Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1916-06-23 · Heft 25 (23.6.1916) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXI (1916)
Issue
Heft 25 (23.6.1916)
Date
1916-06-23
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2651273-2651974-2651999--10668-2668113
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 202 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 25 *oliicd für ihn ans; und an die Stelle trat der Golus mit seinen ״•nodal Erinnerungen, seiner qualvollen Gegenwart und seinen stolzen Hoffinnigen. Dies mußte ihm min das Tlivina seiner Dichtung werden. Es ruht -- individuell gesehen ־ in Bialiks!.eben und Schaffen eine heimsehe Größe, und was damit gleichbedeutend ist: eine erschütternde Trafik. Und darum ־ nur darum - konnte er unser ״nationaler“ Dichter werden. Weil er vielleicht den reichsten und göttlichsten Teil seines Wesens ־ fan/ unbewußt natürlich — unterdrücken und überwinden mußte, um der Dichter des üolus- 'h׳Ik־iis und der Zionsschiisudit zu werden. Dadurch wurde sein Geschick das Sinnbild und der SjR'/ialfail des jüdischen üolusschicksals in seiner tiefsten Trafik. Denn nicht das macht das I urchtbarste und Tragischste am dolus aus, daß will׳ (physisch leiden müssen, daß wir verfolgt und gequält werden, sondern dies, daß man uns seit '2000 Jahren von allem, was licht Und hell und scho'u ist in der Welt, absperrt, daß man uns, das Volk, das einen Simson, einen David und einen Elijahu gehabt hat, gezwungen hat, uns zu ducken und beugen, daß man uns, die wir das ״Hohe Lied“ geschaffen Italien, von allem natürfidlen, freien, naiven Leben fcrngehalten hat. Und diese tiefste und spezifischste Tragik unseres Golus, daß wir, die Kinder der strahlenden Sonne I*alästiuas, in den engen, lichtlosen Straßen des (ilicftos leben müssen, sie ist auch die individuelle Tragik im Geschicke Chaim Nadtuian Bialiks. Damm ward er befähigt, unser nafionaler Dichter zu werden. Lr ward es, indem er mit jener mivergleidiliehen Gestaltungskraft, zu der ihn sein künst-!(.risches Genie befähigt, die ganze Skala unserer Tmpfindungen, Stimmungen, Erinnerungen, Leiden und Hoffnungen des Golus z.um Ausdruck gebracht hat. Zunädist den Schmerz, die Vhial, die elementare, fast physische Qual des Gemarterten. Das Thema war nicht neu; seit 2000 Jahren ist es (.las ständige Thema aller jüdischen Dichter. Aber wie Bialik ihm Ausdruck verlieh, das war neu, unerhört neu. Diese Wucht und Gewalt, mit der er seine Klage ansstromern ließ, hatte noch kein Dichter der Diaspora besessen. In seinen Versen brach der tiefste Schrei unseres seit zweitausend Jahren getretenen, gcinarteten Volkes so gewaltig und erschütternd durch, daß die Menschheit erbeben müßte vor Ergriffenheit und Scham ülK־r dieses Martyrium eines Volkes, dein sie schweigend zuschaut. AJlcifi« dieser Aufschrei aus der physischen konkreten Not und Qual ist vielleicht die stärkste, aber keinesfalls die tiefste und ergreifendste Note in Bialiks Dichtung. Tiefer und ergreifender ist •die Klage d e r unerfüllt c 11 S c 1111 - sucht , die in ihr bebt, jener Sehnsucht nach Licht, Freude und Schönlieit, die seine eigene innerste Tragik bildet. Diese Sehnsucht — sie ist der eigentliche Grund ton all jener herrlichen .,Natur- und Liebeslyrik“ Bialiks, wie sie gewohnlich genannt wird, und die in Wahrheit mir die Lyrik der Sehnsucht nach Natur und Ge Ix׳ ist. Sie ist der großen Masse weniger bekannt als seine eigentlich ״nationalen“ Ciedichte, und ist doch viel erschütternder und für das Wesen Bialiks charakteristischer als diese. Es sinkt wunderbare Gedichte, in denen er von der Schönheit der lachenden Sonnenstrahlen, von der Poesie des einsamen Waldes, von dem Zauber des stillen, verborgenen Sees, von der Innigkeit der Liebe und den Märchenaugen der Geliebten singt. Aber ich sagte cs schon: mehr als daß er wirklich von all diesen Dingen singt, singt er von seiner Sehnsucht nach ihnen. Es fehlt in seinen Naturliedern jenes Gefühl des tiefen Sieheinswisscns mit der Natur, das alle wahrhalte Naturdichtung charakterisiert, jenes völligen ELngelxdtetseins, in dem der Dichter sich nur als organisches Glied des Naturkosmos empfindet. Die Distanz zwischen sich und der Natur hört man in Bialiks Naturlyrik stets heraus, und man empfindet in ihr immer wieder die tiefe Sehnsucht des Dichters nach jener Harmonie und Erlösung, die alles wahre Naturgefühl gewährt. Er aber weiß, daß ilvm dieses Oefühl unerrcichbar ist, und sein Schmerz darob ist stark und •«!♦♦זי! Am stärksten aber offenbart sich diese I tiefste Seite seiner Golustragik in seiner Liebes-! lyrik. Hier, angesichts dieses elementarsten und; höchsten Triebes, dem der natürliche lebende : Mensch .seine stärksten Leiden und reinsten! Wonnen entnimmt, empfindet der Dichter die 1 Uunatürlichkeit und Krankhaftigkeit unseres Golusdascins in ihrer grausamsten Wirkung. Wie das wahrhafte Naturgefühl ihm verwehrt ist, so auch das völlig reine, naive, aller Problematik und Normierung entrückte Liebesgcfühl. Und hier bricht sein Leid ob dieses Unrechts und dieser Grausamkeit seines Geschicks in der erschüttcnulstcn Weise durch. Ich kenne kein Gedicht Bialiks, das ergreifender wäre als sein unvergängliches kleines Liebesgedicht: ״Hachnissini tnclias knofajich“ mit seiner furchtbaren Frage: ״Man sagt, es gäbe Jugend in der Welt! Wo ist meine Jugend? . . . Man sagt, es gäbe Liebe in der Welt! Was ist das: Liebe?" Gibt es in unserer gesamten Goluslitcratur etwas, das machtvoller, gewaltiger und erschütternder die Not des Golus aiissprüche als diese kurze Trage: ״Was ist das, Liebe?“ Alles, was man uns seit 2000 Jahren genommen und vorentlialten hat, liegt in dieser Frage. In ihr fragt der Goltisjiule nach dem Glück, nach der .Sonne, nach der Freude, nach der Schönlieit, um die er durch zwei Jahrtausende hindurch , beraubt ward. Und in ferner Zukunft, wenn nur noch literarische Denkmäler und historische Zeugnisse von der Not und der Qual des Golus künden werden, wird dies für jene späten, glücklichen Enkel von allem, was wir im Golus geschaffen haben, vielleicht die ergreifendste Kunde dieser großen Tragödie unserer Geschichte bilden, diese bange, stammelnde, und doch vom tiefsten Weh und Verzweiflung durchbebte Frage: ״Man sagt, es gäbe Liebe in der Welt! Was ist das.: Liebe?“ — — Hätte Bialik uns mir dies gegeben, diese Lyrik des Schmerzes, der Sehnsucht, der Klage, er wäre dadurch allein schon der nationalste Dichter der gesamten Goluslitcratur geworden. Aber er gab uns noch mehr; er ward nicht nur der Dichter des Golusjudentiims schlechthin; er wurde vor allem auch der Dichter des modernen Judentums. Und modernes Judentum heißt das Judentum, das den Golus negiert; nicht passiv, für xlie Zukunft, für ״Mosdiiachs Zeiten"; sondern aktiv, unmittclbar, für sofort. Es ist das Judentum, das nicht nur klagt, sondern anklagt, das nicht nur schluchzt, sondern sieh aulbäumt; das neben dem Schmerz den Trotz und neben der Qual der tiegenwart den stolzen Willen zur neuen Zukunft hat. Und weil er die Gegenwart negiert, verneint er auch die Vergangenheit, deren wesensgleiche Fortsetzung unsere Gegenwart ja nur ist. So entsteht neben dem Trotz, der Empörung und dem Willen zur Ueberwindung des Golus doch auch noch einmal die wehmütige Stimmung des Abschieds von ihm, denn im Geiste, in unserem Bewußtsein nehmen wir ja gewissermaßen schon von ihm Abschied. Und in dieser Stunde blicken wir jKK'hmals zurück auf die lange Kette der Generationen, und noch einmal umfassen wir mit liebendem Blick all das Eigenartige, Große und Schöne, das unser Volk selbst unter den Lebensbcdingiiiigen des Golus geschaffen hat; noch einmal steigt vor unserm Blick all die traute Innigkeit und der geheimnisvolle Zauber des Ghettolebcns auf. Aus dieser Stimmung und (iefühlsdisposition heraus schuf Bialik jene um ei gänglichcn Dichtungen, in denen er all das Ergreifende, Wertvolle und Große im Ghetto- Tebem m unerreichter Weise verewigt hat (I iamathinid“; ״Al saf beth-hamidrasch“). Sic sind gewissermaßen die Bilanz, die das moderne Judentum zum letzten Male aus seiner üolusgcschiclite zieht. Aber diese Bilanz erweist ihm trotz, aller positiven Werte die Unhaltbaikcit des gegenwärtigen Zustandes und die Notwendigkeit einer völligen Aendcrung von Grund auf. Und so bedeuten diese wehmutig-liebevollen Abscliiedsgedichte nur einen kurzen Uebcrgang und Aufenthalt; über sic fort drängt es zur Arbeit an der neuen Zukunft. Der Rückblick auf die Vergangenheit bestärkt nur in der Verneinung der Gegenwart. Und diese Negierung unseres gegenwärtigen Daseins wird nun zum beherrschenden, abschließenden, alles übertöncuden Cirumimotiv seiner Dichtung zu dem Motiv. Das ihn von all seinen Vorgängern unterscheidet. Wir haben schon viele Dichter gehabt, deren Thema (Jas Gohtsleid war, Dichter von ergreifender Innig, keit und wuchtiger Kraft. Aber sie waren elxn alle nur Dichter des Golus, nicht auch die I ierolde der V c 1׳ n e i n u n g des G o 111 s. Ihre Gedichte waren ״Kinotli“, Klagelieder und Gebete; Bialik gab 1ms die neue ״Kinali“: seine Pogromdichtungen sind ebensosehr Anklagewie Klagelieder, und mehr als der Dichter in ilnien weint, haßt und flucht er. Sein Schicksal, die Bestialität der Verfolger, aber auch die Feigheit und Schwäche seines Volkes, und die Erbärmliehkeit des Mutlosen, alledem gilt sein Haß und Fluch. Und die Kraft seines Hasses und Fluches gleicht der Wucht seiner Klage. I her ist der einzige Punkt, in dem Bialik den ״Propheten“ ähnelt, von denen er sonst, in allem Entscheidenden, abgrundtief geschieden ist. Und gerade dies macht ihn Zinn Dichter unserer jüdischen Gegenwart, zum Führer und Mahner unseres Geschlechts. Seine Dichtungen lassen nicht in Qual und Verzweiflung zurück, sie drücken nicht nieder, sondern rütteln auf. Das Leid, das ans ihnen spricht, wird nie zur Trostlosigkeit; denn das Ende ist stets der Trotz und die Empörung wider das Geschick. Es gibt wenig stärkere Beweise für die ungebrochene innere Kraft unseres nationalen Organismus als diese Tatsache, daß der gewaltigste Dichter unserer Golusnot unter der Wucht unserer Tragik nicht ziisannnengebrochen ist, sondern stark genug Mar, darüber hinaus zur Vcrnei• nung unseres Geschicks, zur Kampfansage an unsere Gegenwart und zum Glauben an unsere Zukunft fortzusclireiten. Hier aber fand er seine Grenze. Der Dichter dieser Zukunft selbst ist er nicht geworden, konnte er nicht werden. Die letzte, höchste Note seiner Dichtung ist die Sehnsucht nach Zion; die Erfüllung dieser Sehnsucht konnte in ihm ihren Dichter nicht finden. Dazu ist die Kluft zwischen dem Golus und Zion, zwischen unserer Gegenwart und unserer Zukunft zu groß. Wer das ganze Leid des Goltis in sich aiifgenommen hat, kann nicht mehr das beseligende Glück der wahrhaften Eriösiing vom Golus erleben; er kann es ersehnen und ahnen, aber nicht selbst erleben. Und סי sind die Zionsiieder Bialiks auch eigentlich die schwächsten seiner ( icdiclitc. Sic leiden alle an Rhetorik lind Gedankcnhaftigkcit, das sicherste Zeichen, daß sie mehr der Vorstellung als dem wirklichen Erleben entquellen; selbst das schönste von ihnen: ״An den Vogel“ ist nicht von diesen Mängeln frei. Hier liegt eben die natürliche Schranke Bialiks. Es wiederholte sich hier das stets wiederkehrende, typische, tragische Schicksal Moses: er sieht vom Berge Ne ho noch das gelobte Land, darf es selbst aber nicht betreten. Das Geschlecht der Wüste darf nicht jenes der Erlösung sein. Der Dichter des (1 >lus kann nicht der Sänger des neuen Zion sein. Wir sind Vorbereiter, aber nicht Erfüllcr; Wegebahner, aber nicht Vollender; unser Los ist die Bahn, aber nicht das Ziel; wir sind die Meilensteine und Wegweiser für unsere Enkel; das ist die Größe und die Tragik unseres Schicksap. Solange aber dieses Schicksal noch das der Mehrheit unseres Volkes, solange der Golus noch unser (ieschick, sein wird — und er wird es für den größeren Teil noch für lange Zeit hinaus bleiben — so lange wird Bialik von •U unseren Dichtern unser wertvollster und gclichtester sein. Die außergewöhnliche Popularität und Anerkennung, deren er sich erfreut und schier vom ersten Teige seines Schaffens an erfreut hat, ist nicht zufällig oder in wahlloser Massengunst begründet, ist vielmehr nur das äußere Kenn- Zeichen seiner repräsentativen, zentralen Stellung als typischster und größter Dichter unserer Gegenwart. Wir haben in verschiedenen Hinsichten eigenartigere Dichter als ihn; Pcrcz war tiefer, Tschernichowsky ist harmonischer, Schneur individualitiitsstärkcr; trotzdem wird Bialik immer der unvergleichlich geliebtere und für uns wertvollere Dichter bleiben.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.