte Wege. Sie anempfiehlt uns nicht die Dar in o 11 is i e r 1111 g des Eigenen mit dem Andersgearteten, sondern den bewußten Willensakt der cindeiitigeu Entscheidung für das Eigene. M. M. Zum Heeresdienst de! russischen Juden in England Georg Brandes über das politische Asylrecht in England. Unter der Ucbersihritt ״Das politische Asylrecht in!England“ schreibt Georg Bra 11 d e s in ״Politiken“ einen Aufsatz, der unter .׳unterem folgendes ansführt: ״England war das letzte freie Land in Europa. 1''’redlich halte die Schweiz eine lauge Zeit hindurch politischen Flüchtlingen Obdach gewährt. Aber das Land war zu schwach, um dem Druck der Großmächte zu widerstehen. Sogar alle rulungekrönte Männer ,wie Krapolkin erhielten manchmal in Lugano eine freundliche Aufforderung von den Behörden, ihren Aufenthalt nicht zu verlängern. At>er England war noch übrig, stand felsenfest als der europäische Zufluchtsort der Unterdrückten lind Verbannten, das Lund, dem gegenüber niemand etwas zu sagen hatte, und wo kein fremder Konsul oder I’olizx'imanu eine Einmischung wagen durfte. Jetzt ist das Asylrech! in England aufgehoben oder wenigstens stark bedroht. Die russische Allianz, die die britische Regierung dazu bewog, der russischen ganz Nordpersien zur Vernichtung aller politischen tu ml bürgerlichen Freiheit zu überlassen, hat auch ihren Druck auf dieselbe Regierung in deren Heimat nusgeübt. Am 20. Juni dieses Jahres teilte der Minister des Innern Samuel dem Parlamente mit, dalt das britische Kriegsministerium auf Antrag von seiner und anderer Seite den russische« Untertanen, die sich in England aufhielten und im dienstfähigen Alter seien, die Erlaubnis erteilt habe in das englische Heer cinzutrcten. Man sei bereit, sic in einer Anzahl von zwei Prozent der britischen Stärke aufzunehmen. (Es gab in Engtand ca, 25 000 Rüssen im Alter von 18 bis 41 Jahren). I lür 111110 bemerkt w erden, dal) bisher (mit ganz vereinzelten Aiinii.iIuii• n) keine L mildeil 111 die englische Armee uiifgciimumcit wurden, ja ganz kurze Zen vor der Erklärung des Ministers Samuel ist es jhneii gänzlich verluden worden. (ilcich/cilig stellte der Minister eien Antrag, daß man den in England wohnenden Russen folgendes kumlgcbcu solle: wenn sie nicht linier die vorn Kriegsdienst Befreiten gehörten, erwarte man von ihnen, daß sie sich entweder zum englischen Heeresdienst meldeten ■oder nach Rußland /iirüekkchrlcn, um dort ihre Wehrpflicht zu erfüllen. Der Minister schlug ferner vor, daß ein besonderer Gerichtshof cingefübrt werden solle, um dir Gesuche um Befreimig, die cingercieht’ worden sollten, zu prüfen. Das sah ja gewissermaßen sehr harmlos und natürlich ans. Nur war diese Aufforderung* ein Brurb mit dem besten Herkommen Englands. Teils waren da eine Menge politischer Flüchtlinge -- Polen, Männer ans den Ostseeprovinzen, Letten, Esilil.imler usw. die der schlimmsten Behandlung! ausgesetzl waren, wenn sie zuriiekkehren sollten, mul sieh «loeli mehl berufen fühlten, in die englische Aruite ei11/11tn׳n׳n, teils gab es da das ganze zahlreiche jüdische Proletariat, das während der Vorfolgiuigcii des vorigen und dieses Jahrhunderts nach England geflohen war und dort menschliche Lehens- Verhältnisse gciimden halle. Von Kriegsdienst war ja für diese Menschen früher nie die Rede gewesen aus dem Grunde, dnll England bis vor einem Jahre keim׳ Wehrpflicht kannte. Noch ist die Angelegenheit nicht entschieden. Wahrscheinlich sind schon trotz der grollen Paß- Schwierigkeiten nicht wenige nach neutralen Ländern geflüchtet. Aber zum Ruhme Großbritanicns bringt jeder Tag den Eingewanilcrtcn neue Verteidiger, die mit Einnistung die Drohung der Zuriicksrliickung nach Rußland als England unwürdig zurückweisen mul das Recht auf freie Auswanderung befürworten. Uhar.fRtcristisehcr Weise sehe ich nicht, daß jemand für die einfache Lösung ist, die Fremden in Brieden wohnen zu lassen, wo sie sind. Der russische Konsul in London wird anscheinend Recht behalten mit seiner Bemerkung gegenüber einem, der einen Paß verlangte: teil hoffe, wir werden den Whitechapel evakuieren können. Die englischen Juden, die als Patrioten die Pariei des Ministers ergriffen, befürchten, daß sich in England eine starke Erbitterung gegen die Juden verbleiten würde, wenn diese sich dein Dienst im englischen Heere entziehen würden. Diese ErbiUeruug, die den Eingeborenen gegenüber berechtigt sein wurde, ist völlig grundlos den Erenuleu gegenüber, <111־ nicht englische Staatsbürger sind. Man kann ja denjenigen, die englische Soldaten werden, Staalsbürgcneclii verleihen und die übrigen ziehen lassen, wohin sie wollen. Es ist kennzeichnend für »Ins freie England, daß der Minister hier nicht im Namen des Gesetzes aiiftretcn oder ein neues Gesetz, vorlegen kann, solidem, nicht ohne geheuchelten 1־reisiiui, sich darauf beschränkt hat, eine Art administrativen Befehl miszufciligen, der, wenn durebgeführt, ganz wie ein Gesetz wirken wird. Auf diese Weise ist wenigstens ein Schein systematischer Freiwilligkeit erhalten. Mit gemischten Empfindungen beobachtet ein Bewunderer englischen Vcrfassungsvvcsens und englischer Traditionen, wie während des Krieges von oben sowie in der Bevölkerung die Freilieitsliebc zurücktritl vor der wachsenden Notwendigkeit, dem großen Verbündeten im Osten festznlinlten und ihm zu gefallen. Schon lange hat man seine Zensur ertragen. Seit langem macht man ihm höchstbedenkliehe Konzessionen in Asien. Jetzt hat man (nit diesem letzten Schritte förmlich versucht, sich bei ihm in Europa ein/nschmeiclieln,“ Debatte im Unterhaus. Am 16. August erklärte der Minister des In- Hicrn, Herbert Samuel, im Parlament, daß die Zahl der militärpflichtigen russischen־ Juden in Englaml sich auf 25—30000 belaufe. /Es bestehe eine Möglichkeit, daß diese Juden sich der englischen Armee ansddießen werden. Der Minister dementierte die Behauptung, daß den russischen Juden irgendwelche Unaiuielmilichkeiten durch die englische Potizei bcvorstümlcn. Mr. King richtete an den Minister des Innern folgende zwei Anfragen: 1. Wird mau bei der Aufforderung an die alliierten Ausländer, in die Armee cinzutrcten, einen Unterschied machen zwischen denjenigen Juden, die stets in England ansässig sind und denjenigen, die erst bei Ausbruch des Krieges nach England geflüchtet sind? Wird ־inan betreffs dieser letzteren Ausländer eine Ausnahme machen? Vielleicht so, wie man sic betreffs englischer Staatsangehöriger macht, die sich stets im Auslände aufhaltcn? 2. Viele der russischen Juden, die sich jetzt in England befinden, sind Flüchtlinge aus Belgien Und Frankreich. Sie mußten, durch die deutsche Invasion gezwungen, ihren Wohnort verlassen und diese Menschen warten seit zwei Jahren auf den Zeitpunkt, Wieder in ihre Heimat zurückkehrcu zu können, nachdem diese Or.c von den Deutschen be• freit worden sind Da diese Personen bei für uns sehr nützlichen Arbeiten Beschäftigung gefunden Itabcn, frage ich, oh inan diese vor einer Deportierung bewahren wird oder oh man sie nach Rußlamf bringen wird, wo sic keine Heimat mehr haben, wo sie in ewigem Schrecken leben piiissen vor Pogromen und Verfolgungen. Mr. Samuel antwortete nur auf die letzte f rage: Die Angelegenheit dieser Personen wird auf die gleiche Weise erledigt werden, wie die Frage vier anderen russischen Untertanen, die sich im Vereinigten Königreich befinden. Die ״L vetting Standard“ vom 16. August •meldet aus zuverlässiger Duelle, daß der Minister des Innern, Herbert Samuel, seinen Vorschlag wegen Deportierung der Juden nach Rußland zuriickziclien wird. Diejenigen, die es ableltncn werden, in die englische Armee einzutreten, obwohl sie für den Militärdienst tauglich befunden werden, sollen anfgefordert werden, eine andere Arbeit zu verrichten, die von nationaler Bedeutung ist. In jüdischen Kreisen hält man den Modus, den die Regierung vorgeschlagen hat, ״entweder Dienst oder Deportierung nach der Heimat‘' für absolut unstatthaft, da die größte Mehrheit der in England lebenden russischen Juden wegen Verfolgungen etc, geflüchtet sind. Man erwartet deshalb, daß diesen Juden die Möglichkeit angenehm sein wird, für das Land zu kämpfen, das sie beschützt. Es ist Tatsache, daß sielt sehr viele russische Juden zu Beginn des Krieges als Freiwillige dem englischcn Heere zur Verfügung stellten, aber als Aus- Länder wollte man auf ihre Dienste verzichten. Eine jüdische Arbeiter-Konferenz in London. Am 16. August tagte die Konferenz der vcrscbicdeneii Arbeiter-Komitees und Arbciter-Unions, die an den Minister des Innern, Herbert Samuel, eine Deputation wegen der Erörterung dir Militärpflicht der russischen Juden in England entsandt hatte. Die Deputation erteilte Bericht über ihre Vcrhandltingcii mit dein Minister. Alt den Beratungen dieser Konferenz nahmen Vertreter von 16 jüdischen Unions teil, ebenso der Führer der englischen Arheiterhewegung, Mr. A p p c 11 o n, der die Dcputation zum Minister geleitet hatte. lX׳r eigentliche Bericht wurde vom Sekretär der London Lndy-Tailors, Mr. L a s h, erstattet. Er w ir der erste Redner der Deputation bei Sauuiel. Er schilderte dem Minister die Sinnmutig, die in Lastend herrscht, wo die Kunde von der eventuellen Deportierung nach Rußland helle I ntrüstung liervorgerufctt habe. Ls gibt fast keinen russischen Juden in England, der nicht aus irgend welchen politischen oder religiösen schwerwiegenden Gründen ans Rußland habe vvegzichcn müssen. Auf fast jeden von ihnen warte in Rußland eine Strafe. Er erklärte auch, daß sie, als Ausländer, doch unmöglich die Pflicht haben könnten, sielt in die Armee cinzurcilten. Mr. Drei11 ׳ wies dann Herrn Samuel darauf hin, daß die russisch-jüdischen Arbeiter in England in politischer Beziehung völlig rechtlos seien mul nicht den geringsten Anteil an der Bestimmung des Krieges genommen hätten. Mr. Sharf machte auf die ״Atisnalunefälle‘' aufmerksam, die in England für die jüdischen Arbeiter existieren. Sic werden sehr häufig zu ge- .wissen Arbeiten nicht zngelasscn etc. etc. Im Verlauf dieser Konferenz der Arbcitcr-Komitees und -Unions wurde die geschriebene Erklärung des Herrn Samuel verlesen, die er der Konferenz zugeschickt hat. In dieser Erklärung sagt der Minister des Innern, daß die russischen Juden dienen müssen. Er schlägt ihnen jedoch .verschiedene Systeme vor, nach welchen der Anschluß an die Armee erfolgen könne. Mr. Appel ton erklärte auf der Konferenz, daß er ein scharfer Gegner der Deportierung nach Rußland sei. Er habe auch in diesem Sinne eine Beeinflussung der Regierungskreise versucht. Als ein Freund der Jüdischen Trade-Unions habe er esauch durchzuführcn gewußt, daß ein Vertreter der jüdischcn Arbeiter direkt mit der Regierung verhandle. Die Regierung fühle den Druck der öffentlichen Meinung. Die englischen Arbeiertmasscn seien gegen diejenigen gestimmt, die nicht für England mitkämpfen wolle«. Den besten Beweis Seite man in dem Umstand, daß die Arbeiter gegen ihre irischen Oenosscn sehr aufgebracht sind. Mr. Appel ton schloß mit einem Appell, daß die russischen Juden in den Kampf Ziehen sollten, nicht für Rußland, sondern für das England, das sic schütze.

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