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Jüdische Rundschau · 1916-09-01 · Heft 35 (1.9.1916) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXI (1916)
Issue
Heft 35 (1.9.1916)
Date
1916-09-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Elul 5676 XXI. Jahrgang. Rumänien Nun ist auch Rumänien in den Krieg eingetreten und mit ihm sind neue Tausende von Juden zu den alten Hunderttausenden hinzu!- gekommen, die, dem Ruf des Herrschers ihres Landes folgend, in erster Reihe die Schwere des Krieges zu fühlen haben werden. Rumänien, das seit seiner willkürlichen Ausdeutimg und Umgehung des Berliner Vertrages hinsichtlich der Judenfrage stets mit Rußland in einem Atemzuge genannt wird, ruft jetzt auch seine jüdischen Bürger, die es als ״schutzlose Fre m d e“ nun schon vier Jahrzehnte schikaniert und mißhandelt, zu den Waffen, Wird Rumänien während des Krieges und nach dem Kriege an seiner bisherigen Judenpolitik festhalten? Wird es sich auch weiterhin der Erkenntnis verschließen, daß seine Judenpolitik der letzten Jahrzehnte europäischen Kuiturhcgriffen widerspricht? Die Bedrückung der Juden Rumäniens ist mit die Haupttricbfeder für alle jüdischen Bestrebungen, die den Kampf für die Emanzipierung der gesamten Judenheit zum Ziele haben. Das organisierte Judentum wird bei Beendigung des Krieges seine unbedingte Forderung der jüdischen (deichbereclitigimg in allen Ländern zum Ausdruck hinigen und Rumänien, das ja nun an den rmdensverhandhingeii teilnehmen wild, wird sieh verpflichte{! müssen, -seinen Juden die staatsbürgerliche und politisch-nationale Gleichherechtigung zu geben. Als die russischen Heere in OstgalizTen und die Bukowina cindrangcn, flüchteten Tausende jüdischer Familien über die rumänische Grenze. Sie genossen jenseits der Grenze nicht die Vorziigc einer neutralen Gastfreundschaft. Vielmehr wurden sie häufig aus den Grenzgebieten evakuiert, des Landes verwiesen und gleich den ״einheimischen“ rumänischen Juden in jeder Weise drangsaliert. Das Schicksal dieser galizischen und bukowinaer Juden hat sich durch den Eintritt Rumäniens in den Krieg unendlich verschlimmert. Auch die Zionistische Organisation wird durch dieses Ereignis mitbetnoffen. Die Berichte, die wir im letzten Jahre über die Ent- Wicklung und Ausbreitung des zionistischen Gedankens in Rumänien erhielten, sprachen von stetig steigendem, vielversprechendem Wadistum. Die rumänische Laudsmaunschaft war gerade während des Krieges, wo die ziouistischen Landesorganisationcn der neutralen Juden an Bedeutung gewannen, auf eine bisher nicht erreichte Höhe der organisatorischen Durchbildung gelangt und hatte den zionistischen Gesamtkörper um ein lebendiges, tatkräftiges Glied bereichert. Noch die letzten ziomstisehen Nachrichten aus Rumänien, die wir in der heutigen Nummer bringen, zeigen, wie berechtigt die Hoffnungen ,waren, die wir in diese junge Entwicklung setzen durften, Nun greift Rumänien in den •Krieg ein und es liegt die Gefahr nahe, daß die zarten Blüten des m- חיänisdicn Zionismus wohl für lange Zeit an ihrer weiteren Entfaltung gehindert sind. Trotzdein sind wir überzeugt, daß die rumänischen Zionisten auch in dieser schwierigen Zeit nichts ungeschehen lassen werden, um die zionistische ״Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer fiffent• lieh-rechtlich gesicherten Heimstätte ln Palästina.״ Baseler Programm. Organisation und die durch sic erzeugten jungen Kräfte aufrechtzucrhaltcn und die begonnene, viclverhcißendc Arbeit nach Möglichkeit fortr zusetzen. M. M. Zentralevidenzamt des jüdischen Voiksvermögens Von Dr. Michael Ringel, Lctnhcrg. Unser galiziscber Gesinnungsgenosse gibt!mit dem Vorschlag dieser Volksbilanz der ״obsoleten Fonds und verschollenen Stiftungen“ eine bemerkenswerte Anregmig, die Aufmerksamkeit verdient. Ich will hier eine Anregung geben, die nur wichtig genug erscheint, schon jetzt in dieser vielleicht skizzenhaften Form vorgclcgt zu werden, damit der Gedanke schon jetzt, wahrend des Krieges, von den maßgebenden Faktoren ergänzt und ausgebaut und -- was das Wichtigste ist — ins Leben gerufen werde. Unser Volk wird nach dem Kriege zum Wiederaiifbau der Hundcrttauscudc von vernichteten Existenzeti in den Ländern, wo der Krieg wütete — und andererseits zum Aufbau unserer selbständigen Existenz in Palästina — Hunderte und Aberhunderte von (Millionen brauchen Die erste Aufgabe wird nur zum Teile mit Mitteln der betreffenden Staaten gelöst werden können; die zweite Frage; die Lösung des jetzt brennend gewordenen Problems — der Judenfrage — kann doch nur mit Volksmitteln in Angriff genominell werden. Es wird schwer sein, die für all diese dringenden Voiksbedürfnisse nötigen Summen plötzlich durch improvisierte, wenn auch noch so intensive Sammlungen nufzubringen. Auch die wenigen großen philantropischcn Gesellschaften mit ihren relativ bcschränkten und gebundenen Mitteln werden nicht in der Lage sein, in großzügiger Welse dies zu tun, ה Und da muß mau sich daran erinnern, daß der jüdische WohlUitigkcils- und Ocmcinsinn seit Jahriumderten, — insbesondere aber im Laufe der letzten 150 Jahre -- Tausende von Stiftungen ins Leben gerufen bat. Es bestehen jetzt viele Hunderte von Zweckvermögen — wie wir Juristen sic nennen —, die einem Zwecke dienen, welcher vielleicht zur Zeit, da diese Stiftung begründet wurde, als gut und nützlich betrachtet werden konnte, der aber schon längst infolge der Aenderung der Verhältnisse und der Zcitumstände obsolet geworden ist. Es bestehen aber ziemlich viele recht namhafte, jüdischen Zwecken gewidmete Stiftungen, ari die man im Laufe der Jahrzehnte überhaupt ganz vergossen hat, — die man direkt als ״verschollene F 0 ח d $“ bezeichnen könnte. — Dies alles regt den Gedanken an, vor allem in den einzelnen Landern, sodann zusammenfassend in den Staaten und schließlich als Krönung dieses Gedankens in einem ״Zentral-Evidcnzamte des jüdischen Volksvcr mögen 8", — weldies vorläufig in einem nicht kriegführendem Staate seinen Sitz haben müßte — Organe zu schäften, welche zum Zwecke hätten: a) Ein Verzeichnis sämtlicher jüdlsehen Stiftungen, Fonds, Stipendien, die sowohl in Ocldkapjtalicn als auch Realitäten oder sonstigen Vermögenswerten bestehen, anzulegen. b) Die Satzungen hzw. Stiftungsbriefe, Statuten, kurz die Rechtsnormen der einzelne!! Stiftungen zu sammeln. c) EIh-iiso eine Liste der Staats- und autonomen Behörden, von welchen dieselben beaufsichtigt und verwaltet werden, aimdcgcn, samt Verzeichnissen der Namen und Adressen der einzelnen Funktionärc. d) Reform projekte in bezug auf die Aenderung von obsolet gewordenen Stiftungszwecken, sowie Vorschläge in bezug auf die Aenderung der Satzungen vorzubercitcn, sowie Pläne über die Möglichkcit einer Zusammet, fassung mehrerer, ähnlichen Zwecken dienender Stiftungen zu einem größeren Ganzen, oder auch der Verpflanzung von Stiftungen von einer Provinz, wo sie nicht mehr dem Zwecke dienen können, in eine andere, bzw. von einem Staate in den anderen, e) Verschollene Fonds aufzufinden und zeitgemäßen jüdischen Zwecken dienstbar zu machen. Ich will die Notwendigkeit eines derartigen Zentral-Evidenzmntes durch einige Beispiele illustrieren. Nach den Angaben, die ich Prof. Balaban in Lcinbcrg verdanke, besteht ein Fond der ehemaligcn jetzt zum größten Teile aufgelösten k. k. jijdiscli-dcutsclicn Schulen in Galizien, von dent niemand etwas weiß und dessen Existenz sich hochstens darin bekundet, daß jährlich ein geringfügiges HolzqnanUim zwei jüdischen Schulen in Galizien gewährt wird. — Es besteht ein Fond, welcher aus Geldern der ehemaligen, später aufgehobenen Licht- und Koscherflcisch-Steucrn bzw. der darauf bezüglichen Kautioneu gebildet wurde. Soviel ich auch nachgcfragt habe, ich konnte weder über die Höhe noch über die Verwendung dieser Fonds nähere Mitteilungen bekommen. ־- Als im Jahre 1007 vom galiz.ischen Landtage über Anregung des Prof. Stern hach die Gründung eines jüdisch-theologischen Seminars beschlossen würde, ist durch Prjvatsammlungcn der Betrag von ca. ■10 000 K, zusammengebracht und im galizischcn Lamlesausschusse deponiert worden. Die Gründung ist auf absehbare Zeit fallen gelassen worden, an den gesammelten Betrag hat beinahe sogar das ehemalige Gründungs- bzw. Sartnnlungskomitce vergessen und cs besteht die Gefahr, die Zahl der ״verschollenen Fonds“ der Juden doch um einen zu vergrößern. — Es bestehen in Lemberg zwei Stiftungen, welche nach dem Gründer Bernstein-Stiftungen heißen und noch vor Jahrzehnten begründet wurden; von diesen ist eine Stiftung überhaupt noch nicht ins Leben getreten. — Zur Zeit, als man vor sieben Jahren das tlteologische Seminar in Lemberg gründen wollte, soll von Prof. Sternbaeh in Krakau ein Fond entdeckt worden sein, welcher nach einer von mir nicht kontrollierten Nachricht etwa 300 000 K. (drcimalhunderttausend Kronen) beträgt und der vor vielen Jahrzehnten für die Gründung eines jüdischen Seminars in Czortkow bestimmt ist, — also wieder ein ganz wgessener Fonds. — Ich glaube, daß die Zahl solcher vergessenen und verschollenen Fonds sich sowohl in Galizien als auch in anderen Ländern und Staaten durch Aufzählung einer langen Reihe anderer ergänzen ließe. Abgesehen davon gibt es aber — wie ich eingangs angedcutet habe — eine Reihe von Stiftungen, an welche man wohl nicht vergessen hat, die aber infolge der geänderten Zcitumstände einem Zwecke dienen, der längst nicht mehr notwendig ist. Zu diesen zähle ich z. B. für Oalizicn die Baron Hirsch-Stiftung sowie die Baronin Klara von Hirsch-Stiftung. Beide Fonds, welche ca. 16 Millionen Kronen Vermögen haben, dienen der Gründung und Er* haltung konfessioneller Volksschulen in galizischen und bukowinaer Städtchen, in denen die jüdische

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