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Jüdische Rundschau · 1916-07-28 · Heft 30 (28.7.1916) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXI (1916)
Issue
Heft 30 (28.7.1916)
Date
1916-07-28
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr 30 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 249 sondern auch in Volksversammlungen umi in Schulen sprechen, wird schweres Unglück über unser Volk kommen. Wir werden tatsächlich ein eigenes Volk bleiben. Das darf nicht sein. Wir müssen erkennen, dall wir Amerikaner sind, wir müssen wollen, daß unsere Kinder Amerikaner sein sollen. Wohl sollen unsere Kinder ihre Religion lieben; aber׳ sie müssen englisch sprechen und lesen und sich den aineriklinischen Sitten anpassen.“ Diese Rede Schiffs rief in allen Kreisen des amerikanischen Judentums den heftigsten Protest hervor. Die jüdisch-amerikanische Presse ist voll von Aufsätzen gegen diese gewissenlosen Aeußcrungeii Schiffs. Sie betonen, dall Schiff mit seiner Rede den wütendsten antisemitischen I leUorgaiieu Rulllamls willkommene Nahrung gegeben habe, und dall Hurnett und die (iegiier der jüdischen Einwanderung nach Amerika diese Rede sich einpragcn und bei p.i'-scmlcr (ielegenheit gegen die Juden verwerten werden. ,.Jeder amerikanische Jude wird diese Rede als ein Verbrechen empfinden“ schreibt die New- Yorker ,,Wahrheit“. Alle Platter weisen darauf hin, wie gefährlich cs sei, wenn ein Jude von der angesehenen Stellung Jakob Schiffs eine Rede halt, in der die Verleumdung ausgesprochen wird, dall jüdische Bestrebungen die Ursache des Antisemitismus seien. In einer späteren Sitzung des Komitees versuchte Jakob Schiff seine Rede in der ersten Sitzung zu verteidigen. Zur Rechtfertigung seines Standpunktes führte er an, dall er von verschiedenen Seiten itiillverstanden worden sei, und eine falsche Darstellung seiner Ansichten in die jüdische Presse gelangt sei. Die Stimmung gegen ihn sei auch nach dem Erscheinen des wörtlichen Stenogramms int ,,Tag“ und Hon ,,America 11 llebrcw" nicht besser geworden. Er, der sich gegen den Vertrag mit Rußland gesträubt, der einen erfolgreichen Kampf gegen eine Attaipie der russischen Regierung auf den amerikanischen Geldmarkt gekämpft habe, müsse es ablehnen, durch seine Rede der russischen Regierung Waffen in die Hand gegeben zu haben, Die russische Regierung werde sich höchstens freuen, dall es seinen I eiitdeu gelungen sei, den Mann aus dem Wege zu räumen, der sich nach Kräften zwischen den Antisemitismus lind die• russische Regierung gestellt habe. Er schloß seine Rede mit folgenden Worte״; ,,Ich 'darf dieses alles in meiner Abschiedsrede sagen. Ich bin bis ins Mark getroffen. In Zukunft werden Zionismus, Nationalismus, Koiigrcllbewegung und jüdtsehe Politik, in welcher Form sie auch auftreten 1ttag; für mich ein versiegeltes Buch sein. Ich werde fortfahren, au dem Werke der Wiederbelehimg meines Volkes zu arbeiten, werde mitwirken bei allen aufbauenden Werken, die getan werden müssen; ich werde, so weit es mir möglich ist, mithelfen, um unseren Brüdern in der Kriegszone bürgerliche Rechte zu verschaffen, besonders denen in P»lcn, Rnliland, Rumänien und Palästina, denn sie tdle sind Fleisch 'tton meinem Fleisch, und Knochen von meinen Knothcn. Aber darüber hinaus, meine Freunde, übernehme ich keine Pflichten.“ Die jüdische Presse Amerikas hat diese Erklärung Schiffs, in der er ankündigt, daß er sich vom Jüdischen politischen Leben zurückzielit, mit großer Genugtuung aufgenommen. Die Anleihe der Entente und die russische Judenfrage Die Delegierten der russischen Reieltsdutna und des Reiehsrntes, die aus England, Frankreich und Italien zurückgekcltrt sind, berichteten in der russisehen Presse und in geschlossenen Sitzungen der Kriegskontmissioiieit der Duma, des Reichsrates und der verschiedenen Dumafraktioncn und politischen Parteien über die Eindrücke ihrer Reisen 'in den verbündeten Staaten und ihrer Unterredungen mit den fremden Staatsmännern. Ohne Unterschied der Parteien, haben fast alle Delegierte den Eindruck gewonnen, daß die politischen und insbesondere die finanziellen Interessen Rußlands die Attfrolltmg der Judenfrage in Rußland lind geeignete Maßnahmen zur Erleichterung der Lage der Juden unbedingt trfor- (lerteu. Poincare soll dem Abgeordneten des Reichsrares Fürst Olsufjew gesagt haben, die Erknehterung der Lage der Juden sei eine für Rußland aktuelle politische Angelegenheit, und er wollte sehr, daß diese seine Meinung den einflußreichen Kreisen Rußlands bekannt würde. Auch die Abgeordneten der extremen Reeliteu erklärten, sie hätten die Judenfrage vielfach unterschätzt. Sic hätten jetzt im Auslande die Ucbcrzctigimg gewonnen, daß Ohne Erleichterung der Lage der Juden in Rußland die {Trreichung einer Anleihe für die Alliierten in Amerika, wo gegenwärtig die Gelder hauptsächlich konzentriert seien, nicht zustande kommen könne. P. N. Milj u k o w erzählte, daß diese Meinung besonders in England vorherrsche, und daß außer der Palenfrage die f rage der Rechte der Juden in Rußland die wichtigste sei, auf die die russischen Parlamentarier in ihren Gesprächen mit den verbündeten Staatsmännern immer wieder gestoßen seien. Hebräische Bewegung in Amerika Sieben Jahre ״AchlSber“. Eine he* bräische Föderation. Ein Hebräertag. Die führende hebräische Gesellschaft in Anteril.a ,,A c h i e he r“, beging ant 3. Juni ihr siebent •e s ( i r 1111 d 11 n g s f e s t. Die Bedeutung des Achieber als äktives Organ der jüdisch-nationalen Bewegting reicht weit über die Grenzen New-Yorks, des Sitzes der Gesellschaft, hinaus. Der ,,Achicber" umfaßt die ganze hebräische Bewegung in Amerika. Die I laupttätigkeit des Achicber bestellt in der Unterstützung der literarischen Institutionen Palästinas und der Förderung der in Palästina geschaffenen Literatur. Bis zum Ausbruch des Krieges wurden durch den ״Achicber" über 23 000 Francs nach Paläslina gesandt, eine im Hinblick auf die beschränkten Mittel der Gesellschaft unverhältnismäßig große Summe. Diese Mittel wurden durch die persönliehen Bemühungen von l)r. P ersky zusammen• gebracht. Die finanzielle Unterstützung des ״Achie* her“ setzte das Arbeiterorgan ״Hapoel Hazn'ir" in den Stand, als wöchentliche Zeitschrift zu erscheinen und ermöglichte die Veröffentlichung von ,,K o h e 1 e t It“, eines wertvollen Buches für Lehrer zum Unterricht in der hebräischen Sprache. Der ״Achiöfber" trug ferner viel zur Verbreitung des ״II a s c 11 i 1 o a c 11“ und des ״Flaolam“ in Anterika bei. Er begnügte sich auch nicht damit, die hebräische Literatur in Palästina zu unterstützen, sondern bemühte sielt, die hebräischen literarischen Erzeugnisse Palästinas in Amerika zu verbreiten. Der erste Versuch des Achicber bestand übrigens in der Veröffentlichung einer Gedieh t c s a m in - I u n g amerikanisch-hebräischer Dichter. Diese Sammlung wurde unter dem Titel S ' n u n i t h (״Schwalbe“) von dem hebräischen Schriftsteller Kuben Brainin herausgegeben. Später versuchte Achfcbcr eine periodischc!hebräische Zeitschrift zu gründen. So entstand die Motiatsscbiift ״llatoren“. ״Hatorcn“ war die erste Zeitschrift dieser Art in Amerika. Etwas mehr als zwei Jahre erschien ״llatoren“ mo!tätlich, ״Achicber“ hatte ein Komitee ernannt, das aus den Herren Dr. S. M M c 1 a in e d , J. D. Berko witz und A. G. Orlans bestand, um mit Dr. Schmarja Lew in zum Zwecke der Umwandlung von ״llatoren“ in eine Wochenschrift zusammenruarbeiten. Die Bemühungen dieses Komitees waren erfolgreich. Ls wurde die ״llatorcn Publishing Association“ gegründet, und am 4. März 1016 wurde dem Publikum die erste Woc Henaus gäbe der Zeitschriftgcboten. Dieses literarisch bedeutsame Blatt, dessen Herausgeber j. D. B c r k o w i t z ist, entwickelt sich dank der Bemühungen seiner Direktoren, die alle Mitglieder des ״Acltiebcr•‘ sind, zur Zufriedenheit aller Kenner des hebräischen Zeit• schriftcirttinis*). lX־r Achicber, welcher alle aktiven Hebraisten zu seinen Mitgliedern zählt, ist in wenigen Jahren zum Vorkämpfer für alle hebräischen Bestrebungen i!1 New-York geworden. Seit beinahe einem Jahr hält der Achicber hebräische Abendkurse für Er• waclisene ab. Im letzten Jahre schloß er sich der Föderation der amerikanischen Zionisten an und wurde so offiziell mit der zionistischen Organisation verbunden, Vor kurzem ist in Amerika eine hebräische Föderation gegründet worden. Bis jetzt gab es dort nur eine unorganisierte hebräische Bewegung. Es waren zerstreute hebräische Klubs und Gesell-■ schäften vorhanden, denen es jedoch au einem ge• nteinsamen Ziel und Arbeitsprogranini mangelte. Die Föderation hat sich ein «rrbik's klares Programm gestellt und einen Plan für seine Tätigkeit ausgearbeitet. Da die Organisatoren der Föderation New- Yorker sind, haben sich ihr bis jetzt nur New»• Yorker Klubs angeschlossen. Diese sind: Achieber, Bne AmChai, Agudath Ercz Israel, Agu <1 a t h II a nt 0r i m , A gtt d a t h H a c 11 i 11 u ch. Die Föderation soll jedoch eine allgemein atrterikanisclt-hebräisdie werden. Die Führer der Be• wcgitng haben sich bereits mit den hebräischen Klubs aller Teile des Landes in Verbindung gesetzt und fliese haben begeistert erklärt, daß sic bereit seien, sich der Föderation anzuschlicßen. Es Wörden für die Organisierung der vielen hebräischen Schüler, die bis jetzt noch nicht organisiert sind, Pläne ausge,arbeitet. Die Föderation hat nicht mir die Absicht, die hebräischen Schüler in Amerika zu organisieren, son» *) Vergleiche die Würdigung des tlatorcn" von! B, K. in den Bemerkungen des 3. Heftes des ״Juden" (״Iw'berseeisches I iebräisch''). widmet, jenes bedeutendsten Urenkels des hohen Rabbi Low aus!,rag, der an! umfassenden rabhinischen Kenntnissen 1und an mystischen Neigungen seinem Almen am ähnlichsten war. Seine Lcbensgcschichte — bereits von seinem nicht jüdischen Zeitgenossen Scitndt in «Jon ,Jüdischen Merkwürdigkeiten“ wie• dergegeben — klingt zum Teil wie eine Legende, Gebaren in Wolhynien, fiel R. Naphtali in seiner Jttcml während eines Ratibzugcs der Tataren in die icfaiigriischaft, wurde nach der Krim geführt und dort einige Zeit als Sklave behandelt, nis cs ihm elang, zu flüchten. Schudt berichtet auch, der zuünflige Rabbi hätte bei den Tataren das Pfeifschießen und Reifen erlernt, welche Künste er noch später als hochangesehener Rabbiner zu Posen gern attszuühcn pflegte. Letzteres klingt sehr abenletierlieh deshalb verwarf Gräiz die ganze Geschichte der Gefangenschaft bei den Tataren als böswillige Erfindung der Scluidtschcn Gewährsmänner. Mit Recht macht nun Luncz darauf aufmerksam, daß R. Naplttali in seinem eigenen Werke die Errettung ans der ״Talaretigclangcnschaft" erwähnt, (Ucbrigcns hat Heine seinerseits die irgendwo aufgegriffene Er- Zahlung in seiner Dichtung ״Jclutda beit Halcvi“ in die Lcbensgcschichte des utn ca. 500 Jahre älter״, spanischen ,Dichters Moses ibn Esra verlegt I). — Gegen Ende seines äußerst bewegten Lebens ging R. Naphtali nach Palästina und verschied unterwegs in Konstantinopcl (Jan. 1710), wo sein Orab bis auf den heutigen Tag heilig gehalten wird und wo auch mehrere Legenden über ihn kursieren (eine ist wiedergegeben). Der Artikel von Luncz ist mit ausgiebiger »emitzuing der primären Quellen geschrieben und bietet manches Neue, leider aber sind in Europa erschienene, zum Teil sehr wichtige Untersudtungen gänzlich unberücksichtigt geblieben. Eine vierte Abhandlung von Luncz enthält die Geschichte der 1864 ciugcwcihtcn großen aschkcnasischen Synagoge in Jerusalem. Dem ausführlichen Texte ist eine nebräische Ucbcrsctzung des Fcrmans des Sultans zur Erbauung dieser Synagoge beigegeben. — Ein weiterer Artikel bringt die Biographie des IS 10 ernannten Predigers der aschkcnasisclien Genieimlc in Jerusalem, R. Moses Riwlin, nebst einer Wiedergabe der verschiedenen darauf sich beziehenden Urkunden. David Schub aus Roseli-Pinah schildert in seinem Aufsätze ״Zur Geschichte des (neuen) liscltubs in Ohergaliliia" (Fortsetzung) die traurigen Zustände dieser Kolonie in tler ersten Rothschmlsclieu Zeit. Belehrend ist auch der Beitrag von A. R. M a Ic a c h i: ״Ein Kapitel zur Geschichte der Haskala in lernsalem“, der uns über die Kulturkämpfe im Satoße des alten lisdmbs eingehend orientiert. Josef Riwlin, ein Schüler David Jcllins, gibt uns tlie hebräische Uebersetzung einer Serie von Gedichten des altbcrühmten arabischen Dichters Antara. Die Tapferkeit dieses alten Dichters und seilte Liebe zur schönen Abla wurden in verschiedener Weise von den späteren Beduinen und städtischen Sängern besungen, und daraus entstand eine große Literatur. In den hier übersetzten Liedern — von denen kein einziges in der ältesten Redaktion des Diwans Antara's enthalten ist — ist wohl von dem alten Beduinen Antara keine Spur vorhanden, cs sind spätere Lieder, die die Volksmusc und anonyme Dichtung sich zurcchtgcmacht und dem alten Liebling ln den Mund gelegt hat. Doch sind manche dieser Lieder ganz alt. Die Uebersetzung folgt sehr treu dem Originale. In den Anmerkungen führt Riwlin eine ganze Reihe ähnlicher Stellen bei den jüdischen Dichtern Spaniens an, die er gut «1 kennen scheint. andere sind weniger überzeugend. Wir dürfen von Riwlin weitere willkommene Leistungen auf diesen! Ocbiete erwarten. Weniger Verständnis für das klassische Arabisch verrät J, 8. H u r w i 11 in seinen ,Arabischen Sagen" (von den palästinensische״ Heiligtümern). Immer• hin ist es ein interessanter Beitrag, dessen Fort- Setzung nicht unerwünscht ist. Audi für Belletristik wurde in diesem Sammet• buche gesorgt, natürlich in sehr beschranktem Maße und mit ausgesprochener Tendenz. Da finden wir eine Skizze (aus dem Englischen) und zwei Gedichte (aus dem Jidiscltctt), die die jüdische Sehnsucht nach dem Lande der Vater schildern. In dieses Gebiet gehört auch der ״historische" Beitrag des Dr. N. C h a c h a m , der über die Beziehungen der älteren europäischen Christen zu Palästina aufklären will und Auszüge aus finem Schreiben römischer Nonnen in Palästina (IV. Jahrh.) in hebräischer Uebersetzung wiedorgibt. Ein bibliographisches Kapitel (Fortsetzung) enthalt eine Aufzählung in Palästina erschienener hebraischcr Bücher; die ,Chronik" endlich zählt die Ereignisse des ersten Kriegsjahrs auf und schließt mit einer guten Uebcrsicht der amerikanischen Hilf»■ aktion. ,v, {״ diesen schweren Zeiten, wo das hebräische Wort im Osten Europas so gut wie kaltgcstellt ist, ist uns aleses Sammetbud! doppelt willkommen; dazu legt cs ein schönes Zeugnis von der Entwicklung des Sinnes für Palästinaforschung in Kreisen der lnteHigenz des alten und neuen Jischubs ab. Die künftige jüdische Wissenschaft in Palästina wird die Veraienste A. M. Luncz' dankbar anerkennen. J. N. S i m c h o n i.

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