Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXI (1916)
- Issue
- Heft 26 (30.6.1916)
- Date
- 1916-06-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Warschauer Stadtwahlen 1 >ie Vorbereitungen zur Wahl eines VmvaiiiniLi.'kuqters f11111 ־ ic Stadt Warschau lassen /um ctsH'iimal elas wicilcrctstdicndc politische I t׳- hu: Polens in seinen mannigfachen Sehattienin- | ״ui deutlicher liervoi treten. Juden und Polen i In linden sich in eifriger Arbeit für eine ihren j Inn ressen und Wünschen entsprechende Vertre- I tim er im zukünftigen Warschauer Stadtrat. Die Schwierigkeiten der einigermalleii kompli/ierteu Wahlverortlnung, tlie die Wahlix'rechtieien in sechs Kurien einteilt, und besonders du ins l'in/elne gehenden Bestimmungen über den Begriff der polnischen Stnats/ugehörigkeit 11m1 damit der Wahlberechtigung liehen es im /ii'.iinmenhanj.; mit den bereits eiiisel/emleu iintisi iiiiliselien Aussehhihtenden/eii der l'oleu jmliseherseits notwendig erscheinen, unter der jüdischen Bevölkerung Warschaus eine Aufklartun .-,irbeit /u leisten, tlie zur (iri'mdung eines /tinialeM jüdischen Wahlkomitees führte. Die ge-.nute• jüdische Presse Warschaus hat sieh dieser Aufklärungsarbeit pflichtgetreu /tir Ver- Hi/ung gestellt und mit (ieimgtutmg Iaht sich k'instatieren, tlali tlas Warschauer Judentum in tlwstiii Wahlkampf innere < legcnsat/c mul Sott- (kriiilrressen um der große Sache willen in du! Hintergrund treten lieh. Bin geschlossener jmli.Hlier Volkskörper tritt einmütig für sein Recht ein, ein Beweis mehr, dah Juden, wenn w d;w unerbittliche (iebot der Sellrsterhaltimg cilieisdit, sich über allen inneren Baitcihatler hinweg zu einem geschlossenen Gait/cn zusninmen/ufimlcii vermögen. Zionisten uiul Nationa* li.-tcn, t )11110110x0 und Chassidiut, der gemiilligte Teil tier Assimilauten und der nationale I liigel der So/ialisteii haben sich im Warschauer jütliscliin Wahlkomitee vereinigt. Sie alle sind von der Ueberzeugung durchdrungen, dah nur eine besondere jüdische Wahlkampagne zu einem ^bhli igcbnis führen wird, das eine gerechte Vertretung der jüdischen Interessen und Bortiernngen im zukünftigen Warschauer Verwaltimgskorper gewährieistet. Nur zwei jüdische Gruppen haben ihren Anschluß an das jüdische Wahlkomitee verweii:vn•. die kleine Schar der extremen Assimilantcn, die in ,den polnischen Blättern ,,erklärten“, daii j 1.11 er Jude sieh der seinen politischen und wirtschaftlichen Anschauungen entsprechenden polnischen Partei anzuschlichcn liabe, und tlie radikale sozialistische Partei, tler ״Bund“, den seit jeher jede einheitliche jüdische Aktion in l1'־ucbt versetzt hat. A11 dieser Wahlgruppierung der jüdischen Riiteicn ist besonders der Anschluß der grolicn Masse der gemäliigten Assimilauten, der sögenannten Nco-Assirnilanten, bemerkenswert. Diese fämailigte Assimilation vertritt den Standpunkt, (L1) der polnische Jude neben seinen polnischen Interessen auch woldberechtigte jüdische In- Kressen und Forderungen habe. Das Bedeut- Mine an diesem Standpunkt ist, dali tliese so 3"erkannten spezifisch-jüdischen Interessen diese ^1־uppe zum Eintritt in das allgemeine jüdische Wnlilkomitec bestimmt haben. Es zeigt sich, ,!׳,IS die Selbstcntäulierung der jüdisch-polnischen Assimilation des jüdische Grundgefühl eines gnolien Teiles dieser Gruppe noch nicht 7erstört hat. »Der Zionismus erstrebt für da« jüdische Volk die Schaffung einer öffentlieh-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina.״ Baseler Programm. Noch liegen die endgültigen Ergebnisse der Eintragung m die Wahllisten nicht vor. Noch ist die f rage der Wahlberechtigung der ״mssischeii“ Juden in Polen, der sogenannten Eilwaki nicht genügend geklärt. Noch stehen vor allem die Wahlen zur Stadtverwaltung selbst bevor. Sa viel läüt sieh aber schon heute kon-, statieren: die den Wahlen vorangehende jüdisehe Wahlkampagne lieh das Warschauer Judeiitum vor der nicht jüdischen Welt als einen geschlossenen Volkskörper mit einheitlichen Zielen auf dem Gebiete der bürgerlich-sozialen und iiati mal-kultnrclleii Gleichberechtigung erschein tu. Dieses Zeugnis der Urganisieruiigsfähigkcit der Warschauer Juden gibt uns den Trost und die lliüfnuiig, daß die |x>!11i.schc!1 Juden auch dann ihren bestimmten einmütigen Willen kundgeben werden, wenn es sich im Rahmen der gesamten Bevölkerung Polens um die Verteidigmig i|1rer bürgerlichen und national-kulturellen Rechte hamlitt, M. M, An unsere Freunde und Leser! Quartal um Quartal, Nummer;um Nummer haben wir während des Krieges^ die ״Jüdische Rundschau“ 7.11 einem Organ ausgebaut, das den Gedanken des Zionismus stärken ]und ihm in konfliktreicher Zeit neue Kreise öffnen, neue Kräfte gewinnen kann. Dj jWir haben Anlass, mit dem Erfolge einigermassen zufrieden j;7.u sein. Die Verbreitung der ״Jüdisch•mi Rundschau“ ist über alle in der Friedcnsz.cit erreichten , Zahlen hinaus gewachsen. Unsere Freunde und Leser wissen sie zu schätzen und 7.u benutzen. Nunmehr hat uns kurz vor dem neuen Quartal die Gestaltung der Verhältnisse zu einer Erhöhung des Abonnements gezwungen. Die Papier- und die Druckpreise sind so gestiegen, dass wir ausserstände sind.^an der Höhe der bisherigen.Abonnementsbeträge festzuhalten. Wir nehmen die *Erhöhung vor, weil wir überzeugt sind, dass alle unsere Abonnenten ihre Notwendigkeit einschcn werden, f Wir bitten alle unsere Freunde und Leser, uns neue Abonnenten zuzuführen, und nicht zu vergessen, dass jede Erhöhung der Abonnentenzahl der Jüdischen* Rundschau eine dauernde Stärkung 'der zionistischen Arbeitsmöglichkeiten bedeutet. Vom 1. Juli 1916 ab beträgt der Abonnementspreis für Einzetabonnenten Mk. 2.25! für Ortsgruppen im Sammelabonnement Mk. 1.50, für Oesterreich Kr. 3.60, für das Ausland Mk. 3.--. in״'' . ».* Verlagfund Redaktion , der ״Jüdischen Rundschau". Die jüdische Wahlkampagne in Warschau Am I. Juni begannen tlie Wattier gemäß den Bestimmungen der Wahlordnung zu den Warschauer Stadtratwahlen ihre Namen in die Listen der entsprechenden Kurien einzutragen. In den ersten Wodien gingen die Wähler, nichtjiidjsche wie jüdisehe mir sehr ungern zu den Wahlbttreatis. Erst nach einer, eifrigen Agitation sämtlicher jüdischer Prefiorgane begann tler jüdische Wühler lebhafteres Interesse für die Wahlen an den Tag zu legen. Die rechtsstehenden polnischen Parteien, von den ״Natioiiiiklcinokrntcn11 bis zum ״Progressiven Verband“ schlossen sich zu einem ,,Zent r a I e n Nationalen W a 111 k o in i t e e“ zusammelt. Die demokratischen polnischen Kreise bildeten im Gegensatz zu diesem ein zweites ,,Demok r a t i s e h e s W a 111 k o m i t e c“, tlas sieli auch zentral nannte. Es mangelte wohl auch nicht aa offener anliscmitisehcr Agitation. l>ic Führer der .,Vereinigung“ tler Stadtbürger, die im ״Demokratisclien Wahlkomitee“ vertreten sind, veröffentlichten in den ״Przgclod Ikiranny“ ilir Credo, i* dem unter anderem unzweideutig erklärt wird: ,,Wir, tlie die Interessen, Anschauungen mul Ideale des polnisehen Mittelstandes vertreten, sind vom reinste* Patriotismus beseelt. Wir sind nicht gegen die Religion und nicht gegen eine bestimmte religiöse Gemeinschaft. Wir wollen aber gegen die Gef a 11 r d e r j ü d I s e 11 e 11 I i t w a k i k ä m p ' e ״ und alles unterstützen, was polnische Industrie, polnischer Handel, polnische Wissenschaft und Kunst pflegt und fördert . , . Die zweite Aufgabe der ״Verciiiigung“ des Bürgerstandes muß der Kampf gege* die Gefahr der jüdischen Sozialdcmokratie werden . . Die ״christlichsoziale Partei“ erklärte in einem öffentlichen Aufruf an die Wähler: ״Es wird eine Schande sein für euch, polnische Arbeiter und Christen, wenn durch eure Nachlässigkeit als Vertreter der polnischen Arbeiter die Jude n u n d ihr e Diener gewählt werden sollten“. In den jüdischen Kreisen wurde bald die Not- Wendigkeit der Bildung eines jüdischen Wahlko mite es erkannt und über seine Realisierung debattiert. An den Beratungen tilxr diese Frage beteiligten sielt Zionisten, Nationale, Orthodoxe und Assimilauten , die extremen wie auch die gemäßigten, die sich ״Neo-Assimilanten“ nennen. Die Mehrheit der Versammelten war für die baldige Bildung eines zentralen jüdischen Wahlkornitees. Aus den Reihen der Assimilantcn wurde in den polnischen Zeitungen folgende Erklärung veröffentlicht: ״In den Kreisen der Pulen jüdischer Abstammung und Konfession, der sogenannten Assimilantcn, fanden zwei große Ver- Sammlungen statt, auf denen beschlossen wurde, kein besonderes jüdisches Walilkomilee zu gründen. E* wird nur eine Kommission eingesetzt, die die jüdisehe Bevölkerung über die Bedeutung der Wahlen aulzukiären hat". Mit dieser Erklärung schienen aber nicht alle Assimilauten einverstanden zu sein. Nach einigen gemeinsamen und einzelnen Beratungen der jüdischen Parteien wurde beschlossen, ein zentrales jüdisches Wahlkomitee zu gründen, das auch von den Behörden am 14. Juni genehmigt wurde, ln diesem Komitee wurden vertreten: die Ort ho doxen durch Eliescr Priwes, Jcschajahu Rose n bau in und Eliahu Kirschbraun; die Zionisten durch II. Farbstein, Rechtsanwalt Simon Seidemann und Rechtsanwalt Alexander Olschwangcr; die Nationalisten durch Leibusch David soh 11 und M. J, Freud. Die Assimilantcn, die sich mit den extremen Assimilanten nicht identifizieren wollten, durch Dr. S. Go Id f lau m, Dt. Julius Muttermilch, Wlazlaw Kirsch rot h, Komissär Leon Beten, solin; die Unparteiischen durch M. Orodzensky, Nathan Morgenstern, Rafael Schereschewsky, Adolph T r u s k e r und Emil P e re z.