Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXI (1916)
- Issue
- Heft 34 (25.8.1916)
- Date
- 1916-08-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2651273-2651974-2652008--10759-2668213- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 284 Nr. 34 t J U E Dl SC H E RUNDSCHAU mir ein , autoritatives Ersuchen /!!schicken wird wo gen Empfangs einer jüdischen (ieistlklien-l )eputaiion, so werde ich die I lerren empfanden." Der liberale Abgeordnete, Mr. Mnrrel, hielt folgende Rede: ,,leb möchte ihre Aulmerksamkeil auf die frage wegen der ,,belreumleten Ausliimler“ lunkcn. Die Erklärung des Ministers des Innern, die er vor einiger Zeit wegen der Militärfragc der befreundeten Ereinden gegeben hat, hat auf eine große An/ahl von Mensehen liberaler Prinzipien, wie auch auf ,Mensehen, dfe geglaubt haben, dal! der Krieg für die Befreiung von kleinen Nationen gefuhrt wird, einen sVlir |H־inliel1en Eindruck gemacht. I>er Minister des Innern hat erklärt, daß die hefreunderen Ereinden (iclcgcnhcit haben werden, vor einem Tribunal zu erseheinen, wo sic naeh/uwetsen haben werden, daß sie von der Militärpflicht hefreit werden müssen. Das ist ein schlechter Wey; zur Vergrößerung unserer Armee und ich glaube, daß das Parlament dieses Mittel nie im Auge gehabt hat. Es war die größte anti-konfessionelle I landlung seitens des Ministers des Innern, es war gegen jede Tradition einer freien Regierung, die gegen die bürokratischen Tendcn/cn in diesem Lande ist. Ich bin daher ein vollkommener (legner der Politik, die befreundeten Fremden zum Militärdienst zu /wingen, und zwar durch die Drohung der Landesverweisung. Von den Franzosen, Belgiern und den Untertanen anderer befreundeter Nationen werden nicht dieselben Pflichten verlangt, wie von den Flürht- Iingen aus Rußland. Ich möchte wissen, welches Recht der geehrte Gentleman hat, die russischen Juden so zu behandeln, wie er es vorgeschlagen hat. Die Geschichte der Juden i 11 R u 111 a n 11 w a r et n e S 1־ h n ״ d e für die Zivilisatiou und der Minister des Innern hatte nicht das Recln, das Asvlrechl zu zerstüreu, das •der größte Stolz unseres Landes war. Der geehrte Gentleman hat kein Recht, diese Leute nach Rußland zuriiekzuschickcn, damit sie dort verbannt oder zum Tode verurteilt oder sicher den schrecklichsten Verfolgungen ausgesetzt werden. Elvcnso darf er sie nicht zwingen, sich gegen ihren Willen der englischen Armee anzuschließen und für eine Sache zu kämpfen, au die sie nicht glauben. Man hat es nicht gewagt, mit solchen Drohungen an die Iren oder an die Indier heranzutreten. Ich behaupte, eine solche I lamilung ist unwürdig des genannten Gentleman, des Liberalismus, welchen er predigt und seiner Rasse, auf die er stolz sein darf. Am Anfang des Krieges hat man uns gesagt, daß dieser Krieg zur Liberalisierung Rußlands führen werde und daß sämtliche progressiven Elemente in Rußland das Bündnis mit England und Frankreich begrüßen, weil es zu einer Verbesserung und Erleichterung des russischen Despotismus führen wird. Es tut mir sehr leid, dem Parlament mittcilcn zu müssen, daß ich, nachdem ich die einfachste Nachforschung in dieser Sache angestellt habe, zur Ueber/.eugung gekommn bin, dal! die Behandlung der Juden in Rußland jetzt während des Krieges ebenso schlecht ist, wie vor dem Kriege. Die Drohung, die der Minister des Innern daher anweiidct, diejenigen Juden, die sieh der englischen Armee nicht anschließen wollen, nach Rußland zuriiek/uschickcn, ist eine sehr ernste Drohung. Falls der geehrte Gentleman seine Politik in bezug auf die russischen Juden 111 diesem lande wirklich durchführt, so wild er eine der gefährlichslcn Dinge begehen, die je von einem Menschen gegen seine eigene Rasse begangen worden sind. Der geehrte Gentleman weiß ganz gut, daß die Behandlung der Juden vonseiten der russischen Regierung keine solche jst, «laß wir gewillt sein könnten, Menschen, die jemals unter unserem Schutz in diesem Lande gelebt haben, ihr aus/uliefern. Wir müssen fordern, daß das Asylrecht, das wir ihnen vor vielen Jahren gegeben haben, auch ternerhin bewahrt bleibt. Ich bewundere die jüdische Rasse und ich bitte den Minister des Innern, er möchte sich davon zurückhalten, eine Politik durchzuführen, die für England stets einen Flecken bilden wird gegenüber dieser Nation.׳.׳ (Hört, hört). Darauf erwiderte der Minister des Innern Herbert Samuel folgendes: Ich habe zu handeln betreffs Russen, die zum größten Teil jüdischer Religion sind und die im East-End von London, in Manehester, Leeds und anderen Orten von England leben. Die Regierung hat allgemeine Militärpflicht eingeführt und forderte mit einer kleinen Ausnahme alle englischen Bürger auf, ihre Pflicht zu erfüllen und Anteil zu nehmen an den großen Opfern, die unsere Bevölkerung zu tragen hat. Man hat vom East-End von London eine bestimmte Anzahl von Menschen genommen. Geschäfte sind geschlossen worden, Familien getrennt und in demselben Distrikt gehen Zehntausende von jungen, fähigen Leuten herum, von denen der größte Teil hier int Lande leben und handeln durfte und groß geworden ist und die einem Lande angeboren, welches in diesem großen Kriege mit England verbündet ist. Alle diese jungen Leute nehmen gar keinen Anteil an dem großen Kampif und bringen gar kein Opfer. Es ist kein Wunder, daß deswegen ,im East-End eine Erbitterung und Feindschaft entstanden ist und unter diesen Um- Ständen ist es für die Regierung unmöglich, hauptsächlich mir als «lern Minister des Innern, der darauf slolz ist, daß er der jüdischen Rasse angehört, all die Gefahren zu ignorieren, die solche Verhältnisse zur Folge haben können. Was soll daraus werden, wenn die Tatsache, daß die Russen vom Militärdienst helreit sind, zu Unruhen führt «Hier wenn eine große Hetzkampagne ausbricht? Wir haben hier ein Problein vor uns, das nicht so leicht zu lösen ist. Ich kann aber nicht still bleiben und nichts tun. Für den Lall, daß ich jetzt nichts tun sollte, wird inan mich nachher beschuldigen, eingegriffen zu haben, wenn es schon zu spät ist, und man wird mich bcschuldigen, nicht den Mut gehabt zu haben, ein schweres Problem zu losen. Unsere Verbündete, die russische Regierung, hat darin eingewilligt, daß alle ihre Untertanen, die sich in den verbündeten Li Indern befinden, sieh den verbündeten Armeen ansehlielkn dürfen. Die englische Regierung handelt jetzt nach dieser russischen Erklärung. IX־r einzige Weg für 1ms war, diese Personell einzuladen, in die englische Armee einztilreten und ihnen zu sagen: Falls ihr nicht wollt, so werden wir Maßnahmen ergreifen müssen, daß ihr nach eurem Lande zurückkehren müßt. In einer Zeit, da England die Juden, die in imserm Lande unterhalb der Rcichsgrenzen leben, mit Gerechtigkeit behandelt, ihnen die volle Gleichberechtigung gewährend, erkennen wir an, daß;iticlt die Juden Pflichten haben. Mit welchem Recht will man die ganze Bürde auf die anderen werfen, eine Bürde, die von allen gemeinsam getragen werden imiß? Alle haben Angehörige, die in der englischen Armee kämpfen und es ist unstatthaft für den geehrten Deputierten, seine Ansichten im englischen Parlament auszudriieken im selben Moment, da die russische Armee solche glorreichen Taten vollbringt, die der Sache der großen Vereinigung unschützbare Dienste erweisen. Es gibt keine Ausrede, warum diese Personen eigentlich in der englischen Armee nicht dienen sollen. Ich sehe keinesfalls ein, warum ein politischer Flüchtling aus Rußland sich der englisclicn Armee nicht auseliließen soll, uin Seite an Seite mit den Angehörigen der englischen Rasse zu kämpfen. Der geehrte Deputierte glaubte vielleicht, ich sei mit einer Kampagne beschäftigt, die politischen Flüchtlinge nach Rußland zurückzuschicken, Nein, kein Mensch wird ausgewiesen werden, wenn er seine Bereitwilligkeit erklärt, in die englische Armee cinzutrcten. Ich habe die Verordnung erteilt, daß diejenigen, die einige Monate in der Armee sind und keine schlechten Eigenschaften bekunden, ohne weiteres die englische Staatsangehörigkeit bekommen können. Das, was man von den Russen verlangen wird, ist folgendes: sie werden ersticht werden, sich einer ärztlichen Kommission vorzustellen. Falls die Avrzte finden, daß der Betreffende militärdicnst-untauglich ist, so wird er überhaupt in Ruhe gelassen und wird mit dem Tribunal nichts weiter zu tun haben. Stellen die Aerztc seine militärische Tauglichkcit fest, so kann der Betreffende an das Tribimal appellieren. Iin Tribunal werden einige Vertreter sein, die ihre Ansichten und Wunsche wohlwollend prüfen werden. Im Tribunal werden auch 2 oder '! Mitglieder der jüdischen Gemeinde sitzen, ebenso andere Vertreter der lokalen Tribunale, so daß die Russen die Möglichkeit haben werden, von dem Militärdienst aus denselben Gründen wie die englisclicn Bürger befreit zu werden. Falls ein Russe nachweist, daß er bei einer Arbeit beschäftigt ist, die für den Krieg nützlich ist, oder daß er Familien- Schwierigkeiten hat, so wird er ebenfalls befreit werden, genau wie ein englischer Bürger. Falls die Befreiung nach alledem nicht erlangt wird, erst dann soll er ersucht werden, sich der englischen Armee anzuschliclicii und auch dann, falls er dies ahlehnt, werde ich sehr vorsichtig sein müssen, Menschen nach Rußland zuriiekzuschickcn, die nachweisen können, daß sie politische Flüchtlinge sind. Idi will nicht die Möglichkeit offen lassen, daß jeder sich als politischer Flüchtling erklärt. l>ie Angelegenheit der politischen, Flüchtlinge wird sicher sehr vorsichtig geprüft werden. Mr. T revelion: Werden die politischen Flüchtlinge, die nach Rußland nicht zurückkehren wollen, die Erlaubnis bekommen, nach Amerika abzurcisen? Mr. Samuel: Ich weiß nicht, ob Ich Ihnen die Versicherung geben kann, daß sie in Amerika hereingelassen werden. Ich werde noch in Betracht ziehen, ob eine solche Möglichkeit Vorkommen kann. Falls sie ,aber den Nachweis erbringen, daß sie politische Flüchtlinge sind und gute Gründe haben, in die Armee nicht cinzutrcten, dann gluube ich, daß kein Grund vorhanden sein wird, daß sie nicht hier im Laude bleiben. Ich bin der letzte, der dieses Land einer keiner vornehmsten Traditionen, des Asylrechts für -politische Flüchtlinge, berauben wollte, die von den Ländern fliehen, wo sic unterdrückt werden (Applaus). ־Bei der nächsten Gelegenheit werde ich öffentlich erklären, welcher Art all diese Vorschläge an die verbündeten Fremden sind. Diese Bedingungen werden jetzt ausgearbeitet. Bis j<tzt ist noch kein Schritt auf Grund dieser neuen Be- Stimmungen getan worden. Die englische Presse. 1111 Gegensatz, zu den Artikeln der Limes mwl des Daily ■Gimmick■ und Evcning Standard, die nnumwunden die Politik des Ministers des Innern Herbert Samuel, unterstützen, verdient der Standpunkt der angesehenen englischen Wochenschrift ״N a tiou" gewürdigt 'zu werden. Das Wochenblatt schreibt: •״Wenn man jetzt, wo Arbeitskräfte so nötig sind, diese Zelintausemlc arbeitsfähiger hefreundeter Ausländer des Landes verweisen will, so kann man ihnen höchstens sagen: Geht, wohin ihr wollt, nach Amerika, nach Holland usw, England hat keinen Platz mehr für euch. IXis wäre an sielt schon die Abschaffung des Asylrechts für die Datier der Kriegszeit. Möge die Koalitions- Regierung wenigstens logisch sein, wenn sie schon zu solchen Schritten gezwungen ist. Möge Minister Samuel seine eigene Rasse prügeln, wenn er es haben will. Aber eines ist unerträglich, daß es Minister Samuel erlaubt!sein soll, englische Bajonetts und englische Schilfe zu benutzen, um diese Flüchtlinge nach Rußland Zurückzutreiben." Nachdem der Artikel die Ungesetzlichkeit dieser Forderung besprochen hat, schließt er: ,,Es ist Minister Samuel so ergangen, wie manchem anderen Minister, der in das Koalitions-Ministerium eintrat. Er ist stets vorsichtig und lebt in tausend Aengsten, man könnte ihn beschuldigen, er sei liberal. Dasselbe scheint auch hier der Fall zu sein. Minister Samuel befürchtet, man kennte ihm nachsagen, er sei ein ■guter Jude. Das ist ein übertriebener Schrecken. Mr, Samuel irrt sich im englischen GI1.1rakter. Wir respektieren den Juden, der lest einsteht für seine Rasse. Wir haben keinen Respekt vor dem Juden, der seine Rasse verrät. Mr, Samucl braucht keine Angst zu haben, daß er nicht gut Minister des Innern sein kann, wenn er auf Seiten der Juden steht. Wir urteilen nicht so. Wir sagen, er kann nicht gut Minister des Innern sein, wenn er unfähig ist, gegen die Juden gerecht zu sein." Die Londoner ,,Times" vom 2b. Juli 1016 bringt ferner folgende Nachricht: ״(iest.m erschienen vor dem Tliames Polizei-Gericht Edward Rvde, Alexander S c 11 i p i r o , Solomon Linder und Morris Le noble auf Verlangen des Staatsanwaltes wegen des Druckes und der Ihihlizierung von 1 b<)0 Exemplaren des ״Worker’s Fricnd“ und wegen darin gemachter Angaben, die geeignet erscheinen, die Rekrutierung schädlich zu beeinflussen. Mr. R. D. M u i r, der die Anklage vertrat, sagte, daß der ״Worker’s Fricnd״ ein jüdisches Blatt sei. Der Artikel, der Anlall zur Klage gab, war von einer sehr schädlichen Darstellung. Die für die Zeitung verantwortlichen Leute hatten ihre Leser aufgefordert, sich nicht zu melden, da sie, - wie die Redakteure meinten, späterhin dein Lande ansgelicfcrt werden würden, zu dem sic gehörten. Während der Verteidigungsrede bemerkte Mr. Muir, daß die Absicht nicht bestünde, irgendwelche wirklich politische Flüchtlinge fortzuschicken. Der Staatsanwalt sagte, daß der Artikel äußerst gefährlich sei. Schipiro wurde mit sechs Monaten < 1efangnis bestraft, Linder mit drei, Lenoble mit einem und Rvde sollte entweder 50 Pfund bezahlen oder für 11 Tage ins Gefängnis gelten." ״Der Jude“* Das fünfte Heft des fielen, das soeben erschienen ist, sicherlich eine der interessantesten Nummern, die die Zeitschrift bisher herausgebracht hat, enthält als leitenden Aufsatz einen an leitender Stelle unserer heutigen Nummer besprochenen -- Aufsatz von Martin Buber ״Begriffe und Wirklichkeit", in der Form eines offenen Briefes an Hermann Cohen. Man wird diesen offenen Brief über Zionismus und Religion als einen vom Geiste formaler Polemik losgelösten Beitrag unter die besten Zeugnisse der Auseinandersetzung zwischen dem Zionismus und seinen Gegnern cinrcihcn. Er zwingt den Gegner, sich zu stellen, und wird jeden, der der Auseinandersetzung folgt und halbwegs guten Willens ist, zur Revision schablonenhafter Wertungen veranlasscn. Man kann sich nicht vorstellen, daß Hubers Aufsatz ohne die stärkste Wirkung bleiben wird. Im gleichen Hefte des Juden schreibt Engelbert Pcrnerstorfer, einer der Führer der deutschen Sozialdemokratie Oesterreichs, Vizepräsident des österreichischen Abgeordnetenhauses, ״Zur Judenfrag«׳'. Seit langer Zeit ist kein Aufsatz eines dcut- *) ״Der Jude", eine Monatssdhrift Heft 5. Verlag K. Löwit, Berlin-Wien, jährl. M. 10.—, Halbjänrl. M. 5,—. Berlin N. 37, Wclßenburgerstr. 6.