Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXI (1916)
- Issue
- Heft 34 (25.8.1916)
- Date
- 1916-08-25
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 285 Nr. 34 sehen Mannes uml Politikers veröffentlicht worden, dir sich so rückhaltlos bejahend dem nationalen Judentum und der zionistischen Bewegung zur Seite stellt. Es ist nicht die Acußeruiig eines Mannes, der, für irgendeine Bewegung oberflächlich interessiert und über sie um sein Urteil betrag, mit allgemeinen Redensarten der Pflicht des interviewten Diplomaten ״rminle. Pernerstorfer zeigt, dal! er in die liefe der trage eingcdmngen ist und keinen Zweifel trägt, steh Iwstimint zu entseheiden. Er geht von «ler allgemeinen Anerkennung des echten Nationalismus aus, den er gegen das flache Geschwätz der Internationalisten vertritt, und erklärt es int übrigen für eine• müßigt' Frage, sich in Deutschland und in den Westländern darüber auseinauderzusetzen, ob die Juden nach dem üblichen Schema eine Nation sind oder nicht. Für ihn liegt die national-kulturelle Eigenart der Juden ,klar zu Tage und er hält daran fest, dal! die Juden eine Nation und eine Nation von besonderer (icistigkeil sind, Wie jede innerlich starke Kultur- Nation. ״Sie hat ein Recht auf nationale Existenz. I s bleibt also nur zu erwägen, wie sie ihr gewährleistet weiden kann. Ich habe schon augedeutet: auf weltgeschichtliche Dauer hinaus nur durch ein eigenes Gemeinwesen. Bis es zu einem solchen kommt, durch nationale Autonomie überall dort, wo sie in geschlossenen Massen sitzt.“ Vom Zionismus, der der alten Sehnsucht nach Jerusalem ein Wirklichkeitsideal vor Augen stellte, sagt Pernerstorfer: ״I er gegenwärtige Krieg, so sonderbar auch eine sulche Behauptung erscheinen mag, bringt den Gedanken der palästinensischen Besiedelung vielleicht mehr vorwärts, als man glauben möchte. Man denke daran, welch ungeheure Geldsummen der Krieg schon gekostet hat, und berechne, ein wie VerhältnisiiialSig kleiner Teil von ihnen genügen würde, in Palästina mul in angrenzenden Ländern den Juden ein Heim zu bereiten. Man wird dagegen yiuwctulen, ilali cs nach dein Kriegt ja ganz, und gar an Mitteln fehlen werde. J>as wird wohl im Anlange so sein, aber ich wenigstens habe die feste Ueber/ctigung, dal! die wirtschaftliche Gesundung rascher vor sich gehen wird, als matt heute denkt. Alle pessimistischen Voraiissagungen vor dem Kriege sind zuschanden geworden. Wohl aber hat er bewiesen, daß für außerordentliche Falle außerordentliche Mittel aufzubringen sind.“ Pernerstorfer tritt aber auch für das Nationaljudentum in der Diaspora ein. Er sicht, daß auch das hochkultivierte Wcsljudcntnm die. seelische Not des Ost- Judentums ganz empfindet und die nationalen Ik- Strebungen des Ost Judentums fördert. Weltgeschichtliehe Dauer als Nation könne dem jüdischen Volke mir «las palästinensische Gemeinwesen verbürgen. ״Seine Verwirklichung darf nicht allzuweit hinausgeschoben weiden. Unterdessen muß das jüdische Volk suchen, das Ostjiidentum einheitlich zu orgatiisicrcn," Pernerstorfer glaubt, daß die jüdische Nationalbcweguiig nicht mehr verschwinden kann. ״Es wird nun an der Energie der Juden sein, sie nicht mehr zur Ruhe gelangen zu lassen. Zum ersten Male in der Geschichte des Golus haben sic Oelegcnheit, in die Entwicklung ihrer Nation handelnd enizugrciieii. Aber wir, die wir die Heiligkeit aller Nationen achten, dürfen dabei nicht abseits stehen, sondern müssen ihnen nach Kräften helfen. Wir müssen uns dessen bewußt sein, daß mit «lern Untergang des jüdischen Volkes wertvolle Kultur- «lementc besonderer Art verschwänden.“ Sowohl «las Problem der nationalen Autonomie ihr Juden im Osten, als auch die Paläslinakolonisatimt weiden in anderen Beiträgen des Heftes in einer auch dem Außenstehenden und bisher nicht Orientierten verständlichen und anziehenden tonn behandelt, die aber deswegen doch Raum zur fruchtbaren Förderung der dargestellten Probleme selbst läßt. Ein guter Kenner der verwickelten!,rohleine der nationalen Autonomie, M a x R o s e n f c I d, steuert einen Beitrag ״Für eine nationale Autonomie der Juden Oesterreichs“ bei. Er stellt dar, worin die fatale Situation der Juden, besonders in Galizien und Bukowina, zwischen kämpfenden Völkern liegt, fordert nationale Organisation und Mobilisierung der Kräfte und Konzentrierung der Mittel. Es handelt sich in Oesterreich darum, nach der Gleichherechtigmig auch die Gleichstellung (vor der' Verwaltung) zu erwirken. Die jüdische Politik und die jüdische Organisation muß sich, um diese Gleichstellung durchztisctzcn, auf alle Juden stützen. Deshalb wird der Anschluß an die alten, bereits bestehenden Organisa- *ionsformen des jüdischen Lebens gefordert. Deshalb sei der Sammclruf: Zu den jüdischen Gemeinden zurück! Man gieße guten Inhalt in die alte Form! Max' Roscnfeld stellt nun unter Anlehnung an das Programm der österreichischen Poale-Zion von 1908 dar, in welcher Weise sich das Programm der nationalen Autonomie der Juden Oesterreichs auf die Ausgestaltung der Kultusgcmcinde und die Schafhing eines gemeinsamen Verbandes für sic, der mit Repräsentativ- und Steuerhoheit ausgestattet ist, stützt. ■׳Wenn man die Frage der nationalen Autottomie genau kennt, wird man finden, daß auch bei dieser Form der nationalen, die besonderen Verhältnissc der Juden berücksichtigenden Autonomie ein Erdenrest zu tragen bleibt, der sieb aus der Kollision mit den territorialen, aber auch nationalen Ciemetnsdiaftsformen im Staate ergibt, aus denen elie Juden auch durch die vorgcschlagcnc nationale Z.11sammenfasstmg noch nicht herausgeuomnten sind, und aus denen sic, auch wenn sic Nationaljuden siml, in wichtigen Beziehungen nicht Iterausgenotmticn sein wollen. Jedenfalls sind die Aufsätze von Max Roseiifeld, uml so auch dieser, wichtig für jeden, der sich mit der Frage der nationalen Autonomie im Osten iK’falit. Auch ein neuer Beitrag von Jakob Lesz y 11 s k i ״Fragen des ostjiidisclten Wirtschaftslebens‘‘ ist für diesen Fragenkomplex wichtig. Die jüdische Kolonisation in Palästina behandelt Davis T riet sch durch den Beitrag ״Ein Maximal- Programm der jüdischen Kolonisation in Palästina“. Der Aufsatz geht von der Arbeit ״Das Ostjuden- Problem und die Frage seiner Lösung durch den Zionismus“ .aus, die Professor Carl Ballod in der Europäischen Staatsuml Wirtschaftszcitimg veröffentlich! hat. Zu dem gleichen Aufsatz äußert sich in der Rubrik ״Daten und Materialien“ in bcsonders sachkundiger Weise der Agronom J. Oett i 11 g e r unter dem Titel ״Ein nettes Besiedehtngssehema für Palästina“. Die beiden Aufsätze so namhafter Kenner der Palästinaarbeit gehen über den aufsehenerregenden Aufsatz Bullods den wertvollsten Aufschluß, weil sic zu den großen Möglichkeitcii sich äußern, die Palästina der künftigen Arbeit bietet. ״Einige Worte über Hermann Cohen“ von R. S e I i g 111 a 1t 11 charakterisieren Hermann Cohen als einen typischen Vertreter des bürgerlichen liberalen «leufscheti Judentums, auch in seiner philosophischen Auflassung jüdischer Dinge, lieber iroßstadtunkultur und Juden“ schreibt Alfred L ent in. Das (inte, «las mau diesem Aufsatz zusprechen muß, ist, daß er ernstes Stielten und Bemühen verrät. Trotzdem mutet er zu literarisch an. Es fehlt ihm der Mut zur Entschlossenheit und Entscheidung. Das neue Judentum, an «las Alfred Lemm denkt, kann nicht v«m solchen geschaffen werden, die mit einem vorsichtigen Lineal die Grenzen der Kompromisse abmessen. Wenn man sein Ohr vor den ״Mißlantcn eines entzweigerisseiten Organismus“ in ästhetischer Empfindsamkeit schützt, wird man kaum berufen sein, an «ler Gestaltung milzutun, die von den Geboten des Ethos und nicht der Acsthctik bestimmt wird. Achnlichcs müßte man gegen die ״Bemerkung" von Paul F r i e d I ii n d e r sagen, die ״J u «I e als Schimpfwort" heißt. Was Friedländer sagt, klingt nicht anders, als die übliche Apologetik, der «las Judentum als Erlebnis Iretml ist. Daß Aufsätze uml Bemerkungen wie diese beiden in der Zeitsehrift ״Der Jude“ erscheinen, ist wohl einer ganz besonderen Toleranz •des Herausgebers gutzuschreiben, die um «les Ernstes willen, der die׳ Avußeriuigcn trägt, über die Unzulänglichkeit ihrer Stellungnahme und iha-r Formulierung hinvvegsiebt. Dafür entschädigen aber noch einige besonders schöne Beiträge den Leser des neuen Jiidenhcftes. Vor altem ist Arno Nudcls Auf salz über ״Jüdische Volkslieder" zu nennen, sowohl wegen «ler mitgeteilten Lieder selbst, als auch wegen seiner liebevollen Erläuterungen. An einen früheren Atilsntz Arno Natlcls knüpft Max Brods Bemerkung ״Jiulisehe Volksmelodicn“ an, die dem Judentum in Gustav Mahlers musikalischem Seitaffen nachgeht. Unter den ״Bemerkungen“ äußert sich «ler Dichter Oskar Baum, an Gordous Aufsatz im ersten Heft «les Juilci! ankttüpfeud, über das ״Arhcitcrpmblcni". Wenn «ler ׳Dichter auch über die realen Bedingungen «ler Arbeiterfrage in Palästina nicht orientiert ist und als Fernstehender und Unerfahrener Vorschläge äußerl, so zeugen sie doch durchaus vom richtigen Oefühl. Sie sind dem nicht fern, was das Arbcitsprogramm der zionistischen Kolonisation, speziell «les Jüdischen Nationalfonds bestimmt. Julius Bab holt aus Gustav Meyrinks Golemrontan die Anregung zu einer interessanten Glosse ״Das doppelte Gesicht“. Das fünfte Heft des Juden ist wirklich eines der besten «ler Zeitschrift. Es Ist interessant und reichhaltig, die Beiträge ergänzen sieh zu einem kräftigen Bild und sind wertvoll auch im einzelnen. Das Urteil bleibt bestehen, trotz der Einschränkungen, die gegen Einzelnes gemacht wurden. L. H. Berichtigung In Achad-Haams Aufsatz ״Der Weg des Gebens“ in Nr. 33 der Jüd. Rundschau muß die 5. Zeile von unten lauten: ״und Edle nachsichtig sei usw." Die Herzl-Woche in Lodz Wohl in keiner anderen Stadt Polens ist der Todestag Hcrzl’s in einer so würdigen Weise begangen worden wie in Lodz. Es war dies eine Tramrknndgehiing im großen Stil, wie wir sie hierznlatidc in einer ähnlichen i (tritt noch nie erlebt haben, Line ganze Woehe war dein Gedenken des großen Führers gewidmet. Bei diesem Anlaß wurde auch eine ausgedehnte Propaganda für den Zionisnms entfaltet. Hunderte von Personett, die sonst dem Zionismus und den zionistischen Angelegenheiten fern standen lauschten andächtig den Reden und Vorträgen über Herzl und sein Werk und viele von diesen Indifferenten gewannen wir bei dieser Gelegenheit für unsere Sache. Die Organisation der Herzl-Woche verdanken wir in erster Linie dem hiesigen .,Mcrkas", der nichts unterließ, um Herzi's Jahr/cit zu einer großziigigett Kundgebung zu gestalten und somit die zionistischen Ideen in die breitesten Schichten der Bevölkerung zu tragen. Den Reigen der I lerz.lfeiern eröffriete Donnerstag, am Vorabend des '20. Tantmtis, die zionistische Synagoge ״Obel Jacob“ mit einer Gedächtnisfeier, an der Herr J N i s s e 11 h a 1t fit aus Warschau teilnahm. Er sprach hebräisch 11. jüdisch. In teniperamentvoller Weise entwarf er in einer emstiimligcn Rede ein Bild vom Leben um! Wirken ■Theodor Herzi's und fesselte das zahlreiche Publikum, das bis auf den letzten Platz das Gotteshaus tülltc, durch seine Darlegungen über unsere nationale Bewegung und die Arbeit in Palästina. An demselben Abend veranstaltete auch das zionistische Hethaus ״Mischkan Israel“ eine Gedenkfeier, wobei Herr M i Ij tt k o w s k i über Hvrzl sprach. Am Freitag als am Todestage Herzi's wurden des Morgens Gedächtnisfeiern ahgehalten: im ״O h e 1 J a c o b“ ״M i s c 11 k ,1 n Israel“, in der ״W.i I - ker Sc 11 ul“, in der Svnagogc der Wo hl in er Ge nt finde und in der ״A 11 s t ä «I t i s che n Schul“. In allen diesen Ikthäiiscrn sprachen zi- «nüstischc Redner. Um 10 Uhr wurde sodann in der großen Synagoge eine Gceläehtnisfcicr veranst.iltet, zu der sich ein zahlreiches Publikum aus allen Schichten der Bevölkerung cingcftmdeii hatte. An dieser Feier beteiligten sich vollzählig die jüdischen Turner und Tiunerinnen. Um '! Uhr nachmittag veranstaltete der ״Merk a s“ eine überaus eindrucksvolle Trauerkundgebung im Beth-Am (Volkshaus). Hier sprach wiederum Herr N i s s c n b a u in vor eitniB' viellntndcrtköpfigcn Publikum, das mit gespannter Aulinerksamkeit seinen Ausführungen folgte. Einen tiefen Eindruck machte hier der Aufmarsch der jüdischen Pfaelfindcrgrtippe ״ller/lijnh“. Die Pfadfinder in ihren kleidsamen Uniformen und mit blau-weißen Bändern an den Hüten erschienen mit einer großen zionistischen Lahne und nahmen Aufstellung vor der Rcdncrfrihülle. Die Feier schloß mit der Nationalhymne ״Hatikwa“, die von den Anwesenden gesungen wurde. Sonnabend hielten die zionistischen Vereine ,,II n o t Zion“ und ״II 1■ c h a I u z“ llcrzlfeicrn ab. Sonntag sprach Herr Nissen ha tim int Verein ״C h o w e w e S f a t E \v er“. Am Montag veranstaltcten die ״Zc'irc Zion“ eine Feier im ״Volkshaus", die sich zu einer grollen Kundgebung für den Zionismus gestaltete. 111er sprachen die Herren L i p s c h ti t z, Lew und andere. Eine ernste, würdige Herzlleier veranstaltete am Dienstag der musikalisch-literarische Verein ״Has a rr, i r“. Den Abend erölfnete di r Vorsitzende des Vereins l)r, R o s c 11 b I a t*t mit einer Ansprache über Mcrzl. Sodann sang der Verfälscher unter Leitung des Dirigenten Herrn Silbc’rtz und unter Mit- Wirkung des Herrn l)r. Prvb ulski die ״llatikwah". Nach einer kurzen Pause n.iliin der Redakteur des ״l.odzcr Tageblatt“ J. llgcr «las Wort zu einer amlirthalbstundigen Rede über Herzl und sein Lehetiswerk. Mit einigen Gesangsnummern, vorn Chor ausgeführt, und mit der Hxmnc .,Hatikwah“ v m zahlreich erschienenen Publikum gesungen, schloß die erhebende Feier. Am Mittwoch kam die Reihe an den Schulverein ״Jahne“. An der zahlreich besuchten Feier, die im Beth-Am stattland, beteiligte sieh Herr Milj tt k o xv s k i mit einer hebräischen Rede und ein Schüler des jüdischen Gymnasiums, Herr Gutterman mit einer Rezitation ״Auf den Tod Herzi’s“ von l)r, Jacob Kahan. Donnerstag hielt die ״Fiat eh ij a h" eine Trauer- Versammlung ab und am Sonnabend veranstaltete der jüdische Turnverein eine würdige Herzlleier. In der großen, geräumigen Turnhalle, die mit zionistischen Emblemen dekoriert war, versammelten sieh einige hundert' Personen. Der Abend wurde vom Vorsitzenden des Vereins l)r. Prvbulski mit einer Ansprache über ״Herzl und die jüdische Turnbewegung" eröffnet. Es sprachen sodann: Herr Miljukowski über die ״geistige und physische Rennaissancc der Juden" und der Journalist Herr Zimt■ m ermann über ״Herzl den Fcuilletonistcn". Am Schlüsse wurde ein lebendes Bild, vorn Maler Trembätsch arrangiert, gestellt, das die Sehnsucht der Juden nach Palästina symbolisierte. Vor dem Bilde sang das Publikum stch’cnd die Nationalhymne. Mit diesem Abend schloß die letzte der Hcrzlfeiern in Lodz. Audi in der nahen Provinz, in den umliegenden Ortsdiaften, fanden zahlreiche Trauerkundgebungen statt. In Tomatehow veranstaltete der Verein ,.Agudtrf Haibrim" eine große Herzlleier in der Turnhalle des jüdischen Turnvereins. Nach der Eröffnung des Abends durdi Herrn Freundlich sprach