Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXI (1916)
- Issue
- Heft 29 (21.7.1916)
- Date
- 1916-07-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 236 1UED1SCHE RUNDSCHAU Nr. 29 ' kulturelle», ״a iitonomm" Gesellschaft gelebt halle. Bis mm Beginn des letzten Jahrzehntes war die jüdische Bevölkerung in Polen und Litauen tatsächlich verschont geblieben von irgendwelchen russischen oder polnischen Kulturangriffcn. Das Polnische und Russisclie, dessen gesellschaftlich politische Bedeutung eigentlich erst vor einigen Jahren zur Geltung kam, hätte auch gar nicht so leicht den Kampf gegen das Jidische aufnehmen können, dieses Jidische, das schon Beinahe auf eine reiche, hundertjährige kulturelle Betätigung zuriickWickcn durfte. In Polen und Litauen war das Jidische ein Gleicher unter (ileiche 11, das war seine Bedeutung und seine Stärke. Und wenn auch in den letzten Jahren die Verbreitung des Russischen ,in der jüdischen Masse unglaubliche Dimensionen angenommen hatte, so hatte man doch stets das Gefühl, dalt sieh hier zwei gleichmälfige Faktoren gegenüberstehen. Es war der Kampf zwiselten dem ,,Wiinaer Gaon und dem Golem“. Man wufitc: so leicht dürfte es dem Golem nicht gelingen, den Ciao« zu besiegen. Welche Leichtfertigkeit und welche;Blindheit ist dazu nötig, um dieselben Verhältnisse sieh im n c u e 11 Ansicdlmigsravon, in den inneren Gebieten des Zarenreiches zu denken. Die Deutschen an der Wolga, deren nationale Geschlossenheit mul natürliche Treue zum Deulschttim ja bekannt ist, sind längst im Kampfe erlegen. Nur Uebcrrcstc des Deutschtums sind es, die au der Wolga in den letzten Jahren lebten und kolonisierten. Sic konnten dem Kampf gegen die Wirklichkeit, gegen die grolle und reiche ntssiselte Kultur, gegen die ״weitschwvifeiidcii“ Külturpreiligten der russischen Intelligenz und Literatur nicht slandhalteii. Die junge Generation ist ganz russisch. Dabei genossen die Deutsehrussen bis in die letzten Jahre hinein ziemliche Freiheit auf allen Gebieten der kulturell-erzieherischen Tätigkeit. Und nicht nur die Deutschen. Auch die cingewandcrtcn Polen haben sielt im Inneren Rulllaiuls beinahe völlig assimiliert. Es ist nicht zu begreifen, wie mau bona fiele das Jidische auch als die Volkssprache der Zukunft der russischen Juden im Innern Rulllaiuls bezeichnen kann. Es ist kaum ein Jahr her, da die grollen Fhichlliitgsmasscn ans Polen und Litauen m grausamer Weise nach dem Innern Rultlamls vertrieben winden, es ist kaum ein Jahr, dal! die althergebrachten Ghadarim in den inneren russischen Städten geöffnet wurden — und schon jetzt sprechen die jüdischen Chederkinder untereinander russisch. Schon dies sind die ersten Opfer des Milieus. Es liiclle die Tragweite dieser schrecklichen Ereignisse, der grausamen Entwurzelung und Vertreibung von Hmulerttausemlen in neue, unbekannte Länderteile nicht verstehen, wollte man mit der Psychologic der Wiinaer Gasse in Zarizin, Tomsk oder Irkutsk operieren. Darin liegt eben die Tragödie, deren Folgen noch gar nicht absehbar sind. Ein grausamer Schlag hat den jüdischen Volkskörper und die jüdische Volksseele getroffen. Es müssen nun neue Methoden gesucht und gefunden werden, um den körperlich und seelisch gebrochenen Juden widerstandsfältig zu machen, ihn zu nettem Lebenskampf auszurüsten und vorzubereiten. Es ist eine jener historischen W a tt d e r u n g e n , die die jtnlen da von Palästina nach Babel schleuderte, dort von Spanien nach Mitteleuropa und wiederum von Mittel- J. A. Naidltsch: Zum zwanzigsten Tammus Jaffa — die Metropole des neue« Palästina, die Stadt, die die besten Pioniere vier Erneuerung in sich schlang, — wie unheimlich und furchtbar ist die Stimmung, die in dieser Stadt herrscht! Entlauschutig, Verzweiflung, Ungläuhigkeit. Viel, viel sprach ich inil 'den I.eilten und suchte die Gründe zu finden, die eine solche Stimmung gerade in Jaffa veraulallten, — ich suchte und weil! nicht, ob ich sie fand . . , An einem Fruhbngsabeiid gingen wir hinaus, ich und einer unserer ersten Pioniere, und ergingen uns am Meeressaum. ,,Das Meer gleicht dem Himmel“ חי6 ■־־ •fas Meer Palästinas stimmt dies Wort gewifi. Tiefes, tiefes Blau oben, tiefes tiefes Blau unten. Und dazwischen — lachen, spielen und tollen die letzten goldenen Strahlen der sinkenden Sonne. Ruhig und sorglos lag das Meer, träge und vvrträumt leckten seine Wellen hier und da den hellen Sand. Ich war wie gebannt von dem Zauber der Blaue und Stille. Aber mein Gefährte, an diese herrlichen Schauspiele gewohnt, kümmert sich nicht un! das Meer und seine Schönheit. Er ist in unser1 Gespräch über den Jisclvuw und seine Lage versunken: — ,,Sie sagen, daß unsere Forderungen nicht dem Erreichbaren entsprechen nnd darum seien wir vorzeitig verzweifelt. Wenn Sie ein Palästinenser wären, würden auch Sie anders sprechen. Seit mehr als zwanzig Jahren wohne ich in Palästina und weiß, curopa muh Polen und den anderen slawischen Landern. Es ist eine nationale Erschüft er* u 11 g. Wir laufen Gefahr, an der Wolga der Erscheinung zu begegnen, die wir in ihrer ganzen Abnormität bei den jüdischen Massen in New York sehen. Die Ellern lind die Kinder reden zwei verschiedenc Sprachen. Das Kind kann der Geisteswclt des Vaters nicht mehr zugänglich sein. Für das russische Judentum kann solches zum größten Unheil und nationalen Unglück werden. Jet/t werden neue Schulen gegründet, die grollen Massen der Gejagten und Vertriebenen haben endlich eine ,,Ruhestätte“ gefunden. Zahlreiche neue Gemeinden entstehen int weiteren Rußland. I tir die jüdische Er/ichung entstehen Probleme von großer Schwierigkeit, aber nicht nur die Erziehuugsfragc, man kann ruhig sagen, die ganze Existenz des geistigen Judentums wird in neue, unbekannte Verhültnisse hiiieingetriehen. Der Selbsterhaltungstrieb sagt den jüdischen Volksmasscn: erhaltet das Bestellende, hütet den Glieder, reformiert und baut ilm aus, hütet die alte, hebräische Thora und den hebräischen Geist der Thora. Große und reiche Aufgaben entstehen nun für das nationale Können und Schaffen. Die jüdische Schule soll das Volk durch alle Gefahren in eine gesichertere Zukunft liinübcrfühicii. In der Schule erblickt der wandernde Jude seinen I{ etter in der Not. Da entsteht der Kampf der Parteien. Besondere lleaehimig verdienen liier die jidischistischen Fordonmgen, die fast alle radikal sind. Es entsteht die Parole: die jüdische Volksschule gehört dem Jidischcn. Ja es geht so weit, daß man die F'ordcning aufstellt, mau solle den Anfangsunterricht den Kindern nicht wie bisher im Hebräischen, sondern in der jidischcn Sprache erteilen. Die hebräische Bibel, ja die Bibel überhaupt soll von der jüdischen Schule verschwinden, Aus Respekt vor der Tradition werden auch dem Hebräischen eine entsprechende Zahl von Unterrichtsstunden wöchentlich /«erkannt, Das muß hier gesagt werden; nicht in den sogenannten Programmfrageti spiegeln sielt die Kämpfe ab, nicht in der Zahl der Unterrichtsstunden äußert sieh das Wesen des gegenwärtigen Sprachenkampl'es. Die Gründe liegen liier tiefer. Auf die Tendenz k o m 1111 e s an. Und 11 u r die Tendenz kann und w ird in dieser Frage entscheiden. Die gegenwärtige Selmlirage ist für die russischen Juden durchaus nicht nur eine nationale Frage. Im Gegensatz /um alten Ansiedliingsinvon bildet jetzt die jüdische Seliulfrage ein tiefernstes soziales Problem, Die neue Schule muß die junge jüdische Generation für den neuen Kampf ums neue Dasein vorbcrcitVn, Der Kamp! ums Dasein, der Selbsterhaltungstrieb der Juden im neuen Rußland werden notgedrungen dazu fuhren, daß die Schule für den Jude״ eine Vorbereitung für das Lehen wird. Der jüdische Handwerker, der Krämer, der Händler, der Handlung*• gehilfe, der Agent, der Fabrikarbeiter konnten im alten Ansiedlungsrayon sehr wohl ohne gründliche Kenntnis der Landessprache ihre Existenz finden. 1111 neuen Rayon isl ein solcher Zustand ganz ausgeschlossen. Schon jclzt liegen dafür zahlreiche Beispiele vor. Jetzt schon sind zahlreiche jüdische Geschäftshiinscr, Ladeninhaber, Handwerksmeister ge- /.willigen, russische Hilfskräfte an/ustcllcn, da sie wie gering in dieser Spanne Zeit unsere tatsächlichen Fortschritte im Vergleich mit dem sind, was wir hätten erreichen können, wenn wir richtig gearbeitet hätten . . , Sie sagen: Leitung, Organisation, Ich hilte Sie, was tut die hier? Fast alles, was wir in Palästina haben, kam uns nicht von der zionistischen Organisation. Ihr wohnt in der Diaspora und haltet Versammlungen und Vorträge ab. Worte, Worte, nichts als Worte , , . Jahre kommen und vergehen und von den Zionisten wurde hier nichts Neues geschaffen. Und nun kommen Sic und verlangen von uns, wir sollen Zionisten sein, die zionistische Organisation verehren! . . . ~ ״Sie fragen mich, warum ich zu Hcrzls Zeiten Zionist war? Weil ich glaubte, weil ich wußte, daß dieser grolle Führer auf den richtigen Augenblick wartete — und die Oeschichte ist voll von plötzlich kommenden richtigen Augenblicken — und weil Ich sicher war, daß, wenn dieser Augenblick kommen wird, er ihn nicht ungenützt vorübergehen lassen wird. Verstehen Sie? — Nicht übersehen und nicht vcqiassen. Denn sein Herz war stets wach in ihm und seine Seele horchte allem Geschehenen und allem Bevorstehenden lauschend auf . . . Stets, Tag und Nacht, suchte dieser Große nur eines — den Weg der Erlösung . . . ־״־־ ,,Nie werde ich den Tag vergessen, an dem der vcrcwig-lc Führer zu uns nach Palästina kam. Wir alle erbebten bei der Kunde, daß er kommen werde. Den Zweck seines Kommens kannte niemand. Wir wußten nur, daß zur gleichen Stunde ein mächtiger Herrscher hier sein werde und wir waren sicher, daß, wenn sich unserem Führer ein richtiger mit jüdischen Hilfskräfte״ wegen deren mangelhafter Kenntnisse des Russischen unmöglich .auskoimtien, Bedenkt man, daß im neuen Rayon die allgemeinen Schulen für das jüdische Kind so gut wie offen stehen, so ist es leicht einznsehen, welche starke Entwicklung die Russifi/icrung der neu heranwachsen• den jüdischen Generation machen wird. Nur Blinde können dies nicht ciiisehen. Und damit ׳kommen wir /.um Schwerpunkt der Frage: •Nicht wie, sondern was soll unterrichtet werden? Welche Macht soll die neue jüdische Generation durch die neue Schule für den Lebenskampf erhallen? Die Jidiseltisfeit sagen leichten Herzens: die jidische Literatur, Perez, Schaloirf Alcjchcm, Schnlotn Ascit 11s\v. Das sollen die Waffen sein, mit denen der junge Jude, sich gegen die mäelttigen Stürme der ihn umgebenden russischen Kultur wehren soll. Die ganze Schulfrage wird falsch verstanden. Es handelt sich nicht nur darum, welche Sprache mehr oder weniger unterrichtet werden soll, es handelt sich um eine■ Existenzfrage für das russische Judentum, cs handelt sich um Sein oder Nichtsein, um die Erhaltung der neuen jüdischen Generation gegenüber den anstürmendeu Wellen der slawischen Kultur. Und nur der alte jüdj• sehe hebräische Geist k a n n d a g e g e n m i t Erfolg k ä m p f e 11. D i e j ti d i s c h c Schule nt u ß ein Z e tt t r u m d e s heb! :1 i scheu Geistes w e r d c n , 11 in nicht d c r russischen Ku 11 u r i n va s i o tt zu crlie• g c n. Es ist intcrcssapt zu verfolgen, mit welch kleinliehen Argumenten die Jidischisten ihren Kampf rechtfertigen. Die Hebraisten, so heißt es, imiehcn das Kind zum Mittel, wahrend es für die Jidisdn-ten der Selbstzweck sei. IXm Kinde darf kein überflüssiger ,,Ballast“ nufgehiirdet werden. Audi die banale Behauptung, das Hebräische könnte eine nickständige Generation licrau/ichett, die schon in den 80er Jahren als kurioses Gerede abgetan wurde, wird nun wieder aufgestellt. Die Hebraisten widerleget! dieses Gerede mit Erfolg, indem sie darauf hmweisen, daß diese wohlueiscu ,,Ball:1st“-Argtunente vielleicht nur dann Sinn hatten, wenn man kategorisch das Iwrith b’ iwrith-Systcm dtirchifihren wollte. Tat• sächlich steht aber dieses System auf dem let/ten Plan. Die Hebraisten nehmen gerne das Jidische zur Unterrichtssprache, wo es nur geht, allerdings nur als Mittel, nicht als Selbstzweck. Der Zweck bleibt das Hebräische, eine hebräische Generation, eine hebräisch denkende und fühlende Gene• ration soll erzogen werden Das ist der Kern der Frage. Wollen wir den Schulkampf in Rußland biaui die letzten Konsequenzen verfolgen: es ist ein Kampf um die nationale Erziehung. Nicht umsonst bezeichnen die Jidischisten ihre Gegner samt und sonderals ,,Zionisten“. Dieses Moment ist auch das mail■ gehende in diesem Streite. Das haben auch die Hebraisten, oder, wie sie genannt werden, (he Zionisten begriffen. Sie wissen, daß cs sielt um eine grolle' Sache handelt. Wir durchleben jetzt schwere Zeiten des Schaffens und des Wiedcraufbauens, der inneren und äußeren Umwälzungen. Versagt die hebräische Tendenz in diesem Moment, so ist sie Augenblick bietet, er ihn nicht verpassen wird, nicht verpassen“ . , . — ״Herz! verziehen dir auch, daß Cr gegen die praktische Palästinaarbeit, gegen eine unmittelbare Kolonisation im Lande war. Wir verziehen es ihm, weil wir bestimmt wußten, daß ein Mann, der die Lage des Volkes und seinen Geist so gut kennt wo er, nicht seine Hände in den Scholl legen und eine Ewigkeit warten wird. Er kam nicht aus dem Volke zu lins, aber er war uns nahe, denn ein großer Geist und eine große Liebe beseelten ilm und ihnen verdankte er es, daß er die Seele des Volkes kannte mul sich in sie vertiefte“ , . . — ,,Ja, wir alle ehren in Palästina das Andenken des verewigten Führers. Das Andenken Herz!- ist >ms ׳das Andenken eines Volksführers. 111 allen Kolonien, von dem südlichen Kastinic bis zunt nördliehen Mctulln, in jedem entlegenen Winkel finden Sie Herzls Bild. Wir wissen hier, daß er den ganzen Schmerz des Volkes in seinem Herzen trug, denn solange er in unserer Mitte und über uns stand, gönnte er sich keinen Augenblick Ruhe und Erholung, stets suchte er mit der ganzen Kraft seiner grollen Liebe, mit allen Regungen seiner reinen Seele, suchte, suchte, suchte“ . . . Ein leises Lüftchen wehte, aus den Tiefen des Meeres erhoben sieh eilige Wellen lind brachen sich am Strand, zu Füßen der Felsen , . . Lange noch saßen wir beide am Mecrcstifef, jeder in seinen Ocdankcn versunken. In der Feme, dort wo da9 Blau des Himmels aufhört und ins Blau des Meeres taucht, ist ein Wölkchen sichtbar, die Spür eines fernen Schiffes, das seinen Weg inmitten des großen Wassers sucht . . . Still saßen i /