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Jüdische Rundschau · 1916-09-08 · Heft 36 (8.9.1916) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXI (1916)
Issue
Heft 36 (8.9.1916)
Date
1916-09-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Postscheckkonto Berlin Nr. 17392. rosiseheckkönto Uerhn Nf. 1/SJi. נ־׳־/ 3ד. ) 558* ו! "י Nummer 36 Berlin, den 8. September 1916 — 10. Elul 5676 XXI. Jahrgang. ״Erkenntnistheorie der Judenfrage“ Vor einigen Monaten erschien in der von Dr. Adolf Grabowsky geleiteten ״Zeitschrift für Politik“ eine Arbeit von Dr. Sigbert Feucht- Wan ge r ״Die Judenfrage als Wissenschaftliclies und politisches Problem", die bei ihrem Erscheinen berechtigtes Aufsehen erregte und mi.michr als Sonderalxlruck vorliegt*). Diese Arbeit stellt zur Lösung des wissenschädlichen und politischen Problems der Juden frage zum Teil ganz neue, zum Teil in dieser Schärfe und Konsequenz, noch nicht fornuiliertc Thesen auf., Diese Thesen lauten, wenn wir sie logisch nisammeiifasseii 2 1. Die Voraussetzung der Lösung der pol iit i sCiicn Judenfrage ist die Lösung der wissenschaftlichen Judenfrage, das heißt: erst wenn die Menschheit das Wesen der Judenfrage wissenschaftlich (crkenntni.stheoretiscli) erforscht haben wird, wird sie die richtige סיןiitisclie Lösung finden — falls überhaupt eine solche gefunden werden kann. 2. Diese Wissenschaft der Judenfrage hat fcstzustcllcii, daß es heule weder etwas rein Jüdisches im strengen Sinn des Wortes noch auch etwas rein N i c 111 j ii d i s c 11 e s gibt. Rein Jüdisch geschah und geschieht nur die Hebung der alten Zeremonien, das Studium der alten Schriften, sowie deren Konimeutieren und Paraphrasiercn. Rein Jüdisches .;geschieht“ seit fast 200Ü Jahren nichts im Sinne von geschichtlichem Geschehen. ״Jiklisehe Geschichte“, wörtlich genommen, ist eine coutradictio in adjecto. Schon zurzeit, da Israel mich fest auf seiner Scholle sail, gal) es eigentlich nichts rein Jüdisches. (Baal, Aistarte, Milkoni, Zeus sind ebenso gut altjüdisclie Götter wie Jahwe, was die tatsächliche religiöse üellmig anbclangt; nur hat schließlich letzterer die anderen ״besiegt“). Ebenso gibt es seit der Zerstreuung der Juden in Europa nichts rein Nichtjüdisches: der jüdische Geist hat an der Erschaffung der besten Güter Europas mitgewirkt. Der Jude hat das Christentum, den Pantheismus, den Sozialismus mitgeschaffen. Die Kultur Europas, das geistige Leben jedes einzelnen ist so sehr von Juden; miterarbeitet, daß cs eine reine Fiktion ist, wenn Europa den Juden und der Jude Europa als sich fremd betrachtet. 3. Aus dieser doppelten Feststellung ergibt sielt von selbst die Aufgabe einer wissenschaftlichen Untersuchung und Lösung der Judenfrage: sie bestellt in dem Aufzeigcn, der Wechselwirkung von Jüdischem und Nichtjüdischem, der unlösbaren Ver q u i c k 11 n g beider Elemente. Diese Verquickung von Jiidisclicm und Nicht jüdischem wird int Golns immer inniger (Hellenismus, Arabismus usw.) bis sie seit der Emanzipation wohl einen Höheputikt erreicht hat. 4. Diese Aufgabe der jüdischen Wissensciiaft führt notwendig zu einer neuen Methodoiogie der wissenschaftlichen Untersudlniiig der Judenfrage. Die bisher geübte, •) Dr Sigbert F e u ch t watt a e r: Die Judenfrage als wissenschaftliches und politisches Probiem. Berlin, Carl Hcvmanns Verlag, 1916. M. 2.—. ״Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffenflieh •rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina," Baseler Programm. willkürliche Stoffisolierung der jüdischen Gesdhichtsscl'reihung bewirkt mir eine wissenschaitlichc Entwertung historisch wertvoller Tatbestände. Forschungen wie etwa die Steinsclineiclers über ״die Juden in der Mathematik“ oder Kayscriings über ״jüdische Aerztc" sind mir herbariumsäliiilichc Zusammenstellungen, die keine geschichtswissenschaftiiclie Bedeutung besitzen; Philippsohns ,,Geschichte der Juden Rußlands und Polens seit 11)1) Jahren“ ist im wesentlichen eine Aufzählung der staatlichen Maßnahmen gegen die Juden, während wir von der auffallenden wirtschaftlichen, geistigen und sozialen Umwäiz.ung der letzten 50 Jahre so gilt wie nichts erfahren; Rechtsgeschichte und Regierungspolitik sind noch keine'Gesamtgcschiehtc. Die zukünf* tige jüdische Geschichtsschreibung darf nicht von einseitig jüdisch vorgcbiklcten und orientierten Wissenschaftlern, sondern muß von solchen betrieben werden, deren allgemeine Vorbildung und weiter Gesichtskreis cs ihnen ermöglicht, der Wechselwirkung /,wischen Juden mul Nichtjmlen bis in die feinsten Maschen nachztigebcn. Die bislierige jüdische Geschichtsschreibung war mir eine M a r t e rc 11 ro 11 i k, deren grobmaschigen Netzen die nur durch feinere Methoden Zugangliehen Tatbestände, in denen Jüdisches untreiinhar mit Nicht jüdischem verquickt ist, entgingen. 5. Diese neue Methode der jüdischen Ge- Schichtswissenschaft wird zu einem neuen Begriff tles jüdischen Wesens führen, ist als ilaiziistcliciidcr Stoff jüdischer Geschichte die Verquickung von Jüdischem mit Nichtjüdischem erkannt, so ist der treibende seelische Faktor hinter dieser Verquickung: die Verquick- 1111 gs f ä h i g ke i t der Juden. IXr Jude ist und war mir im Zustand seiner Verquickung mit nichtjüdischen Kulturen fruchtbar. Im Ghetto, im Zustande seiner Isoliertheit, war er cntwickhmgslos. 6. Wenn das wissenschaftliche Problein der Judenfrage in dieser Weise gelöst sein wird, wird das politische Problem dieser Frage unendlich vereinfacht sein. Der Jude wird die Siimwidrigkeit seiner Losiüsungs- und Isoliemiigsvcrsnche und •tcndeiizen cinschcn. Er wird erkennen, daß er durch dieses isolierungsbestreben seinem eigenen Wesen und seiner natürlichen Entwicklung entgegenarbeite. Er wird eine ״praktische Assiniiiationskunst" treiben müssen, d. 11. er wird nicht trennen, was zusaninicn ist und zusammen will, aber mich nicht künstlich zusammensdmielzcn, was eigenartig wcitcrlcbcn will und kann. Der Nichtjude aber wird durch diese Erkenntnistheorie der judenfrage begreifen lernen, daß er unaussoheidbare Bestandteile seines eigenen Wesens verlieinen müßte, wenn er das Jüdische für unwert hielte; denn gerade die ethischen Wertbegriffe, von denen aus er das Jüdische ablehnt, sind alle selbst Bestandteile seiner von Juden wesentlich mitgeschaffenen Ethik und Kultur. Er muß sicii also zu der Erkenntnis der Tatsache erziehen, daß das jüdische aus seinem eigenen Wesen nicht mehr ausscheid* bar ist, gleichgültig, ob er den Juden von sich fcrnhält oder ihn bei sich aufnimniL Aus dieser kurzen Darstellung des logischen Gedankengangs der Feuchtwanger’schcn Schrift geht unmittelbar hervor, daß liier ein Versuch' vorlicgt, der judenfrage neue theoretische und methodische Grundlagen zu schaffen. Das voreilige Urteil, daß hier ein Assimilant bekannte Ideenwege gehe, rektifiziert sich bei aufmerksamer Lektüre efer Schrift. Sic ist — ins getost von billigem Utilitarismus — von Liebe zur Wahrheit getragen. Sie fordert die Schaffung einer Naturgeschichte des jüdischen Geistes und erhofft von ihr unermeßliche Wirkungen politisclier Art. Aber sie nimmt das Wissenschaftliehe Resultat dieser erst zu begründenden neuen Disziplin bereits vorweg, indem sie behauptet, . daß das dominierende Wesen des jüdischen Gei* stes seine Verquickungsfähigkcit sei. Und dieser unbewiesene Satz gibt der Schrift eine seltsam einseitige, nacli gewöhnlicher Assimilationstheoric schillernde Wendung. Diese Verquickungsfälligkeit als Wesen des Jüdischen ist aber nicht nur eine These, die erst bewiesen werden müßte, sondern ihre Richtigkeit ist aus rein logischen Gründen von vornherein höchst unwahrscheinlich. Wenn mimlieh wirklich das Wesen des Juden in seiner Fähigkeit bestünde, das Jüdische in ihm mit dem Nichtjüdischen innig zu verbinden, so bliebe immer noch die Frage, worin denn dieses Jüdische in ihm bestelle, das er dem Nicht jüdischen verbinden soll, liier wird also eine hervorstechende Funktion des jüdischen Wesens zum Wesen selbst erhoben. Eine in die Augen springende formale Eigentümlichkeit des jüdischen Geistes wird zum Usurpator seines Inhalts. Mit anderen Worten: die von Feuchtwanger postulierte neue Geschichtsschreibung müßte notwendigerweise bei der Darstellung des ״Verquickung»• Prozesses“ zwischen Jüdischem und Nichtjüdischeu» auch die beiden sich verquickenden Eiemente beschreiben. Das jüdische Element kann dabei aber docli unmöglich in der ״Verquickungsfäiiigkeit“ sein liauptcharaktcristikum haben* Vielmehr wird es sich zeigen, daß das Jüdische ebenso wie das Nicht jüdische eine seibständi ge, in sich gefestigte Eigenart hat, die zwar nicht leichter definierbar ist wie die des Nichtjüdischen, aber deren Vorhandensein nicht geleugnet werden kann. Feuchtwanger entzieht dem jüdischen Wesen die Originalität und spricht sie ausschließlich einer seiner formalen Funktionen zu. Auch ,seine Auffassung der Assimilation an sicii ist formal-mechanisch. Wenn er behauptet, daß die niclitjiidische Weit sicii vom jüdischen Einfluß nie mehr loslüscn könne und daß umgekehrt auch die jüdischen Nationalisten, die sicii von iiircr andersgearteten Umgebung differenzieren wollen, das Nichtjüdische, das sie beuußt oder unbewußt im Laufe der Jahrhunderte in sich aufgenommen haben, nie mehr von sich abtun können, so ist das ein rein formalistisclier Einwand gegen die nationale Differenzicrung. Der Grad des fremden Einflusses und Einschlags ist hier doch wohl das Entscheidende. Wir können beim besten Willcrf die heutigen Spanier nicht mehr ״verjudet“ nenneu, weil ihre nationale Eigenart vor 500 Jahren einmal mit der jüdischen in Wechselwirkung stand. Und umgekehrt: ein jüdisches Geschlecht in Palästina, das einige Menschenalter wieder bodenständig lebt,• wird bald die bunten und ' mannigfachen unmittelbaren nichtjüdischen Ein- I I

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