Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXI (1916)
- Issue
- Heft 33 (18.8.1916)
- Date
- 1916-08-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 274 J U E DI SC H E RUNDSCHAU Nr 33 zu iihvrbrückcn si'i. Allerdings darf mail glauben -- und «lenen, die meine Anschauungen kennen, brauche ich nicht ai versichern, daß dies mein Glaube ist daß eben dieser Zusaniinenseldidl der nationalen Kralle u 111 ein Z e 111 r 11111 den Grund mm Hau jener Hriiekv abgehen wird, indem er den Willen lind das Können der ganzen Nation steigert. Allein dieser Glaube hat, wie jetler tilaube, keinen Zusainmcnhang mit der gegenwärtigen Wirklichkeit lind deshalb auch keine direkt«* Beziehung zur Arbeit der Gegenwart. 711 RHuni1 ,“׳Q12.) (/iisnminvn^csli’lil von A, Rohiiisolin) Achad-Haam und sein ״Haschiloach“ Von B. Krupnick. Wenn dem Auge des Litcraturforsehers und selbst dem des aufmerksamen Lesers die LnOwirkhmg der hebräischen Liieratnr 11er letzten Jahrzehnte wie ein merkwürdiger Sprung vorkmnmt; wenn die neueste hebräische Literatur so sehr vorgeseliritten ist im Vergleich mit der neuhebräiselien des lö, Jahrhunderts, deren leibliche rochier sie doch ist; wenn /wischen der lluskala- und der Nenaissancclitcratur eine Distanz von mehr als einer Generation zu sein scheint, während diese Distanz tatsächlich über Nacht ward so haben auf dieses Tempo wohl mehrere Faktoren eingewirkt, unstreitig aber gehört zu diesen Faktoren in erster Reihe die Persönlichkeit Aehad-I laums, (ickommcn ist Achad-Haam in die Literatur ״als Gast“, wie er sieh selbst ausdrückte, ohne literarisehe Ansprüche, blol) um eine Meinung zu äußern bezüglich einer konkreten Frage, Seine Stimme war aber so mächtig, so seltsam abstechend von der Autsat/sehreiberei der achtziger Jahre, dall sie einen Sturm pro und kontra aiifwirbelte, wodurch Achadllaam zu gelegentlichen Antworten lind zu theoretischen Auslassungen angeregt wurde, bis ihm rasch die Spalten der Tageszeitung ,,I lameliz", die zwar ein biederes Palüstiunphücuorgan, aber ziemlich philisteihaft geleitet war, dumpf und eng erschienen und er eine eigene literarische Tribüne zu schaffen trachtete. In Odessa wohnend, wird er die Zcntralfigur einer (!nippe ernster Schriftsteller, die in den Sammelbnehern des ,,Parties“ (Lustgarten) ihre literariselie üiihne hatten. In diesen Sammelbüchern vcröifciiilicht Aehad-I laam eine Reihe seiner zierliehen Miislcrcssays über versehiedene jüdische Prolvlerne, die einen so weiten Horizont vor den hebräischen Lesern aiifrollleii, wie er bis zu jener Zeit iinbekamd war. Konnte noch der Verfasser von seinen ersten Artikeln behaupten, sie seien mellt Literatur, sondern blolh• Ratschläge eines Volksfrcnn» des, so hielt jetzt tliese Behauptung nicht mehr stand. Was frisch und strebsam war in der hebräischen Weh. m den Kreisen, die mit der rationalistischen In der selben Woche versammelten wir uns alle eines Abends im Hause Ciinzbcrgs und er las uns seinen ersten Aufsatz. ״Nicht dies ist der Weg!“ vor, der mit Achad-l laam (״Liner aus dem Volke“) gezeichnet war, Der Inhalt dieses Aufsatzes war mehr negativ als positiv und wir wußten von vornherein, daß viele Chowewe-Zion ihm nicht hcistiniincii werden. Aber gerade deshalb rieten wir Ginzbcrg ihn sofort an den ״Hameliz“ zu schicken, denn wir waren überzeugt, daß ihm die Opponenten erwidern würden und er ihnen dann antworten müsse, wodurch er von seihst mitten in die hebräische Literatur hineingezogen würde. Mau kann sich leicht vorstcllen, mit welcher Sehnsucht wir das Erscheinen des Artikels eiwartetcu. Aber es vergingen eine Woche, zwei, cs vergingen drei Wochen — vergebens stürzten wir uns gierig auf die Nummern des ״Hameliz“. Weder ״Lo se haderech“ noch die Unterschrift ״Achad!- Haam" stand «larin. Zuerst wunderten wir uns nur: Der ״llameliz“ druckt «loch die verschiedensten unbedeutendsten Artikel, wie war cs möglich, «laß er einen nach Form und Inhalt so ausgezeichneten Aufsatz ablehnte. Aber später erfuhren wir, daß der Zensor seine Hand im Spiele hatte, und wir erfuhren auch das ״Geheimnis“, wer den Zensor gegen einen solchen für die Zensur gänzlich harmlosen Artikel aufgebracht hatte. Als wir es erfahren hatten, beeilte sich Lubarski, einen ganzen Hagel von Briefen au seine Bekannten in Petersburg zu entsenden, und, wenn ich ,mich recht entsinne, an den Zensor selbst. Schließlich wurde das Gebet erhört und im ״Hamcliz“ vom 12. Adar II Sb Id fanden wir den Aufsatz ״Nicht dies ist der Weg", gezeichnet von ״Achad- Haam“. Trotz der scharfen Kritik, die dieser Aufsatz an dem ganzen System der Chowewe-Zion übte, erregte ll,1>kal,1 gebrochen hatten mul nach einem positiven, d111׳(i1<laci1lc״, wahren mul schönen jüdischen Won lechzten — sie alle famleii cs mm in uncrwarteter Fülle. Die ach! Aufsätze (sämtlich i״s Deutsche übertragen, Am Scheidewege I 170 210) gaben «lern durstigen Leser das, was ihm auch die Besten der früher Angebeteten nicht zu geben vermochten eine jüdische Weltanschauung. Ohne belehren zu wollen, wurde Aehad-Haam zum Vorliilil, auch für seine Gegner und Widersacher. Mau mußte seine Wnffcngüngc studieren und sie sich zu eigen machen. Mit verrosteten Sclileiidcrplirascn war nichts mehr auszunchten, die hausbackene Weislieit war dahin. So wurde der ״Gast in der Literatur“ zum gefeierten Schriftsteller. Und nach ein paar Jahren zum literarischen Frz.icher, zum bahnbrechenden Redakteur des ״I lasehiloach“. Knapp 20 Jahre* sind es, seit die Monatsschrift ״II a s e 11 i I ״ a c 11“ zu erscheinen begonnen hat. Noch sind die Früchte dieser Pflanzung lebendigste Gegenwart. Und doch läßt es sich im historischen Rahmen erst recht begreifen, was sic für die hebräischc Literatur war. . Als Zeitschrift, als wohlgeordnete |1criodische Ausgabe, als ein Hort literarischen Mitfiihleus und Mildeiikens mit dem laufenden Leben, stand 11er erste ״I lasehiloach“ liimmelliodi über seine zeitgenössisehen und vorangehenden Organe. Jene waren alle eigenartige Gemische von Gutem und Schlechtem; seihst wenn eins Gute manchmal überwog, so war in ihnen nie das Organische, das Architektonische zu spüren, das «len ״I lasehiloach“ Adiad-Ilaains zmn Kunstbau erhebt. Allerdings, im ״I lasehiloach“ herrschte meistens eine allzu vornehme Ruhe. Es ist (i« sdimaiksache. Mandler wird im ־!״lasehiloach“ das Brausende, «lie auf die Form nicht achtende Liilrusiimg vermissen, «lie besonders im ״II a 8 c h a• c 11 a r“ Smolcnskys hier und dort vorkam. Nun, Achnd-Itaani hatte es satt. Inhalt und Form wollte er pflegen, auf Pathos verzichtete er. Wenn es eiii Mangel ist, dann ist es ein Mangel der Tilgend. Auf seiner Fahne hat Aehad-I laam ,,Scliiloadi“ geschrieben, ״dessen Wasser stille gehen“. Und in diesem Geiste sammelte Athad-1 laam um sielt alle alten Kräfte, die noch jugendlich geimg waren und diejenigen jungen Kräfte, die seine strenge Reifeprüfung bestanden. Was bloß alt und ״ein würdig", oder was bloß jung und grün war, iuiponiertc Aehad-Haam nicht. So gelang es ihm, die Publizistik, Kritik und Wissenschaft auf eine bis «laliin unerreielite Höhe zu bringen. Als Achad• llaam ■•ich nach (üuf Jahren von der Redaktion zuriickzog,!unterließ er zehn stattliche Bände, die eine Menge bleibender Werte enthalten. Noch wjclitiger aber ist, daß Achail-I laam ׳nach den fünf Rcdnk• tioiisjalirvii eine Reihe lebender und schaffender Kräfte zuriicklioß, die von ihm literarisch großgezogen oder neu angeregt waren. Im ״I lasehiloach" waren, um mir die bekannte• testen Namen zu nennen, schon in jener Zeit auf dem Gebiet der hebräischen Wissenschaft so bcer mehr Aufmerksamkeit als Entrüstung. Denn bis dahin batten die Ghowew c-Zion noch nie jemanden mit so gesundem Verstand, klarem Stil und aiizii'lu'iHlcr Form sprechen hören. Viele suchten zu erfahren, wer der Autor sei. Lilienblum begann eine Diskussion mit ihm. Achad-Haam erwiderte und der Name Aehad-I In,־uns wurde mit Blitzesschnelle im ganzen jüdischen Bereieli berühmt! Wie groß seine Popularität war und wie schnell er sie erlangte, kann man aus folgender Begebenheit ersehen; Nach wenigen Monaten begab ich mich in «lie Städte der Tscherta, um für die Gesellschaft Bnc-Moschc, die, wie gesagt, am 7: Adar jenes Jahres gegründet worden war, Propaganda zu machen. Und obwohl nur ganz kurze Zeit seit «lern Erscheinen tles Artikels ״Lo se haderech״ vergangen war, geniigte es, zu erwähnen, daß Achad-l laam an der Spitze der Vereinigung stehe, um eine Reihe der Besten des Volkes zu gewinnen. Und von solcher persönlichen Prägung war dieser Artikel, daß viele von «len Mitgliedern der Gesellschaft Bnc-Moschc aus «lern Stil des Artikels; ״IXr Weg des Lebens" erkannten, daß er von Achad-Haam geschrieben war, von dem nur die wenigsten wußten, daß er jener angesehene junge Oschcr, Sohn des Jcschajahu Oinzborg aus Odessa war. T c I A w i w, 25. Tewcth 5674. M. Us&ischkim Ein Träumer Alle kennen Achad-Haam als Logiker als Vcrkünder der ״Herrschaft der Vernunft", Ich sah ihn einmal als Träumer und Phantast. Das war vor 25 Jahren zu Pcsach. Nach dem ״Sedcr" den wir in Gesellschaft gehalten hatten, wiihrte Männer wie der im vorigen Jahre verstorbene David Ko 11 a ne.*) Dr. S, Birnfeld, M. F r i 1• «I in a n n vom Wiener Kabbinersciiiinar u. a. 111,' zu neuem Schaffell erwacht. Man darf wohl amu׳Innen, daß Achad-l laam es war, der die Themata wählte und verteilte: so mustergültig greifen hier die historischen, philosophischen, biblischen, talmmlisiheti und philologischen Probleme ineinander insgesamt gleichsam einen akademischen Lehrplan hildcml. ■ Nichts Zufälliges, nichts Kleinliches, wie es bis zur Zeit des ״I lasehiloach“ üblich war, sondein immer «las Allgemeine, «las Ganze im Auge haltend, alles zentripetal, perspektivisch und retrospektiv. Zur Verwirkliihung dieses Programms halfen auih jüngere Kräfte mit, die erst im ״I lasehiloach“ zur Entfaltung kamen. Da sind Rabbiner Ch. T s c h e rii o w i t 7. (Raw Za'ir), der tiber die rabbinisihe Literatur zum erstenmal wissenschaftlich und lebendig zugleich schnei) und in «Leser trockenen Literatur einen neuen Lebenshauch zu spüren lihrtc; da ist David Jcllin, der über die Berührungspunkte der arabischen und jüdischen Welt nach eigener Kenntnis tlcr I)tilge anregend berieiitete. Auclt ״an der Grenze von Ost und West“ fand Achad-l la iin frische Begabungen, die die hebräische Leserwelt mit dem westlichen Wissc-n bekannt machend, sieh selbst durch «las I li ln •liscliselireilien und durch die Zaubcrwurkung Aehad-I Inanis von der westjüdisehen Stagnation retteten: l)r. D. Neu mark mul Prof. II. Malter haben in Aehain-Haams Akademie \«uhtige philosophische Kollegien gehalten. Eine Serie gründlicher Abhandlungen über die jüdische Otkonomik «ler Gegenwart, statistisch belegt, von der Feiler eines I'adiinatiiics wie Dr. Ch, I). Hurwitz, hat Achad-Haam, der ״Ntirgeisiige", in seinen I lasehiloach mif/titic'limcu nicht vergessen. Die Publizistik hat Achad-l laam im ״I Insdiiln.irli" licsoiulcrs gepflegt. Hier 11,1t er eine Hälfte aller seiner veröffentlichten Aufsätze erscheinen las-en. Hier kämpfte er für «len Kulturzionismus, hier gab er fast in jedem Hefte seine Notizen über ״Leute, Fakta, Biidtcr, Zeitschriften", in «lenen er auf Literatur- und Lebensersdieiiitmgen aller Art reagierte. Diese, ins Deutsche nicht übersetzte sogenannte ״Kleine Mappe", ist eine wertvolle Ergänzung zu Achnd-Haams größeren Werken und hatte durch ihre Anschaulichkeit erzieherisch viel gewirkt. Ständige Mitarbeiter auf den! Gebiete «ier pubii/istisdun Beleiuhtung des gesellschaftlichen Lebens waren hauptsächlich die Jünger Adtad-Haarns, Dr. Sdum.irja Le will und IX. J, Klausner, welch letzterer auch der literarische Kritiker im ״I lasehiloach" und spater Nachfolger Achad llaaitts in dir Redaktion wurde. Eine Zeitlang wur«lc in «len Blattern dis .,Hasehiloaeh“ heftig gekämpft. B e r «I i t s c 1! 1 w s k y, Elt re n preis verlangten stürmisch ein «•rweiter• tes Programm, ein Lallen lassen des Sii'hbesi lir.iiikenS auf das spezifisch Jüdische.׳ Der hchruisdie Leser solle in seiner Literatur nicht bloß seine jüdischen *) S. Jüdische Rundschau 1013, Nr, ■II. saß eine kleine Schar junger Träumer im grüßen Hof des Hotel ,,Kamiuiez" in Jerusalem. Sie waren aus den verschiedenen weiten l.mdern der Diaspora hierher gekommen, um mit n:;cneu Augen das Land ihrer Hoffnung zu selten, tun den Lrilgeruch des alten Heimatlandes zu atmen, um «lie Trümmer «ler glanzvollen Vergangenheit mit Tränen zu benetzen Und iiier Kraft zu schöpfen für den Kampf in der schweren Gegenwart, Lösungen zu finden für die Fragen der Zukunft . . . In dieser Gesellschaft zog ein Mann von nicht hoher Gestalt die Aufmerksamkeit auf sich. Die besondere Form seines großen Kopfes mit der holten und breiten Stirn wiesen «laraitf hin, daß er ein Denker war. Das war Oscher ben Jeschajahu (iuizberg, der damals erst zwei oder drei Aufsätze mit der Unterschrift ״Achad-l laam“ veröffentlicht hatte. Aller diese wenigen Aufsätze zogen schon alle Herzen auf sieh und alle ahnten in ihm eine große schriftstellerische Zukunft, eine Zukunft, die sieh jetzt erfüllt hat. In unserer Mitte saß all die Tage sein Hegleiter, ein rundlidier, wohlbeleibter Mensch. Auf seinem kleinen Körper prangte ein schönes Haupt mit schwarzen, durchdringenden Augen. Er war die Seele der Gesellschaft. In seiner alltäglichen Unterhaltung fühlte inan keine geringere Begabung als in seinen wissenschaftlichen Gesprächen. Seine Reden, die manchmal traurig, manchmal fröhlich waren erregten bei den Zuhörern oft tiefe Trauer und oft helle Fröhlichkeit. Es war von vornherein klar, daß dieser Mensch einmal ein ausgezeichneter Agitator und herzgewinnender Redner werden würde. Ihm gegenüber saß, die Fülle gekreuzt und nach orientalischer Sitte untcrgcschlagjen, der ״Raß-al-kul- Jabud" (Oberhaupt aller Juden), der erst vor einem halben Jahr nach Palästina gekommen war, aber wegen seiner hohen Stellung zum Mittelpunkt aller Hoffnungen und Bestrebungen in Ercz-Jisrael wurde. Sei»