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Jüdische Rundschau · 1916-06-23 · Heft 25 (23.6.1916) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXI (1916)
Issue
Heft 25 (23.6.1916)
Date
1916-06-23
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 25 JUEDISCHE RUNDSCHAU SeiteT203 Jom111*'> ־' sind 1ms hebräische Dicht״•, die uns teuer und auf die wir stolz sind. Cliaiui Machinaii Bialik aber ist uns, den am (iolus leidenden, ihn im Innersten negierenden und um seine Ueberwimliing kämpfenden, moderne״, nationalen Juden ״der״ Dichter, ,,unser“ Dichter. N a e h 11 m (i <1111 m a 11 n. Zwischen den Zeiten Line Zeit des Chans war es, wirr winden die (iren/en des Endes und Aufan״s, des Nicderreißciis und Bauens, des Alters und der Jugend, Und wir, Zwis eil c n g c bo r c n c n, wissend und nichtwissend, in Andacht beugten wir das Knie vor beiden Mächten zugleich, taumelnd zwischen 1diesen beiden (ievvalteu. In diesen Worten zeichnet der Dichter selbst das Charakterbild einer Epoche, in deren aufgewühltem, wikl/erklüftetem Erdreich die tiefsteil Wurzeln seines menschlichen und dichterischen Seins ruhen. Ein ״Zwischeugeliorcncr“ das ist er in all seiner zeitlichen Wurzellosigkeit, in seinem Zwciwcltculuirgertuin. In einer Dämmerstunde des im Verlöschen begnltenen Haskalalichtes und der aus nachtliehen! Dunkel mühsam und schweren Schrittes zur Höhe steigenden Morgenröte des neuen nationalen Ideals zum Bewußtsein seiner dichterischen Berufung gelaugt, kam er aus dem seelischen Zwielicht nicht mehr heraus. Dem gefiederten Erühlingskiinder (״El Ha/ipor“ Nissau 5b5l) galt sein erster Sang; der stillen liagik des kraftlos hinabgleitenden welken Astes (״Zanach Io salsal“-Nissa11 5b70) sein spätestes l.ied. Das zwischen diesen beiden seelischen Marksteinen seines dichterischen Lebens- und Schaffenspfades liegende Vicrteljahrhuuder1 ist Zeugnis eines immerwährenden, den tiefsten Scelengruml nnfrüttelnden Ringens zwischen den Machten des Endes und des Anfangs, des Nietkneiliens und des Bauens, der Jugend und des Alters. . . Verherrliche!• der (ialuthschönhcit um) Herold der Freiheit zugleich, mit heilig begeistert er Seele. Die lebendige Vergangenheit preisend und die Zukunft herbeisehuend und iuiiKlend - ein Zwischengeliorener, den sclieiilcndcn Mächten in gleicher Ehrfuhrt ergeben. Lin tragisches I )ichterschicksal, im Ebenbilde eines tragischen Volksschicksals geschaffen. . . Das Zwiespältige und (icteilte im dichterischen Erleben Bialiks findet seinen echten Ausdruck in dem Dualismus seiner (lestaltungskialt. Der traumverlorene Romantiker bewährt sich zugleich als Realist, ja Naturalist echtester Prägong. ״Seine beiden köstlichen Prosawerke ״Arji Baal-guf“ und ״Me-acltore hagader“ legen von dem iinerbittlich.sten, wirklichkeitsfrohesten Realismus Zeugnis ab. Hat sich diese dichterischc (lefiihlsart dem Denker mitgeteilt oder ist sie selbst der Ausfluß einer Weltanschauung? Bialiks jüdisches Lebens- und Volksgefühl ist allseitig und von keinem Begriffselement eingeengt. Heber alle Tragik und Zwiespältigkeit hinaus bewährt sich siegreich sein uitgebroclte- »er, ungeteilter Bejahttngswille, Nur wer dieses nicht weiß, der mag über manche Offenbarung *,eines (leistes befremdet sein gleich jenem verrliitztett Publikum in Jaffa im Jahre 1 *Hfl, dem der hochgefeierte Dichter statt der erwarteten Apotheose des neuen Lebens - die ergötzliche Liebesgeschichte zwischen dem aus der Vaterad geschlagenen Jmlenjungen Noah und der Ki1/;1|H׳n111ai11 Marinka zum Besten gab. Vor seinem dichterischen Tribunal ist eben alles gleichberechtigt. Fern ist ihm jede irgendwie geartete ״Verneinung“ des Wirklichen. Daher die so ga hi 111 f ro It e 11 (iestaltungen eines Dichters, in dessen Oesängen die Erlösungssehnsticht eines Volkes zittert, in denen seilt Erlö- *»»gswille den höchstgesteigerten elementaren Ausdruck findet. Ein echtes Ocpnige jüdischen (ialuthgeistes trägt auch Bialiks Natur und Liebeslyrik. Fremd Weiht ihm das stille Entzücken und der iingct 'ruhte (ientiß. Erstaunt und überwältigt stellt er vor der verjüngten Natur, vor der satten Pracht des wogenden Achrenfcldcs. Das freudige Aufiiiticli/eu wird von dem sich gleich einstcllenden Ressentiment vergällt: ״Meine Hand hat euch nicht gepflegt, mein (icbct rief nicht den Segen über eure Fluren!" Wie gekünstelt, wje reflektiert wirkt die Schliißstrophe dieses herrlichen (icdiclitcs: es gemahne ihn an die glücklicheren Brüder dort . . . Ein gleichgeartetes Lehcnsgcfühl diuchzittert seine Liebeslyrik. In seinen Liebesliedern ringt mul verblutet das Herz eines Juden, in dessen Liebe die Liebe zu seinem Volke, die höchste und mächtigste, mitscliwingt. Personliehe und nationale Schicksale fließen ineinander zu einer prächtigen mul tiefen Flut des dichterisehen Erlebens. Man denkt unwillkürlich an Tsdiernichowsky und Schmäir. S i e sind eben Erstgeborene. Als Bialik das Lied des welken Astes sang, da wurden wi;r traurig. Fan Sehwanengesang, meinten viele. Und fast schien es so. Des Dichters (icist verfiel einer zunehmenden Verdiislerung. Eine bedrückende Resignation spricht aus den letzten Schöpfungen seiner melancholischen Muse, die uns das Blut itt den Adern starr macht. Empörung und Kampf haben der Todcsscluisncht Platz, gemacht. Eine Sackgasse des Leids. Möge der heilige Schmerz den Weg ins Freie finden. Auf daß er wieder fruchtbar werde und zu neuer (ieburt führe. Alsdann feiern wir die Wiedergeburt des Zwischengeborenen. Leo Hoscttbtrg, ן Mitglieder-Versammlung! i der § | Berliner Zionistischen Vereinigung I I Vortrag von Leo Hurmann | 5J "־ —־*""־"", .- ־ ' — H I über Zionistische Zeitfragen. | I Mittwoch, den 26. Juni 1916, pünktlich j | 9 Uhr abends, in den PrachtsSlen des | | Westens, (Spichernsfile) Spichernstr. 3. | Eintrittsgeld 30 Pfg. j 1 zur Deckung der Unkosten. 1 Bialikjubiläum in der Presse Würdig feiert die jüdische Presse das 25 jährige Ijtclik'rjiilnlämn desjenigen, der die zentralste Figur in unseier Literatur der Ocgenwart <10!stellt. Dabei ist ein bedeutender Teil unserer Presse ausgcsihahct: in Rußland gibt cs bis auf weiteres kein I'iiliiirgan mit jüdischen Huehslabeii, Diejenige /eilsclinft, die die meisten und die besten Werke des Jubilars veröffentlichte, die eine Zcillang von ihm mitgeleitet wurde, ״I laschiloach“, ist auch aus irgend« eichen militärischen Gründen stumm gemacht. Von den Periodiea, die in Rußland in russischer, in anderen Lindern in anderen Sprachen erscheinen, bekommt man bei den heutigen Verkehrsverhältnissen hei weitem nicht alles zu sehen. Vor uns liegt daher gegenwärtig mir ein Bruchteil dessen, was in aller Welt der jüdischen Zerstreuung mul Kon- Zentrierung von Nordcnropa bis Südamerika, über den Jubilar und sein Schaffen gesprochen wird. In diesem Hnuhteil aber, allerdings einem bedeutenden maßjM'bvndeit Hrucbtcd. wird i.bairn Nachman Bialik so riel Liehe und Ehre gezollt, wie nur selten einem < Holten, Ein/igeii von seinem Volke und seiner (lenerat ihm, 1 Von den Soiiileruiininierit zum Jubiläum ist am stattlichsten die Nummer fl/15 .der zionistischen ״Jcwrejskaja Niisn" in Moskau, Weil es nun einmal tueht anders geht, sprechen zu Huts hier auf russisch Nmlcn eier jiidiseheit Poesie und Prosa wie Mcndclc, rselternieliowskv, Klausner. Mcndclc begrüßt ״den jungen, lieben Dichter“, Klausner wertet den Jubilar als den Absehlielier einer EJmelle, der, Dante verglnehltar, unsere Vergangenheit in sich schöpferisch aufgesogeit und •in Dichtung verewigt hat. Liebewill weist Tscltcmichowskv, der wohl am berufen• stcu dazu ist, darauf bin, «Iah Bialik ein Volksdichter ist, der den Pnlssdilng des Volkes am feinsten hört, der selbst ein Stück Volk ist. Außer vielen anderen Beiträgen, die Bialik von verschiedenen Seiten werten (so über Bialiks Anbetnng des Lichts, der Kraft, über Bialik a s Mensch) ist eine Anzahl von Beiträgen zu erwähnen, die sämtlich von Nidtfjudeit stammen und zwar von den ersten C Irölleu der russischen Literatur. Mit einer Ausnahme sind das keine Artikel, solidem Lieder: ein Lied von Bunin, jBinlik!gewidmet; zwei Variationen von einer russischen Nadidichlimg zu Bialiks ״AI luisclichito“ eine von Solloguh, die andere von Briissuw (vom letzterem außerdem eine Nachdichtung zu Bialiks ״Ajjedt״), dann die Nachdichtung etins anderen üedichts Bialiks von W. Iwanow. An diese Schönen Zeichen der Bewunderung reiht sidt ein Artikel von Maxim Gorki. Für ihiii ist Bialik ,.nein Pr0|d1eten ähnlich, den ich am liebsten habe, Jesains, und dem Oottstürmer Hiob“ . . . ״Ihm ist aber auch auch das Einfache, Liebe, Menschliche nicht fremd; wo er kann, erscheint <er als ein schöner* Lyriker". Auch die Moskauer ״Jevvrejskaja Neifjelja“ hat in ihrer Nummer 10/17 mehrere Spalten Bialik gewidmet. Unter anderem findet sielt liier ein offener Brief des Historikers S. i Hibnow an Bialik, der in die rührenden Zeilen mundet: ״Mochte dieser Brief ein Ted des Stoffes für ihr kommendes Poem sein. Ist doch mit der Tageslragödie auch das verknüpft, daß ich meinen Jiibclgmß unserem nationalen Diditcr mellt in unserer nationalen Sprache schreiben kann und sogar die Namen »einer Lieder in nichtnationak Lettern tungießrn muß“. Viel vvird in den russisch-jüdischen Zeitungen über Bialiks geringe Produktion in den letzten Jahren gesprochen und allgemein die Zuversicht gehegt, Bialik werde 11,ich dem Kriege der Sänger der Kriegsnot und der Verkünder des Volkslieds sein. Man mag solche Bestellungen etwas befremdend finden, sie /eigen aber zweierlei: wie groß in Rußland die Seluisuiht nach einem Ausdruck des Erlebten ist und wie Bialik als der dazu Berufene anerkannt wird. Weniger liochfahrend, aber intimer, Iteimischer wird Bialik im Hebräischen gefeiert. Statt Bestellungen für die Zukunft wird lner die nahe Vergangenheit, die < leg eit wart gestreift. Hier, in der geistigen Nähe Bialiks, wird die lloeltschäfzung, die mau zu ihm hegt, durch die Liebe zu seiner Persönlichkeit überstrahlt. In Odessa, am Wolutr ort des Jubilars, wird ein hebräisches Satnmclbuclt vorbereitet, dem Jubiläum gewidmet. Ein Beitrag davon ist schon veröffentlicht. Dr. M. ülücksohii spricht vom ״mündlichen Bialik", von der sprudelnden Anregung seiner Unterhaltungen, von Bialik als Denker, In Palästina ist gleichfalls eine Jubelschrift altgekündigt, im Rahmen der tSammelhcftc ״Besthna su". Vorläufig hat die tägliche ״Hachenit“ in Jerusalem eine Bialik-Nummer herausgegeben. ״Unser Bialik“ nennt seinen Beitrag David Yellin. Ein paar kurze, treffende Juhiläiimsartikel beschäftigen sielt mit einer Parallele zwischen Bialik und Tschcmichowskv, der nächst Bialik in Palästina besonders beliebt ist. Eine Sondernummer bringt auch der New-Yorker ״! laloren“. Neben wertvollen Erinnerungen aus Bekaniitschafteu mul Begegnungen mit Bialik (unter anderen kommt liier Schaknn Alcjchcin zu Worte, wohl /um letzten Mal in seinem Leben) vernehmen wir hier eine eindringliche Mahnung von l)r, Schemarja Lewin, nicht voreilig Bialik zu zerglie- (lern,zu klassifizieren. Wir Zeitgenossen haben noch keine Perspektive und folglich keinen Maßstab für Bialik. ״Vielleicht schließt er eine Epoche, vielleicht eröffnet er eine. Es gibt alter noch eilte dritte Möglichkeit: daß er sowohl abschlicßt ab eröltiiet“. Was für alle Jiilnlatmicbcitragc, Oriilk• und Wünsche in verschiedenen Sprachen, verschiedenen Landern mul Lidlcileu charakteristisch ist, ist die ehrfurchtsvolle f eststellimg des h w I g - J ii d i s e 11 e n m Bialik. Schreibt Mihaschnn In Jerusalem, daß Bialiks I jeder wert sind, in den Bethäusern neben den frommen Büchern gestellt zu werden, so prophezeit I as,neff in Moskau, daß die Juden Bialiks Pogminclcgic künftig am uemiten Ab auf dem Boden sit/cml 111 den Synagogen lesen werden und P, Hir-chhein in Neu-York fragt gleichzeitig: ״Wer w eiß t Vielleicht s i u d in diesen Zerstönmgstagen Bi iliks l eides- 11ml Zorulicdcr für die Dias|tora dassellu, was die Klagelieder Jeremias für unsere Nation zweitausend Jahre waren'■׳“ Diese Huldigungen sind das Ueberwicgciide in allen liahk gewidmeten Zeitschriften und Zeitungen, sie sind aber mellt Thr ausschließlicher Inhalt. Es kann hier niclit auf alle anderen Beitrage «!(»gegangen werden, die Bialiks Werke ästhetisch und pltycltolngisch gesclnd flieh und liier,•irisch, sprachlich und sachlich, analytisch und synthetisch befrachten. I lervor/iilicben ist der Artikel des bekannten Kritikers Baal Machschönes, der stell in die Motive und Rhythmen des Hiahkseliens .,•)jährigen Schaffens eiuzulehen versucht; der Artikel David I risehm,ums, «ler seine alte These, Bialik st 1 kein Prophet, sondern mehr als ein Prophet - ein Künstler", durch neue Belege aus Bialiks Liedern veranschaulicht. Kräftiger als diese Artikel m ״Jcwrcjskaja Shisii“ sind die ״Fragmente“ Z. Aucrhaclis in ״llatoren“, wo Bialik gerade heraus der ,,erste Mensch“ in der neuhvbr.iisehen Literatur ge. iiamit vvird als erster, der - im Gegensätze selbst zum letzten i faskaladiebter jchmla Leib t'iordon - das Filii über das Wort stellt, sieh vom papierenen Stil gänzlich frei macht und ״wie der Vogel singt der nt den Zweigen wohnet“. ' Von Zeitungen u11d Zeitschriften kann man übrigens nicht die volle Vertiefung verlangen, die Bialiks individuelle Problematik aufzeig«״ könnte die im Dichter weniger den Tvpus als die Sonder•' seele. d/1s Unwiederholbare in ihm sichtbar machen konnte, Das erwarte״ wir von den kommenden Satttmelhüeher״. In Kriegszeit, halbtot, in Stücke zerschnitten, durch Ozeane von Blut und Wasser getrennt, hat die jüdische Presse dennoch Rialik-Jomtow gefeiert, wie jüdische Kriegsgefangene dennoch den Seder leiern. ß. K

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