Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXI (1916)
- Issue
- Heft 33 (18.8.1916)
- Date
- 1916-08-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 33 j U EDI SC H E RUNDSCHAU Seite 273 . . . Jitlc gesunde Seele, die eines einzelnen ]mlividmims, wie die eines (ranzen Volkes ist von Nadir mit der Eigenart begabt, daß ihre letzten Wünsche sieh in einen verborgenen Winkel des Herzens flüchten, sobald sie sich einer realen Arbeit hingibt. Es gibt keinen Menschen von Herz, kein Kulturvolk, dessen Geist sich nicht zu grollen Idealen für das ״Ende der Tage" einporgeschwniigcn hat. Nach einer gewissen Zeit der Begeisterung «ad der wirklichkeitslosen Bestrebungen, nachdem das Ideal den Weg beleuchtet und den Willen geweckt hat, beginnt die Tat, das praktische Schreiten auf dem Wege, der nun Ziele führt. Bald sieht das Auge, dal! zwischen dem Anfang der Tat und dem Ende des Zieles eine so grolle Entfernung liegt, dal! man überhaupt nicht sagen kann, jene wäre ein Mittel zur Erreichung von diesem. Denn ein Zusaimneiihatig zwischen diesen beiden bestellt nur vermittels einer ganzen Kette von Zwisclicii/iclcn, deren Erreichung abhängig ist von der Erreichung des Vorangehenden, so (lall jedes zugleich ein Mittel zur Erreichung des Folgenden ist. Nur ein kleiner Teil von diesen Zielen, mir ein Zipfelelten von der Kette liegt im Bereiche der Möglichkeit, in der Gegenwart. Das Anpassungsvermögen an die Vcrliaitnisse des Lehens führen dann das Individuum oder das Volk dazu, ihre Augen tief zu senken bis auf jenen Punkt, der im Bereiche der Möglichkeit, in der Gegenwart liegt. Dieser Punkt zieht dann das Herz an, als wäre er ein Selbstzweck Die Erreichung dessen ist das zeitliche Ideal. Das letzte, ferne Ideal flicht dann in die unterste Sphäre des Herzens, von dort lallt man es zuweilen hervorsteigen, 11m in Augenblicken der Ruhe sielt daran zu laben. Im Reiche der Arbeit aber herrscht sein kleiner Binder, das eughesehränkte Ziel, bis sein Ende hemuhricht, das will sagen, bis es erreicht ist und aufhört ein Ideal zu sein. Seinen Platz, nimmt daun ein anderes ein, ein Ziel, das um eine Stufe höher ist . . . Aber nicht so spielt sieh der Vorgang in einer kranken Seele, wie die unseres unglückseligen Volkes ist, ab. Mit Gewalt hat man sic aller hauptsächlichen bebeuselemcntc eines Volkes beraubt. Es konnte sich selbst nicht für eine kleine Weile von ihnen ablenken, konnte nicht auf eine nabe Hilfe vcrzichten und daher auch nicht den langen Weg einer ständigen, allmählich von Ziel zu Ziel hiuschrcitciiden Arbeit gehen. Ste.(,s voll extremer Ideale, gewohnte es sich, kleine Ziele zu verachten. An Taten, die seinen graften entsprochen hätten, fand es keinen Gefallen, strebte Grolles an, das im Lehen und in der Wirklichkeit keinen Anhaltspvmkt hatte. Da es nicht imstande war, jene Bestivbimgen durch reale Taten zu verwirklichen, hegnügle cs sieh mit Worten, lernte die dürstende Seele mit Phantasien und Träumen zu Iahen. Im Laufe der Zeit ging also jeder Zusammenhang, jedes Gleichgewicht zwischen Ideal und Tat, zwischen Phantasie und realem Können verloren. Im Gegenteil, je mehr das reale Können ahunhm, desto größer N a e in i, der Purist, der ebenfalls die neue Beweguiig verneinte, Lewinsky, der damals schon der Chibbath-Zion ergehen war, Pasternak, der wit/ige Mathematiker, Wjlensky, der Enkel berühmtcr Vorfahren, einige Studenten, unter ihnen Frendenberg, der später Rabbiner in Kiementsclnik wurde u. v. a. Wenn ich mich recht erinnere, kam auch I. i 1 i e n b 1 u tu manchmal. Das schöne Geschlecht hatte zu diesen Abenden keinen Zutritt, denn damals nahm die Frau an der nationalen Arheit noch keinen Anteil und mir ausnahmsweise brachten die verheirateten Gäste ihre Frauen mit, die sich einen besonderen Winkel atissuchtcu. Lubarskv brachte ״Neuigkeiten״ mit und erzählte von den ״Sorgen des Tages“; er batte ein besonderes Talent sie so vorzutragen, daß sie zu heftigen Disktissioncn führten. Und wie gewöhnlich kamen die Diskutierenden vom Thema ab und brachten die Ciegensiände durcheinander sodaß cs ihnen Mühe kostete, ihr Thema wiederzufinden. Da wandten sic sielt zumeist an den Herrn des Hauses, an ()scher Gin/bcrg, der von Gruppe zu Gruppe ging und ilirefi Worten zuhörte, ohne sich in die Diskussionen zu mischen. Mit einem kurzen Satz brachte er die Diskutierenden rum Ausgangspunkt ihrer Diskussion zurück, Seiten äußerte er sein Urteil tittd obwohl die beiden Parteien sich gegen sein eigenartiges Urteil sträubten, mußten sie ihm zumeist zustimmen, denn sic wurden durch die hervorragende Art seines Voitrags und uurch den gesunde״ Menschenverstand dazu gezwungen. A11 diesen Abenden hatte ich reichlich Gelegenbeit die dicke Eismaske kennen zu lernen, die Ginzberg um seine glühende Seele legte. Durch diese Maske schien es manchmal, als ob er auf dem Parn*ß stünde und das war das ״Abstoßende“ an ihm. Bis 1888 hatte Oschcr Oinzbcrg nichts veröffentlicht und lange Zeit dachte ich, daß er keine schriftwurde das Bedürfnis nach einem Ideal, aber auch desto leerer und kraftloser wurde cs . . . (״llcilttrlnl• und KAnntn", 18%.) Ich neige dem Glauben zu, daß die Lehre der ״nationalen Autonomie“ nur eine Uebergangsstufe ist auf der Entwickhmgslcitcr des nationalen Gedankens in unserer Mitte. Eine Stufe, welche die Erkenntnis unseres Volkes überschreiten muß, tun endlich zur äußersten Konsequenz des Gedankens zu gelangen. Denn das Streben nach nationalen Rechten in der Diaspora, ein Streben, das in der Diaspora nicht erlüllt werden kann, muß notwendig zur Erkenntnis führen, daß cs nur ei n nationales Recht gibt, das für alle unsere nationalen Rechte aiisrcicht, ohne dieses wir nie unser Endziel erreichen können. Dieses Recht ist, daß auch wir in eitlem Lunde der Erde die Mehrheit bilden, in einem Land, auf das wir zweifellose historische Rechte besitzen, Rechte, für die nicht erst aus der Ferne Beweise hergeholt werden müssen. In dieser historisehen Atmosphäre wird sich unser nationales Lehen wirklich ituserm Geiste gemäß entwickeln, ohne zusammenztisehrumpfen, ohne sieh auf einzelne Gebiete beschränken zu*müssen. Dann wird auch den in der Welt zerstreuten Volksteilen eine Hoffnung erstehen: das nationale Zentrum wird seinen Geist auf sie übertragen, ihnen Kraft verleihen, sein Leben zu leben, trotzdem sic in ihren Wohnorten' der nationalen Rechte beraubt sein werden. _ (״Drei Stuten", 1898.) . . . Denn das ist eine der (irundcigcnschaftcn unseres Volksgeistes, daß er sielt nicht zu Konipromissen versteht und auf halbem Wege nicht stehen bleibt. I lat er eine Idee als w ahr erkannt und seinem Tun zu Grunde gelegt, so gibt er sich ihr aus aller Kraft hin und ist bestrebt, sie mit allen minutiösen Einzelheiten durcheil führen, ohne den Blick ahseltweifen zu lassen, ohne irgend einem anderen Zwecke Konzessionen zu machen. Diese (irttndeigcn* seliaft hat einst in den Tagen unserer Freiheit die lehre der Propheten in ihrer ganzen ethischen Exzenlri/itüt geschaffen, sie hat dann in den lagen unserer Knechtschaft die Lehre des Talmud «ml Sehtilchnn-Arueh in ihrer ganzen Exzentrizität des praktischen Handelns hervorgehracht . , .Die schöpferische Kraft ist in unsernt Volke also nicht erstorben, nicht geschwunden, sondern hat vielmehr nach ihrer Weise zu allen Zeiten Früchte gezeitigt, nur daß der Geschmack der Früchte sich geändert hat, gemäß der Veränderung der Lebensbedingungen. Nicht gleicht die Frucht des Baumes, solange er im Boden seines natürlichen und freien Wachstums wurzelt, der Enteilt, die er trägt, wenn er in fremden Boilen verhetzt und dort auf künstlichem Wege gcpflegt wird. Aber die innere Natur des Baumes bleibt dieselbe, dort wie liier, und solange seine Wurzeln nicht abgestorben sind, erzeugt er Früchte nach seiner Art. Audi der Geist unseres Volkes bat Früchte nach seiner Art hervorgebracht, hat Kulturgüter in einer ursprünglichen, ihm bcstelle rische Begabung habe. Bis die Geschichte passierte und mich eines Besseren belehrte. Einmal nämlich kam ich plötzlich ain Morgen zu ihm und fand ihn in einer Handschrift blätternd, die er bei meinem Eintreten bei Seite legte. Sch verstieß gegen die gute Sitte und begann ihn mit verschiedenen Fragen cinzukreisen, bis er sich gezwungen sah, mir die Handschrift zu zeigen. Es waren die ״Vergilbten Schriften“. Als ich einige Seiten davon gelesen hatte, war ich von dem schriftstellerischen Talent unseres Freundes überzeugt. Ich benützte dio Gelegenheit, ihm Vorhaltungen zu machen, daß er sich zu einer solchen Stunde verberge und seine Werke unserer armseligen Literatur vorcnthaltc. Daraut antwortete er mir ausführlich und mit großer Bitterkeit schilderte er vor mir die Leere und Phraseologie, von der die ganze hebräische Literatur erfüllt sei, und, wenn ich nicht irre, sagte er zu mir, daß alle seine Schriften lieber vergilben mögen, als daß er sie in einen solchen ״Tiegel" werfe. Natürlich teilte ich dieses Gespräch sofort Lubarskv mit und nachdem wir uns beide über diese ״Vorcntlinltimg des Guten" sehr aufgeregt hatten, sagte Ltibarsky zornig zu mir: — Du sollst sehen, ob ich ihn nicht mit Gc- Walt zmn Schreiben bringe! Im Monat Elul des gleichen Jahres ging ich geschäftlich nach Spola und verweilte dort einige .Monate. In dieser Zeit korrespondierte ich mit Lubarskv über die ״Liga“, die wir doch einmal zu gründen beabsichtigten und über die Notwendigkeit, einen Engel zu schaffen, der Oinzbcrg antreibe und ihm zu rufe: schreib! — Und als ich ihm einmal über die Vorzeichen der Bewegung schrieb, die sich in den Provinzstädten merken ließen, antwortete mir mein Freund, daß auch in Odessa sich eine neue Sache anspinne und die ״Freitagabende" eine bestimmte Form der Beschäftigung mit Erneuerung*• sonderen Art geschaffen, nicht nur solange er auf seinem Boden weilte, sondern auch in den Ländern der Diaspora, solange ihm seine Existenzbedingungen ein Plätzchen ließen, um für sich zu arbeiten und alle seine inneren Kräfte darauf zu verwenden. (Ücr Wfg de* OeiMc*"! 1902.) Alle Mittelpunkte, die wir im Lande bereits gcschaffen haben, die ländlichen wie die städtischen, schließen sich in ttusern Gedanken von selbst zusammelt und erscheinen uns als ein nationales Zentrum, dessen Einfluß auf die Diaspora schon jetzt, im Anfangsstailitini seines Seins, offen mul deutlich hervortritt. Man braucht daher nicht an Wunder zu glauben, um mit den Augen tlcs Geistes die Ausbreitung dieses Zentrums, die Vervollkommnung und das Wachsen des Einflusses auf den Volksgeist zu sehen, und daß er endlich das Ziel, das sieb der nationale l.ehensinslinkt gesetzt hat, erreieben wird: unsere nationale Einheit in der ganzen Welt zu erneuern durch die Erneuerung unserer nationalen Kultur in ihrem historischen Zentrum. ״Eine gesicherte Heimstätte für unser Volk" wird dieses Zentrum auch dann nicht sein, wohl aber eine Heilstätte für seinen Geist. — Und dann? Fraget!licht! Gegenwärtig, in dem Zustande der geistigen Zerstreuung, kennen wir die Summe unserer nationalen Kräfte überhaupt nicht, wissen nicht, was durch sie erreicht werden kann, wenn sie sich von ringsumher um e i n Zentrum gruppieren, wenn e i n Geist, ein gesunder und starker Geist, alle beleben wird. Die Geschlechter, die dann kommen werden, sic werden sieb des Maßes ihres Könnens bewußt sein tmil ihre Taten nach diesen bestimmen. Wir aber haben es nicht mit dem Vcrhüllten der weiten Zukunft zu tun; uns mag gettiigen: zu wissen das Unvcrhüllte, was uns und unsern Kindern in der n a 11 c n Zukunft obliegt. (״muni״, uta.) Für die Erlösung des Volkes und des Landes o«ler, um mit dem Basler Programm zu sprechen: für ״eine gesicherte Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina" gibt es noch keinen Anhaltspunkt in den realen Lcbensbcdingtmgcn, und wir dürfen sie daher nicht als ein Ziel der praktischen Arbeit in Palästina hinstellen. Ik־nn zwischen einem jeden Ziele und den Handlungen zur Erreichung dieses Zieles muß eine natürliche Verbindung, ein kausaler Zusaininenliang bestehen. Wir müssen eine Antwort auf die Frage wissen: Wie kann dieses Ziel durch diese Handlungen erreicht werden? Solange ein soleher Zusammenhang nicht bestellt . . . kann cs sich mir um liebe Hoffnungen, um ein Ideal für das Ende der Tage, alter nicht um ein praktisches Ziel handeln, das einem Arbcitssystcm zur Grundlage dienen kann . . . Ucberschreitcn wir diese Grenze so verlassen wir damit die reale Welt, gelangen in eine Welt fcrnliegemlcr Hoffnungen und Ideale, die durch einen Abgrund vom Leben getrennt sind, ohne daß wir wisset! könnten, wie dieser Abgrund fragen anzttnchnlcn begännen. ' Er drängte mich, schleunig nach Odessa zurückzukehren und deutete mir an, daß jetzt die geeignete Stunde zur Gründüng der ״Liga" gekommen sei. Als Ich mitten im Winter 1888/9 nach Odessa kam, fand ich in der Tat eine große Aendertmg im Kreise der Nationalisten. Nicht nur die ״Freitagabendc" waren im Hause Oschcr üinzbergs den Gesprächen über nationale und palästinensische Theniata gewidmet, sondern auch die meisten Werktage. Att diesen Abenden versammelten sich im Hause Ginzbcrgs nur solche, die beschlossen hatten, einen großen Teil ihrer Zeit der Wicdergebtirtsarbeit zu widmen. Hier begann sich die Gesellschaft ״Bnc-Moschc“ zu bilden, die im seihen Winter am 7, Adar im Arbeitszimmer Oschcr Ginzbcrgs gegründet wurde und der sehr kurze Zeit auch Lilicnbhtm angehörtc. Oschcr üinzberg aber erhielt, ohne zu wissen, daß Lubarsky seine Hand mit im Spiele hatte, plötzlieh einen Brief von Zederbaum, der ihn mit allen Mitteln der Beredsamkeit bat, im ״Hnmcliz“ zu schreiben und ihm, wenn ich mich recht erinnere, heilig versprach, nichts an seinen Aufsätzen zu andem und sie auf keinen Fall mit seinen beriiehtigten ״Anmerkungen“ zu versehen. Eine Attfforderung vom Herausgeber selbst war zu jener Zeit eine Art Onadc von oben: auch bedeutende Autoren genossen dieses Vorrecht erst nach langjähriger schriftstellerischer Tätigkeit, Selbstverständlich war es Ginzberg unmöglich, eine gänzliche Absage zu geben, um so mehr als unser Kreis und besonders Lubarsky ihm keine Ruhe ließen. An einem der düsteren, schneeigen Morgen Ödessas stürzte Lubarsky in mein Zimmer und rief: — Ercz-Jisrael-Jude! Hab ich dir nicht gesagt, daß ich ihn mit Ocwalt zum Schreiben bringe? Gott sei Dank, er schreibt bereits 1 Aber still I Ich fürchte, der Satan könnte sich noch einmischen.