Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXI (1916)
- Issue
- Heft 29 (21.7.1916)
- Date
- 1916-07-21
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 242 JU EPISCHE RUNDSCHAU Nr. 29! j I i» ti ) ־ 4! 1 i’ schön •ausgemalt, doch wurden meine Erwartungen durch die Wirklichkeit iihertroffen, das ist seiten nicht wahr? Mein ganzes Leben ist dadurch inhalt und freudvoller geworden. . . . Ich habe wirklich viel Freude mit den Kindern, einige sind sehr intelligent und begabt. Ich habe ihnen letztens eine Aufgabe gegeben ״Was ich gerne werden möchte“. Ein 17 j. Mädchen mit unergründlichen Schwarzäugen schreibt mir ״Ich will die Befreierin der Juden werden und sie zurück ins alte Vaterland führen“. Jetzt wie es schön wurde haben wir meistens unsere Lektionen im Freien, daun hat es wohl niemand so schön wie wir." Von den neuen Schulen ln Warschau Als sich in Warschau vor der deutschen Okku• palion sicb/igtauscnd jüdische Flüchtlinge zusammendrängten, die ohne alle Habe ans den ,,evakuierten“ Städten mul Dörfern geflüchtet waren, ergab sich fiir die natiomiljüdischcn Schichten eine grollziigigc Aufgäbe. Wenn sich auch an der Arbeit zur materiellen Versorgung dieser Massen mehr oder weniger alle Kreise beteiligten, so mußte doch seihst in dieser furchtbaren Zeit auch daran gedacht werden, wie man die Jugend vor moralischem und kulturellem Untergang zu schützen hat. Es war schwer, für die Wichtigkeit kultureller Tätigkeit Verständnis zu finden, als man die halhimktcn und drcivicrtel verhungerten Menschen vor sich sah, die in dem breiten Strome des Elends heraugcschwcmmt wurden. Aber cs imißte eben alle Energie gesammelt werden, um die Ju• gcnd zu retten. Unsere zionistische^ Freunde in Warschau bcganniii fast ohne Mittel eine weil umrissene Erziclningstüiigkcii. l ast in jeder Straße des Judenviertel wurden I liiehtliiigssclußen errichtet, und auch die nieht-zioiiistiselieu nationalen Kreise wetteiferten mit ihnen. Die Schulen sind nicht dem gleichen Schema unterworfen, im Gegenteil ist gerade auf Mannigfaltigkeit Wert gelegt worden. Ueberall aber ist ein Grundsatz festgehalten worden: die Kinder den ganzen Tag lang aus den lichtarmen, muffigen, frcudeleeren Wohnungen in die hellen, freundlichen Schulräume oder auf die Spielplätze zu ziehen und Freude, Freude am Spiel und Freude an der Arbeit in ihr heben zu bringen. Auf Hygiene wird großer Wert gelegt, die Kinder bekommen regelmäßige Biider, Wäsche, auch hier und da Kleidung. Außerdem werden sie morgens und mittags beköstigt, eine Suppe, Tee, etwas Brat und Kartoffeln. Und die hingebende Liebe von Kuratorium und Lehrerschaft wird belohnt, wenn sic in die leuchtenden Kindcraugvii blicken. Wie wird sonst so oft die Schule dem Kind zum Zwang, lind wie springt cs froh aus dem Unterricht zum Spielen fort. Hier ist es ganz anders. Hier hat erst die Schule sie gelehrt, das Schöne im Leben und in der Natur zu sehen. Die ITöbclspicle sind nicht einfache Ucbersetziingen ins Hebräische, sondern sie sind dem jüdischen Empfinden angepaßt. Das jüdische Haus, die Tora, die Feste mit ihren Freuden, Sukka, Meuora, der böse I laman und die schone Esther leben und treiben ihr Wesen. Es sind keine Schatten mehr und keine Symbole, das Kind, in dessen Händen eine Luppe l eben bekommt, baucht ihnen ihre eigene Seele ein. Eine Chamika-Eeier gabs. Da teilte sich der Vorhang und acht Mädchen standen da, eine blaue Schärpe auf den weißen Kleidern, jedes ein Licht in der I Land. Ein Knabe trat vor, saug den Segensspinclt an den, ,,der uns geheiligt durch seine Gebotc und uns die Chanuka-Liehtcr anzündeu hieß“ mul entzündete die Kerzen in der 1 land der Kinder, wie eine lebende Meuora standen sie da. Wie zwit- Werten dann hunderte von Kehlen das ,,Moaus zur jeschuoßi“. Das war ein Fest! Und obwohl — oder weil kein Lehrer, sondern eines der Kinder in seiner Sprache die Geschichte von dem kleinen, siegreichen Makkabäer-Häuflein erzählte, klangen die Hedad-kufe begeistert zurück. Oder am Purim. Da hatten in einer Schule die Kinder selber ihre Komödie vom König Achasehwcros gedichtet und ihre Kleider so zurechtgeputzt, wie sie glaubten, daß Esther aus dem persischen Harem zum allerhöchsten üastmahl schritt. Kinder als Schau- Spieler, Regisseur, Dekorateur, Publikum und Dichter. Und sie hatten ihr Stück hebräisch geschrieben, wie ja überhaupt hebräisch ihre Sprach« in der Schule ist. Und darin liegt ein besonderer Zauber dieser Erziehung. Gewiß, auch die jidischen arbeiten mit Aufopferung und jede Unterstützung, materielle wie moralische, wird ihnen auch von Seiten der Zionisten zu gönnen sein, so weit sie für hebräische und religiöse Erziehung neben dem jidischen Unterricht sorgen. Aber nichts reicht an den Eindruck heran, den die Kinder bei ihren sabbatlichen Spielen im Sächsischen Garten machen. Da sind Schulen und Kindergärten geschlossen; aber die Kinder nehmen ihre Sache selbst'in der llaiid, und im öffentlichen G״rteil klingt ihr hebräischer Gesang. Diese kindliche Propaganda wirkt mehr als andere, und zahlreiche Erwachsene, Schüler der alten Schulen, stehen in Rührung still. 111 dieser Empfindung haben sie auch den Zug mit angesehen, der am Lag beomer von! Ausflug die Stadt hindurch zurück marschierte. Dreitausend Kinder zogen in musterhafter Ordnung im Abglanz ihrer l'reudc von dem ersten jüdischen Ausfing ihres Lebens durch das Nnkwki-Vicrtel. Du kamen die Kinder aus den Häusern gelaufen und, nachdem sie eine Weile erstaunt «!gesehen hatten, schlossen sie sieh plötzlich zusammen und bildeten eine Absperningsketlc für den Zug. Und aus den I läuscrn winkte und rief cs ihnen zu:!יחי ([0 ישראל Natürlich wird nicht immer gespielt. Gelernt wird, aber auch das mit Eifer und Freudigkeit. Und die Lehrer haben keinen leichten Stand. Es giebt einen schweren Kampf mit Schülern und noch sdtwerer mit den Mädels. Die wollen alles wissen und treiben immer wieder die Lehrer in die Enge, so daß einer, der nicht nur die Materie, sondern auch die Psyche seiner Zöglinge kennt, sich nicht halten könnte. So aber wirkt alles harmonisch, und der Lehrer lernt von der Jugend, die er erzieht, ebenso viel, u׳ie er ihr gibt. Mir scheint sogar, noch mehr. L. B, Was ein Hofprediger in einer jüdischen Schule erlebt Von Rechtsanwalt Hans Block, Hannover. Hofprcdigcr Dr. Vogel hat es sieh nicht nehmen lassen, in Pinsk eine jüdische Schule zu besuchen bnd, was er dort gesehen hat, berichtet er!וזו ״Daheim“ vom 17. Juni 1910 nicht ohne Verwendüng von Ausdrücken unverfälschten antisemitischen Jargons. Die Luft in der Schule ist schlimm, der Schmutz groß, aber hohe Stiefel und streng bewahrter Abstand schützen den Herrn Hofprediger vor dem, was in Rußland kreucht und springt. Bei den Knaben nimmt er Intelligenz wahr, während die Mädchen eine gewisse Gleichgültigkeit zeigen. Als draußen mit schweren Batterien geschossen wird, daß die Fenster klirren und Mörtel von den Wänden fallt, gibt cs hei ״Salomo Türkischgelb“ und ,.Gcnia Turteltaub“ Erschrecken und ״Geseires“. Als aber gar ״Mosesleben“ äußert, er wolle nach Deutschland kommen, da entringt sich dein Hofprediger der Angstruf: ״Gott soll schützen — was für Atissichten?!“ All das erzählt der Hofprediger mit souveräner Verachtung von der Höhe der christlichen Kultur heiab und mit unverhohlener Rasscnantipathic. Und doch, wenn er ihnen liebevolles Verständnis entgegcngebracht hätte, hätte er bei diesen schlecht gc- »ährten Kindern Idealismus und einen gewissen Sinn für nationale Würde bemerken können. Nach dem ersten Besuch spricht er erstaunlicherweise den Wunsch aus, am nächsten Tage selber eine Untervichtsstunde zu geben. Das einfachste natürliche Taktgefühl hätte ihm verbieten müssen, Kinder, für die er Holm und Spott hat, als Objekte pädagogisclier Versuche zu benutzen. Aber das begreift er nicht, auch das verständliche Mißtrauen des Direktors der Anstalt ficht ihn nicht an. Also der Herr Hofprediger kommt wieder, hört sich die ״Geseires“ wieder an und bespricht mit den Kindern ausgerechnet (um im Stile zu bleiben) die Psalmen. Er Iragt die Kinder, welcher Psalm ihnen der liebste sei, und sie nennen nach Verabredung gemeinsam den 137, Psalm. Der Hofprediger vermutet, daß die Parallele Babel-Rußland die Kinder zur Wahl gerade dieses Psalms veranlaßt, olfenbar aber wollen sie dem fremden Herrn ihre Zionslicbe zeigen. Es ist eine kleine nationale Demonstration. Nachdem dieser und der 1. Psalm besprochen sind, fordert der Hofprediger die Kinder auf, ein Lied zu singen, und sic stimmen die Hatikwah an, «In Gesang, der ihm schauerlich klingt, aber doch sichtlichcs Interesse nbnötigt. Und zwei Tage später erscheinen die schon genannten ״Salomo Türktschgelb“ und ״Gcnia Turteltaub“ bei dem Herrn Hofprediger und überreichen ihm, säuberlich abgescluleben, die bekannte deutsche Uebcrsctzimg der Hatikwah, die unter anderen die schönen Verse enthält: ״Allsolang’ ein jüdisd! Herz Lauter pocht bei Floh» und Spott, Hoffen wir, daß sich erbarmt Liebevoll ein starker Gott. Noch ist Juda nicht verloren, Hoffnung hat uns neu belebt, Daß das Land, uns zugeschworen Sich zu neuem Glanz erhebt,“ ’ Eine jüdische Ausstellung Am 2*1. Mai d. J. cröffnetc der Bürgern! eister von Amsterdam im dortigen Städtischen Museum die Ausstellung ״f) as verschwind ende Amsterdamer Ghetto im Bild c", die ans Anlaß des am •I. Juni stattfindeiidcn Blument a g e s des Jüdischen Natioualfonds ver- ■ anstnltct wurde. Die Ausstellung darf fürwahr als ein Auftakt des Nationalfond-Bltimciitagcs betrachtet werden, wie er glänzender und eindrucksvoller kaum gclwten werden konnte. Es ist nicht zu viel gesagt wenn inan behauptet, daß diese Ausstellung tausenden Besuchern mehr jüdisches Bewußtsein — ״n besten Sinne des Wortes — vermittelt hat, als zahlreiche zionistische Vorträge und Publikationen zu geben vermögen. Und warum wohl? Einfach, weil liier innerhalb von vier Wänden das jüdische Leb e n selbst, vor allem das der Vergangenheit,?<> unmittelbar nml deutlich sich abspiegelte, wie es eben nur vom Küiistkr und Forscher empfunden und festgehalten werden konnte. Vermag man sich als Jude in Josef Israels Meisterwerk ״Ein Sohn des alten Volkes" zu versenken, ohne den inneren Zusammenhang tlcr Juden aller Zeiten und Länder zu begreifen, die jüdische Not mehr als sonst zu fühlen und aus dem stolzen, wenn auch schnurzliehen Gefühl der Zugehörigkeit zu den vom Sdücksal Verstoßenen in seinem Innern die Sehnsucht nach einer glücklicheren, freien Zukunft des Judenvolkes zu verspüren? Bevor ich näher auf die Ausstellung eingche, möchte ich mit einigen Worten ihres Initiators gedenken. Es ist dies der Amsterdamer Zio - nist I s a k P r i 11 s , ein Mann, dessen unersehöpflieber €,)11cll wertvoller, neuer Ideen, dessen Organisationstalcnt und unermüdliche Schaffenslust der zionistisclieit Arbeit seit Jahren in hervorragendem Maße zustatten gekommen ist. Er ist auch der erste Organisator des Natioiialfoml-Bliimciitages, der in Holland erstmalig im Jahre 1911 abgchalteu wurde und seitdem immer höhere Einnahmen — neuerdings in Amerika netto über 15 000 Dollar — ergeben hat. Prins' vorletztes Verdienst ist die Errichtung eines Nationalfond-Büros ausschließlich für Amsterdam, wo nach der Ansicht des Begründers bei geschickten Maßnahmen ״das Gehl für den Nationalfond und Palästina sozusagen von der Straße aufzulesen“ ist — was allerdings noch abgewartet werden muß. An der mit ungewöhnlicher Sorgfalt und Liebe und ebensolchem Erfolge geleiteten Organisation der Ausstellung beteiligte sich neben Prins vor allem der Redakteur des ״Jnodsch, Wacht.‘', E d e r s h e i m. I ):1(1 das Unternehmen über alle Schwierigkeiten und lleninissc hinweg überhaupt und dazu in so hohem Grade gelungen ist, dürfte in der Hauptsache Edershcnns Verdienst sein. Aber auch die übrigen Mitglieder der vorbereitenden Kommission, die Herren Dr. M. B. Gompcrts und J. Sanders, und ferner die künstlerisdien Berater und Sachverständigen, die Herren C. W. H. Baard, Ed. Frank fort (leider durch Krankheit behindert), N. Le Grand, A. J. J. Ph. Haas, Benjamin Prins und S. Sceligmann, haben ihr vollgerüttelt Maß zum Zustandekommen des Werkes beigetragen und verdienen Anerkennung. Die Ausstellung ״Das verschwindende Ghetto" setzte sich zusammen aus neun Abteilungen mit 15IS Nummern in folgender Einteilung: Stadta 11 s i c 111 e 11 und Gebäude; Volksleben; Berufsleben; Portraits; Religiöse Gebrauche; Sitten und Gewohnheiten; M ti 11 z e 11, Medaillen, Insignien und Sicei; Spottbildcr und verschiedenes, usstellungsgcgcnstände (Gemälde Gravüren, Zeichmiiigcn, Bücncr, Statistiken, Münzen, Medaillen usw. usw.) waren von fast allen Museen, den Synagogen- Gemeinden, Behörden, Bibliotheken, Stittungen, dem Diamantarbeiterverband, der Diamantbörse usw. und von vielen Privaten geliefert worden. Ein übersichtlicher Katalog, bearbeitet unter Aufsicht von lsak Prins, enthalt folgendes Geleitwort des Nationalfond-Komniissärs der Amsterdamer Ortsgruppe, Dr. ,F. Lcviticus: ״Das alte Amsterdanicr Ghetto, einst ein Zentrum jüdischen Lebens, möge geschleift werden — das jüdische Leben bleibt. Eine Bürgschaft hierfür ist die neue jüdische Oememscliaft, welche in Palästina von uns Zionisten aufgc* baut und von wo dem Diaspora-Judentum neue Kraft vermittelt wird.“ Diese Bemerkung nimmt Bezug darauf, daß ein Teil des Amsterdamer Juden Viertels, die Uilcnburg, niedergerissen werden muß. Die Notwendigkeit hierzu ergab sielt aus hygienischen Erwägungen, bezw. Sicherheitsmaßnahmen. Uebrigens trifft mau bei einem Gange durch das Amsterdamer Judenviertcl, das in seinen Typen besonders am Freitag und Sabhath einen eigentümlichen Reiz auf den Beschauer ausübt,' zahlreiche Häuser an, die den Vermerk tragen ״Polizeilieh geschlossen“. Einiges aus meiner leider nicht lange genug währenden Besichtigung der Ausstellung sei aufs Geradewohl herausgegriffen und hier in zufälliger Reihenfolge angeführt (eine künstlerische Wertung kann nicht meine Aufgabe sein): Meister Israels ״Sohn des alten Volkes“, ״Jüdische Hochzeit", gleichfalls von Israels. ״Das Schreiben des Gctt" von Frankfurt, eine Malerei von M. J. de Haan Talmud- Anatomie“, eine ergötzliche Darstellung ״Kaporahschlagen (mit einem Hahn) vor Jomkmpur“ von Bennie Prins, eine Reproduktion Sam. nirszenbcigs nach einem Oeinäldc Spinozas und andere Spinoza- Bilder und -Büsten. Ein Portrait unseres im vergang«• nen Jahre in Frankfurt a. M. verstorbenen Gesmnungsgenossen, des Oelehrten Licpnuui Ph■ \