Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXI (1916)
- Issue
- Heft 35 (1.9.1916)
- Date
- 1916-09-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seile 290 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 35 Bevölkerung infolge religiöser Bedenken ihre Kinder nielit in die öffentliche Volksschule /»< schicken geneigt war. Ans (irtindcii, die hier niis/iifiiliren zu weit führen würde, (Seilwinden des Widerslandes der jüdischen Bevölkerung gegen die öffentliche Volksschule und sogar Gymnasien, gewisse Mangel >111 Svstem der Baron Hirsch-Stiftung etc.) ist dieses Millionenvermögen an einen /.weck festgehnnden, der schon lange in anderer Weise erfüllt wird — wahrend die Stiftung jahraus-jahrein I lunderttaiisende Kronen in hnreaukraliseh-mechanischer Weise fortarbeitend verausgabt, statt zur Aendcrung des Stil'- ttuigszweekes zu schreiten, der sogar in der Stiftiingsiirkunde des Baron Hirsch vorgesehen ist. Solcher Beispiele liehen sieh viele Vorbringen (z. II, die Leinberger zweite Bernsteinstiftung, die zur I örderung der landfremden Textil-Industrie unter der indischen Jugend Galiziens bestimmt sein soll). Ich proponicre daher, wie ich eingangs bemerkt habe, die Schaffung von E v i 11 c n z .1 1111 e r n in den Hauptstädten der einzelnen Provinzen, die eventucll den Kultiisgemeiiiilen der Landeshaupt- Stadt ungegliedert ,werden könnten und die mit den in den Residenzstädten der ,einzelnen Staaten zu schallenden in enger Verbindung stehen mühten, sehliehlich die Bildung eines Zentral- E v i d c 11 z a tu 1 c s für das jüdische Volksvermögen, vorläufig z. B, im Haag, angegliedert an das Hauptbureau des Jüdischen Nationalfonds, welcher überliaupt mit Rücksicht auf seine weltumspannende Or• gauisatiou der berufenste Faktor ist, um die Vorbereitung und die Durchführung meiner Anregung in die I Land zu nehmen. Parallel damit wiireu in den Landeshauptstädten, in den Residenzstädten sowie am Sitze des Zentral-Evidenzamtes Kommissionen, bestehend aus Jtiristen und t'inaiiziiiäiinern, zu bilden, die die Zwcckvei mögen vom juristischen und finaiizleclmisehen Standpunkte aus zu prüfen und Reforimorschlüge über die Aeiiderung der Satzungen in juristischcr Hinsicht, Vergröberung der Ergiebigkeit der Vermögen und zweckentsprechendster Verweildüng der Vermögen vorzubereiten und durehl/uführen hätten. Ich glaube, dall dieser Gedanke, 41er für unser in Zerstreuung, ohne eigene zentralisierende Verwaltiingsorgaue lebendes Volk immer aktuell wa/, - besonders jetzt \on hoher praktischer Bedeutung ist. Ich hoffe, dab diese Anregung auf fruchtbaren Boden fallen wird. ,Möge dies der erste Schritt sein zur Sammlung der Kräfte nach dem Kriege zu neuer, vielleicht das Judcnproblcni endlich endgültig lösender Arbeit. Dies sei der Anfang unserer Volksbilanz. Zum Schicksal des Schtscherbatow-Erlasses Der 1 '1 laß des ehemaligen Ministers des Innern, Fürst Schtscherbatow, vom 13. August ß)15, auf Grund dessen sich gegenwärtig Hundcrttnuscnde jüdischer Flüchtlinge außerhalb des Ansiedlungsrayons niedergelassen haben, blieb bekanntlich bloß eine administrative Verordnung, die in den Kriegsverhältnissen ihre Begründung hatte und die mit Beendigung des Krieges ihre Kraft verlieren kann. Gm diese drohende Gefahr zu vermeiden, bemühten sich die jüdischen Politiker schon lange, diesem Erlasse die Sanktionicrung der gesetzgebenden Organe zu verleihen.; Wie die russischen Zeitungen mitteilen, werden gegenwärtig vom Ministerium des Innern Auskünfte über die Zahl der nach Zentralrulllaud cingewandcrten Julien und über die Art ihrer Beschäftigung gesammelt, die vermutlich als Material für eine bevorstehende üesetzesvoriage dienen soll. Die entsprechende Gesetzesvorlage über die Regelung ries Wohnrechtes der Juden in den Städten außerhalb des Ansiedlungsrayons soll bis zum 1. November d. J. der keichsduma überreicht werden. Eine zionistische Jahresbilanz Das Provisorische Zionistische E x ek u t i v - Co in i t c c in Amerika hat in der Zeit vim 8, September 1914 bis zum 19. Juni 1910 den Betrag von 1136 980 Dollar erhalten, wovon 453 115 Dollar für die verschiedenen Fonds des P. E. C. bestimmt waren, während 633 023 Dollar private Ueberweistmgen darstellen. 52 511 Dollar waren für verschiedene Sonderzweckc bestimmt. Hinzu kommen noch: 100 000 Dollar, die für die Pflanzer-Anleihen in Palästina bewilligt wurden, 115 000 Dollar, die vom Jüdischen Nationalfonds in den Vereinigten Staaten aufgebracht wurden und 50000 Dollar, die von den verschiedenen dein Provisorischen Exekutiv-Comitcc unterstehenden Organisatioiicii als organisatorische Abgaben gezahlt wurden, so daß die Gesamtsumme der vom P. I , G. für zionistische und palästinensische Zwecke vereinnahmlen Betrage I 400 000 Dollar ailsinachL Amerikanisch-jüdisches Hilfswerk Die Diskussion iimerhalh der amerikanischen Jmlciiheil über die Verteilung der amcrikanisc41-jiidisehen I lilfsgcldcr für Europa hat nunmehr dazu geführt, daß das ,,Gemeinsame Vcrlcilungskoiuitce der Fonds für die jüdischen Kriegsiiollcidcndcn“ eine Kommission von (1 Mitgliedern ernannt hat, von deneu 2 permanent in Russisch-Polen verbleiben, wiihreiid die übrigen I mich zwei- bis dreimonatlichem Aufenthalt in Europa nach Amerika zurückgehen sollen, um Bericht zu erst,•dien. Die Kommission bcstellt ans den Herren Abel, A h r a m o w i c r., Billikoff, Dr. Bogen, l>r. Magnes, Penk i 11; Vorsitzender der Kommission ist Dr. Magnes, der sich bereits in Europa befindet. Die amerikanische Regierung hat ihre Botschafter beauftragt, der Konimission bei ihren Arbeiten behilflich zu sein. Die Kommission hat den Auftrag erhalten, die ganze I lilfsnrbeit der amerikanisch-jüdischen llilfsfornls als eine völlig unabhängige zu organisieren. Die Gelder sollen von jetzt ab direkt durch die amerikanische Botschaft überwiesen lind durch Komitees verteilt werden, welche die amerikanische Kornmission eiusdzeii wird. Louis D. Brandeis Oberrichter Louis D. Brandeis hat seine Mitglicdschaft im Amcrieaii-Jewish Relief-Committee, im Joint Distribution Committee sowie den Vorsitz in verschiedenen Sub-Coiiimittees des Americnn-Jcwisii Relief-Goimuittee mul seiner Bostouer Abteihing niedergelegt. Gleich bei der Berufung des Herrn Hramleis in den Obersten Gerichtshof «ler Vereinigten Staaten wurden Befürchtungen laut, daß es ihm nach Antritt seines Amtes vielleicht nicht mehr möglich sein werde, seine Wirksamkeit in der jüdischen Ocffcntlielikeit im bisherigen Umfange fortzusct/en. Die amerikanisch-jüdische Presse ist der Ansicht, daß auch die häßlichen, persönlichen Angriffe auf Herrn Bramlris in der Konferenz für ״Jüdische Rechte“, ehe ihr Echo auch in einer Ncw-Yorker Tageszeitung fanden, mithestimmend für seinen Entsehluli gewesen seien. Diese Angriffe haben übrigens in einer ganzen Reihe von Städten grolle, jüdische IVotcstvcisaiiniihmgeii hervorgemfen, die Resohiti 1nen annahiueii, in welchen diese Taktik der Gegner des Herrn Üraiuleis aufs schärfste verurteilt und ziirückgewicscu wird. Die ganze national-gesinnte jüdische Presse Amerikas, welche die Gefühle der jüdischen Massen zum Ausdruck bringt, begrüßt es mit Genugtuung, daß Obcrrichter liraiidcis keineswegs daran denkt, sich von seiner jüdisch-nationalen Tätigkeit zurückzuziehen, und daß er weiterhin che Arbeiten des Provisional Zionist Executive Committee leiten wird. Zum Rücktritt Henry Morgenthaus Der Kopciihagencr ״P o I i t i k c n" vom 20. August enthält folgende Nachricht: Ein Telegramm aus New-York an Politiken über die zionistische Agitation für die Schaffung einer freien Republik Palästina hat mitgetcilt, daß der frühere ameriknnisehe Botschafter in Konst:mtinopel, Henry Morgenthau, zuriiekherufen worden sei als Folge seiner Anteiliiahme an der Bewegung, Die amerikanische Legalion in Kopenhagen bittet uns mitzuteilen, daß Henry Morgcnthau, trotzdem seine Regierung sehr wünschte, daß er in seiner Stellung verbleibe, zuriiekgetreten ist, weil er an dein Wahlkampf anläßlieh der bevorstehenden Prasidentwnhlcn Anteil liehmen wollte. Die türkische Regierung, zu welcher Morgcnthau in dem besten Verhältnis stand, hat ihr Bedauern über seinen Rücktritt ausgedrückt. Abraham J. Elkus Am IS. Juli ist Abraham J. Elkus von Präsident Wilson als Nachfolger Henry Morgenthaus, der seine Wahl sehr empfohlen hatte, zum amerikanischen Botschafter in Konstantinopel gewählt worden. Herr Elkus, der im 50. Lebensjahre steht, ist ein unabhängiger Demokrat, der den Präsidenten Wilson bei seiner Wahlkampagne 1912 tatkräftigst unterstützt hat. Er betätigt sieh seit vielen Jahren in sozialer Arbeit und seine Bestrebungen zur Besserung der Lage der arbeitenden Trauen und Kinder verdienen besonders Itcrvorgeliohen zu werden. Von ihm rühren ehe 35 Vorschläge her, die heute als ״Fabrikgesetze'' in den Vereinigten Staaten hekannt tmd in vielen Staaten nachgeahmt worden sind. Herr Elkus hat sowohl in der juristischen Fachweit wie in der national-ökonomisch-wissenschaftlichcn Welt einen sehr guten Namen; er ist von der St. l awrena-Gniversil.it zum Ehrendoktor ernannt worden. Seine Wahl als Nachfolger des Herrn Henry Morgcnthau wird von der amerikanischen Judenheit mifs wärmste begrüßt. I lerr Elkus nimmt lebhaften Anteil an allen jüdischen!'ragen und hat sieh auch mit der Wissenschaft des Judentums viel beschäftigt. Eine wichtige Mission harrt seiner; man erwartet allgemein, daß er seinen großen Aufgaben gewachsen sein und sich durch seine Tätigkeit die dankbare Anerkennung des amerikanischen und jüdischen Volkes gleichermaßen erwerben wird. Herzl-Gedenkfeier in New York Am 21. Juli fand aus Anlaß von Theodor Herzls Jalirzeit ein großes Meeting in Cooper-Union statt. Der ״American Jewisli Ghrouiclc“ berichtet hierüber wie folgt: ״Die letzte Woche war eine ״Hcrzl-Woehe“ in New-York. Am 21. Juli war llerzls 12. Jalirzeit und die New-Yorker Judenheit ehrte diesen Tag in der rechten Weise. Ungefähr 25 öffentliche Gedcnkfeiern wurden in Groß-New-York abgclialtcn. Am Sonnabend Abend hatte sich in Coopcr-Hall die größte zionistische Menschenmenge versammelt, die seil Jahren gesehen worden ist, und vor dieser Meitsclienmasse fand die Gedenkfeier statt. Die große Anzahl der Versammelten und ihr großer Enthusiasmus erinnerten an Dr. Sehnnrja Lev in's erstes Erscheinen in New-York, auf der gleichen Tribüne, 7 Jahre zuvor. Doch cs war eine andere ׳Zuhörerschaft, die sieh am Sonnabend Abend in Cooper-Union eingefnnden hatte. Sie war nicht gekommen, um oiii/ilne Redner zu hören. Diese Zuhörer waren nicht durch die Namen von Fräulein Braudeis und Mary A 111 i n angezogen worden, und auch nicht durch den Zauber, der in Dr. Theodor Herzls Namen liegt. Diese Zuhörer waren gekommen, weil der Anlaß ״zionistisch“ war, und so errichteten sic dem großen Führer das schönste Monument. Z. Kotier, Vize-Vorsitzender des Zion-C'ouncil von Groß-New-York führte Morris Rothenberg ein, der kurz Herzls Auftreten in der jüdischen (')Öffentlichkeit skizzierte. Danach erteilte Herr Rothenberg, Vorsitzender des Zion-Council, der Präsident des Abends, Miß Mary Antin, der Autorin des ״Proniiscd Land", das Wort, Miß Antin sprach von dem Geiste, welcher uns durch all die Jahrhunderte des Gallith zusammenhielt und weither uns nicht verlassen wird, bis vir für uns seihst einen Platz errungen haben unter den Nationen der Welt. Dr. I lerzl, sagte Miß Antin, wird nicht nur ein jüdischer Held, sondern ein Held der ganzen Welt bleiben. Herr Leo M o t z k i 11, ein intimer Freund und Mitarbeiter des großen Führers{ zeigte, wie unvergleichlieh viel großer als seine Zeitgenossen Dr. Ilerzl war in seinem Ziele, Gesichtsfeld und seiner Fälligkeit, unter allen Bedingungen zu handeln. Indem Herr Motzkin sieh auf die letzte amerikanische Zu׳- nisten-Konferenz bezog, zeigte er, welche Kraft da Zionismus in Amerika geworden ist, wie unsere Verantwortlichkeit sieh gesteigert hat, und drückte die Hoffnung aus, daß die amerikanische Judenheit sich des in sic gesetzten Vertrauens würdig zeigen werde. Dr. Schmarja Lcvin wurde bei seinem Erscheinen mit Ovationen begrüßt. Er hielt eine glänzende Rede, in welcher er mit den Gegnern des Zionismus abrechnctc, indem er zeigte, daß ihr Nichtbereitsein in einer solchen Zeit der sicherste Beweis für unsere Ucbcrlcgcnhcit sei; die Schwäche ihrer Argumente offenbare unsere Stärke. Cantor I. Maisei sang mit seinem Chor die Haskarah.“ » In New-York wurde auch ein ״Herzl-Tag1' veranstaltct; das Ergebnis der auf Straßen und in Ffäuscrn durch Flaggcnvcrkauf gesammelten Beträge war eine Summe von 20 000 Dollar für den ״Notfond“ des Provisional Zionist Exccutiv Committee.