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Jüdische Rundschau · 1916-08-18 · Heft 33 (18.8.1916) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXI (1916)
Issue
Heft 33 (18.8.1916)
Date
1916-08-18
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 33 JUED1SGHE RUNDSCHAU Seite 275 Probleme gestellt sehen, sondern mich alles, was ihn als Mensel! bewert, in seiner Literatur wiederlinden,;)er innere Rill, der in der Seele des hebniisrhen Lesers,entsteht, wenn er sieh nur als |ude in! Heu.,.isd1en auslebt und anstoht, uieht aber als Meusdi, während Jude und Mensch in ihm doch srt c 11 g verflochten sind er war es, der hei der J1t"Ciul I laftend wurde. Sie fühlte sieh verletzt vom ״II ,1׳ s e 11 i I o a e 11“ Aeltad-I laams, der sieh aut einer Vertiefung der jüdischen Fragen zu spe/.ialisieren;;׳■■lachte. Selbstverständlich pfliehtete Acltatl- Unam uit Prinzip der Forderung der ,,Jungen“ bei. I-r glanblc aber, dal! die wenigen Kräfte, die tler liehräis, 1,, 11 Literatur zur Verfügung stehen, nicht /ersplitt .1 werden dürlen. Weit, sehr weit sind wir davon entternt, die meisten jüdischen Begabungen hei der eigenen Literatur arbeiten zu selten. Solange nun ein Teil der geistigen Fnergie tler Jndctihoil int frommen ״Lernen11 versenkt ist, ein an- *lerer Teil alle möglichen l.iteratnrgebietc aller iniigliehen Völker bereichert, ist es für die Schar neuhebräisch Denkender und Schreibender erforderlich, sielt auf das Notwendige zu beschranken, auf das Studium ״des Menschen in seiner jüdischen I וסי in“. Unser Zukunftsideal, die Koit/entricning ries gesamten jüdischen (ieistes auf jüdischem Hoden, ist es eben, das die Mannigfaltigkeit der jüdischen Kultur erst ermöglichen soll. Ob Aehad-I laam mit dieser Meinung recht behielt? Nicht ganz. Wem! es auch in Gebieten des Wissens, der literarischen und gesellschaftlichen Krilik, in der netiltebräisehen Literatur noch Ins heute fast nichts gibt, was von anderem, als Judentum und Jndeiiheit handelt, so ist es ganz anders in der H e 11 e t r i s t i k. In dieser Beziehung hat sieh tler I’essiuiiiiismtis Acltatl I laams geirrt. In tler Ihngebmig von F r i s c h 111 a n 11 und später im ״llasrhilo,•ich“ von Hin I j k - K lau s ne r, hat die Inhrüische Dichtung eine ungeahnte Blüte erreicht. Umi gerade die Liclvesdichtiing, gerade die Naturanbctmig, die mehr gefühlsmäßige als gedankenschwere Poesie bildet zur Zeit die Zierde tler hehr.-iischcn Literatur. tigentlieh war auch die schöne Literatur in Ach; 1d-i laams ״I iaschiloach“ gut vertreten, liier hat unser literarischer Patriarch M e 11 d e I e sein grobes Werk ״Beemek■ habaeha“ veröffentlicht, das cpochcmachend und entscheidend war für die neueste hehriiisc'lie Lr/älilungskuiist, Hier haben B i a I i k und Ts c fl e 1 11 i e h o w s k y angefangen die erste < ieneration der jiuig-licbriiisrhcii Dichtung, die so gnmdverschieden von tler vorhergehenden I laskalnrciuicrei ist, wie die klassische Poesie einer europäischen 1 ite 1,11111• von tler vorklassjsefien. Line (iruppc junger beliebter Novellisten hat hier debütiert, von denen einige!eitler trüb gestorben sind (Jehutla Steinbirg, M a i d a n i k, Feierberg), die anderen sich weiter entwickelten und mancher es zu allgemeiner Anerkennung gebracht hat, wie der später in Palästina schaffende S. Ben-Zjtvn u. a. m. So war der ״t Iaschiloach“ Achad-I laams nicht nltlcr Belletristik har, wie manche glauben machen mächtiger Körper, sein grobes ׳Haupt mit den langen schwarzen .Haaren, sein breiter schwarzer Bart, seine guten träumerischen Augen, sein angenehmes Lächeln alles dies machte Limlruek und zog an. Und neben ihm sab, nein ,,wackelte“ sein ״Beeirithisser'', der ihm mit Herz und Seele zugetan w;1r, - ein hagerer Mann mit gelbem Bart, mit ״Vorschlägen" und ״Programmen", für den das leben in der Gegenwart nichts war als die brm11«?11111׳g der Vergangenheit. Auel! ich und meine Frau und noch einige Leute zäh 11 cn zu dieser < iesellsehaft. Der Ort lind die Zeit brachten eine besonders gehobene Stimmung mit sieh, wie sie viele von uns in ihrem Lehen noch nicht gefühlt hatten. Der Ort Jerusalem, die heilige Stadt! Dieser Name allein genügt schon, um (las heilige brbchen zu erklären, das das Herz eines jeden von uns erfüllte, Die grobe königliche Residenz der Vergalt-!:etiheit, die Stadt, in deren Mitte sieh die ganze Macht und Hoheit des groben jüdischen Linst gesniiiinelt hatte! In ihr sallen die Könige Juilas auf ihrem Throne, in ihr blühte zur Machtuml (}lanzzeit des jüdischen Volkes die jüdische l’mphciic und Weisheit, die Lust aller Völker, die I iiude der ganzen Erde! Hier, ja hier lag vor uns dir ganze wunderbare, leuchtende Vergangenheit miwres Volkes! Erwartet es hier nicht auch seine Zukunft? , . , Und die Zeit - die Nacht, in der das heilige I'rlladilcs* nach dem ״Scdvr“ aufäugt die ״Nacht *Irr Wachen“, da Jisrael aus der Knechtschaft In die Freiheit zeig, das Lest, da unser Volk zum Volke ward . . , Erinnerungen an die grobe Vergangenheit stiegen im Herzen eines jeden von uns aut, wahrend er unter der tiefen blauen Himmelsdecke mit ihm* abertausende!! funkelnden Sternen lag; ein jede*r von uns wollte in die dichten Nebel vier Oet'eratioi.'.'i! eindringen, in jene Zeit unserer wahrwollen. Nur dab Achatt-Gaain nicht Dichtungen 1 huldigte, die allgemein menschliches, Natluh,altes in hebräischen Versen oder Prosa besangen, beweinten, belauschten. Er verlangte jüdischen Inhalt und auch dann noch ein gewisses Gedankensystem, nicht l'art potir l'art. Typisch für den ersten ״Haschiloaeh“ ist deshalb die Lr/iihlung Feierbergs ״Wohin“, die vlen Seelenkampf eines Rabbinersolms, vier die ganze Romantik der nahen jüdischen Vergangenheit uncrsot/lidi für sieh untergeben sieht, drastisch wenn and! nicht plastisch schildert, (iegenüber den I laskala-Romanen, die nur den äuberen Kampf mit der (iesellsehaft, nicht aber den inneren mit sich selbst kannten, die entweder das religiöse Juden■- tim! ganz verwarfen oder wie Brandes in seinen ״Beiden Extremen“ es mit vier Aufklärung sen- | timcutnl zu versöhnen suchten, bedeutete vlie Feierbcrgsclic tief tragische Ergreifung* des Unlösbaren, des (,malenden im Herzen aller Empfindsamen des Ucbergaiigsgeschlechts eine literarische Umwälzung und noch mehr als dies ein gesellschaftliches Ereignis, man möchte sagen ein (iencratioiisdokument. Aber künstlerisch entspricht sie nicht int entferntesten vielt! Niveau, das andere jn! seihen Haseliiloaeh erklommen haben. Keine Spur von vier Epik eines Mciivlelc, von der allerliebsten Klcinnialerei eines S. Ben-Zion, vom vollblütigen Realismus der Bialiksrfien Novelle (״Arjc Baal-guf“) was alles doch auch* In Aehnd-Haam's Hasehiloaeh vertreten war, obwohl es ,,nichts als Kunst“ enthielt, allerdings ausschlicblich jüdischen Inhalts. In seiner produktiven Tätigkeit int Uiicltcrverlage ,,Aehiassaf", dessen Seele er war, ist Achad-I laam seineu (irumlsätzeii treu geblichen. Auch hier drang er vor allem viarauf, mehr vlie tiefen als vlie schönen Wissenschaften zu pflegen. Auch hier hat er es zu Leistungen gebracht, vlie in der hebräischen Lileralur bis zu jener Zeit nicht vlagevvesen sind. Und auch hier h I i e b e r 11 n /. 11 f r i e vl e n. Genau wie er bei vier Uebergabe vles ״Hasehiloaeh“ vlen Mangel an geschulten Mitarbeitern beklagte (wie er ja überli.inpt immer wenig Positives itt vier jetzigen hehr.iisiljen Literatur findet), so spricht er es in seiner zehnjährigen Bilanz, des ״Achiassaf" gerade heraus, dab unser < icschlccht, da es uieht schöpferisch sei, mindestens arbeitend mul ordnend sein möge. l eugnet Achad-Haam sein eigenes Werk? Sieht er nicht das Aufblühen unserer Literatur, das in seinen Tagen und nicht ohne seine Mitarbeit geschellen ist? Ja und nein. Man imift berücksichtigen, dab Aehad-I laam in der I iteratur wie im Leben weniger Dichtung als Wahrheit sucht, dab er, wenn er von l.iteralur schlechtweg spricht, darunter Wissenschaft versteht, im weitesten Sinne dieses Begriffes, Oeravle das aber, was Achad-Haam also. vorschwebt, ist in vier Diaspora mir in relativem (intde möglich. Während die Dichtung oft seihst oder gerade vom Unnormalen, vom Tragischen und Tragikomischen befruchtet wird; während gerade der Gegensatz zwischen vier freien Natur und der engen Judenhaften Freiheit, da das Volk jisrael hier zu seinen groben Festen lagerte, voll von Kraft und Stärke und in vollkommener Freiheit. Und jeder von uns war voll des Glaubens, dab er nicht mir vlie Vergatigcuheif vor seinem geistigen Auge sehe, sottdem auch vlie Zukunft . . , Siehe Jisrael, vier Greis kehr! in sein altes I icimntlanvl zurück , . . Tags täglich kehren zehn und hunderte seiner Söhne von allen vier Enden seiner Zerstreuung zurück und sie haben ein Ziel: ״Die Tage der Vorzeit zu erneuern!“ ... Die Gespräche verstummten allmählich. Jeder von uns fühlte deutlich, dab vlie menschliche Sprach« zu arm ist, um all das wiederzugehen, was tief im Herzen verging, und vlab in dieser erhabenen Stunde vlas Schweigen schön ist , . . Und plötzlich fragte einer und deutete auf vlen Berg Moriall; Was wird an diesem Ort am Ende der Tage prangen, nachdem Jisrael wieder auf seiner Scholle wohnt? Ein Gotteshaus, ein kleines Heiligtum — erwiderte ein anderer, wahrlieh, viele unserer Gotteshäuser hat mau uns entfremdet. Aber wir vollen nur nehmen, was uns gehört. Nein! — sagte ein dritter. Zwar wollen wir diesen Ort in ein kleines Heiligtum vervvandein. Aber nicht in einen Tempel des Gebets und vles Weinens, sondern vier Wissenschaft und des Lehens: hier soll eine Hochschule für die Geiste»■ Wissenschaften geschaffen werden. Schon haben wir genug gebetet und geweint! Es ist vlie Zeit gekom•- men, zu lernen und zu lehren! Diese Frage wurde schon vor dreitausend Jahren durch König Salomon, der weiser war als alle Menschen, gelöst, sagte darauf Achad-Haam nihig, aber mit Bestimmtheit, Und indem er sich gegen den Berg Moriall wandte, zitierte er mit einer Stimme, die voll der gassc unsere Dichter vlie Schöpfung so unmittelbar empfinden labt, so kann man es in vlen Wissenschäften, sowohl in den rein akademischen Disziplin wir in den Grenzgebieten vles Lebens u. Forschcns, mir dann zu Grobem bringen, wenn ein Minimum normalcr Verhältnisse via ist. Lieder kann and! ein Wanviervolk schaffen; eine volle (jcistcskultur nur ein scbliaftes. Es vermochte noch das religiöse Judentuin, weil es und solange es ein eigenes Leben fuhren konnte, eine originelle, wem! auch eine ziemlieh einseitige Geistes« eit schallen. Das moderne Judentuin aber inuli sieh in seinem eigenen Lande von vier Zerstäubung retten, der es in vier Diaspora ausgesetzt ist. Insbesondere die Literatur und Wissenseliaft, die Aehad-Ilaam erstrebt, kann nur durch ein liehrnischcs Hochschulwesen, durch eine akademische Atmosphäre, namentlich in Palästina, ge-!leihen. Was aber im Galuth auf diesem Gebiete zu tun menschlich möglich war, vlas hat AchavMIaam vollauf getan. In eigenen Arbeiten, über Maimonivles, über Mose, über vlas Christentum (die beiden letztereil sind ins Deutsche ulvcrtragen), wie auch in den von ihm geleiteten ״I Lischilonch" und ״Achiasaf" hat Achad-Haam mit seinen Mitarbeitern den Grunds stein zu einer hebräischen Wissenschaft gelegt, die sieh von der ״Wissenschatt vles Judentums“ nicht nur in vier Sprache, sondern im Cieiste völlig untersvlu’idct. Sie, die neue, vlie angehende Wissenschaft will es mit einem, lebenden Organismus zu tun haben, den man biologisch erforscht; die alte, vlie tun Zunz, (teiger und vieren Epigonen, bei aller Anerkennung vieler ihrer Ergebnisse gerade seitens Aeltavl Ilaams, war uml ist eine Anatomie. T>e11 Anfang, vlen Plan zu tler hebräischen Wissenschaft j hat unter anderen und mehr als amleie Achad-Haam gegeben. Wir erhotfen von ihm noch eine ergiebige Fortsetzung. Hcibt es doch, er widme sich jetzt wissenschaftlichen Studien, nachdem er mit der Publizistik abgeschlossen haben will, 111 der Publizistik, die Achad-Haam auch wissenschaftlich trieb, ist er bis jetzt uieht einer | vier wenigen, sondern vier erste. Es bedeutet für niemanden eine Herabsetzung, wenn man es laut ansspricht: Achad-Haam, der Lcbenspliilosoph der jüdischen nationalen t iegenwart und Zukunft, steht seit mehr als zwanzig Jahren konkurrenzlos in der hebräischen Literatur via. Am Scheidewege der dammernden Vergangenheit und vier nebligen Zukunft ist er unser einziger lichtspcmlcnder Lcuchtturm. Seihst' diejenigen, vlie die Richtung Acliad-Hanms nicht einsehlagen wollen, haben vieles von ihm gelernt. Aehad-Ilaam hat dt 11 Irebrüiselien Leser an* spnirhsvoll gemacht. Er ist, dank Aehad-Ilaam, mtiiitilg geworden. Einer der tiefsten und ehrlichsten Gegner Aeltavl- Hamns, Dr. M. J, Bervlitschewsky, hat cs einmal' in einem hebräisch besonders hübsch!klingenden Satz ausgvvirückt: ,,Die Generation ist nicht verwaist, die einen Achad-Haam besitzt‘‘. Ruin• des Genies war, die Worte aus dem Gebete Satonums zu vier Stunde vier Einweihung des grölten ■ Hauses, das er dem Gotte Jisracls gebaut hatte: ״Sn wollest du hören im Himmel, dem Sitz da vlu wohnest, und gnädig sein und schaffen, daß du gehest einem jeglichen nach all seinen Wegen, wie du sein Herz kennst; denn du allein kennest das Herz aller Menschen,“ ״Uml auch der Fremde, der nicht deines Volkes Jisrael ist und von fernem Lande um deines Natneus willen kommt (denn sie werden hören von deinem großen Namen und deiner starken Hand und deinem ausgcslrcckten Arm) und kommt, uni vor diesem Hanse zu beten so wollest du hören im Himmel, dem Sitz da vlu wohnest, und tun, tim was vier Fremde vlieli anflcht, damit alk* Völker vier Erde deinen Namen kennen, daß sie!lieh ver• ehren wie dein Volk Jisrael und iitue werden, daß dies Haus, das ich gebaut habe, nach deinem Natuen genannt ist.“ . . . Und die Stimme des jungen Sdiriftstcliers, die anfangs leise war, wurde lauter und lauter mul die Worte des fremdling-liebenvlen Königs klangen in der Stille der Nacht wie das Gesicht eines Propheten, Ja — sagte Achad-Haam — ein Tempel wird hier prangen. Aber weder eine Synagoge, ״och eine Kirche, noch eine Moschee, sondern ein ״Bethaus für alle Völker". Und in diesem Augenblick fühlte jeder von uns etwas wie eine Höllenfahrt der Seele, Und itoclt lauge blieben wir alle nachdenklich und sinnend: ein jeglicher ahnte und empfand, daß liier die Lftsimg eines der schwierigsten Probleme der ganzen Menschheit gefunden ward . . . Und Achad-Haam war ein Träumer in dieser Nacht: er träumte einen wundersamen Traum, von dein niemand weiß, wann seine Erfüllung naht ...

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