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Jüdische Rundschau · 1916-09-01 · Heft 35 (1.9.1916) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXI (1916)
Issue
Heft 35 (1.9.1916)
Date
1916-09-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Briefe aus Rumänien I. ImnKT von neuem nehmen die rumänischen Militärbehörden die Gelegenheit wahr, anläßlich der gewöhnlichen militärischen Maliregeln auch solche gegen Juden zu ergreifen. Durch alle Zeitungen ging vor kurzem der Befehl des (ieiieralsiabcs, durch den es untersagt wird, dal! Juden irgendein Amt in der Regimentskanzlci oder deren Depots bekleiden. Der Befehl ist so klar und nach echt russischem System eine hewullte Beleidigung für die Juden, Die Begründung dieser Maliiiahme ist, dali sich genug ״echte Rumänen" finden würden, die diese Arbeiten mit mehr Treue (!) ausluhren würden. Als Erklärung 111115 die Tatsache hinzugetilgt werden, dal) die Juden sehr oft durch die ן Offiziere oder deren Vertreter «u diesen Aemtern aufgefordert werden, weil sie richtig schreiben und lesen können, was hei den meisten rumänischen Soldaten häufig nicht zutrifft. Solche Bestimmungen werden öffentlich bekannt, trotzdem sic ״vertraulich1' gegeben werden, und Geriiehte, die aus der Luft gegriffen sind, werden von den Zeitungen veröffentlicht und erwecken den Anschein, als wären die Juden die grölite Gefahr für die Armee und würden zugunsten einer ״gewissen fremden Macht " Spionage treiben. Da bei einer solchen Stimmung in der Armee und der Oeffentliehkeit Zehntausend(.' von rumänischen Juden unter Waffen stellen, kann man sich leicht vorstellen, welcher Erniedrigung lind welchem Militrauen die jüdischen Soldaten mitunter begegnen. Und trotzdem gibt es in Rumänien noch Juden, die behaupten, daß Rumänien keine antisemitische Strömung kenne, daß sie vielmehr ,,bloß eine importierte exotische Pflanze sei." ja, sie haben Recht! Das ist keine ״Strömung" mehr, sondern ein planmäßiges antisemitisches System der höheren Behörden. Die Besetzung der Bukowina durch die Russen brachte fast die ganze dortige jüdische Bevölkerung auf rumänischen Boden, die aus Angst vor der russischen Invasion flüchtete. Sobald der erste Transport dieser Unglücklichen gemeldet worden war, wurden in allen Städten Rumäniens l.okalkuimtees gegründet, die Sammlungen für die Flüchtlinge machteil. Ls geschah rasch. Dieses Mal konnten die rumänischen Juden — die so oft das jüdische Solidaritätsgefühl in Anspruch genommen hatten ־ - ihre Barmherzigkeit und ihr jüdisches Solidaritätsgcfühl aktiv beweisen. Auf den Bahnhöfen, wo die Fhichtlinge ankameii oder vorhcifuhreii, wurden sie von Vertretern der jüdischen Komitees empfangen. Es wurden ihnen Speisen lind Getränke, Brot mul Zigarren gereicht und auch Geld kam zur Verteilung. Die rumänischen Juden haben dieses Mal Zehntausenden von unglücklichen Stammesbrüdern, die aus Angst vor der russischen Gefahr ihr Hab und Gut verlassen mußten, Hilfe angedeihen lassen. Das zweite Jahr des Weltkrieges brachte eine Wiederbelebung des jüdischen Lehens in Rumänien mit sich. Der Zionismus entwickelt sich immer lebliafter, neue Ortsgruppen und Frauenvcrcine werden gegründet, neue oder alte, teilweise für die Organisation verlorene Gesinnungsgenossen wiederge■ wonnen. Eine ausgesprochen zionistische, gut redigierte Zeitschrift wie die ״Hatikwah" konnte nach einer reichen aufopfernden und mühevollen Tätigkeit mit einer schönen Nummer in ihr /wertes Jahr eintreten. Die Eingänge der rumänischen Föderation sind größer als in den Friedensjahren. In der eisten Hälfte des Jahres 1910 war allein die Summe von 30 000 Lei beiweitem überschritten (einschließlich Palästinnhilfsfond). Wir haben den 3. Jahresbericht des Kultur-Vereins ״Saron" aus Bukarest vor uns. Es ist zum ersten Mal Gelegenheit gegeben, über einen wirklich gutorganisierten jüdischen Kultur-Verein in Rumänien zu sprechen. Im Laufe des Jahres 1915/1910 wurden 22 Abende und eine Elcrzlfcier veranstaltet. Jeder Abend hatte in seinem Programm: die Fortsetzung des von dem Vorsitzenden des Vereins, Dr. J. Niemirower, gehaltenen Zyklus von Vorträgen über die jüdische Geschichte; danach jedesmal ein Vortrag über ein jüdisches Thema. Ich will einige dieser Themen nennen: Dr. Lippe, Gabriel Riesser, Drei Helden (Makkahi, Bar Kocltba, Th. Ilerzl), Bialik, Perez, die hebräische Literatur, die Jude״ in der Musik, über jüdische Erziehung, das Buch der Juden, Bcaconsfield, Haggadah, usw. Jede Veranstaltung hatte auch einen musikalisch - kuustlerischen Teil. Die Veranstaltungen waren von fast 1000 Personen besticht. — Wir sehen bei uns zum ersten Mal einen Kultur-Verein, der seine Bilanz mit einem Eingang von 12 0S5,25 Lei schließt. Der ״Saron" hat mehrere Broschüren publiziert, von denen wir an dieser Stelle schon gesprochen haben. Im [)ruck befinden sich jetzt ti, a, eine neue lieber• Setzung von ״A 11 n e u I a n d", (die alte war schon Jang'c vergriffen), Ucbcrsctzungcn von Wcikcn S c 11 a ־־ I o in A 1 c j c 11 e 11t s , der Gesclüclitskursus des Herrn Dr. J. Nie m i e r o w e r, eine 11 e r I b i o g r a p 11 i e vtm M. Schweig usw. Der Verein hat weiter einen Kursus für die hebräische Sprache für die Mitglieder *(es ׳zionistischen •Sludcntciivercins ,,!las■ m o 11 a e n" eingerichtet und den hebräischen Verein ״S i 11 a i" unterstützt. Ein Zweigverein des Bukarester ״Saron" wurde in ürnila mit gutem Erfolg gegründet. Ls bestellt Aussicht, daß in nächster Zeit mehren' Zweigvereine im Lande geschaffen werden. Der Erfolg dieses Vereines ist nicht zum wenigsten seinem Schriftführer, Herrn M. Schweig, dem Direktor des ״Ciirienil Israelit" zu danken. August 1916. —- EL Sch. II. Es liegen nunmehr aus fast allen rumänischen Orten mit namhafter jüdischer Bevölkerung Berichte über die anläßlich des 12. Todestages llcrzls veranstarteten Feiern vor. Diese sind für die zionistische Allgemeinheit insofern von Bedeutung, als sic, ebenso wie die Jnlireskouferenz, ja in gewisser Beziehung noch mein׳ als diese, einen Ueberblick über den Stand des Zionismus in Rumänien gestatten. Der Todestag llcrzls, an dem alles, was im Lande zionistisch ist, teilnimmt und an dem alles, was propagandistisch wirken kann, mobilisiert wird, zeigt uns die rumänischen Zionisten bei der Arbeit selbst. Neuen, jungen Kräften bietet sich dabei Gelegenheit, in die Oeffentliehkeit zu trete״ und mit den Alten in Wettbewerb nt kommen. So gestattet 11ns der Herzl-Tag, Heerschau über Volk ,und Führer zu halten. Audi in diesem Jahr bemerkt man den Fortschritt, den die zionistische Bewegung im Laude uml im Volke gemacht hat. Ja, es scheint sogar, daß mit Ausnahme jener Zeit, da Ilerzl seine politischen Reisen unternahm, das zionistische Lehen in Rumänien noch nie so verbreitet und rege war wie in diesem Jahre: Neue Vereine sind entstanden, sogar in Städten, wo bis jetzt noch keine bestanden hallen, /. B. in Craiova, der ehemaligen Haupt• stadl der jmlcuarmcn Provinz Oltenien, in Botos a 11 i u ml Dorohoi, wo solche Veranstaltungen allzu oft auf Schwierigkeiten seitens der frommen Kreise dieser jüdischen Städte stießen; die ziouistisehe Presse gewann an Ansehen, besonders durch die vorzügliche Zweiwochenschrift ״Hatikwah"; die kulturelle Tätigkeit stieg auf eine imgekannte Hölle, wobei dem Verein ״Saron" in Bukarest der Ehren• platz gebührt. Zu den erfreulichsten Erscheinungen, die die diesjährigen Hcrzlfcicni zeitigten, gehören die starke Beteiligung der zionistischen Jugend und das mutige Auftreten einiger junger Rabbiner mit westcuropäjscher liildtmg, die eine fruchtbare zionistische Tätigkeit eni!'ulten und um die. Eroberung der Gemeinden mit sichtbarem Erfolg bemüht sind. Die gerade in der letzten Zeit emporgewachsenen, zahlreichen Kultur-Vereine; — darunter z. B. die Timen 11 ca Zion i st a" in Jassy, die einen systematischen Kursus über Zionismus und jüdische Fragen ankiimligt ־— Scheinen dies auch eingcsclien zu hahen uml wenn sie die ,politische und wirtschaBliche Lage der Juden in Rumänien propagnmlistiscli richtig auswerten, werden immer größere Volksscharen dem Zionismus Zuströmen und sich ihm anschließen. 111 Bukarest folgte auch dieses Jahr der Verein C h o w c w e - Z i o 11 - D a v I d seinem schönen Brauch, nach dem Requiem und den Festreden, Nationalfoiulsdiplome an verdienstvolle Mitglieder öffentlieh zu verteilen. Es sind dies Diplome für die auf den Namen dieser Mitglieder gemachten Landspeiukm oder Eintragungen ins Goldene Buch. So wurde dem verdienstvollen Vorstandsmitglied und Lehrer Herrn M. Sc hör und dem alten Oiowcwc-Zionist und Palästina •Pionier I lerrn Jizchak M n y e r s o h n , der vom Verein ins Goldene Buch bereits eingetragen worden ist, ein Nationalfoiids-I)iploin bezw. ein Dip- 10111 auf Laiulspcnde überreicht. Ein besonderer Ausschuß begab sich, unter Führung des Herrn M. S c 11 w a r z f c I d , zu Herrn Schweig, dem Direktor des ״Curicrul Israelit“, der durch ein Leiden aus 11.111s gebunden war, um ihm das Diplom für die Eintragung ins Goldene Buch zu überreichen. In Craiova fanden zum ersten Mal seit llcrzls Tod, llcrzlfejcrn statt. Der Verein ״Tc I - A vv i w“ veranstaltete auf Anregung des eifrigen Gemeinderabbiuers, des Herrn Dr. Thenen eine religiöse PeieV. Die Gemeinde und alle jüdischen Anstalten nahmen daran teil. Die Festrede hielt Herr Dr. Tlicne 11. Der Jugendvcrcin ״Timenuca" veranstaltete eine sehr gut besuchte literarische Feier, die von Herrn Dr. Thenen eröffnet wurde. Es sprachen Herr I>r. Schwarz, über Hcrzl und Herr Philipp Sanft über ״Altneuland“ Dieser neugegründete Verein kündigt bereits eine Reihe votj weiteten litcrarischcn Veranstaltungen an. Ferner wurden Hcrzlzu m Teil auch Schatom- Alcjchcm-Feiern abgclialtcn in Plocsti, Vaslui, Roman, Botosani, R.-Surat, Dorohoi, Pascani, B a r I a d , P o d u I J I o a e i und Panein, A m m i e I M a c ca r. Einstellung der Kriegslandspende Dieser Tage erging an den Vorstand des Vereins ״Ke re 11 Kajcmct Lejisracl“ in Wien ein Erlaß der k. k. uiedcrösterreichischeu Statthaltervi, der dem Verein die Sammlungen ״mittels Aufrufes in den Zeitungen und durch Propaganda seitens der Vercinsmitglicder und einzelner Vert1aue1!s|K׳rsonc11 zwecks Erwerbung von Grund lind Boden in Palästina und Uehcrgabe desselben in Erbpaclit an jüdische Invaliden und sonstige durch den Krieg schwer getroffene Personen jüdischen Glaubens“ mit der Begründung verbietet, daß gegenwärtig mir Sammlungen erlaubt seien, die sich ״mit der lnvalidcnfürsorgc im allgemeinen befassen und diese Fürsorgetätigkeit im Inlamlc zu entfalten bcahsichtigen“. Angesichts dieses Erlasses, gegen den, nach dem Wortlaut des Schreibens der Statthalterei, eine Berufung unzulässig ist, veröffentlicht der Vor- Stand des ,Vereins ״Keren Kajcmct Lejisracl“ in Wien folgende Erklärung; In Befolgung dieses Erlasses stellen wir hiermit die Propaganda für die Kriegslandspende ein. Die für diesen Zweck bereits gesammelten Gelder sind au uns unverzüglich abzuführen. Der Ruhm, die Kriegslandspeiide eingeführt und zuzüglich der!bisherigen auswärtigen Sammlungen auf 150000, - K gebracht zu haben, bleibt den österreichischen Zionisten ungeschmälert. Die Idee ist neuerdings außerhalb Österreichs freudig begrüßt titul ihre Ausführung in Angriff genommen worden. Auch in Oesterreich werden wir sofort nach Fricdeiisschliiß da fortsetzeii, wo wir jetzt abbrcchen mußten. Die Arbeit für die statutarischen Zwecke unseres Vereines in sämtlichen Sammelzweigen nimmt ungehindert ihren Fortgang und wir fordern unsere Vcreinsniitglicder nnehdrücklichst auf, uns mit allem Eifer und der größten Tatkraft weiter zu unter* stützen. Diese Erklärung ist im Auftrag des Vereins gezeichnet von dein Ohmannstellvertreter Dr. Egon Zweig und dem Sekretär Dr. Wilhelm Beigel. Ein Reichsverband der Kultusgemeinden in Oesterreich Seit Jahrzehnten haben sich die Juden in Oesterreich bemüht, die Regierung zti veranlassen, eine gesetzliche Vertretung des ganzen jüdischen Volkes in diesem Staate, durch eine Organisation der mehreren hundert Kultusgemeinden zu konstituieren. Eine demokratische Wahl zu diesem Repräsentationskörper fordernd, haben die Zionisten diesen Be- Strebungen ihre wäi niste Beteiligung gewidmet und wurden als Vorkämpfer dieses Gedankens von der Orthodoxie und den galizischcn Assiinilanteu aufs schärfste bekämpft. Jetzt schreitet die Regierung zur Verwirklichung dieses Vorschlages. Nach einem Entwürfe, der seitens der Regierung den Kultusgemeinden zur Aculicrimg zugcsdiickt wurde, sollen sich acht Landesverbände, davon zwei in Galizien mit dem Sitze in Lemberg und Krakau, organisieren und sielt zu einem Rciclisv■erbande mit dem Sitze in Wien zusammenschlielk'ii. Ais Vollzugsorgan ist ein Oberrat vorgeschlagen worden. Diesem Reichsverbände werden nicht mir religiöse Sorgen, wie Ausbildung von Rabbinern, Gründung von Pensionsanstaltcn für Kurttisgcmeindebcamtcn und Religionslelirer obliegen, cs wird ihm auch das Recht zur Abstellung anderer Mängel cingeräumt, insbesondere das Recht eines rationellen Zusammenschlusses bezw. einer gesetzlichen Zusammenlegung von kleinen jüdischen Gemeinden, welche ihren Pflichten nicht nachkommcn können. Zu seiner Betätigung wird auch die Befugnis gehören, ״Anträge an die Staatsvcrtvaltung in Angelegenheiten, welche die öffentliehe Rechtsstellung der jüdischen Glaubensgenossen im Staate betreffen, zu stellen, einschließlich, des Rechtes der Beschwerdeführung in Fällen der Verletzung dieser Rechtsstellung“. Die derzeitige Lage der Juden ln Oesterreich und insbesondere der in Oaiizicri und in der Bukowina erfordert eine autoritative Repräsentanz unseres Volkes in diesem Staate und wir hoffen, daß diesem Vorschlage der Regierung die größte Aufmerksamkeit der Juden zugewendet sein wird. H. F,

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