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Jüdische Rundschau · 1916-06-30 · Heft 26 (30.6.1916) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXI (1916)
Issue
Heft 26 (30.6.1916)
Date
1916-06-30
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Von einer Teilnahme am ,,Zentralen Jüdischen Wahlkomitee“ enthielten sieh mir der ״Bund“, der sieh mit dem linken 1'liij^el «ler P. I*. S. vereinigte, und die extremen Assimilanten, die am Morgen nach der Gründung des jiklisdten Wahlkomitees in den polnischen Zeitungen mit der Unterschrift von zirka hundert Assimilairten, darunter M, Hergs o h 11, Prof. Dickstein, Dr. H. N u ß b a um, K. und J. Nat ha 1tso h tt, Stanislaus Kcmpncr, Josef Wasscrzttg usw., eine Erklärung abgaben, in der sie im Namen des polnischen Patriotismus gegen eine besondere jüdische Wahlkampagne protestierten, da die Wahlordnung nicht auf nationale Kurien aulgebaut sei. Jeder Jude habe nur für die Liste jener allgemein-bürgerlichen (truppe zu stimmen, die seinen soziahvirtschaftlichen und jxditischcn lieberzeugungen entspricht. Das vereinigte jüdische Wahlkomitee nahm seine Arbeit unter dem Wohlwollen und der direkten Unter- Stützung der gesamten jüdischen Tagespresse War* seliaus auf. 111 den Zeitungen und in den Syuagogeu wurde bald ein Aufruf dieses Komitees an die jüdischen Wähler erlassen. Auch die Zionisten und die Orthodoxen veröffentlichten entsprechende Extrazirkulare an ihre Gesinnungsgenossen. Das Komitee eiöffnete 30 Bureaus in de״ verschiedenen Teilen der Stadt, um den jüdischen Wählern die notigen Informationen und Ratschläge zu erteilen. In vielen Vereinen und Gesellschaften wurden vom Komitee Vorträge zur Aufklärung ül>cr. die jüdischen Bürgerrechte vcranst'allet. Am 18. Juni fand jm grollen Saal der Nowo- I larnionie die erste j ii d i s c 11 e Wahl v c r s a 111111 - I u n g statt, an der mehr als 1000 Menschen teilnalunen und die noch unter dein frischen Eindruck der Assimilantcnerklärung stand. In seiner Eröt'fnuugsrede erklärte der Vorsitzende l)r. Muttermilch die Ursachen, die zur Bildung des allgemein-jüdischen Wahlkomitees führten. Die polnische Wahlagitation, sagte der Redner, werde unter der Losung des Antisemitismus geführt. Die polnischen Komitees würden keine jüdischen Kandidaten auf ihre Listen setzen. Die Gegner des jüdischen Wahlkomitees wollten, dall die Juden tatsächlich keinen Gebrauch von ihren hürgerlidteu Rechten machen. Er las die Erklärung des jüdischen Wahlkomitees vor, in der gesagt wird, daß die jüdischen Vertreter im Stadtrat zugleich mit der allgemeinen Reformierung der städtischen Wirtschaft mich die Anerkennung der jüdischen Vollhereehligung verlangen werden. Den I l.itiplvortrag hielt Rechtsanwalt Bereusohlt, der bis jelzt einer der bekannten Assimilanteufülircr war. Er führte aus: ״Wir dachten, wir wiirden mit den Polen zusammengelten können und keine besonderen Organisationen brauchen. Unsere Hoffnung schlug aber fehl. ״Wie können wir mit einer Organisation, die öffentlich antisemitische Losimgcii aufstellt, /.״saniiiicngehcn? Die )03 Herren, die die Erklärung der extremen Assiinilanteit unterzeichneten, bcliauplen, dall bloß sie allein die wahren jüdischen Freunde Polens seien. Solche Verleimtdüngen und Insinuationen gegen die Juden, Schulter an Schulter mit den Antisemiten der ״Dwa Orosza“ sind bei diesem 1 Uiuflcin Assimilanten nichts Nettes . . . Wir sind Kinder des Landes, wir lieben das Land und sind wahrhafte polnische Patrioten. Wir haben aber auch jüdische Interessen. Wir wollen nicht bloß geduldet und toleriert werden. Gleiche unter Gleichen wollen wir sein (Stürmischer Beifall). Man schreckt euch mit dem Fall Jagcllo. Die Assimilanten drohen mit der Boykottgefahr. Glaubt nicht daran! Diese schrecklichen Zeiten sind vorüber. Die jüdische Bevölkkemngl besitzt gleich den anderen das Recht, zu wählen und gewählt zu werden. Auf dieses Recht dürfen wir nicht verzichten. Herr Wisehlitzky zeigte die Unmöglichkeit, mit irgend einem polnischen Komitee zusammen zu gehen. Das nationale polnische Komitee habe sich zur Devise gemacht: ״Ein Stadtrat ohne Juden!“ Das demokratische polnische Komitee sei ein Biinduis mit der antisemitischen ״Vereinigung“ des Mittelstandes eingegangen. Die Sozialisten könnten nicht alle jüdischen Wühler tunfassen. So bleibe denn kein anderer Ausweg, als ein jüdische» Wahlkomilee zu gründen, Einer der I iilirer des demokratischen Komitees, der polnische Publizist Wladimir Stttdnizky bat tim das Wort, um seinen Vorschlag bezüglich der Vereinigung der jüdischen Wähler mit dein deinnkratisehen Komitee zu begründen. Das Ziel dieses Wahlkomitees sei die Isolierung und Parnlysierungrier Tätigkeil des nationalen Komitees. Dies liege auch im Interesse der Juden. Die Absonderung der Juden könne die Beziehungen zwischen Juden und Polen nur noch gespannter machen. Das demokratische Komitee habe sieh zwar mit den Sladtbürgern vereinigt, aber Vereinigung entgegengesetzter Richtungen zu Wahl/.weckcn finde auch unter den Juden statt, I lätten sich (loch auch hier Assimilanten mit Zionisten und Ghnssiditn vereinigt. Er zeigte als Muster die Juden Galiziens, die ohne Unterschied der politischen Richtung das demokratische Komitee unterstützten. Unter anderem erzählte er, dall unter den Polen die Meinung verbreitet sei, die Juden hätten mehr deutsche Pässe erhalten als die Polen und dalier mehr Stimmen, Eine würdige Antwort gab Herr Bert ns oh 11. Drohungen und Verleumdungen seien ehr altes Mittel gegen die Juden während der Wahlen, Diesmal werde aller dieses Mittel versagen. Auch Unter den vereinigten Jude» existierten Meinungsverschiedenheiten. Die Juden aber säten nicht Haß und Verleumdung untereinander. Ein freies Polen, in dein ein Teil der Bevölkerung unterdrückt bleibe, sei unmöglich, und wenn die Juden für die jüdische Befreiung um! Vollhereehligung kämpften, so kämpften Sie gleichzeitig für die Befreiung Polens. Den Stand|1unkt der Zionisten vertrat in einer temperamentvollen Rede Rechtsanwalt Olschwangcr. Er protestierte zunächst gegen die Bettlerkling eines früheren Redner gegen Jidiseh. ,Ich bin auch kein großer Freund von Jidisdi, aber für die Anerkennung seiner Rechte muß gekämpft werdet!. Jede Sprache, in der ein Volk spricht, hat das Recht, allen anderen Sprachen gleichgestellt zu wcr. «len. Dies verlangen wir auch für «lie jidische Sprache. Es wurde behauptet sagte der Redner weiter — die Zionisten seien keine gute Patrioten, In der Tat aber waren cs die Zionisten, die auf ihrer Tagung in Helsingfors im Jahre l'KI5 (jjc Forderung der Autonomie für Polen aufstellten. Dies ist auch leicht begreiflich. Nur der, der die Unterdrückung seines Volkes als Unglück einpfindet, kann auch die politische Unselbständigkeit des anderen Volkes als Leid verstehen und mitliihlen. Uebcrlätifer, Renegaten, die aus materiellen Gründen ihr eigenes Volk im Stich zu lassen bereit sind — wie können die für die Freiheit eines fremden Volkes treu kämpfen? Die jüdische nationale und ׳/ionistisebe Jugend ist es, die das St rein• n der Polen nach freiem Leben versteht 11ml, wenn es nötig sein wird, dafür mich kämpfen wird. (Beifall,)“ Der Redner warnt vor dem Vorschlag des Herrn Sinditizky. ״Wo waren diese unsere Freunde -- fragte der Redner -- als die Verleumdungen gegen Juden wie die Pest wüteten und jüdische Galgen mu) Sehaffote in allen Städten und Wäldern aufgvstcllt wurden? Hat einer von ihnen dagegen protestiert? Wir sind nicht als Ankläger hierher gekommen. Und wenn wir schweigen, sollen auch andere vorsichtig sein und uns keine Vorwürfe machen. Sonst werden wir gezwungen sein, einen großen Beschuldigimgsnkt vorzuhringen, der jeden erschüttern wird.“ Nachdem der Redner die Stellung der verschiedenen Wahlkomitees zur Judenfrage charakterisiert hatte, forderte er alle jüdischen Wähler auf, unter der Fahne des vereinigten jüdischen Wahlkomitees zu den Waiden schreiten. Im Namen der Orthodoxen sprachen die Herren K i r s c hbratin und K a in i n e r, die zur Einigkeit malmten und die Kampfniethoden der Friedensstörer aufdeckten. Herr K i r s c It l> a u m erwähnt, daß unter den Unterzeichnern derAs-imilaiitctierklärung sogar solche figurieren, die das Judentum längst verlassen haben. Interessante Einzelheiten darüber fügte Ingenieur Dekler hinzu, indem er von einem Plane der Assimilanten erzählte, ein Bündnis mit den Nationnldemokratcn zu schließen. Eine gelungene Rede hielt Herr Leibusch Dav i d s o 1111, indem er die Lehren der jüdischen Wahlpolitik in Polen während der letzten 10 Jahre skiz- Handlung, die aus einem Vortrage auf der Zionisten- Versammlung zu Minsk im Jahre 1002 hervorging. Hier wurde bereits Ach.ul Flaum der Vorschlag gemacht, eine zwar selbständige, aber mit der zionistischen Organisation verbündete, hebräische Kultur- Organisation zu schaffen. Bekanntlich gelang es vor wenigen Jahren diesen Liebliiigsgcdanken Acliad llaants unter seiner eifrigen Mitarbeit zu verwirkliehen und die ״Histadrutli Ibrith“ ins Leben 1מ rufen. Der folgende Essay ״Ein Spraclicnstrcit“ verbreitet sich über die gegenwärtig besonder׳: akuteile Frage nach dem Verhältnis des Hebräischen zum ״Jargon“. Ein kürzerer Aufsatz ״Wörter und Begriffe“ sucht den Begriff des ״geistigen Zentrums“ kiarzulegcn und die Motive seiner beharrlichen Verkennung psychologisch zu beleuchten. Eine Art zttsammeufassender Darstellung des ״geistigen Zionismtis“ bietet die Abhandlung ״Die• Zeit ist ge* kommen“. Mit dem sogenannten geistigen N.ihottalismus oder Autonomismus beschäftigen sich die beiden folgenden Artikel: ״Drei Stufen“ und ״Golus- Verneinung“. Der am meisten kompetente Beur• teilcr auf diesem Gebiet, S. Dubnow, hat später einmal — wenn ich nicht irre in der Aduid Haam- Nummer des ״I faschiloaclt“ — die ״Goltisvcnicinuttg“ für besonders wertvoll erklärt. Den Abschluß des Buches bildet die rcligioitsphilosophische Untersuchung ״Die Schwankenden“, die cs unternimmt, das Wesen des Judentums, genauer der jüdischen Lehre, gegenüber dem Wesen des Christentums abzugrenzen. Unter Führung von S. Murwitz wurde daraufhin gegen den ״Reaktionär“ Acliad Haatn ein heftiger Kampf eröffnet, dem der Ausbruch des Krieges vorläufig gewaltsam ein Ende bereitete. Wie ntan sicht, birgt das Buch einen sehr reichen Inhalt. Dennoch wäre an der Auswahl einiges zu bemängeln, Mir scheint, daß die letzte Abhandlung, so bedeutsam sic an sich ist, nach der ganzen Anläge des Buches hätte wegblciben können. Dagegen wäre cs notwendig gewesen, zwei kleinere Aufsatz zu bringen, die für die ״kulturpolitische Pra*1s im Sinne Achad Haatns von großer Wichtigkeit sind: ״Techija ubherija“ (Bd. III S. Öl ff.) u“״ ״Thora mi-Zion“ (Bd. IV S. 124 ff.). Ungern ver- Buchbesprechungen Achad Haam: A in Scheidewege. Zweiter Band. Aus dem Hebräischen von Dr. Harry Torczyner, Privatdozent an der K. K.' Universität Wien. Jüdischer Verlag. Berlin 1016. VIII und 255 SS. M. 4,—. Gelobt sei, der die Zeiten» üiulcrl! Als Achad Haam seine vernichtende Kritik an ״Altueuland“ übte, glaubte ihn der redegewaltigste Wortführer des ״politischen“ Zionismus als irgendeinen ״zionsfeindlichen Rabbiner“ aus dem dunkelsten Osten abtun zu können. Soviel wußte der zionistische ״Westen“ damals von Achad Haam. Heute läßt der ,,Jüdische Verlag“ mitten im Weltkrieg den zweiten Band der deutschen TciliibersctzJiig seiner gesammelten Schriften erscheinen mit einem Vorwort, worin cs heißt: ״Wenn wir mm die gewaltig unterbrochene Arbeit wieder aufnehmen und nochmals der Wille des Volkes auf Grund gänzlich veränderter Verhältnisse über seine eigene Zukunft entscheiden soll, gewinnen die Betrachtungen, mit denen Acliad Haam die Entwicklung der zionistischeu Idee begleitet und dadurch wesentlich beein- Huß\ hat, eine eminent praktische Bedeutung. Seim: Urteile ülx׳r Judentum und jüdische Kultur, über Vergangenheit und Zukunft des jüdischen Volkes reden heute mit derselben Wucht und Not- Wendigkeit wie damals, da sie zum crstcnmalc ausgesprochen wurden“. Und am Schlüsse des Vor- Wortes ״bekennt“ der Ucbcrsctzcr ״dankbar den tiefgehenden Einfluß . . ״ den des Verfassers weitblickende, mit unbestechlichem Auge tief in den Kern der Dinge cindringende Behandlung jüdischer Fragen und nicht zuletzt sein durdi alle Kritik durchdringender unerschütterliche! Glaube an das jüdische Volk Und seine Zukunft“ auf ihn geübt hat. Also selbst das Schlagwort von der zersetzenden Kritik und dem lähmenden Pessimismus des den ״Geist der Schwere“ verbreitenden Achad Haam fängt man heute an gebührend zu würdigen — und zwar gerade im Westen. Die neue deutsche Ausgabe wird nach drei Richtungen hin zu betrachten sein: nach Inhalt, Auswahl und Ucbersetzung. Drei/elin Aufsätze haben aus dein 11.—IV. Band des hebräischen Originals Aufnahme gefunden. An der Spitze steht ״Der erste Zionistenkongreß“, eine kurze Besprechung, die in gedrängter Form die zionistisehen Grundgedanken Acliad Haatns enthält tmd sie zuletzt wie in einer Programmforntel in «lie Worte zusaimiiciifaßt: ״Israels Erlösung wird durch ״Proplieteu“ geschehen, nicht durch ״Diplomaten“ . . .“ Der ״stürmische Widerspruch“, den nach der eigeneu Aussage des Verfassers «kr Artikel hervorrief, vcranlaßtc Acliad l laam zur Veröffentlichung eines ausführlichen Aufsatzes: ״Judenstaat und Judennot“ (S. 7 t'f.), der für das Verständnis des ״geistigen Zionismus“ lind seines Verhältnisses zum ,,politischen“ Zionismus llcrzls von •hervorragender Wichtigkeit ist. Sodann folgt ״Der zweite Zionistenkongreß“, ״Der dritte Zionistenkongreß“ und die bereits erwähnte kritische Abhandlung ״Altnciiland“. Die beiden zuletzt genannten Veröffentlichungen geben zugleich dem nur deutschen Leser wenigstens ungefähr eine Vorstellung von der lrouisicrungskunst Achad I feains. Des weiteren begegnet uns der (Aufsatz ״Die Bilanz", Worin der Verfasser ״sich selbst Antwort“ geben will, ״auf die allgemeine, die Grundfrage . . .: diese ganze Arbeit, in der dein Leben vorüber — und deine Kräfte aufgegangen sind, wozu kam sie und was brachte sic?" (S. 72) Die Ergebnisse, zu «lenen hier Achad Haam gelangte, entfesselten damals — nach dein X. Kongreß — in der ״Welt“ und anderwärts eine hitzige Diskussion, in die Achad 1 laam selbst mit einem besonderen ״Nachtrag" (S. 00) eingriff. Während alle diese ״Essays .... einen Uebcrblick über Acliad Haatns Kritik des politischen Zionisnius vom ersten Kongreß (1897) bis zum Jahre 1912“ gewähren wollen, ist bei «1er Auswahl der folgenden Aufsätze vornehmlich ״auf Beiträge zur zionistischen und kulturpolitischen Praxis gesehen worden" (Vorwort S. VII). Als ersten Beitrag solcher Art finden wir ״Die Renaissance des Qeistcs", eine umfangreiche Ab-

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