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Jüdische Rundschau · 1916-07-14 · Heft 28 (14.7.1916) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXI (1916)
Issue
Heft 28 (14.7.1916)
Date
1916-07-14
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 23t) JUED1SCHE RUNDSCHAU Nr. 28 Brief aus Bulgarien (Von unserem K o r r e s סין n (I e n 1 e n). .Mit dem Ausbruch des Krieges in Bulgarien geriet wie das ganze jüdische l.ehcn auch die /ioiiisti• sdic Tätigkeit in Stillstand. Niemand dachte ilaian, von irgend jemand eine organisatorische Tätigkeit zu verlange״• Jeder hatte die Hoffnung, tlali der Krieg nicht lange ilanern wcrile lind dalt man nach dem Kriege mit neuen Krallen au die A rhi'it gellen könne. Trot/ der Lähmung, die der Krieg anfangs auch im zionistischen l.ehen Bulgariens mit sieh hraeliie, können wir jet/t \0n einer jiidiseli-nationalen -Arheil unter der Jugend sprechen, die gute Erfolge zeitigi. Die ilistadruth f ii r 11 e b r ä i s c h e S |1 r a e h e 11 11 d Kult 11 r, die sieh vor einem Jahre als einheitliche Orgnnis.iton mit der Zent ra 1 e in I* 11 i I i p p o p e I organisierte und deren Einfluß sehr groß und weitverzweigt ist, begann erneut ihre Taligkcii aulVunehiiieii. Die Ilistadruth in Bulgarien zahlt vier/ehn Vereine, von denen jeder unter l.eihing der Zentrale allwöchentliche V o r t r ii ״ e über jüdische L ragen und jüdische Literatur ablihlt. Von Zeit /•u /eil, besonders anläßlich der jüdischen l estläge, finden jmigjüdischc Abende statt. Die Keinertrage dieser Veranstaltungen werden gewöhnlich für Liebesgaben an die im beide stehenden jüdischen Soldaten und zur Untersüitzimg der kricgsnotleiileiiilcn indischen Bevölkerung verwendet. So fand z. B. in Sofia ein jüdischer Abend der llistadruih statt, dir über 2500 l.evas einbraehtc. Davon wurden I'-20tt l.evas dem jüdischen Waisenhaus in Sofia gegeben. In 1י h i I i p p o p e I konnte die Ilistadruth der jüdischen Gemeinde für die Kricgsiioticidciidcn aus dem Ertrage einer Veranstaltung ea. 50(1 Levas überleben. Die Ilistadruth bemüht sieh in richtiger Erkenntnis der Bedeutung des gegenwärtigen Augenblicks ihren Ijnfliillkreis zu erweitern, indem sie über die Tenden/cii des nationalen ijiidentums aufklrireml zu wirken versucht. In Rust sch ttk bereitet sie ein jutigjüdiselK's S a m 111 e I b 11 e h in bulgarischer Sprache vor, das Aufsätze iiber alle aktuellen jüdischen I rauen enthalten wird. Da diese Tätigkeit nicht zu den eigentlichen Aufgaben der Ilistadruth gehört, ist die Organisation bemüht, diese Arbeit der privaten Initiative bulgarischer Zionisten zu übergehen. Lag -bc oni er wurde überall zugleich als J o in 11 ־ a s c 11 e k e I und Jom-Ilaibrim feievlieh begangen. Es wurden Reden über ,,Unser nationales Ideal, unsere Stärke und unsere Arbeit" und über Palästina ge• halten. 11eherall in Bulgarien manifestierte das nationale Judentum an diesem Tage seine Hingebung an die zionistische Idee und seine Solidarität mit allen Zionisten der Well und insbesondere dem I lajisebub I laowed in Erez Israel. Von den Zionisten wurden S c h e k a I i 111, von den Mitgliedern der I listadruth I e 1 u m o t h ' verkauft. Es stellt zn hoffen, dal) die Zahl der gesammelten Scliekalim und Tenunotl! sehr groll sein wird. Der ״II a in i s e 11 p a t", das Organ der Zioiiisten in Sofia, das seit Ausbruch des Krieges zu erscheinen aufgehört hatte, wird wieder regelmäßig herausgegrhen. Auch vom Kriegsschauplatz treflen Briefe bulgarischer Zionisten ein, die zur Arbeit auffordern. Wie überall, fühlt man auch in Bulgarien, wie stark die Idee des Zionismus in den Gemütern der jüdischen Jugend wurzelt. Ein neunter Ab in Rußland Das Jüdische Kriegshilfskomitee in Petrograd erhielt ein Schreiben folgenden Inhalts: ״Sehr geehrte Herren! Alts einem!VrnentlegeiH'it Dorfe int kalten Sibirien wende ich mich an Sie mit der Bitte, die aus der Tick* eines schwergeprüften, ietdensreichcn Herzens kommt, um Hilfe. Teure Brüder helft mir, ich bin als ein unschuldiges Opfer gefallen lind ich weil) nicht warum. Im vorigen Jahr, B)15, am 9. Ab, das beißt, an dem Tage, an dem die Juden jährlich die Zerstörung Jerusalems beweinen, sal) ich, Meir Grinschcen, ein 7ü jähriger Greis, ein frommer Jude, Bürger der Stadt Kupina (Kreis Kamenetz Podolsk), der ich seit 58 Jahren ummterbroclien im Dorfe Ncgin dessclben Kreises wohne, des Morgens auf der Erde und las Kinolhgcbetc. Mit Tränen in den Augen beweinte ich die Zerstörung unseres alten heiligen lempcls. Plötzlich erscheinen au der Schwelle meines Häuschens zwei Bauern, die im ganzen 1 torfe als Holigane bekannt sind, stellten sich neben mich und fragten: ״Was machst Du denn eigentlich, Meir? Du betest zu Gott mit Tränen, dal) die Deutschen unser Dorf erobern mögen". Ich Wollte mich mit den Bauern in kein Gespräch entlassen, unterbrach mein Gebet nicht und schüttelte mit dem Kopfe beim Gebete wie üblich. Diese Holigane betrachteten mein Kopfsdiütteln als ein Zeichen der Bejahung ihrer Frage und erzählten hiervon den Polizeileuten, die gerade auf der Straße waren. Die Polizisten, die ins Zimmer kamen, und mich auf dem Boden sitze!ui 11ml ein Buch lesend fanden, verhafteten mich sofort, ohne daß sie mich das Gebet zu Ende sagen ließen und traiisjrorticrtcn mich in Begleitung von Polizis'cii nach Kamenetz Podolsk zum Gendarmerieehef. Als dieser die Mitteilungen der IXtnmziaiitcn und meine Aussage hörte, lächle er laut mul lange auf, erklärte aber, «lall er, da ich zu ihm transportiert wurde, verpflichtet sei, die Sache an die hollere Instanz \vci<cr/ugol»cn, versicherte mir aller, daß daraus nichts werden wiirde. Inzwischen aber wurde ich verhaftet und ins Gefä 11 guis gebracht. Nach einer ciumonatlichen Gefäiignishaft wurde ich befreit, bin aber nach ein paar Tagen wiederum verhaltet worden. Ich hin dann nach Irkutsk (Sibirien) auf dem Etappcnwege verschickt worden und auf Befehl des Gouverneurs von Irkutsk bin 'ich verurteilt worden, 1111 ■ Dorfe Siiameuka in Sibirien Wohnung zu nehmen. Genau w icilerziigcivcii, welche Qualen ich ausgestanden Italic, was ich alles erlitten im Laufe der monatlichen Gcfängiiishaft und während des zweimonatlichen Gefangenentransports von einem Gefängnis ins andere, was ich alles ertragen habe von den Gefängnisaufsehern und von den Zwangs- Sträflingen dazu hin ich ganz außerstande. Ich werde um ganz kurz sagen, daß nicht c i 11 in a 1 mein Leben nur an einem Haar hing. Zuhause habe ich außer mir und meiner Frau, einer 7') jährigen Greisin, noch vier Familien ernährt. Die Sache ist nämlich die, daß meine beiden Söhne 11ml meine Schwiegersöhne einbcrufcn sind und ihre Familien in meine Wohnung iibersiedelten. Jetzt sind «liest* Unglücklichen ohne jede Existenzmöglichkcit zurückgeblieben, da die Mühle, die ich lange Jahre von den Bauern gepachtet hatte, wie mau mir schreibt, zerstört wurde. Audi habe ich gar keine Mittel, sogar den armseligen Betrag von '),(iß Rubel der einem jeden administrativ Verschickten gesetzlich /ukoinmt, bekomme ich nicht. Ich leide buchstäblich Hunger und ernähre mich nur mit si'liwar/em Brot!und schlafe im Korridor des jiidiselien Beibaiises, Täglich vergieße ich Tränen und frage mir• vvanun, was hübe ich getan, warum bin ich so Itart gestraft worden? Ist denn das Beweinen der Zerstörung des Tem|K*|s ein solches Verbrechen, für das man nach Sibirien verschicken darf? Teure Brüder! Ich weiß nicht, was in den Papieren über mich geschrieben steht, da dies ein (iehenniiis ist, umsomehr als ja gar keine Anklage gegen mich erhöhen worden ist. Aber der Sachverhalt ist so, «laß ich verhaftet worden bin, nur deshalb, weil ich aln '). Ab als Zeichen der Trauer auf dem Boden saß und die Zerstörung des Tempels beweinte «las schwöre ich im Namen Gottes, im Namen dessen, was uns heilig ist, im Namen meiner Kinder, die ihr Blut für das Vaterland vergießen. Ich wende mich an Euch, teure Brüder, mit der ergebenen Bitte: Sie nehmen eine angesehene Sielhing ein, unter Ihnen gibt es genügend Juristen und gebildete Leute. Bemühen Sie sielt für meine lkfreiuug aus der Verbannung, bemühen Sie sielt an zuständiger Stelle nachzuweisen, dalt ich Tränen vergossen habe nicht deswegen, dal) die Deutschen unser Dorf entnehmen, sondern daß Gott der Herr sein Volk nach Jeiusalem /iirucklülircn möge, Bemühen Sie sich, daß mir die Möglichkeit gegeben wird, den Rest meiner Tage /!isnmmen mit meinen Kindem zu verbringen, «lall nach meinem Tode meine Kinder mich beweinen können und daß meine Gebeim־ in meiner heimatlichen Erde ruhen werden und nicht in einem sibirischen Dorf. Für Ihre Dienste werde ich llmen ewig dankbar sein und werde deit Rest meiner Tage für Euch beten.. Mitteilung des Jüdischen Verlags 1) Den bevorstehenden Todestag Theodor Hcrzl's wollen auch wir nicht ohne eine besondere Ep■ iimemngsgabc vorüber gehen lassen. Wir bringen endlieh die Vorzngsausgabc der Fried mannsehen II e r z I - B i o g r a p h i e heraus. Sie hätte schon kurz nac'i der gewöhnlichen erscheinen sollen, doch wurde die Herausgabe durch den Kriegsausbmeh verhindert. **) 2) Wir haben uns veranlaßt gesehen, den Subskriptioiistermiii für die Gedichte Ludwig Franz M e v cr’s bis zum Erscheinen des Buches zu verlängern, I) Wir haben soeben einen neuen Verlagsk a t :11 o g lierauRgcgcben unter dem Titel ״Ausgewählte Bücher". Das Verzeichnis, von Spanier in Leipzig gedruckt, gibt eine übersichtliche Zusammen- Stellung der besten Bücher unseres Verlages (soweit noch vorlumden). Jüdischer Verlag. *) Die Vorzngsausgabc ist auf Bütten gedruckt mm in (jan/kalblcilcr gebunden. Ein kolonisatorischer Versuch in Obergaliläa Von der neuen jüdischen Kolonisaiionshcvvegung in den beiden letzten Jahrzehnten ist Ohergalilä* fast ganz unberührt geblieben. Während in Judäa das jüdische Kapital große Plant: itinncn aulegte entweder in den bestehenden Kolonien selbst oder auf inngegrimdcteii Großbetrieben, und aus den galilüischcn Aekcrli.itikolonien :10(1 Natiouiltondsfarmen ein junger, arbeitsfreudiger Kolonisten- und Arbeiterstamm herauvvuchs, konnten sich unsere obergalilaiselien Kolonien bis jetzt;ms ihrem beinahe lethargischen Zustande zu einem verheißungsvollen Aufstieg, wie wir ilm in Unlergaldäa und Jmlia vor 1ms haben, nicht aufraffen. Kleine Aufsätze, um auch Galiläa in den Kreis der neuen Kolonisationsbcwegutig ein/ustelli 11, -jnd zwar vor dem Kriege gemacht worden, haben aber kaum zu durchgreifenden Ergebnissen gefühlt. So haben sich eine Reibe junger Arbeiter aus Merclnwja vor einigen Jahren in Metull.ilt niedergelassen und einen frischen Zug in die Kolonie gebracht. Vor Kriegsausbruch wollte auch eine Pflan/uiigsgcwllsehaft nach dem Musler.der in l' 11ter״alila 1 und Judäa angelegten großen Plantalionsbetriebe ui der Nahe der Kolonie Rosch-Pina größere l’il.uizungen anlegeii. Der Krieg hat aber die Ausführung dieser Pläne vereitelt. Das I latiptnhel, an dem Obergaliläa krankt, ist darin zu stielten, daß viele Kolonisten dort!iiren Boden nicht selbst bestellen sondern ihn verpachten. Der arabische Pächter mietet mit dem Boden Inventar und Arbeitstiere und hat dem Besitzer dafür des Ernteertrages zu zahlen, während ihm selbst 1, zu fällt. Dies reine Pächterverhältnis kann den indischen Kolonisten niemals in den Konnex mit seinem Boden bringen, wie wir ilm im jungen l!ntergaliläa lilmall finden. Der Verpächter liebt seinen Boden nicht und stellt zu :hin in einem ähnlichen Verhältnis, wie der arabische Großgrundbesitzer zu seinen I atiftindicii, die er au die Fellachen verpachtet. Hinzu kommt noch, daß die IVodcnertr.igc ineiiuls über ein Minimum licraiiskommeii können, «eil der arabische Pächter mit seinen primitiven Arbeit«- geräten und Arbeitsmethoden den Itodcii nur ganz extensiv bestellt. Die ״geringen Einkünfte reichen deshalb für den Lebensunterhalt des Kolo nisten und seiner Familie nicht hin und nur dank der jährlichen Zuschüsse der JCA ist es ihm ermöglicht worden, sein Leben in ganz, bescheidenem Rahmen zu fristen. Der Kolonist, der durch diese Wirtschaftsweise sein Interesse an dem Gedeihen seines Mutes verlorett hat, gibt auch leichten Herzens ihn auf, sobald er einen anderen Lebt •nservvcrb, der einträglicher ist, finden kann. Dieser wirtschaftliche Stillstand brachte es mich mit sich, daß ein großer Teil der Jugend die Kolonien verläßt und entweder überhaupt aus Palästina aiiswnndcrt oder in Judäa mul l'nter• galiläa einen Lclvciisimtorhalt sucht. Ein kolom-ato rischer Versuch, in die obcrgaliläischcu Kolonien einen frischen Zug hiiieinziibiiiigen und ihre Weiterciitwicklung zu fördern, muß daher zu allererst mit diesen Ucbclstänilcii rechnen. In diesem Zusammenhänge verdient deshalb eine kleine Arbcitcrgnippc, die sich vor einiger /eit in Obergaliäa niedergelassen hat, Erwähnung. Es handelt sich um eine Arbeitergruppe, die vor fünf Jahren gegründet wurde und zunächst in Alerdiavvja arbeitete, spater auch in Schunic (bei Sichron-Jakub) und dann in Kerktir, Von dieser 20 Mitglieder zählenden Arbeiter• gruppe sind <) Arbeiter vor einigen Monaten nucii Obergaliläa übcrgcsicdclt. Sie haben hier mit Hilfe der Administration der JCA in Rosch-Pmah von drei Kolonisten ans Rosdt-I’iuah etwa I0S0 Dtm.iui Land um Nidjtned al Sutraeli (bei Rosclt-Pinah) ge• pachtet. Bisher hatten die jüdischen Kolonisten den Boden — wie iiblidt an den arabischen Pachter, ״Harat" (Pflüger) genannt, verpachtet und überließen ihn 111m zu ähnlichen Bedingungen an die jüdischen Arbeiter, Mit Hilfe eines Betrages, der ihr vom Palästinaamt zur Verfügung gestellt wurde, konnte sich die Gruppe auf dem Boden installieren; sie riditete eine Hauswirtschaft mit bescheidener Geflügelzticht und einigen Kühen ein und gründete eine gemeinsame Küche. Naturgemäß war die Arbeit in den ersten Monaten recht schwer. IXr Boden, der von Iden arabischen Harats nur äußerst extensiv bearbeitet Worden war und den niemals ein europäisdicr!Pflug berührt hatte, mußte soweit dies ohne große *Kosten möglich war, von Unkraut ge» säubert, von Steinen gereinigt und mit dem euro• päisdien Pflug und mit anderen europäisdten Arbeitsgeräten erst für die Saat vorbereitet werden. Es ergaben sidi anfangs einige Differenzen mit den Kolonisten, die ihren Boden in derselben primitiven Art bestellt sehen wollten, wie ihn die arabischen Pächter bisher bearbeitet und bestellt hatten. Er**

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