Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXI (1916)
- Issue
- Heft 31 (4.8.1916)
- Date
- 1916-08-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 31 Seite 258 Zum Zwangsdienstjf; der russsischen Juden in England in Nr. '29 der Jüdischen Rundschau haben wir in dem Aufsatz ״Zwaiigsdicnxt für russische Juden 111 England‘■ ausführlich über die in England zu Tage tretenden Bfiiiiihimgcn Leuchtet, die nissiseheu Juden, die sich in England autlialleii, /um Eintritt in die englische Armee /11 zwingen. Wir berichteten, «lall Minister Herber( Samuel im l hiteihause erklärte, die russischen Juden könnten, da eine Vereinbarung mit der russischen Regierung nicht vorhanden sei, zum Dienste nicht gezwungen werden, sie sollten alrer ringelnden werden, sich zu melden und anwerheu zu lassen. Inzwischen scheint diese Ln? ladung die Form eines zunehmenden Druckes ungenominell zu haben. Das spiegelt sich auch in der Presse wieder. Am 15. Juli brachte die Times einen Brief an den Herausgeber von Jabot insky, der für die Formierung der in die englische Armee eingereihten russischen Juden in eigenen Formationen eintritt. In der gleichen Nummer der Times;111 Bert sieli die Redaktion zu diesem Thema, indem sie das Problem der russischen Juden, die vor dem Krieg nach England gekommen sind, als eine Frage sui gnieris bezeichnet. Es scheint, dal! nur die freiwillige Meldung den russischen Juden in England die zwangsmülhgc Rekrutierung ersparen kann. Darauf deutet ein von Joseph (Io wen imter/eichncter Aufruf des l:\ecutiv Council of the Euglish Zionist Eederatiou an die in England weilenden nissiseheu Juden, um der Erlaubnis der britischen Regierung, welche den Juden russischer' Staatsungchörigkeit gestattet, in der englischen Armee zu dienen, ücbruiich zu madicn, bevor dieses Privileg zum üesetz geworden ist. Die breiten Schichten der russischen Juden in England sind aber auch mit diesem Kompromiß sichtlich nicht einverstanden. Herrn Jabotmsky wird zum Vorwurf gemacht, daß er durch seine privaten Vorschläge die Aufmcrksamkeit der englischen Regierung auf die Rekruticnmgsmögliclikcit unter den russischen Juden gelenkt hat. Eine Versammlung in der Londoner Toynbee-liall, in der Herr Jnbolinsky sprechen sollte1, wurde von den Teilnehmern gesprengt und in einer Resolution wurde den ״Jaboliuskys aller Art Ihr ihre Handlungen gegen unsere Interessen die Verachtung ausgesprochen.‘' Auf den oben erwähnten, von Joseph Cowen gezeichneten Aufruf geht wohl auch die Opposition des Zionistischen Vereins in London ״West-Central Zeire Zion1' zurück, in dessen Namen der Sekretär Schmerling in der Londoner jidischen Tageszeitung ״Die Zeit״ vom 13. Juli iin Inseratenteil davon Mitteilung macht, daß dieser Verein keine Beziehungen zu der Engiish Zionist Federation mehr* pflegt und die Gründung einer neuen jiidisch-zionistischcn Förderation für England plant. Die Juden in den Kurorten des Kaukasus Nach einem Beschlüsse des Kongresses zur Fördenmg des Kurortwcscns in Rußland, wurde den Juden der Aufenthalt in den Kurorten des Kaukasus zu Erholungszwecken gestattet. Jeder Jude aber, der dieses Recht genießen will, muß zuvor eine behördliche Bescheinigung vor/eigen, daß er wirklich krank und der Erholung im betreffenden Kurort hedürftig sei. Zu diesem Zwecke wurde eine spezielle R c g i e r u n gs ־ K o m m i s s i o 11 in Pjatigorsk eingesetzt, die die jüdischen nach dein Kaukasus kommenden Kranken zu untersuchen und die Bescheinigungen auszustellen hat. Wie Dr. J. Natansohn in der ״Rjetsch“ lind Dr. N. S i r k i 11 in ״Jcwrcsknja Sliisn“ mittcilcn, wurde diese Untersuchungskonimission zu einer Art Ellis Island, wo die jüdischen Emigranten bei ihrer Ankunft in Amerika auf Hetz und Nieren geprüft werden. Die Kommission hat nur einmal jn zwei Wochen Sitzung. An diesem Tag kommen alle jüdischen Kranken, Greise, Kinder und Frauen, von allen Kurorten des Kaukasus, um ihre Fehler und Gebrechen, die ihnen das Aufenthaltsrceht auf dem heiligen Boden geben, vorzuzcigcn. Dabei behandelt die Untcrsuelumgs-Polisei die kranken Gäste wie Sträflinge, und die nicht• jüdische Kurortgcscllsehaft verbreitet unter dem Einfluß der Behörden die Pjatigorsk-Stimnumg über alle Gebiete des Kurortlebens. Der bekannte russische Schriftsteller Philo- »opliow, der selbst diese Masscmmtcrsuchungcn in Pjatigorsk und all die Verleumdungen und Beleidjgütigen der jüdischen Kranken in den Kurorten miterlebte, veröffentlichte seine Beobachtungen, die eine Reihe von erschütternden Tatsachen enthalten, in der Rjetsch. Seine traurigen Mitteilungen schloß dieser vorsichtige liberale Politiker folgendermaßen: ״Gebe Gott, daß die Judenfrage in den Kurorten sich auf diese harmlosen Beleidigungen beschränke. Ich werde aber nicht überrascht sein, wenn aus dieser Atmosphäre der Willkür noch vcrhäugnisvol lere Missetaten hervorgehen werden. , . . Schon ist die Rede von der Ucbcrvölkerung der Kurorte, von Mangel au Nahrung und Wohnung. Wie leicht kann in dieser Luft der Gedanke der Judenaiisweismig entstehen und wie leichter noch wird ilaiiii dieser Gedanke realisiert werden." ... Immerhin, meint Philosophow, wird ein solches offenher/igt s Verbal besser sein, als die machiuveili• stisehe Erlaubnis. . . Im Warschauer Stadtrat (Die Feier in der Synagoge. Die zionl־ stisehe Erklärung. Die Deklaration der jüdischen Volksgruppe. Die Sabbat• ruhe.) Der '23. Juli, der Tag der Eröffnung des ,,St,ult■ rates in der Residenzstadt Warschau" wurde von der gesamten polnischen OeffciUliehkcit ebenso wie von der jüdischen Bevölkerung Warschaus und der jüdischen Presse auf das wärmste begrüßt. Er gab von neuem der Jiulenlieit Warschaus die Mög• lielikeit, dem Lande ihre Treue zu bezeugen tmtl ihre Hoffnung auf ein freies bürgerliches und na. tioualcs jüdisches Lehen innerhalb Polens zu bekunden. Vor der Eröffnung des Stadtrates besuchten die neuen Stadtführer die Gotteshäuser Warschaus. Um Q1 ן betraten die große Synagoge an der Tlomatzkastraße der Stadlpräsident Fürst I. n bc> ttt i r s k y , der Chef der Miliz Fürst R a d z i w 111, der Vorsitzende des Stadtrates, Rektor der Universität l)r. Brild• z insky und sämtliche neugewählten Mitglieder des Stadtrates. Dem Gottesdienste wohnten auch die Vertreter der Jüdischen Gemeindeverwaltung und des Rabhinats und die führenden Persönlichkeiten der Warschauer Judenheit bei. In feierlichen Worten, die hei den Anwesenden einen tiefen Eindruck!unterließen, begrüßte der zionistische Ratinaim, Rah- Inner Dr. S, Posnanskv diese neue Burg, in der das Glück des Landes und der Wohlstand aller seiner Bewohner geschmiedet werden soll. IX־r Redner gab seiner Ucbcrmtgung Ausdruck, daß niemand in der Zukunft sein Glück auf das Unglück der anderen zu begründen suchen wird, und daß es in einem freien Polen keine Bürger erster und zweiter Klasse gehen wird, sondern alle Söhne ries befreiten üuidcs freie und vor dem Gesetz völlig gleiche Bürger sein werden. Von der Synagoge begaben sich die Ratm,inner in die katholische Kathedrale und um 12 Uhr wurde die erste Sitzung des Stadtrates durch den Stadt- Präsidenten Fürst Luboinirsky für geöffnet erklärt. Nach den Begrüßungsreden wurde eine genieinsame Deklaration von 15 im Stadtrat vertretenen politischen Parteien vorgelesen, die von den großen politischen llofftuigen der polnischen Nation Kunde gibt und die unter anderem auch einen Satz über bürgerliche Gleichberechtigung enthält. Da diese Deklaration mit keinem Wort die Juden erwähnt, fühlten sich die Juden verpflichte», durch besondere Erklärungen diese Uiekc auszufüllcn. Um den Eindruck der gemeinsamen polnischen Deklaration nicht zu schwächen, zogen es die zionistischen Ratmänner vor, keine besondere Deklaration vorznlesen, sondern im Namen der Zionistischen Organisation in Warschau dem Vorsitzenden ein Schreiben zu überreichen, jtler davon dem Stadtrat nach der Verlesiing der allgemeinen Deklaration Mitteilung machte. Dieses Schreiben lautet: ,,Die Zionistische Organisation in Warschau, die sieh an die in der Deklaration de׳• K.11 m;inner der Residenzstadt Warschau ausgedrückte Forderttng eines freien Polens, die auch ihre innigste Forderung ist, nnschließt, drückt iltre feste Zuversicht aus, daß das freie polnische Volk die gerechten bürgerlichen und nationalen Rechte der Juden sichern wird." — Im Namen der Zionistischen Organisation in Warschau die Ratmänner H. 1־ a rbste i 11, S. Sc idem nun. Der Vorsitzende, Rektor Dr. Bnidzinsky, der diese Erklärung verlas, fügte unter dem Beifall eines Teiles der Ratmänner hinzu, daß auch er die Hoffnung der Zionisten völlig teile. Die Forderung der Gleichberechtigung der jidiselten Sprache formulierte zuerst der Vertreter des Blockes der linken P. P, S. und des ״Bunds" Ratmann C zische wsky in einer besonderen, bald darauf verlesenen Deklaration, in der im Namen der jüdischen Arbeiterklasse eine jüdische kulturellnationale Autonomie und Schulen mit Jidisch als Untcrrichtssprachc verlangt werden. im Namen der jüdischen Volksgruppe las der jüdisch-nationale Ratmann Hirschhorn eine besondere Deklaration vor, die folgendes fordert! 1. Die Steuern der Stadt nach Vermögen und Einkünften zu verteilen. 2, Sämtliche sozialen Einrichtungen unter di« Aufsidit der Stadtverwaltung zu stellen. 3. Die Arbeitslosigkeit durch Schäftung von öffentlichen Arbeiten, zu denen Juden und Nichtjuilen in gleicher Weise /(!gelassen werden, zu bekämpfen. I. Den allgemeinen unentgeltlichen Schulzwang ein/tifühmi wobei die entsprechenden Summen Mir die Bedürfnisse der jüdischen Schulen mit ijdik scher Unterrichtssprache einem jüdischen Schulrat, der die jüdischen Schulen verwaltet, zur Verfügung zu stillen sind, 5. Die Juden bei der Bekleidung von Stadt-;untern gleich berechtigt zu behandeln. h. Den Juden die Möglichkeit zu gewähren, ihre Sonnabende (und Feiertage) zu halten, ohne zwei Ruhetage in der Woche haben zu müssen, Mil der Erklärung, daß sich die luden mit dem polnischen Volke völlig solidarisch luhlten, schließt die Deklaration, indem sie ihrem tiefen Glauben Ausdruck gibt, daß ״Polen, das in der Zeit sein e Eheste n B I ii t c die j ii d i s c h e 11 a t i o- 11 a I - k 111111 r e 11 e Eigenart a 11 z 11 e r k 1׳ n 11 e n w u ß t e , auch in diesem historisch e n M o - tu e 111 das R echt a 11 f dies e E i g c n a r t zug e s t e 11 e n w i r d." Vor dem Schluß der Sitzung teilte der Vorsitzende mit, *laß die nächste Sitzung des Stadt, rates am t'reitag, den!8. Juli, um 7 Uhr abends stattfmde. Die zionistischen Ratmänner H. Färb• stein und Rabbiner Dr. Posnanskv zusammen mit den orthodoxen Ratmänncrn David soll 11, W e g in e i s t e r mul P r i w e s überreichten dem Vorsitzenden eine schriftliche Bitte, die Sitzung mn׳ 3 Uhr zu eröffnen oder sie auf einen andern Tag zu verlegen, damit •die Sitzung nicht ✓.11 einer Zeit abgehalten werde, zu der die juilen sich an ihr des Sabbats wegen tatsächlich nicht beteiligen können. I>cr Vorsitzende »eilte diese Bitte dem Stadtrat mit und verkündete, ihr entsprechend, daß 'die nächste Sitzung auf Dienstag, I. August verlegt sei. Aus Palästina (Neue Opfer des Flecktyphus.) Im Alter von 21 Jahren verschied in Jerusalem der Lehrer der orthodoxen Schule Ez-Uhajini, Z’wi K i w I i n. Der Verstorbene gehörte einer alten äuge* scheuen jüdischen orthodoxen Familie in Jerusalem an. Seit Bill war er Lehrer der hebräischen und türkischen Sprache in der Kolonie Rosch-Pinn Vor einigen Monaten erlag derselben Krankheit win Bruder Elijalm Riwlin, der als Fckl-Apotlvckcr tätig war. Bald darauf wurde von derselben Krankheit auch seine Mutier weggerafft. Der Verstorbene hinterließ eine junge Frau und ein kleines Kind. Nach achttägiger Flecktyphuskrankheit starb am selben Tag in Jerusalem ein angesehener Kaufmann der scpltardisehen Gemeinde R. jizcltak Misrachi, der Bruder des verstorbenen sephardischcn Rabbinatsmitglicelcs Dieser Misrachi und־ des bekannten Kaufmanns in Damaskus Nissim Misrachi. Einen besonders schweren Verlust hatte die Marokkanische Gemeinde in Jerusalem durch den Tod eines der beliebtesten Rabbiner und Gelehrten, Rabbi Schalom Buchwot. Der Verstorbene führte ein zurückgezogenes, asketisches Leben, saß immer in seinem Zimmer cingeschlossen, in seinen kabbalistischen und talniudischen Studien versunken, ohne irgendeinen Verkehr mit den Leuten. Vor vielen Jahren war er Lehrer in einer Jeschiwa, gab nl*er bald sein Amt auf, um sieh völlig seinem stillen, religiösen Lebenswandel ungestört zu widmen. I Kt Tod dieses von den marrokkancr Juden besnnders verehrten frommen Mannes rief unter ihnen wie im ganzen orthodoxen Jerusalem tiefe Trauer hervor. (Impfungen gegen C h o I e r a.) Angesichts der drohenden Gefahr der Cholera wurden sämtliche Einwohner Jerusalems verpflichtet, sich mit Serum impfen zu lassen. Dr. Arje Goldberg veröffentlichte im ״Hachcnith" einen ausführlichen Aufsatz über die Bedeutung dieser Imphing, in dem er die jüdischen Dnwolmcr zur Erfüilung dieser Pflicht äuffordert. Das Strauü’sche Gesundheitsamt in Jerusalem eröffnctc in den Vor- Städten zwei Abteilungen, in denen die Aermcrcn unentgeltlich und die Bemittelteren um geringen Preis diese Scrumimpfung erhalten. (Bi a 1 ik fc i e r.) Am Sdiabnoth - Abend fand in der Kolonie Rechoboth eine von der Verwaltung der Kolonie veranstaltete Bialikfeier zu Ehren des 25jährigen Dichter-Jubiläums Bialiks statt. Die Festrede hielt der Schriftsteller M. Sm ilia n sky. Der1 Chor der Kolonie brachte ausgewählte Lieder des geliebten Dichtere zum Vortrag. (Literarisches.) Im Verlag ״Hacheruth" erschien in Buch• formst eine hebräische Ucbersetzung der türkl* 1