Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXI (1916)
- Issue
- Heft 27 (7.7.1916)
- Date
- 1916-07-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 220 J U E D I SC H E RUNDSCHAU Nr. 27 noch s c 11 w nt / c 11. Fs IhnU'Iicii nationale jütlisehe I uidcTiiiigcii iiikI die Leitung der (isterreichisclicit Zionisten h;1t sic soeben in Resolutioiien /usamiiieiigefallt, die präzise zeigen, ilali cs sich um Berechtigte Anspriiclie handelt, und daß sie nicht mehr wollen, als was ein so 1111־ befangener und erfahrener Politiker wie Engelbert Penierstorfer, der soeben seinen Sympathien für die polnische Sache Ausdruck gegeben hat, für vollkommen gerechtfertigt und billig findet. Wenn Engelbert Penierstorfer die im vollen liewuliisein der Verantwortung beschlossenen Resolutionen der österreichischen Zionisten über die Sprach- und Sclmlfrage in Russisch-Polen prüft, wird er nicht anders können, als zu wiederholen, was er in den ״Polnischen Blattern“ den Polen /»gerufen hat. Aber leider bestehen Zweifei daran, dall die Polen solchen Mahnworten (lehör schenken werden. Den Juden bleibt in dieser Lage nichts anderes übrig, als auf den Forderungen zu bestehen, die nicht fallen gelassen werden dürfen, wenn nicht aile nationale Eiitwieklungsmögiiclikeit preisgegeben werden soll. Darum haben die von den österreichischen Zionisten beschlossenen Resolutionen gerade jetzt eine besondere Bedeutung. Leo Herrm an n. Resolutionen des Exekutivkomitees der Zionisten Oesterreichs zur Schuifrage Das Exekutivkomitee der Zionisten Oesii'1 re11J1> hat zur Schnlfraec in löissisiltd’nk'ii hedeiitsiiim• Resniiuioneii ״t■ fallt, die durch ein Kommimitjiic zur allgemeinen Keunniis gebracht werden. Im 11.ichüilgciitlcn geben wir einen von der Leitung der österreichischen Zionisten st,uninenden Kommentar wieder. Die üsierreiehisehe Verwaltung im polnisehcn Okkupaiiimsgebiet sieht sich vor die Aufgabe gestellt, auch das jüdische Schulwesen zu normieren. Damit i-t für die Juden der zwingende Anstoll gerieben, dm slaaiiiclieii Faktoren ihre Wünsche darziitmi. Diese Wunsche haben umso größere Aussicht auf Beachtung, je einmütiger mul entschiedener sie vorgebracht werden. Die zionisiisdie Organisation, die sieh ,1 och in diesem Weltkrieg als eifriger Anwalt der Uesamtiiiteresseii unseres Volkes bewahrt hat, kann sie 11 daher der Pflicht nicht entziehen, die Wünsche der Jmieitscliuü zu klären zu mögüchst einmütigen Beschlüssen zoxnnimeiizulasscn lind vor der Aulienwelt zu vertreten. Das E x e k 111 i v k o m i t e e der Zionist e n Oesterreichs hat, um dieser seiner Pflicht zu genügen, nach Zuziehung; einer grollen Anzahl zu1verlässiger und sachkundiger (iesiunuiigsgeiioxseu den ganzen Komplex der S e 11 11 I f r a g e zum Ocgcni■ slam♦ einer gründlichen mehrtägigen Besprechung gern,ulu und das erfreuliche Ergebnis der crwünscli■ teil Einigung erzielt. Die beiden ersten Resolutionen, deren Vcrfcchtimg muh aullen hin jeder Jude zur eigenen Sache machen kann und soll, lauten 1, W i 1׳ v c r I a 11 g e 11 f ii r d i c J11 d e 11 R u ss i s c h P o I e n s d i e S e 1111 I a 111 ס n o m i e, d a s R e e 11 I, i h r e Schulen c i n z u r i c h teil u n d z 11 lei! e 11. 2, W i r v e r I a 11 g e 11, (I a I) (I e m 11 e h r ii is e 11 c 11 und ebenso dem Jidi scheu, der lז m g a n g s s n r a e 11 e v o 11 9 I) ״!. d e r .1 11 d e 11 R 11 s s i s e 11 - P o I e n s, d i e g e h ii 11 r e 11 (I e n R' e e lile z u e 1 k a 11 11 t w e r d e 11 11 ״ d v e r vv a 11 1׳ e n uns g e g e 11 jede l1 111 e r (11׳ ii e k 11 n g d c 1׳ s e I b 111 ׳.“ I he S e 11 u I a u t o u o m i e soll die Juden Russiseli-fbilens in die Lage setzen, selbst über ihre Schulen mul somii auch dar über zu entscheiden, welche Spradun mul in weichem Malle sic dort als Schul- und t 'iiteriirlitssnraclie zu verwenden sind. Sou eil die Juden a 11 II e r h a 1 b d e r S e h 111 e in ihrem bürgerlichen lind politischen Leben sich des Hebräischen oder des Jidisehen tatsächlich bedienen, müssen beide Sprachen in gleicher Weise vor Euter d r ii e k 11 11 g g e s c 11 ii t z t w c r- (I c 11. Es muH mit derselben Tatkraft dagegen angekämpft werden, wenn etwa eine hebräisch ge• schnelu'iic Erkunde als imgiltig erklärt oder wenn das I'.ekeiuitiiis zur jidisehen Umgangssprache bei der Volkszählung verboten würde׳. Diese beiden Resolutionen waren nach Ansicht des Exekutivkomitees sowohl den mallgcbenden staatlichen Behörden als auch der breiten Oeffeiltlielikcil in Form eines Kommuniques zur Kenntnis zu bringen. Nachdem so die Einmütigkeit der jüdischen Grumtforelcrmigcn gesichert war, .sprach das Exekutivkomilcc seinen Entselilult aus, festzulegen, dall die zionisiisdie Partei auf die Willcnsbildimg der luden' im kahinen der Sclnilantoimmie Einflull zu nehmen habe und nahm sohin folgende weitere Resolution au: I. Die Schul- und Unterrichtss p 1 a c!1 e i 11 d e u j ii d i s c 11 e 11 Sc 11 ulen soll d a s Ile b r ä i s e 11 e sein, w o hin a u f (1 rund d e r best e 11 e 11 den S c 1111 I c 11 die E 111 w i c k- I u 11 g zu f ü 11 ren ist. Der Er Ie rn 1111 g d er L a n d e s s p r a c he soll ei 11 a 11 g c 111 c s s e 11 c r R a 11 m i 111 L e h 1׳ p I a n e d er j ü d i s c 11 c n S e h 111 c e i 11 g e r ii 111111 werde n.“ Iliermit soll einerseits dem I Ichräischcn jene Stellung gewahrt werden, die iluu im Sinuc der Zi- (niisteiikongresse als Sprache gebührt, die unsere Gegenwart mit unserer nationalen Vergangenheit, alle jüdischen Siedlungen untereinander und vor allem mit unserem neuen Jiscluiw in Palästina verbindet, lind soll andererseits zum Ausdruck gebracht werden, dall die Entwicklung dem Ziel der hebräischen Schub und Unterrichtssprache auf Grund der bestehenden Schulen, somit unter Anknüpfung an die gegebenen Verhältnisse und ohne Uebcrstür/img, zu/ufünren ist. Die neuen Bücher des Jüdischen Verlages Iin Zeichen des großen Aufschwunges, den die Juden und Judentum betreffende Literatur durch die weltpolitische Konjunktur jetzt erfährt, hat der Jüdische Verlag seine Verlagstätigkeit wieder aufgenommen. Die neuen Bücher, die er bringt, sind insofern aktuell, als sie im jetzigen Augenblick bcsondere Beachtung finden werden. Trotzdem sind sie nicht für den Augenblick entstanden, und nicht in der Hast des Augenblicks geschaffen. Nicht ohne Genugtuung kann ich sagen, dall sie alle sich streng an die füiilzelmjälirige Tradition des Jüdischen Vcrlages halten. Sogar ״Das Buch.von den polnischen Juden“, das ohne den Krieg nicht gekommen wäre, ist in Anlage und Ausführung aus jenem Geist der national-volkstümlichen Gesinnung geboren, der den Jüdischen Verlag ins Leben gerufen hat und ihm für die Zukunft seine Daseinsberechtigung allein verleihen wird. Wenn also unsere Bücher aktuell erscheinen, so heillt das mit anderen Worten, daß unsere Zeit gekommen ist. — Es sei mir gestattet, unseren neuen Büchern einige Worte mit auf den Weg zu geben. ״Die Jüdische Bewegung“ von Martin Bub er1) ist nicht mir dazu bestimmt, die verstreuten und meist nicht mehr zugänglichen Arbeiten Bubers der Vergessenheit zu entreißen. Sic will mehr als eine Sammlung sein: ein Buch, wenn man mit diesem Wort etwas Einheitliches im Denkea, im Wollen und in der Ausführung bezeichnen will. Darüber hinaus erhält man hier das Bild einer Entwicklung und cs wird manchen geben, für den *) Martin Buber: Die jüdische Bewegung, Gesammelte Aufsätze und Ansprachen 1900—1915. Brosch. M, 3,50, geb. M. 4,50, es mclit ohne Reiz sein wird, die Entwicklung des Führers an einer Reihe von Marksteinen kennen zu lernen. Einiges zur Einführung des II. Bandes von A 11׳, 11 ׳ (I 11 a ,1׳ in s Schriften in deutscher Sprache־׳) wurde in der letzten Nuinincr der ״Jüdischen Rundschau“ gesagt. Ich inöclüe mir daher nur eine Bemerkung gegen Scliear- Jaschub erlaiibeu. Die Aufnahme des Artikels ״Die Schwankeuilen“ schien ursprünglich auch mir die Einheitlh'hkcit des Bandes zu stören. Durch die Polemik auf und nach dem XI. Kongreß, die sich an das Erscheinen des Huches ,.Vom Judentum“ schloß, und durch die bekannte Erklärung Bubers in der ״Welt“ angeregt, hat der Autor ganz entschieden auf der Aufnahme des Artikels bestanden. Durch diese Vorgänge hat das ganze Thema, das einer etwas zurückliegenden Epoche anzugehören .schien, die Stellung eines Problems innerhalb unserer eigenen Geisteskämpfe und unserer Kulturpolitik gewonnen. Deshalb glaubte ich aus der Ueberzeugntg heraus, dall es sich hier um einen Beitrag zur zionistischen Praxis handelt, den Wunsch des Autors crfülknl zu müssen. Lieber ״Das Buch von den polnischen Juden“1) hat Leo Herrmann kürzlich hier einige mehr als freundliche Sätze gesprochen. Wenn ich nicht als Verleger, sondern als Mitherausgeber des Buches zu llemnanns Würdigung etwas äußern darf, so wäre es die Freude, daß er dem ״Buche von den polnischen Juden“ trotz seines nur literarischen, gar nicht politischen Inhalts doch eine aktuelle politische ־■) Ach ad Haam: Am Scheidewege. Zweiter Band aus ciem Hebräischen von Privatdozent Dr, Harry Torczyncr. Geb, M, 4,—. 3) Das Buch von den «polnischen Juden, Herausgegeben von S. J. Agnon und Ähron Eliasberg, Pappband M. 4,-, Leinenband M. 5,—, Kommunique des Exekutivkomitees der Zionisten Oesterreichs Nach ihrem Einzüge in Rt1«sisch-Po|c11 haben die Oberkommamlant( n der österrcidii-cli-ungarbcheii und deutschen Armeen im Namen ihrer Regieruitgon eien Bewohnern des besetzten Gebietes Befreiung von allen absolutistischen Ausiiahnisgcxct/en büiger’- liehe Freiheit und Freiheit denationalen und kulturellen Lehens zugesagt. Durch Erlässe wurde auch die Gleichheit aller Staatsbürger vor dem Gesetze verkündet, und hierdurch von den Juden die drückende Schmach der russischen Ausnahinsgesctze genommen. Die österreichische Verwaltung geht nunmehr auch daran, das kulturelle Lehen in dein (Jkkupntionsgehictc auszuhaueii. Die Zionisten Oesterreichs erachten es in diesem Augenblicke als ihre heilige Pflicht, die Regierung und die * >1 ffcntlichkeit darauf zu verweisen, (laß im Okkupationsgebiete liehen den Ptden ein Millinuciivolk leid, die Juden, welche eint• durchaus eigenartige, nationale Einheit (larsteilen, ihre eigene Sprache sprechen und schreiben und ein eigenes geistiges Lehen, das Resultat einer jahrtausend.-dk'ii Entwicklung, führen. Die politische Rechtlosigkeit der Ostjudcn einerseits lind engherziger < .liauv inisimis führender Persöidirhkeileu im Lunde andererseits liahen bewirkt dal! die Kenntnis von dem reichen nationalen mul kulturellen Lehen der Juden int nahen Osten nicht weiter gedrungen ist, und es bestellt die Gefahr, daß, nicht aus bösem Willen, sondern ans Mangel an Vertrautheit mit den tat^ächliclun Verhältnis-en, das Betreiimgsvverk insofern vereitelt wird, als lur die Millionen jüdischer Bürger die nationale und kulturelle Rechtlosigkeit in der alten Form bestehen bleibt. Bürgerliehe und politische OlcicliBcrcchtigimg hedeutet nichts, wenn nationaler mul Kultureller Zwang aufrecht erhalten wird! Jede gedeihliche Entwick- 11mg der Verhältnisse im l ande, insbesondere aber des Verhältnisses der Juden zu den Polen und der Juden zur österreichischen Verwaltung wird hinfällig, wenn nicht den Juden ihr heiliges Recht gewahrt bleibt, ihr Recht auf den freien Gebrauch und En- (erricht in der eigenen Sprache, ihr Recht auf die freie Erziehung ihrer Jugend int nationalen *!eiste. Unter Berücksichtigung des Umstandes daß heule, vor allen anderen politischen und sozialen Fragen, deren Erörterung einem nahen Zeitpunkte vorbchalten bleibt, die Sprachenfragc und die mit ihr eng verbundene Frage der Jugenderziehung eine gerechte und gedeihliche Lösung erfahren müssen, hat das Exekutivkomitee der Zionisten Oesterreichs folgemle Resolutionen gefallt lind den in Betracht kommeiiden Faktoren unterbreitet: 1. Wir verlangen für die Juden Russisch-Polens die S c h u I a 111 o n o in 1 c, tl a s K echt, ihrcS c 11111 e n e in z u r i c h t e n und zu leiten. 2. W i r v e r I a 11 g c 11, daß (I e ui 11 e b ז a i - sehen und ebenso dem jidisehen, der l f ווו g a 11 g s s n r a c 11 e v o n 91) <״,׳ der J u 11 e » Russisch- Polens, die gebührende״׳ Rechte 1u e r k a nn t w erden und vervv a 11 r c n u n s g c g c n j e d c U 11t e r d r ii c k u n g derselbe n.“ Bedeutung zucrkamit hat. Politische Wirkungen imissen dien nicht immer init politischen Mitteln erzielt werden. Wenn der Indische Verlag auch die von l eo Herr m a n n hcrausgegeb. Suiiimclschrift ״T reu C1׳) als eigenes Verlagsvvcrk hin msschickt, so wird ihm vielleicht mancher den Vorwurf machen, daß er sich mit fremden Ledern schmückt. Weder haben wir die Idee zu dem Buche gehabt, noch haben wir die Ausführung besorgt; es sei denn den Einband zu unserer Sonderausgabe. Die Samtnelschrilt ist aber so sehr aus dem Geiste der Liebe zu der hebräisch-jidisdicii Kultur, aus dein volkstümlichpalästinensischen Geiste entstanden, der unsere ganze Tätigkeit beherrscht, sic ist so sehr Fleisch von unserem Heisch, daß wir dem Büchlein mit größter Bereitwilligkeit die Unterstützung leihen wollen, die ein Buch bei einem faclmüißigen Betrieb finden kann. Zum Schluß eine Voranzeige. Im Mai 1915 ist Ludwig Franz Meyer, ein junger jüdischer Student, im Osten gefallen. Seinen dichterischen Nachlaß läßt die Familie bei uns erscheinen. '■•) Die Auswahl hat Emil Cohn Iresorgt. Der zwanzigjährige Dichter hatte viel vcrsprochen. Er hatte sicherlich Werke von größerer Reife gegeben, aber auch das, was ln dein Bändchen, daß wir demnächst hcrausgebcn, vereinigt ist, sdicint liebevoller Beachtung wert. Ein kluger Sinn, zein warmes Herz, vor allem ein treuer Jude. Dr. Ah r911 Eliasberg. <) Treue. Eine jüdische Saminelschrift. Herausgegeben von Leo Herrmann. Geb. M 2,.30. *׳) Ludwig Franz Meyer. Gedichte. Herausgegeben von fcmil Cohn-Bonn. Geb, M. 2,50, Subskriptionspreis M. 2,—.