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Jüdische Rundschau · 1916-08-11 · Heft 32 (11.8.1916) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXI (1916)
Issue
Heft 32 (11.8.1916)
Date
1916-08-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 32 J U E Dl SC H E RUNDSCHAU Seite 265 Rabbi Ch, M. M i r w i s 11 (Ca|>ctr>wn Orthodox I lebrew Congn'gatioii) unterstützte die Resolution in jidischcr Sprache. Nach seiner Meinung müßte in Palästina ohne Störung und unter besseren Ikdingungen gearbeitet werden. Er sagte unter amlerem: ״Sie werden zur Friedenskonferenz gehen •.::;;1 sage״: Freunde, öffnet uns die Pforten der Gerechtigkeit; wir wollen keine Cieschcnkc, gebt uns wüste Flächen, wir werden sie in blühende Gärten verwandeln, wir fordern, dalf unsere Kinder nicht im Schmelzlicgcl der Welt verloren gellen." . Chief Rabbi Dr. J, L. Landau (Johannesburg, I k brew Eligli School) wies darauf hin, dalf Palästina das historische Land der Juden sei, und der Zionismus nur der neue Name für eine alte Bewegung und gerechte Ansprüche des jüdischen Volkes. Er erinnert an den Mißerfolg der 11g.uulabew'cguiig. Er betont, daß die Zionisten wie t ierzl eine rechtlich gesicherte Heimstätte in Palästina und nicht nur eine Kolouisationsmöglichkeit verlangen. Die gleiche Meinung äußerte Rev, M, Rosenberg (Pretoria Zionist Association). Nach Annahme der Resolution stimmten die l)c!egierten die llatikwah an. Am Schluit des Kongresses sehlug der yorsitzende ein I > a 11 k e s v ס t u in für das C o n j o i n t Co 11 greif Comittee. für den Voisit/eiulen der South A f 1 i c a n Z i o n i s t I" 1: d c r a t i ט n , ferner für die Herren J. Ahra h a m s und B. S. Mersch als Sekretäre des Kongresses vor Her Vorschlag wurde angenommen. Im Warschauer Stadtrat Wahl des Magistrats. Sieg der zlonlstisehen Liste. Die natürlicheGruppierung. In der zweiten Sitzung des Stadtrates nm 30. Juli fanden die Wahle u d e s P r ä s i d i u m s, d. h. der 3 Vi/evorsitzendcn und sechs Sekretäre statt. Die ״Vereinigten J ii d i s c h m Rats 111 ä 1111 c :" stellten keinen jüdischen Kandidaten als Vizcvorsitzettden auf. Die ״Jüdische Volksgruppe" dagegen vertrat den Standpunkt, dail der jüdischcn Bevölkerung, die ca. •15°״ der Ciesamtzahl ' der Wähler aitsmachteii ein Platz im Präsidium gewahrt werdet: müsse. Die drei Vertreter dieser Gruppe (der vierte, Bildhauer Ei sen berg, war abwesend) stimmten für die Kandidatur des zionistischen Ratsinaiins Rabbiner Dr. S. Pos n au skr, der nur diese 3 Stimmen bekam, fas Sekretariat wurde der jüdische Ratmann Konsul B. Eiger gewählt. Eine andere jüdische Gruppierung zeigten die Wahlen der zwölf ״k a 111 e r r e n", die den Magistrat bilden und die auch aus Nicht-Ratmämicrn bestehen dürfen. Seitens der Juden wurden einstimmig die Herren Ingenieur Wciflblatt (Ratin,um) und das Mitglied der Gemeindeverwaltung Me'tr Rund st ein als Ratherren aufgestellt und mit einer kleinen Mehrheit von Stimmen gewählt. Eine Spaltung unter den jüdischen Ratmännern rief die Wahl der Stellvertreter der beiden jüdischen Ratherren hervor. Statutengemäß beteiligen sielt die Stellso lesen wie ein Italiener des Treccttto seinen Hör,17־ gelesen haben mag: genießend. Unsere Bibel verlangt des Menschen ganzes Herz und ganze Seele. So spricht denn auch das Bindende und Verpflichtende, das heißt aber das Religiöse des Judentmns immer deutlicher aus Bubers Worten. In seiner jüngsten, schon während des Krieges gehaltcncn Ansprache betont so Bubcr den religiösen Charakter des Chanukka (um dessen nationalen Sinn wir einst gestritten hatten): ,,Der fundamentale Gehalt der religiösen Anschauung des Chanukkafestcs ist die Forderung, daß jeder einzelne sich selber aus den Banden des Nutzzwecks befreie. . Diese fortschreitende Verinnerlichung, diese Vertiefung des Nationalismus zum Religiösen ist nicht Bubers persönliche Angelegenheit. Es ist die Ent- Wicklung unserer ganzen Bewegung, die uns hier durch das Erleben eines ihrer Großen dargestclR wird. Der Nationalismus will alle Kräfte des Volkes lebendig machen. Er verhalt sieh aber — und auf!diesem Standpunkt wird die Organ isation stellen müssen —• völlig neutral und indifferent dagegen, in welcher Richtung sieh d.c geweckte Schöpferkraft des Volkes entfaltet. Er kennt kein inhaltlich bestimmtes Judentum, denn er ist mir der Rahmen für die ganze Mannigfaltigkeit des nationalen Lebens überhaupt. Daß nur der jüdische Mensch innerhalb seiner Gemeinschaft schöpferisch werde, daß nur jeder sich als verantwörtliches Glied einer Volksgesamtheit fühle! Mehr verlangt der Nationalismus nicht. Die ungeheure Bedeutung dieses ganz formalen und inhaltsleeren Rahmenprogramms für uns liegt darin, daß cs uns von der Enge des Ghetto befreit und ein reiches pulsierendes Leben innetiialb des Vertreter an der Lühi'iing der Magistratsgeschäfte in gleicher Weise wie die Ratlierrea seihst, mul die zionistischen Ratmamicr legten daher Wert darauf, einen Zionisten, Herrn l>r. Arthur v. Port 11 er, als Stcllvcrtr. zu haben. Die Assimilatücn dagegen lehnten diese Kandidatin׳ ah und stellten ihrerseits den ausgesprochenen Assiniilaiiten W i s c 111 i t z k v und den Neo-Assimilanlcn Dux I er auf. Kür die ziouistisehe Liste der Stellvertreter den Zionisten l)r. von l’ort ׳1 חr und den Nationalisten Ingenieur Heilper in stimmten die Zionisten, Orthodoxen und die Mitglieder der Jüdischen Volksgruppe. Für die Liste der Assimilauteu . die Assimilantet! und Neu- Assiniilaiiten. Gewählt wurden die Kandidaten der zionistischen Liste. Dies war der erste Versuch einer Vereinigung der Zionisten mit den Orthodoxen und der ״Volksgruppe" im Kampf gegen die Assimilauteu aller Schattierungen, die sich schon auf der dritten Sitzung de/• Stadtverwaltung als notwendig erwiesen hat und der nationalen Sache von Nutzen war. Ingenieur W e i ß I» I a 11, der zum Ratherren, erwählt wurde, mußte statutengemäß sein Amt eines Katmannes niederlegen. Die Zahl der jüdischen Ratmäntier wurde dadurch von 1:) auf 18 herabgesetzt. Die Antwort des liofptedigers Dr. Vogel . Unser Gesinnungsgenosse Rechts,mwalt Hans Block hat in Nr. 29 der ״Jüdischen Rundschau" zu einem Aufsatz lies Hofpredigers l)r, Vogel im ״Daheim" vom 17, Juni I9U> Stellung genoitimcn. Ilofprcuigcr Dr. Vogel sendet uns die folgende Antwort, der wir eine Erwiderung unseres Gesinnungsgenossen Block anscltlicßcn. Gestern saß der Mendel Sofcr mit seiner Tocltter Rochel in meinem Quartier, um mir zu danken für die Erfüllung dreier Wünsche, mit denen ich recht erfolgreich ihnen in ihrer Notlage halte helfen können, eine Sache, die mich als Militärgeistlichen übrigens gar nichts angcht, als die Post mir die ״Jüdische Rundschau" brachte, aus der ich ersah, wie I lerr Rechtsanwalt Hans Block mir ״souveräne Verachtung und unverhohlene Rasscnantipathic" gegen das Judentum vorwirft. Eigentlich wollte ich die Sache ad acta legen, dann dachte ich, mich von Herrn Armee-Rabbiner Dr. Tänzer restituieren 7n lassen, der mir neulich dankte für viel Bemühiing und Freundlichkeit, die ich der hiesigen Jtideitschaft andauernd erweise. Schließlich ist's am besten, selbst ein Wort zur Verständigung z.ti sagen in einem Blatte von so ernster, jüdisch-gläubiger Richtung, die mit Christen das Alte Testament gemeinsam hat, wie sic die ״Jüdische Rundschau‘‘ vertritt. Als Rechtsanwalt sollte man doch eigentlich wissen, welch schweres Unrecht es immer und überall ist, Worte und Sätze aus ihrem Zusammenhang herauszureißen und dann in tendenziöser Weise gegen den Autor zu verwenden. Von meiner ganz sach- Volkes ermöglicht. Die mannigfachsten Welt- und Lcbcnsauschauimgen können einander nun begegnen und befruchten und niemand — welcher Welt- und Lebensau sicht immer er sei — brauelit etwas von seinem Menschentum aufzugeben, wenn er zu uns kommt. Auf diesem Standpunkt der Neutralität muß die Organisation bleiben. Aber innerhalb des so geschaffenen Volksrahmens werden sich die einzelnen um einen wesenhaftern Nationalismus bemühen, der nun nicht mehr allen nationalen Werten gegenüber in kühl neutralem Wohlwollen beit,irrt, sondern ein bestimmtes Judentum will und erhofft, und die Erweckung der schöpferischen Volkskräfte ersehnt um dieser Hoffnung willen. Nun genügt der formale Nation.־!• lisuuts nicht mehr, er wird Mittel zunt Zweck, Das nationale Erwachen bedeutet nun bei Bubcr etwas inhaltlich Bestimmtes: Anknüpfung an die Urzeit. Aber nicht nur deswegen, weil cs uns diese Entwicklung eindringlich vor Augen führt, verdient Bubers Buch die Aufmerksamkeit unserer Freunde. Audi in den altern Aufsätzen stehen eine Menge Gedanken und Anregungen, die noch heute ihrer Verwiiklichung harren. Um nur einiges herauszuheben, neunen wir die bedeutsame Ableitung des Zionismus aus Haskala und Chassidismus, (S.95 ff.), die Polemik Bubers gegen die auch heute noch bei vielen von uns beliebte Behauptung von der KulturlosiRkeit der Diaspora, (S. 89) zugleich aber' auch wieder gegen alle Ghettoscntimentalität. Herrliche Worte findet Buber für den Sinn der jüdischen Feste. Ich erwähne weiter die Ausführungen über die nationale Bedeutung der jüdischen Frau, seine Darlegungen über die Ziele der jüdischen Erziehung (,,beben, liehen Darstellung der Schulen, auch der jüdischen Schulen, in Rußland, von dem Mitgefühl mit dem hier schwerbedmekteu jüdischen Volke und seiner unterernährten Jugend, von dem offenbaren Wohlgefallen am schönen Brauch des l.ichterbremiens, am Erwachen der hebräischen Sprache als Umgangsspräche, an der Intelligenz und geistigen Gcschmcidigkeit der Knaben im Unterricht, von dem Hernushchen des herrlichen Inhalts von Psalm 1 iisvv. -״ davon schweigt der Herr Einsender geflissentlieh. Dafür aber wird ans dem etwas humorvoll gehaltenen Schluß Einzelnes herausgerissen, um Antisemitismus u. a, zu konstatieren. Ist das Amisemitismus, wenn ich Worte der hiesigen Umgangsspräche, Schabbes und Geseires, einflechte, wie sie liier gang und gcln־ sind, wenn ieli sage, daß die Schule erstaunlich schmutzig war, ־ es war ja ein russisches Gymnasium bis wenige Tage zuvor gewesen —, wenn der Gesang der hiesigen jüdischen Kinder für deutsche Ohren schrecklich klingt? Ich könnte hinzufügen, daß z, B. so vorbildlich wie das regelmäßige Morgen- und Abendgehet'der Juden für unsere Soldaten an sieh ist, doch die äußeren Formen und Laute desselben uns nicht feierlich, sogar unschön erscheinen. Deswegen braucht man mich doch nicht gleich als ein besonderes Ekel an den Pranger zu stellen. Besonders scheinen den Herrn Rechtsanwalt die Namen der beiden Kinder, die mir die llatikwah brachten, geärgert zu haben. Die beiden Vatersnamen sind nun aber gerade das einzige in der Darstellung, das ich in belletristischer Freiheit abämlcrte, ich habe sie statt der wirkliehen Namen aus einem Roman K. E. Franzos' übernomimn. I ranzos schildert bekanntlich nicht ohne Ironie und Satire — das Milieu des östlichen Judentums und gibt vor allem dessen Jargon wieder wie sonst keiner in der neueren Literatur. Und wie ist Franzos in den Rezensionen der jüdischen Blätter Deutschlands, am Ende seiner Bücher zu lesen, gepriesen worden! Wenn ein christlicher Theo* löge auch nur'entfernt ähnlich aus derselben Materie etwas sagt, dann ist er Antisemit. Ja, Bauer, das ist ganz was anderes! Das, was das hiesige Judentum vom deutschen vorteilhaft unterscheidet, ist sein starkes Nationalgefühl. Wie wir sagen: ich bin Preuße, Bayer oder Sachse, so sagt er hier in seiner Sprache: ich bin a Jud'! Dabei findet deshalb auch kein Mensch etwas Lächerliches. In Deutschland ist cs aber schon eine tödliche Beleidigung in einem offenbaren Juden eilten Juden zu vermuten. Warum diese Verscliämtheit? Vorbildlich halten sie sich zu ihrer Synagoge, ihren Sabbatlicn, Festen, kultischen Gebräiiclicn und Sitten. Es wird mir zeitlebens imvcrgessen sein, wie ich auf Einladung bei meinem visa-vis im Gasthaus Nomera (״zur Nummer") als Gast der Familie beim Passaltmahl mit einem katliolisehen Amtsbruder, einem Bciicdiklincrpatcr, teilnahm. Um den Tisch saßen die acht Kinder, sämtlich — nicht wie in Deutschland mit altdeutschen (!) — sondern mit den schönen alttcstamcntlichcn Namen. Auch geben sic sich durchaus keine Mühe, ihre Sprache, den Jargon, zu verbergen und nehmen es gar nicht krumm, wenn wir in ihrem Satzbau mit ihnen sprechen und statt Brot — Braut, statt Hof schauen, schaffen" muß unsere Jugend lernen). Den Sinn der neuen Generation beleuchtet Bubcr in unvergleichiieh herrlicher Weise’ an der Ocgemibcrstclhing von Percz und Hugo Zuckermann. Mit Nachdruck betont Buber, daß die Jugend trachten muß, ihren Beruf mit dem Judentum zu verbinden, woraus umgekehrt die jetzt wieder durch Oskar Epstein und Siegfried Bcrufcld vertretene Forderung folgt, daß die Gemeinschaft für ihre Jugend Berufe schaffen muß. Praktisch bedeutsam sind auch Bubers Darlegungen über die Errichtung einer jüdisehen Akademie und einer Hochschule. Und nur nt wahr und täglich bestätigt sind seine Klagen darüber, daß unser Volk seine jungen begabten Menschen dem Hunger und der Not preisgebe. . . Wie der einzelne Mensch intensiver lebt, wenn er von Zeit zu Zeit innc hält im Treiben der Tage und überlegt, was er im letzten Jahre oder Jahrfünft getan, gelernt, erlebt hat Hebbel tat dies so an jedem Sylvesterabend ■ - so müßte auch die Bcwegung Rückschau halten, sich vergegenwärtigen, wieviel von einst Gewolltem erreicht, wieviel noch zu tun ist. Bubers Buch mahnt dazu. Und noch eines — warum sollte cs eine Buchbespreehtmg verschweigen? - es gibt immer bei uns viele, die Bubers Persönlichkeit verehren, ohne daß sic seine Ausführungen immer verstehen und verfolgen könnten. Hier ist ein Buch von ihm, das jeder lesen kann. Möchte es dazu , beitragen daß der Geist der Weihe und Innerlichkeit, aber auch der Opferbereitschaft und Hingabe der aus jeder Zeile spricht, weite Kreise durchdringe!

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