Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXI (1916)
- Issue
- Heft 29 (21.7.1916)
- Date
- 1916-07-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Kr. 29 J U E DI SC H E RUNDSCHAU Seite 241 >ff sc יז> ־11; «ü d r* <*, z- IC a. d ß (- h tf 1t c it I, d h r;׳ e Ausweis der Zionistischen Vereinigung für Deutschland Schekel: Bamberg , Berliner Zionist Vcr- 10, , (.hemmt/.: 3^ י Cuxhaven 1 Die- (Unliofeit: I, , timlen: 11, . F r.1־ nkf 11 rt;1. M,: 1. |ug«'1Hlgr1tpp«• 10, , Il.>gc11au': 8,- . Köln ״. ftl!.’: teifin I lasdiaehar »8, , Koschmiii; 13 Manu- וי«'"" (I. Kate): 50,—, Posen: 7, , Remscheid 1 -- 8i1u>nlai1ke I7, , Sierck: I, , Saarburg | Landes beiträge: Hamberg: 22, , Berliner Zio- «lOiselie Vereinigung: 'H.50, Chemnitz: 1150 1:111- 1k•«: :|rt . Karlsruhe: 33, , Köln: Verein Haschadiai 1, ,;Kosehmin: 10, , Mannheim (I, Rate); 130, , Posen: 7, , Schönlanke: 51,—. Propagandafonds: Berlin: Rechtsanwalt Erich U״lm 20, (davon It), f, 1015). S. Rosenhliith 10,- , Joseph Sal/mumi-Königsberg |()(| , «;hemiiftz: Dr. Wahur f rat nkd (I, Rate) 12,50, (,rossen: Ober־ It 11 ri־r (.alvary 10, , Cushaven: J. Schärfstem 0 , IHisseldorf: (.all Steinweg 5, , Halberstadt: Jakob lloifmann - Newvork 10, , Hilden: Tierarzt Baer 10,- . Mühlheim a. R,: Adolf Arnfeld 5, Posen: l)r, Manasse 10,--, Remsdieid: Zauderer 5 -, Zerk״'v: 1 ierar/t l)r, Mai 10, , aus dem Felde: Georg Baer (2. Rate) 5, , Leutnant Max Elias 10, , Rechts- •11׳'!•alt Notlimami 10, , San,-11.-O. Gustav Salomoii Kl, , Stahsar/t Dr. Stahl 20 Diverse Spenden: Eingang vom 3. bis 17. Juli 1916: Sc 11 ekel: -’’יי, , I. a 11 d e s b e i t r.1 g e: 352, P ro p a g a n- 11,1 f o 11 (I s 285, - , Gesamteingang: S e h e k e 1: 1S70,- , Landes- Im i t r ä (4 e : 258 I 50 , Pro p a ga 11 d a f o n <1 s : 5120,80. Adresse fiir neldsemliingcii: Zionistisdie Voreuiipinig fiir Deulsdihtiid, Berlin W15, Sächsische Str.dle 8. P o s t s e h e 1' k k o 111 o: Berlin 8091. -piadt vorläufig nur von «einen eigenen Vorschläeen. Es ist aber klar, was das bedeutet. Die Duduing der Ausweisung nacli Rußland wurde mit ütter Deutlichkeit ausgesprochen und von einem Widerspruch im Diiterhause wird nichts berichtet. Er ist *ihIi nicht zu erwarten. Die Situation gestaltet sich hn die Juden aus Rußland äußerst kritisch. (JAK). Aus der Notschule für galiziselie Flüchtlinge in Prag Von Max Brod. Die nachfolgenden Aufzeichnungen sind auf Ortimllage meiner Berichte an «len Gründer und Leiter der Schule, Prof. Dr. A. Engel, entstanden. Sie beziehen sich natürlich mir auf meinen Kurs, der ein ganz geringer Bruchteil des großen Sdmiwerkcs Prof. Engels ist. Ich halie hierüber in lieft I der Zeitschrift ,,Der Jude" Näheres vcrmevkt, I. Be ri eilt über den Kurs ,,W e 111 11 e 1׳ a - fur", w ö e 11 e 111 I i c h 1 V2 Stunden. Das Lehrziel durttc nicht in einer Ansammlung von historischem Wissen bei den Schülerinnen hestehen: vielmehr ging ich von Anfang an darauf ans, «len lebendigen Eindruck des Sch ö - »en und die in allen seinen Erscheinungsformen ewig wirksamen g e i s t i g - s i 11 I i c h e 11 Kräfte an einzelnen großen Dichtertypen darzustellcn und durdi Lektüre der Meisterwerke z.11 veriniltelii. Es "link■ die gründliche Bekanntschaft mit einigen wenigen solchen Typen «!er kursorischen Behändkng eines breiteren Lehrstoffes vorgezogen. So kam es, daß wir uns während der größeren Hälfte du Kurses mit Homers ״Ilias" befaßten. In der Schule wurden Teile ilcs I., 3., 6., 18. und 21. Gesanges gelesen. Die übrigen Gesänge, sowie ein Teil der ״Odyssee“ waren Pmatlektnre: ehe Schiikminen referierten öffentlich über das Gelesene. Bev«ideres Gewicht wurde darauf gelegt, «las ästhctivdi-kritiselie Urteil der Schülerinnen zu schärfen, *•<■' für die Besonderheiten der stilisierten, lieroiadieu Darstellung im Gegensatz zum Naturalismus cnipumglidi zu machen. Zü meiner Freude kann idt konstatieren, «laß gesunde künstlerische Instinkte geweckt wurden und daß immer größere Seihstitamligkcit des Urteils bei den Schülerinnen sidi btnuikhar machte, — Die Sympathie der Schülerin- »ai war dabei deutlich auf Seite der unterliegenden Troer und namentlich Hektars, der als ״Retter *eines Volkes“ mit Moses und David in Parallele gestellt wurde. Ueberhaupt wurde häufig auf die Gestalten und Szenerien der Bibel Bezug genom- ״«cn, so etwa die idyllischen Landschaften auf dem Sdiikk׳ des Achilleus mit denen des ״Hohen Liedes" verglichen u. a. Vor allem wurde die rch- Pose ״ml ethische Atmosphäre «ler Gricchenwclt “ den jüdischen Oedankenkreisen gemessen und oftmals, auch spontan von den Schülerinnen, die *'Midie Ucberlegenlieit des jüdischen Gottesgedankeiis gegenüber «len Göttern Homers erkannt, wobei sich die lebendige Religiosität und urwiidisige jüdische Eigenart der Schülerinnen in schönstein Lichte zeigte. — Nach kurzem Ucberblkk über die Geschichte der epischen Dichtung leitete «ler Einfluß «ler Antike mul Homers auf «lie neuere Dichtung, insbesondere auf Goethe zur Lektüre von ״I (ermann und Dorothea" hinüber. Diese Dichtung wird begreiflicherweise als Darstellung des Fliidrtlingssehieksals von den Mädchen besonders stark empfunden. Anfangs äußerten sie auch wtihl Unbehagen, aus der Idealwelt Homers in eine gleichsatt» alltäglichere Umgebung versetzt zu sein. Dies gab mir willkommenen Anlaß, die Mittel zu erörtern, durch welche Goethes Dichtergcnius «len Alltag in die Sphäre «les Erhabenen und Bedeutsamen, Weltgeschichtlichen zu erheben weiß. lX׳r Einfluß I lomcrS, die religiöse und nationale Stirniiumg (ioethes, sein Leben und Schaffen, vor allem seine Beziehung zu Schiller wurden vorgetrngen und diskutiert. Im Ferialkurs wurde die Lektüre dieses Epos fortgesetzt mul, teilweise durch IVivatlcktüre mul selbständige Referate der Schülerinnen, beendet. Die Tendenz eines besonnenen Festhaltcns an der nationalen Eigenart (im Gegensatz zur Assimilation an die linksrheinischen Nachbarn und im Gegensatz zu den Auswüchsen der Revolution) wurde als ein Gnimlmotiv der Dichtung klar «׳rkaimt und auf gegenwärtige Verhältnisse aiigeweiidel. Zur griechischen Literatur zurückkchrcnd wollte ich den Mädchen vor allem klar machen, «laß die bei Homer erscheinende sinnfällige Götterwclt nicht «las letzte Wort der griechischen Seele war. Zur Korrektur dieser hervortretenden einseitigen Ansicht wählte ich die philosophische Dichtung Pintons. Nach knappem Ucbcrblick über die Geschichte der griechischen Itiilosophic verweilten wir ausführlich!וסי der erhabenen und originellen Gestalt «les Sokrates, der als Geistesverwandter «ler jüdischen Sittlichkcit, der Propheten dai gestellt ,wurtlc. Wir lasen die erzählenden Partien des ,,Phiidon“; ״Apologie" und ״Kriton“ ganz, Es folgte die Darstellung der griechischen Tragödic, unter besonderer Hervorhebung des Acschylos. Lektüre: Amgewiihlte Parlier! aus dem Prometlieiis, die ganze Orcstie, wobei «lie sophokleischc lind I lofmaiiMsthnlsehe Elektra lieraugczogeit wurde. Die Uchciiegenheit des volkhaftcn Aescbylos über seine mehr 11ml inehr individualistischen Nachfolger wurde erkannt, vor allem auch die Erhabenheit seiner Gemeiiiseh.iftsaiiffassuiig. Ehe ieh zur Lyrik der Griechen überging, fand ich es notwendig, <la ich mich von den lückenhaften Vorkeiintiiisscii meiner Schülerinnen gerade auf diesem Gebiete überzeugt halte, einige Stunden über jüdische Poesie ciuzuschicbcn. Wobei ich aber bemerken muß, daß selbst die im Jüdischen unbewandertste Galizicrin den Durchschnitt des wcstjiklischen Mädchens an jüdischem Wissen (und allgemeiner Geistigkeit) weit iibrrrngl. Immerhin ist es merkwürdig und offenbar nur in den galizwcheii Er/iclumgsvcrhältnissen begründet, daß diese zum Teil hochgebildeten Mädchen, die in allen Literaturen der Welt, namentlich der polnischen, deutschen, russischen, französischen usf. ein ziemlidies Wissen aufweisen, gerade an 1 dein Gebiete der jüdischen Literatur verhältnismäßig am wenigsten belehrt sind. Einfach ein Jammer, wie besonders in ehassiilisehen Familien das Mädchen sich selbst überlassen bleibt. In Ostgalizien scheinen die Vorhältnisse jedoch besser als in Westgalizien zu Bei ostgalizischen und bukow jnaer Mädchen ich bestes Einvernehmen mit den frommen, nicht fanatischen Eltern, schönste Religiosität wird das Mädchen oft gleichsam Menschenrasse erzogen als «fer Religion erfährt es nur das Oberpaar rituelle Vorschriften, Festgesein. fand aber In Westgalizien aber zu einer andern Knabe, Von «ler flächlichste, ein brauche, ich möchte sagen: die ״Broehes" und etwas ringsherum, so daß cs, seiner Intelligenz entsprechend, durch diese Unterweisung unbefriedigt bleibt und mir in der polnischen Literatur Schönheit und Ert|11ick1mg sucht. So treibt mau «lie Mädchen zur Assimilation und Irreligiosität. Dies ist um so seitsanier, als sie dem Herzen nach gute Jüdinnen sind und auch die Tradition, soweit sie gelebt wird, mit allen ihren Schätzen au jüdischem Geiste kennen und lieben. Aber der zusammenhängende, bewußte, nicht bloß zufällige Einblick fehlt ihnen. Daher ist ihre .Schätzung jüdischer Geisteswerte auch eine unsichere, oft sogar aus Opposition gegen überortho doxe Eltern eine negative. Nur einzelne haben aus eigenem Antrieb oder mit Erlaubnis der Eltern auch Jüdisches studiert. Hier cinzugreifcn ist vor allem Pflicht einer wirklich modernen, zionistischen Er- Ziehung, die niemals billige ״Aufklärerei“ werden darf. Gerade hier ist unendlich viel zu leisten, um die Entfremdung zwischen den beiden Oeschlechtem der fromm gelehrten Männer und der oft allzu modern weltlichen Mädchen zu verhüten. Nun hafte ich erkannt, was ihnen fehlte: der offene unbefangene Blick für die Schönheit und sittliche Würde des jüdischen Schrifttums, diesen Blick, den sie für alle fremden Literaturen besaßen. Ich fand erfreulicherweise ungeheuer viel Intcressc und giften Willen bei den Schülerinnen, «las Versäumte nadi/uliolen. Wir lasen einzelne Partien des Schir hasehirim (Frühlingsbescltreihung usf.) und in einem besonderen kleinen Zirkel Kollektiv Dann einige Psalmen, die Propheten Ainos, Jesaia, Io rcinia, Jeeheskiel. Im Anschluß an die politischen Bestrebungen der Prophet 111׳ wurde Damaschke ,,Die Bodenreform uti alten Israel", sowie eine kurze jü- «lisehc Geschichte der ältesten Zeit vorgetragen. Immer wieder konnte ich auf «len ״expressionistischen‘1 Stil «ler hebräischen Lyrik lumvcisen und einer manchmal dtirchblickcndcn Nüchternheit meiner Schülerinneu entgegcntreteii, die durch das Lesen sogenannter ״mmlenicr“ Bücher mit ihrem Naturalismus entstnn* den war. — Der ungeheure sittliche Abstand der griechischen Lyrik mit ihrem meist epikureischen oder stoischen Fundament wurde nachher umso klarer. Von allen griechischen Dichtern machten S0I011 (ein Gegenstück unserer Propheten) und Sapplio (wegen ihres kindlichen (iottvcrtraiiens in der ,,()de an Aphrodite“) auf die Mädchen den größten Eindruck. Als besonders erfreuliche Tatsache kann ich hervorheben, «laß auch einige bereits nach Galizien hcimgckchrtc Mädchen in brieflicher Verbindung mit mir die Studien fortführen. Manche schreiten zur Einrichtung kleiner Bibliotheken, Lesezirkel oder Schulen nach Prager Muster, also auf national-religiöser Basis. Denn den Salz aus den ״Sprüchen der Väter“, daß Wissen ohne Wirken nichts ist, lege ich jeder beim Abschied besonders ans Herz. Einige Briefproben mit Beibehaltung «ler Schreibweise seien angefügt. II. B r i e f pro b e n. ״Sie werden gewiß Vergnügen haben zu wissen, «laß nicht nur ich allein von «len geistigen Schätzen . , . genieße. Ich teile alles was ich in Prag erlernt und was ich jetzt noch Dank Ihrer Güte Schönes und Giftes erfahre, mit meinen Freundinnen. Das Epos sowie «lie Erläuterungen gehen von Hand zu H11 ml und ich bin so glücklich etwas, für Manche unverständliches, aufklaren zu können. . . In tinserm Städtchen entwickelt sich «las Lehen ziemlich träge. Von Zeit m Zeit kehrt ein Jude, ifiit blassen Wangen 11ml mattem Auge, heim. Manches junge Herz schilt sich in die grolle schone Welt zurück. Sie kehren heim: doch haben mir wenige eine Heimat. Die meisten haben weder Wohnung noch Einrichtung und noch Mittel sich solches zu verschaffen. Das tut so furchtbar weh. Auch in unser Haus ist eine Familie zurückgckehrt; die Wohnung ist natürlich schon längst vermietet und von Einrichtung haben sic auch fast Nichts.“ ״Mir kommt es vor als ob Athen in jenen Zeiten eine Hölle des Verderbens der Bosheit und des Lasters wäre; daß Sokrates und seine Jünger die einzigen wären die noch die Gerechtigkeit und Sittlichkeit zu verteidigen suchten . . . Leider werden auch heute die gutmütigsten Menschen die nicht an! Kosten anderer sich bereichern wollen, verfolgt und als Narren verspottet. Bei den letzten Kapiteln des Phädon war mir ganz wundersam zu Mule, wohl war mir so herzbcli Leid um die Schüler die ihren unersetzlichen Lehrer lind Freund verlieren müssen; fiir Sokrates hatte ich aber nur Bewunderung. Dieser Mann der mit solchem Heldenmut fiir die gerechte Sartie sein Leben ließ erschien mir glücklich, bcneidenswert. . . . Eine Erbitterung fühlte ich gegen die Menschen die durch ihre eigene Schuld ihren Größten verloren haben.“ * ״Es wunderte mich sehr Ihre Atußenmg, ״es genüge nicht am Studiert wehe zu sitzen". Nein Herr Doktor! Der Stmlirrtisch kennt mich gar nicht! Darum kenne ich desto besser «lie Wage und das Maß, kann wunderschön Kongovon Ceylon-Tee unterscheiden, die Soll- und Haben-Seiten sind meine gute Bekannte auch Nadel und Kochlöffel sind mir nicht fremd. Ich lese wen ich nichts mehr zu tun habe, und schreibe am Abend wen Alles schläft. Diese sind auch «lie Augenblicke meiner Unterhai• hing und Vergnügens, Gesellschaft habe nur am Samstag, und das, lauter Mädchen, mit Herren dürfen wir arme, sündige, chassidisrhe Mädchen nicht zusammenkommen. . . . Von einer kulturellen und w'irtscliaftliclicn Gemcinarbcit kann gar keine Rede sein. Einen Plan hätte ich wohl schon, aber der kann nie zur Ausführung gelangen, da er große Mittel, viel Kräfte und Begeisterung erfordert. . . Der Plan wäre also: eine Schule, oder besser gesayl, eine Art Erziehungsanstalt zu gründen, in der Kinder beider Geschlechter von lOten Lebensjahre aufwärts, Ihre Schulbildung wie auch praktische Er• Ziehung genießen könnten.“ * ״Ich freue mich Ihnen berichten zu können, «laß der Unterricht, den ich erteile sich »ehr gut entwickelt. Ich habe mir die Sache im voraus »«dir