Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXI (1916)
- Issue
- Heft 34 (25.8.1916)
- Date
- 1916-08-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 34 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 283 rnk־ datier, von einer erneuten Behandlung dieser Frag« hier Abstand «1 nehmen.“ - Herr Leon Sanders (Mitglied der Ikte- £;•11011 des Kongreß-Komitees) schlug vor, ein Komitee 711 wählen, das am nächsten Tage der Sitzung des Kongreß-Komitees beiwohnen möge. Dieser Antrag wurde aufs wärmste von den Herren Dr. Magiics, Sehalom Asch, Rabbi (;״heil, Dr. Solis-Cohen, Josvpli Massel unterstützt, während Herr Marshall, die Vertreter der־ Arbeiter und Dr. \Slu1hnan die Versammlung vor Nachgiebigkeit dem Kongreß• Komitee gegenüber warnten, die einen dauernden I inden keineswegs garantiere. Der A 111 r a gr Mack wurde zurückgezogen, nachdem Herr Mars ha II der Versammlung die Erklärung abgegeben hatte, daß die angenommene Resolution von Magnes dem Exckutiv-Komitcc weitesten Spielraum lasse, den Forilcniiigcn der Philadelphia-I’lattform zu genügen. Der Antrag Sanders wurde dem Exekutiv* Komitee, bestehend aus 21 Mitgliedern, die von Herrn Marshall gewählt worden vwiren, überwiesen. Am folgenden Tage fand eine Sitzung des t:\ek 111 i v - K o m i t e c s der Jüdischen K o 11 - g re ß •O rga 11 i s a t io tt statt. Als Repräsentanten der Konferenz der amerikanischen natio- II a I ־ j i! d i s e h c n O r g a 11 i s a t i o n e 11 waren folgende fünf ׳Herren erschienen: Harry Untier, W. Mack, Jacob Massel, Dr. i\ F. Rosenblatt, Samuel Slmlman. Der feste Willen, endlich den ersehnten I rieden innerhalb des amerikanischen Judentums lterzustellcn, beherrschte die Verhandlungen. Diese De• legation war von der Konferenz beauftragt: 1. den Wunsch der Konferenz nach Frieden ,zum Ausdruck zu bringen, 2. einen offiziellen Bericht über die Verhandlungen des vorhergehenden Tages auszuarlwiten. I )ie Delegation des E x e k 111 i v - K 0 m i t e e s der Konferenz führte aus, datl die gestrigen Verhandlungen auf einer Basis geführt worden waren, die so demokratisch wie möglich waren, um der amerikanischen Jmlenheit zu zeigen, dal! keine auto• kratisehen Methoden beabsichtigt seien, um die Probleme, die in Frage stehen, zu losen. Julian Mack hielt eine Rede, in der er wiederum die N o t w e itd i g k e i t der H c r s t e I Jung des Friedens belontc. Schließlich wurde ein gemeinschaftliches Komitee gewählt, tnit dem Aufträge, eine gemeinsame PI a 11 f o r in auszmirbeiteu, die gceignet wäre, die Differenzen im amerikanischen Ju- «kiilum in der Kongrelifrage zu beseitigen. Dieses ״F r i c d c n s k o m i t c e“ batte am Dienstag Abend in der Aeolian Hall eine außer• ordentliche Sitzung. Sowohl die Vertreter der Konferenz wie auch die Repräsentanten des Kongreß-Komitees waren f ü r die Abhaltung eines jüdischen Kongresses in Washington in der Zeit zwischen dem I. September und 3t, Dezember 1016. Das ״Fricdeiiskoinitee" resümierte das Ergebnis seiner Unterhandlungen in folgendem Bulletin: ״D ic Punkte des Einverständnisses und der Differenzen wurden sorgfällig diskutiert. Die Stimmung war für eine gemeinsame Aktion. Die Komitecmitglieder kamen über alle Streitfragen zu einer Entscheidung und gaben der sicheren Hoffnung Ausdruck, daß ihre Berichte von den in Kürze ein zu berufenen Körperschaft e n , die sie vertraten, g e 11 e h m i g t w e r - den würden“. Nicht nur für die amerikanische Judenheit, sondem für die Judenheit der ganzen Welt ist es von höchster Bedeutung, daß auf^diese Weise eine Einigung in 'der Kongreßfrage zustande gekommen ist. * Wie sehr die Gemüter in Amerika nach den mehrtägigen, zum Teil mit großer Sciiärfc geführten Verhandlungen erregt waren und mit welcher Spanmmg das Ergebnis der Sitzung des Fricdcnskomitccs erwartet wurde, zeigte folgendes kleines Stimmungsbild, das iwir der New-Yorkcr jüdischen Tages- Zeitung ״Die Wahrheit“, entnehmen: ״ln der Zeit, in der das Fricdcnskomitcc seine Sitzung hinter verschlossenen Türen ablüclt, versamnielten sich in anderen Räumen der Aeolian-Hall die Mitglieder des ״Kongreß-Exekutiv-Komitees“ und der ״Konferenz der amerikaiiisch-jüdisch-nationaien Orgauisationen“. Jedes Komitee saß in einem besonde- •חכי Raume, und durch eine Wand waren die Vertreter verschiedener Weltanschauungen und Richtun- Ben im Judentum« getrennt, die doch zusainmengekommen waren, mit den! tiefen Wunsche, sich in einer Zeit des nationalen Unglückes zu vereinigen. Die Stimmung unter den Delegierten in beiden Zimmern war eine ernste. Es wurde wenig ,gcsprechen. Man schwieg und blickte immer wieder nach dem Zimmer, in welchem sieh das Friedenskomitec eiugeschlosseii hatte. In aller Augen lag die Frage: Wird von 11011־ Frieden für uns kommen oder werden wir auch jetzt Weggehen als Angehörige zweier feindlicher Lager und wird die Wand, die uns jetzt trennt, niemals fallen? Die Stunden rückten vor. Es war schon elf Uhr und viele waren unruhig, weil sie Annahmen, daß das ITiedcuskomitee •lieht zu einer Einigung koiiimeii würde. Plötzlich hott man Schritte. I)ie Tür öffnet sieh und herein treten Colonel Cutlcr, der Vorsitzende des Fiiedeiiskomitecs, 11ml dessen Mitglieder. Alle sielten auf. jeder ist gespannt. Man versucht in den Gesichtern der Komitcemitgliedcr zu lesen. Und mich ehe der Vorsitzende seinen Bericht erstattet, sieht man schon an ihren abgespannten, aller freudigen Gesichtern mul ihren glücklich - strahlenden Augen, daß die Einigung erzielt ist. Das Komitee erklärt, daß beide Parteien zu einer Verständigung gekommen sind, und daß, obsehoti die Einzelheiten der Einigung und die Eiuzelpimktc auf denen das Kompromiß beruht, noch nicht bckann( gegeben werden sollen, die angenommene Einigungsbasis eine derartige ist, daß beide Parteien sie als Sieg für *ihre Prinzipien betrachten können. ״Das ist der glücklichste Tag unseres Lebens," hörte man von den Vertretern beider Richtungen, ״der heutige Tag ist ein historischer!" Und Männer, die zuvor mit Erbitterung gegen einander gestritten hatten, drückten sich herzlich die Hand und wären sieh fast um den Hals gefallen. Die angenommene Einigungsbasis muß noch von den beiden Exekutiv-Koinitces gutgeheißen werden׳, niemand zweifelt aber daran, daß dieses geschehen wird, und man glaubt, daß beide Organisationen sieli unter dem Namen ״Jüdisches Kongreßkomitcc" vereinigen werden." Zum Heeresdienst der russischen Juden in England Debatten im Oberhaus, In der Sitzung des englischen Oberhauses vom 27, Juli fragte Loid ’S 11 c f f i e I d bei der Regierimg an, ob infolge der Frvimlengcsctzgebung oder sonstwie auf russische Untertanen ein Druck ausgviibt worden sei, nach Rußland zurückzukehren, ob Russen oder andere fremde Bürger alliierter Staaten von den Behörden davon unterrichtet werden, daß für sie keine Pflicht bestellt, nach ihren Geburtsländern zurückzukeliren, ob die Politik der Regierung darauf attsgehe, die Flüchtlinge vor die Wahl zu stellen, nach ihrem Lande zurückzukeliren oder in die britische Armee ciimitrctcn, und inwiefern, falls die Regierung sieh entschließen sollte, die Asylpolitik gegen politische Flüchtlinge, die seit langem eine feste Tradition des Reiches sei, aufzttgehcti, diesen die freie Wahl des Aufcnthaltortcs in Ländern cingeräumt werden würde, die ihre Tore politischen Flüchtlingen nicht verschließen. Lord Sheffield erklärte, daß er nur ungern die Frage gestellt habe, und zwar nicht aus Interesse für die gesetzliche Form frage. Er frage vielmehr im Interesse der russischen Juden, die nacli diesem Lande gekommen waren, auf die uralte Tradition desselben, politischen Flüchtlingen eine Heimat zu gewähren, vertrauend. Eine große Zahl von ihnen kam aus Polen, das jetzt unter dcutscher Verwaltung stelle. Er habe hinreichende Erfahrung hinsichtlich dieser Leute, er wisse, sic seien gute Bürger. Er habe die Meinung, daß es nur 5000 oder 6000 im dienstfähigen Alter gebe, und daß dieselben gern ins Ffccr cintrcten würden, wenn sie auf normale Weise aufgefordert würden. — Wenn ein Mann nicht cinzulrctcn wünschen sollte, müsse cs ihm erlaubt werden, zu reisen, wohin er wolle. — Die Worte des Ministers des Innern stimmten nicht mit seinen Taten überein. Im selben Augenblick, in dem versichert wird, daß niemand gezwingen würde, nach Rußland zurückzukehren, liest inan in der Morgen/.eitung, daß die Polizei am Werke sei, in gesetzwidriger Art diesen armen Leuten mit Deportation zu droben. Er hoffe, die Regierung würde einseben, daß von einem Ressort ein ernster Irrtum begangen worden sei, und daß das Haus eine Erklärung erhalten würde, daß die überlieferten Prinzipien britischer Freiheit und Gastfreundschaft politiselten Flüchtlingen gegenüber fortwährend beachtet werden würden. Lord Sand hurst antwortete für die Rcgierung. Es handle sich nicht um einen Druck auf russische Untertanen, nach Rußland zurückzukeliren. Es seien einige Fälle vorgekommen, wo man cs nötig gefunden habe, eine gewisse Zahl russischer Verbrecher und Männer von schlechtem Charakter auszuweisen. Aber auf Russen von gutem Charakter sei kein Druck ausgeübt worden, das Land zu verlassen. Die britische Regierung könne nicht alliierte | Untertanen von der Pflicht befreien, die ihnen die Kriegs-( iesetzgelnmg ihrer Staaten auferlege. Wenn ein solcher Untertan sieh weigert, znriiekzukehren, sobald er dazu!aufgefoulert wird, betrachte die britische Regierung jeden Fall nach den besonderen Umständen und entscheide, ob der Mann nach Hause geschickt werden solle oder nicht. Dies aber geschelle nicht hinsichtlich russischer Untertanen. Die würden besonders behandelt, da ihnen die eigene Regierung erlaubt hat, in irgendeine der alliierten Armeen eiiizntreten. Es sei der Wunsch der Rc• gierung, die Russen in die britische Armee emzu• ziehen. Fis sei unmöglich, die Bestimmungen des Kriegsdienstgeselzes auf die Russen im Lande aus• zudehnen; sie auf Grund des Freimlcngcsct/es zu zwingen, das Land zu verlassen, sei das einzige Mittel, den Dienst zu erzwingen. F.s sei unmöglich, einem Menschen, dessen Benehmen cs notwendig gemacht hat, ihn zum Verlassen des Landes zu zwingen, zu gestatten, daß er nach einem anderen Lande übersiedele als nach seinem Geburtsland. Es sei zweifelhaft, ob es ein Land gibt, das einen Russen, der England verlassen habe, uni nicht seinen Anteil an den allgemeinen Lasten tragen zu müssen, bewillkommnen wurde. Earl Lorebnrii fand diese Antwort ttnbcfricdigeiul. (Rufe: Hört, hört). Sie habe alles unbeachtet gelassen, was Lx>rd Sheffield gesagt habe. Er selbst habe durchaus nichts dagegen, dal! von jemandem verlangt werde, seinem Lande oder dem Lande seiner Zuflucht zu dienen. Das scheine ihm eine einfache Pflicht zu sein. Er habe nichts dagegen, einem Manne zti sagen: wir wollen dir nicht erlaubcti, die Vorteile der Verteidigung, die von Engländern geleistet wird, zu genießen und selbst nichts zu tun, wenn du hier zu wohnen wünschst. Aber was er sehr schmerzlich empfinde, sei die Tat- Sache, daß, wenn es sich um einen russischen Juden handele, man ihm sage: ״Wenn du nicht im Heere dienen willst, mußt du nach Polen oder, woher du kamst, zurückkehrcn und nicht nach einem andern Lande.“ (Hört, hört). Dies scheine ihm ein Unrecht zu sein. Er erinnere sich, daß er, ein Uhrist, vor zehn, elf Jahren gebeten worden sei, in einer sehr großen Versammlung, die gegen die Behandlung der polnischen Juden in Rußland protestierte, den Vorsitz zu führen, und er werde nie den Schrecken und das Eiend dieser Menschen vergessen, die er sich nach dem, was er auf dieser Versammlung gehört habe, vergegenwärtigen konnte. Wenn er ein Jude gewesen wäre oder mir einen Tropfen jüdischen Blutes in sich 'gehabt hätte, würde er sieli lieber die Hand abschneiden lassen, als ru tun, was Mr. Samuel getan bat, einem Menschen zu sagen: ״Wenn du nicht in das britische Heer eintrittst, mußt du Weggehen, — nicht nach irgendeinem Teil der Welt, sondern nach Polen oder Rußland.“ Der edle Lord habe zugegeben, dvaß dies geschehen sei. Das sei der überlieferten englischen Freiheit unwürdig und dürfe nicht geschehen. Es könne nichts Gutes daraus entstehen. Es würde nur auf die Stimmung unter den Juden drücken, die ausgezeichnete Bürger seien und ein starkes Gcfülil für ihre Rasse hätten. Er ltoffc, daß Lord Lansdownc seinen Einfluß gegen eine solche unpolitische und unwürdige Handlungsart, die so sehr von den Traditionen der Vergangenheit abweiche, geltend machen werde. Earl Rüssel verurteilte auch das Auftreten der Regierung als eine gefährliche Neuerung und eine Bedrohung der Freiheit, er betrachte den Vorfall als einen dunklen Fleck auf der Nation, Lord Lansdownc erklärt, er sei nicht vorbereitet, tun auf die Frage einzugehen. Es sei indessen unmöglich, nach den gehaltenen Reden nicht einzusehen, wie tief und ernst die hervorgerufene Stimmung unter den Lords sei. Er sehe völlig ein, daß, wogegen man besonders Sicherheit wünsche, das sei: daß kein Flüchtling in das Dilemma gebracht werde, entweder in dem Heere zu dienen oder nach einem Lande zurückkehrcn zu müssen, in dem er aus politischen Gründen sich harter Behändlung ausgesetzt fühlen werde. Er sei ganz sicher, daß es nicht die Absicht der Verantwortlichen sei, daß jemand, der in diesem Lande Zuflucht gefunden habe, in dieses Dilemma versetzt werde. Er werde am besten an diesem Abend nicht weiter auf die Frage eingehen, sondern die Saehe untersuchen. Lord Sheffield akzeptierte mit Freuden dieses Angebot. Neue Debatten im Unterhaus. In der Sitzung des englischen Parlaments vom 2. August fragte Mr. K i n g an, ob der Minister des Innern, Mr. Herbert Samuel, ein Memorandum der Rabbiner betreffs der Militärfrage der russischen Juden erhalten habe und ob er bereit sei, eine De• putation dieser Rabbiner zu empfangen. Mr. Samuel antwortete, daß er ein ähnliches Memorandum bekommen habe mit der Unterschrift eines Rabbiners, der ihm unbekannt sei. ״Falls man ־׳<,