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Jüdische Rundschau · 1916-07-21 · Heft 29 (21.7.1916) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXI (1916)
Issue
Heft 29 (21.7.1916)
Date
1916-07-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Herzl Nun sind es schon über zwanzig Jahre, dal! fhcodor I ier/ls ״Jmlciistant“ den neuen Zionismus geweckt hat. tbid zwölf Jalire sind;1111 20. Tauumis verflössen, seit wir Jahr für Jahr in immer lebendiger Trauer und mit immer erneutem Stolz ilieodor I Ier/ls gedenken, die Bedeutung seiner Persönlichkeit und seines Werks uns zum Bewulftseiii bringen und in gesammeltem Rückblick unsere zionistische Aufgabe erkennen. Sich in Herzl versenken, heillt immer wieder, sieh der Verbundenheit mit dem Zionismus, im Zionismus bewullt werden. Herzls erste zionistische Schrift war ein politisches Programm für das jüdische Volk. Die Durchführung des Programms sollte ihm die nationale Zukunft, die Befreiung von den Noten der Heimatlosigkeit bringen. Der erste Zioiiistenkongrcli hat an die Stelle der Plane des niemand Verantwortlichen, niemand Verpflichtenden das Programm der Organisation gC'-et/t. Seither hat sich innerhalb des Rahmens, den das Baseler Programm bedeutet, vieles geändert. Zu Theodor 1 lerzls Zeit und seither. Die Art und die (iriinde dieser Entwicklung sind der Inhalt der (ieschichte der Zionistischen Organisation und , ihrer Arbeit. Aber die grolle Weckschrift Theodor I lerzls, die dem neuen Zionismus die Kraft der Erhehung gewonnen hat, ist dem zionistischen Empfinden nicht veraltet. Ihre Bedeutung war niemals im Aeullerliehen des politisehen Programms erschöpft. Pin ewiger Sinn hebt sie über die Wandelhaikeit und Vergänglichkeit politischer Formell liinaiis. Sie hat dem jüdischen Volk wieder einmal das :.׳rolle, unbedingte Wollen erschlossen. Sie hat ihm den neuen Cilauben und Mut gegeben. Denn sie selbst ist trotz aller midi- Urnen Deberiegung und Darlegung von der lodernden ülut des Glaubens an die grolle Erschütterung des Volkes, au die befreiende .Wirkung der entscheidenden Tat erfüllt, die zwischen Glauben und Hoffnung stellt. So ist sie auch für jene, die den von ihr gewiesenen politischen Weg nicht einsclilugcn oder auf die Dauer nicht mitgelien konnten, zum Weckruf und zum Entschcidungsruf geworden. Darum hat sie auch im Judentum gcschicden: In der Entscheidung für den neugcweckteii zionistischen Gedanken lag die Entscheidung für ein neues Judentum, das wieder vom Glauben an die unerschöpfte Kraft unseres Volkes erfüllt ist. Der ״Judenstaat" Theodor Hcrzls hat den zionistischen Gcincinschaftswilien geschaffen; und immer wieder fließt aus ihm neue Stärkung. 111 jedem Juden, der aus voller Seele das Erlebnis des Zionismus erfährt, wiederholt sich, was Theodor Herzl erfahren hat, als in ihm der ewige jüdische Voiksgcdankc lebendig wurde und ihm die Kraft gab, ein zerstreutes und siechendes Volk zum Wollen aufzurufen.* ״Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schäftung einer öftentlieh-rechtlich gesicherten Heimitütte ln Palästina." Baseler Programm. Von der Kraft seiner Wandlung bekannte '1 licodor Herzl in einem für Gustav (1. Cohen bestimmten Brief: ... daß ich ander Güte unseres ״Menschcnmaterials" nicht mehr zweifeite, als ich die Kraft des nationalen Erwachens in ■mir selbst erlebte. Zur Zeit, als Ihr — und mein! — Freund seine tief aus 41cm Herzen kommenden Worte iiiederscbrieb, war ich noch ein spöttischer Jude, der wahrscheinlich gelacht hätte, wenn ihm diese Aufzeichnung zu Gesicht gekommen wäre. Aber es ist in mir eine Wandlung vorgegaugeu, die ich als das Glück mul den Stolz meines Lebens empfinde." In dieser Wandlung ruht die sittlich-nationale Kraft auch unseres Zionismus. Weil sie fortwirkt, bleibt die Zionistische ()rganisatiou die lebendige zionistische Bewe gaiiig. Der Sprachenkanipf der russischen Juden Dax russische Judentum führt seit einem Jahr einen lebhaften Sprachenkampf, einen Kampf zwischen llelnuiseli und Jidisch. 11« wird ein geschichtliches Lhicmlcnkiual für das russische Judentum!)leihen, daß es gerade in diesen Schreckciisjaliren einen Sprachenkampf geführt hat. Nur in einem lebendigen, Willensstärken Volke kann in einer solchen, noch nie dagewcsvneii I eitlens/eit ein heftiger Kampf tim nationale (11111•!• entbrennen. Die krage der Unterriehisspraehe in den neu zu errichtenden jüdischen Schulen interessiert die breiten Volksschichten und deren hüllende Kreise in nicht geringerem Made als die taghellen Lehensfragen, die der Vrrnichtnngskanipi des I eiiides liervorgcriifcn hat. Das russische Judentum hat \erstanden, dail es sieh nicht um eine literarisch-polemische krage handelt, sondern 4la(l diese Spradicnfrage ein nationales P r o h I e in von eminenter Bedeutung ist. .Mau ist in w e s 1 j ii d i selten Kreisen über das Wesen dieses neuen Spiachcnk.iiiipfes sich nicht ganz!ui Klaren. •Man begeht zunächst den Irrtun!, den gegenwärtigen Streit mit den bisherigen, längst bekannten Sprachen-! )iskussioncii der russischen Juden zu vergleichen oder beides ztt identifizieren. Dem ist ganz mul gar nicht so. I landelte es sieh in früheren Jahren um tlieo t e t i s c 11 c Diskussionen, so ist der .Sprachenkampf im jetzigen Moment ein greifbarer, realer Lebensfaktor. I)t׳r frühere Sprnche11k,1111|1f in Litauen hat mit dein gegenwärtigen Spraelienstreit an der Wolga im (iriiiide ge- Kommen wenig zu tun. Es sind zwei verschiedene Kampfgebiete, deren Wirklichkeit und Inhalt versduidciicn Bedingungen unterliegen, fit Litauen war es eine Doktor-h'ragc, an der Wolga linmlclt es sich um eine tiefernste Lebensfrage. In Litauen 11,111• deltc es sich tatsächlich um die Volkssprache, um das ,Milieu, um Tradition, an der Wolga -־ soll eine neue Welt entstehen. Hier soll der Anfang gemacht Meiden. Das ist der Hauptkerl! der krage: w i e soll der Anfang gemacht werden und wohin soll er führen? Dm das Wesen und den wahren Charakter des gegenwärtigen Spraclienkampfes zu verstehen, tim die extremen und radikalen Tendenzen der streitenden Parteien richtig zu beurteilen, ist es notwendig, eine Tatsache zu beleuchten, deren Bedeutung nichf gciiügeml beachtet worden ist. Wer sind die Haupt• führet »1er kämpfenden Richtungen? In diesem Punkt wiederholt sielt die frühere Erscheinung. Der Kampf spielt Sieh hauptsächlich in pädagogischen Kreisen ab, in der Lehrerwe 11. Sie sind die eigentlichen Schöpfer und Träger der gegenwärtigen jüdischen Schulfragen, ans ihrer Mitte entstehen die Programme, von liier aus gehen 111 die Anregungen an die öffentlichen Institutionen, Bihhingsgesellsdiaf. teil, Gemeinden und sonstigen Antkläriingsfaktoren. Hier muß die interessante Scheidung dieser Kulturträger streng beachtet werden. Die hebräischen Lehrer und die Lehrer der sogenannten ״allgemeinen“ Fächer: das sind die zw ei I iauptgruppen, die in allen Schulproblcmen der russischen Juden Ton und Richtung angehen. Es ist noch nicht allzu lange Zeit her, da es als ausgemacht galt, was auch nie bestritten wurde, daß der jüdische Lehrer der allgemeinen (Profan-) Lädier der Assimilant war, der Russifikator, der sogenannte ״Kulturträger“, dessen Aufgabe es war, Bildung und Aufklärung in die ״dunklen“ jüdischen ,Massen zu bringen. Diese . Mission, die der jüdische Lehrer fiir die profanen Fächer noch von der Haskala-E|x)d1c her mit übernommen hatte, ist glücklicherweise im letzten Jahrzehnt, dem Jahrzehnt der jüdisch-nationalen Re‘• naisancc, völlig vergessen worden. Der Aufschwung der nationalen Bewegung, sein kulturelles Wirken in allen Gebieten des jüdischen Lehens, hat die neue jüdische Schule geschaffen, die Volksschule, so gut oder schlecht sie ist. Die ,,kiiltnrbringeiulc" Tätigkeit des mit der russischen Haskala beladenen jüdischen 1. elirers ist eines se!m111“׳ Tages ganz überflüssig geworden. Ls ist ein ehrendes Zeichen fur die grolle Masse dieser ״allgemeinen“ Lehrer, daß sie in den Strom der nationalen Bewegung mehr oder weniger mit liineingezogen wurden. Da entstand für diese grolle (irup|H■ ein neues Problem. Wie soll sie sieh national betätigen? Wie soll sie ihre faktisch russifikatorische Tätigkeit mit den Fordentngen der jüdisch-nationalen Volksbewegung in Einklang bringen? Durch Hebräisch als Dnterrichisspräche? Bis •111־F einige Wenige ist ihnen das Hebräische noch bis auf den heutigen Tag völlig fremd. Sollten sie da Kampf und Konkurrenz atihiehmen können gegen ihre hebräischen Kollegen, die, aus den Volksschichten kommend, den Volksmasscii tatsächlich am nächsten standen und mit der jüdischen Masse lebten und arbeiteten? Kommt doch der hebräische Lehrer meistenteils aus der Jeschiwah, vom Bctli-I lamidraseli, von der kleinjiidisclicn Lehr-• stuhe. Es wird keine Ucbcrtreibung sein, wenn gesagt wird, daß der jetzige Sprachenkampf gewisser• maßen ein ״K I a s s e 11 k a 111 p f“ ist. Der alte ״Aufklarer“, der Lehrer der allgemeine״ Fächer kam pft u in seine 11 c g c m o 11 i e. Er ist klug genug, um zu verstehen, daß er mit dem Russischen seine Autorität und Anerkennung in den jüdischen Volksschichten nicht durchsetzen wird. So soll liier jidisch die Parole sein, die Losung, «lie dein ,,rückständigen" hebräischen Lehrer, dem ,.Kation“, den Weg zur Schule sperren soll. Gar oft macht der Eingeweihte die merkwürdige Beobachtung, daß der Kampf der heutigen jidischistbchcn Lehrer gegen das Hebräische mit den ehemaligen Kämpfen des russischen Lehrers mit dem lle'bräisclieii eine auffallende Aehnlichkcit hat. liier soll eine Tatsache fextge<iclh werden: für die jüdischen Volksmassen gibt es gar kein Sprachenprohlem. Der Alltagsjude denkt auch nicht im entferntesten daran, wie es auch allgemein zugegeben wird, auch nur ein Jota von der hebraisdien Erziehung aufzugehen. Es sind die intelligenten Kreise der jüdischen Oeffcntlichkeit 11ml der Gesellschaft, die den Kampf führen. Es ist bezeichnend für die vagen Vorstellungen und leeren Begriffe der Jidtschisten, die sich Jidisch als Volkssprache an der Wolga, im Kaukasus und in Sibirien denken, ln Polen, in Litauen, im Ansicdhmgsrayon konnte das Jidischc zur Volkssprache werden, sie kam aus tler hebräischen Tradition, sic war mit tausend Fäden mit dem hebräischen Milieu verknüpft und auch da konnte sich das Jhlische so lange entwickeln, als 4's gewissermaßen innerhalb einer geistig- % ■4

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