Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXI (1916)
- Issue
- Heft 33 (18.8.1916)
- Date
- 1916-08-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite -72 jUEDISChC RUNDSCHAU Nr 33 den anderen nicitl kennt, wird ihr Tun nicht gescheu, und ihre Stimme nicht gehört vor dem Lärm anderer Nationalisten. Jeder von ihnen trägt in den Tiefen seines I lerzens seinen Glauben und seine Hoffnung und in den {ielieimganzen seiner Phantasie haut er sich seihst Welten und tröstet sicli mit ihnen über all das, was seine Anteil sehen, da es nicht in der Kraft seiner Hand ist, weder Kleines noch Grobes zu tun. Aber wenn diese* Miinuer, wo sie auch sein mögen, sieh zu einer Gesellschaft vereinen wiirden, so dab einer den anderen darin unterstützen könnte, auf den Geist des Volkes in ihrem Sinne zu wirken, wer weil), ob es ihnen daun itn Laufe der Zeit nicht gelingen könnte, ihm ihren Geist zu geben und ihm wieder die s i 11liehen Qualitäten zu verschaffen, ohne die ein Volk nicht bestehen kann? Und wer weib, ob dann nicht im Herzen des ganzen Volkes, als wäre es ein Mann, der Wunsch erwacht, den Staub von sieh zu schütteln und wieder ein ehrenhaftes und ruhiges Lehen im Lande unserer Väter zu führen? Und wer kann das Ende der Sache voraussehen? — 5. Eine solche Gesellschaft wird zwar nach dem höchsten Ziele streben: ־ nach dem Lande unserer Väter. Mit sieben Augen wird sie blicken und alles beobachten, was dort geschieht, und vorsichtig u n d bedachtsam sieh bemühen, alles, was audere dort falsch gemacht haben, zu verbessern und auch selbst u n t a de I ige und voll ko!11־ in e 11 e Laten nach Kräften zu vollbringen,. Trotzdem wiril sie, da sie weilt, dab zu groben Taten ein d a z u f ii 11 i g e s G e s c h 1 e e h t nötig ist, ihre Aufmerksamkeit nicht ausschlieblich dem L a 11 d e z u w e 11 den, sondern auch dem V o I - ke, wird ihr Stieben, nicht nur zu bauen, sondern auch zu pflanzen sein, nicht nur mit der Kraft der Hände, sondern auch mit dem Geiste. Zuallererst 11n1b sie sich Herzen gewinnen und durch moralische Mittel ihrem Namen und ihrer Bestimmung Sympathien bei den Menschen erwecken. Das heilit, sie mub den Sinn des ״Nationalismus“ erweitern und ihn zu einem hohen und erhabenen Begriff .machen, zu einem ethischen Ideal, in dessen Mittelpunkt — die Liehe z 11 Jisrael und an dessen Peripherie jede Tuge 11 d und jede wertvoll e E i g e 11 s c 11 a f t steht; sie mub dem Wort ״Nationalist“ die materielle Form, die cs jetzt hat, — so daß jeder, der sieh so nennen will, sieh mit seinem Kreuzer an einer bekannten Büchse beteiligt und sieh so nennt — nehmen und es in die Höhe Jehoscfiuah B .rsilai: Wie Oscher Ginzberg Achad Haan! wurde Ais einer der ersten Genossen und Schüler des Jubilars sah ich mit meinen eigenen Augen, wie der junge Oscher, der Sohn des Herrn Jeschajahu Ginzberg zai ״Acliad-flaam“ wurde, Dies geschah so: Zu Beginn des Jahres 5618 (Herbst 1887) kam ich aus Palästina für kurze Zeit nach Odessa und als ich Lilk'iibluin an einem Sonnabend besuchte, machte er mich mit Abraham Elijalui Lubarski bekann!, der damals noch ein (rischer und fröhlicher junger Mann war, ein begeisterter Chowcw-Zioii, der, ein Verehrer der Wissenschaftler und Literaten, mit •Zederbaum, J, L. Gortlon und den übrigen berühmten Männern gerne korrespondierte, der die Schriftsteller und ״Tuet׳“ der Provinz in den Sa- Ions der ״Groben", bei denen er ans- und cinging, einführte, und alle Leute förderte, die der Förderung bedurften. Die Zahl der Chowewe-Zion in Odessa, das unserer Bewegung als Zentrum diente, war zu jener Zeit sehr klein und unansehnlich und ein Chowcw- Zion, der aus Palästina selbst kam, war eine grobe Seltenheit.*) Und da ich schon ein wenig als Schriftsteiler bekannt war (einige meiner Aufsätze waren damals schon im ״Hameliz“ veröffentlicht), so ist es leicht verständlich, dab ich für Lubarsky eine *) Als ich zusammen mit A. E. Lubarsky im Hause seines Neffen wur, stellten mich beide als palästinensischen Juden Herrn M, R,, einem m1gc• scheuen Kaufmann in Odessa, vor. Aber dieser Klaubte, dab sich die Lubarskys einen Spall erlaubten: er wollte um keinen Preis glauben daß cm ״Erez-Jisrael-Jude" europäisch gekleidet sei und wie ein gewöhnlicher Mensch onsschc . . . eines geachteten, vom Volke geliebten etliisc 11 en .Begriffes heben, dessen!lieht jeder würdig ist und der seinen Träger verpflichtet, die Ehre des Banners, das er trägt, mehr als alles zu schützen, auf daß sic weder durch ihn noch durch andere entweiht werde. — Allmählich kann sie ihren Wirkungskreis erweitern, ihr Augcnmcik auf die Erziehung des künftigen Geschlechtes richten, uns unsere Söhne und Töchter, die einem anderen Volke .׳insgeliefert sind,■zu• mckfiihien und im allgeineineii — jedes Verbessern iigsliedürft ige vcrbe.ss.T11. Bis (gleichgültig wann) aus uns hervorwächst und die Biilme des Lebens betritt das Geschlecht, das wir suchen: ein ,Geschlecht, das sieh nicht vor den Herren beugt und nicht den Staub seiner Hasser leckt, das stolz auf sein Volk ist, sieh seiner Ehre rühmt und bei seinem Namen schwört, das ein glühendes Herz, hat und i'lim nicht Ruhe gönnt und dessen Weisheit ihm uiithilll, seine Sache richtig diirchzuführen und die rechte Zeit für alles zu erkennen -- e א wird Jisrael erretten; es wird die Fahne nach Zion tragen und von Erfolg gekrönt sein. — ö. Zu einem solchen großen und allgemeinen Ziele führen viele verschiedenartige und wechselnde Wege, Darum soll die Gesellschaft frei in ihren laten sein: ihre Hand an allem, ihre Zeit - w e n 11 e s z. 11 11 a u d e 1 n /gibt, i h r Ort — jede Bresche und jede Lücke. 111 ihrem Inneren wird sie sich eine richtige und bestimmte Ordnung schaffen, aber sie kann nicht von vornherein ihr Wirken im Volke und im Lau d e berechnen und definieren. Genug, wenn sie ihr Ziel richtig versteht und es sieh stets vor Augen hält, die Zeit mul der Ort mul die Verhältnissc werden ihr zeigen,■ was sie zu tun hat Nur an eines soll sic zu jeder Zeit und nn jedem Ort denken, daß die Qualität einer ethischen Gesellschaft der Quantität voraiigeht; daß nicht nur mit der Zahl ihrer Mitglieder ihre Macht steigt, sondern noch mehr —־ durch deren Wert. Darum soll sie sich sehr davor hüten, daß sie nicht an ungeeigneten Menschen seheitere und nicht gegen Große und Edlen nach richtig sei, wenn ihnen eine der für eine solche Gesellschaft notwendigen Voraussetzungen fehlt — dann wird sie sicher ihres Weges gehen und es wird Hoffnung sein für ihr glückliches Ende. (Ans (kin Hebräischen von Dr. Max Mayer) Worte Achad Haams* . . . Palästina für das Judentum oder für die Juden? Wie gut wäre es, könnten wir antworten: für beide, für das jüdische Volk. Allein wir müssen, so schmerzlich es ist, gestehen, dab für eine solche Antwort die Stunde noch nie 11t gekommen ist Niel« mir wegen der äußeren Hindernisse, sondern - und noch mehr — wegen des inneren Minder• nisses, daß wir noch kein Volk, sondern lediglieh Juden sind. Also für das Judentum oder fur die Juden? Die ,,Chowewe-Zion“ schließen ihre Augen vor dem was draußen und vor dem was drinnen ist und erwidern: Tür die Juden! komme, was kommen mag! Ih׳r Verfasser der ,,Autoemanzipation“ sieht, was draußen vorgeht mul erwidert: Nicht für die Juden! schaut dann auf das Innere und fugt hinzu: Lediglich fürs Judentum! Wir aber richten mtsern Blick vor allem auf das Innere, vergleichen das Judentum in Palästina und seine I eMmigni, wie sie Uns im Traume erschienen sind, mit den Juden in Palästina und deren Leistungen, wie wir sie int Wachen gesellen haben, mul erwidern: erst fürs Judentum, daun für die Juden, daun, wenn sie aufhören, nur Juden zu sein. Dann, aber mir dann, wenn das Judentum zu seiner Un|11clle zurückgekehrt sein wird, wenn ehe Juden aus allen Länder der Diaspora, auch aus dem gesichertsten Asyl, ihr Herz gegen das Jerusalem der Gegen• wart, nicht nur gegen das der Vergangenheit, richten werden, dann werden sie keines l'jnsker mehr In׳■ dürfen, damit er in ihnen den Gedanken der Autocmau/ipntion durch Gründe der Logik wecke. Er wird von seihst als eine notwendige Folge aus dein Gefühle cinporspriclk‘11, aus dem Gefühle der Liehe ztuu Judentum und zum l.andc. Daun, wenn dieser Gedanke aus dem Herzen kommen und nicht bloß ein Erzeugnis des Verstandes und der Logik sein wird, dann wird er vor äußeren Hindernissen nicht zurücksehrecken. Er wird Mittel und Wege suchen, um sie zu beseitigen. Mit Einsicht und Geduld wird er suchen. Daun wird auch der Tag kommen, wo er solche finden wird . . . Aber — so höre ich Euch klagend ausmfen: Wie lang ist ein solcher Weg und wie fern eine solche Hoffnung? Ja, Brüder, ״Weit, sehr weit entfernt ist der Hafen, den wir mit der Seele suchen. Dem lausendj.ihrigeu Wanderer jedoch darf kein noch so weiter Weg zu lang sein “ (״Autoemanzipation“). (,,Dr Punker 1ud!•eine S-hilft", ) *) Quelle: Achad-Ilaam; ״AI Paraschatli Deraehim, Odessa und Berlin 1895-1913, vier Bände (Hebräisch). wahre Fundgrube war und er sicli meiner warm aiuta'luu und mich, ohne mich lange zu fragen, ln verschiedene Vorstellungen und Bekanntschaften hincinzog. Und es war die Zeit, da die Reichen und Diplomierten in Jisrael herrschten und Wer nicht zu ihnen gehörte, dem war cs unmöglich, die Menge nach sich zu ziehen. Und gerade diese ״Notabcln" waren fast alle Gegner ■unserer Bewegung oder doch wenigstens weit von ihr entfernt. Als ieh einmal vor A, E. Lubarsky mein Herz erleichterte über unsere Armut an Mcnscheiimaterial und den Rückgang der KrSWtc in und außerhalb des Landes und mit ihm darüber sprach, wie notwendig die Gründung einer ״Liga" sei, die ihre ganze Kraft der Arbeit der Wiedergeburt weihen würde, daß es aber schwer sei, aus den angesehenen Kreisen einen jungen, tatkräftigen Steuermann zu finden, der 1 allen Parteien genehm und vom ganzen Volke geachtet und daher an der Spitze zu stehen geeignet wäre, — da sprang Lubarsky begeistert vom Sofa auf und sagte: ״Du sollst sehen, daß Jisrael eines solchen Mannes nicht bar istl Mit eigenen Augen sollst du ihn bald sehen!" Und eines Abends führte mich Lubarsky, ohne mir zu sagen wohin, durch schöne Straßen, in denen ich noch nie w׳ar, und schließlich gelangten wir zu einem großen und schönen Hause, das beim Latcrnenlidit mir wie ein fürstlicher Palast vorkam. Und er stieg mit mir die weiten, prachtvollen Trcppen empor, führte mich in einen schönen Saal und stellte mich dem Herrn des Hauses vor, einem nicht hohen, jungen Mann mit einem großen, sonder• baren Kopf und einer besonders breiten und hohen Stirne, der mich durch sein intelligentes Aussehen in Verwunderung setzte. Dieser Besuch dauerte einschließlich Teetrinken ungefähr zwei Stunden. Wahrend dieser ganzen Zelt forschte mich der junge Mann über Palästina •ui und über alle Einzelheiten des Lebens in den sieben Kolonien, die damals existierten. Mein Freund Luliarsky, der sonst viel zu sprechen lichte, saß dieses Mal wie ein Chassid vor seinem Rcbben und brachte midi nicht einen Laut über seine Lippen, In den '26 Jahren, die seit diesem Besuch verflössen sind, habe ich die Einzelheiten vergessen. Aber ich erinnere mich noch gut, daß Ich, als ich fortging, mächtiges Kopfweh hatte durch das viele Beobachten meines Gegenüber und durch das scharfe Aufpassen auf seine Worte und Urteile, Der Eindruck, der bei mir zurückblicb, war: daß ich einen sehr gebildeten, bescheidenen und originellen jungen Mann kennen gelernt hatte, der eine mächtige Wirkung mit seiner Anziehungs- und Abstoßungskraft hat, und daß jeder, der ihn einmal gesehen hat, ihn nie mehr vergessen wird. Es war mir klar, daß ich zeit meines Lebens noch nicht einem interessanten und scharfsinnigen Menschen begegnet war, der auch nur annähernd diesem jungen Oscher Ginzberg gleichkam. In jenen Tagen begegnete ich Oscher Ginzberg in einigen Versammlungen und auch in der Bibliothek der Handclsangcstclltcn. Seitdem besuchte ich seine ״Jours fixes" an den Freitagabenden. Hie und da besuchte ich ihn unter der Woche. Dieses Vorrecht verdankte ich meinem Palustincnscrtuni, denn wegen seiner eifrigen Studien empfing Ginzberg nur in Ausnaluncfällcn werktags Gäste. Die Freitagabende im Hause Oscher Oinzhergs trugen das Gepräge eines wissenschaftlichen Klubs. Die Gäste waren in verschiedene Oruppcn getrennt. Unter den Oiistcn war auch Sniman Epstein, ein begeisterter Schwärmer für die der Religion innewohnende Poesie, J. L. D a w I d 0 w i t s c It (Ben- Dawld), der später der Gründer der hebräischen Sprach-Gesellschaft ״Sfatcnu Ittami" wurde, damals aber noch der Mitarbeiter des ״Woscliod" und ein absoluter Qegncr der Chlbbath-Zion war, i*eh- V